Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen „kleine Weltgeschichte der Philosophie“ von Hans Joachim Störig
Die Philosophie im 19. Und 20. Jahrhundert
Positivismus, Materialismus, Marxismus
I. Der Positivismus in Frankreich: August Comte, 1798-1857
1. Die geistige Lage
Zitat: «Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist in Frankreich ausgefüllt mit den Kämpfen um die Errungenschaften der Revolution. Das Jahr 1815 mit der endgültigen Niederlage Napoleons, die Revolutionsjahre 1830 und 1848, der Staatsstreich Louis Napoleons und seine Ausrufung zum Kaiser 1852 bezeichnen die wichtigsten Etappen. Auf der äussersten «Rechten» im politischen Ringen stehen dabei die Kräfte der Reaktion und Restauration. Sie streben, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und an die vorrevolutionäre Kirchen- und monarchistische Herrschaft anzuknüpfen. In der Mitte stehen die Kräfte des liberalen Bürgertums. Sie haben in ihrem Eintreten für die Erhaltung der revolutionären Errungenschaften, das heisst für die Erhaltung und Festigung der gesellschaftlichen Stellung des dritten Standes, nach zwei Seiten zu kämpfen. Nach rechts gegen die Reaktion, nach links aber gegen die unbefriedigten Massen des heraufkommenden vierten Standes, die im Zeitalter der Industrialisierung Westeuropas ihre sozialen Forderungen anzumelden beginnen.
Im philosophischen Denken finden wir diese drei Richtungen wieder.
2. Auguste Comte 1798-1857 - Leben und Werk
Auguste Comte entstammte einer streng katholischen Beamtenfamilie und war ein Schüler des Grafen St. Simon. Als Zwanzigjähriger veröffentlichte er
Bereits zwei Jahre später veröffentlichte er
3. Das Prinzip des Positivismus
Schon der von Comte eingeführte Name Positivismus enthält eine Absage an die Metaphysik. Das Grundprinzip des Positivismus ist, vom Gegebenen, Tatsächlichen, «Positiven» auszugehen und alle Erörterungen und Fragen, die darüber hinauszielen, als nutzlos abzutun. Was ist uns aber als «positive Tatsache» allein gegeben? Die Erscheinung! Der Positivismus beschränkt also die Philosophie und alle Wissenschaft auf das Reich der Erscheinungen. Alles, was wir tun können, ist die uns in der Form der Erscheinung gegebenen Tatsachen erstens als solche hinzunehmen, zweitens den Versuch zu machen, sie nach bestimmten Gesetzen zu ordnen, drittens, aus den erkannten Gesetzen die zukünftigen Erscheinungen vorauszusehen und uns danach einzurichten. Savoir pour prévoir! Wissen, um vorherzusehen! Das ist der Sinn aller Wissenschaft. (So auch Francis Bacon, den Comte als seinen grossen Vorgänger betrachtet). Es hat also keinen Zweck, nach dem «Wesen» einer Tatsache oder nach ihrer «wirklichen» Ursache zu fragen…. Was heisst denn «erklären»? fragt Comte. Was ist zum Beispiel die Schwerkraft? «So oft man auch hat bestimmen wollen, was diese Anziehung (im Weltall) und diese Schwere (der Körper auf der Erde) an sich selbst seien, so haben doch selbst die bedeutendsten Männer diese beiden Prinzipien immer nur erklären können, indem sie das eine aus dem andern erklärten; entweder sagten sie, die Anziehung sei nur eine allgemeine Schwere, oder: die Schwere sei nur die Anziehung der Erde. Alles, was wir erreichen können, sind solche Erwägungen… Niemand verlangt, noch weiterzugehen».
Das Wort «positiv» kann bei uns, und auch im Französischen, verschiedene Bedeutungen haben.
Alle drei Bedeutungen passen, worauf Comte selbst hingewiesen hat, auf den Positivismus. Er hält sich allein an das Wirkliche, das heisst die gegebenen Tatsachen. Er hält sich allein an das gesellschaftliche Nützliche. Und er hält sich allein an die sicher Bestimmbare, im Gegensatz zu den endlosen Streitigkeiten der früheren Metaphysik. Zitatende
4. Das Dreistadiengesetz
Nach Comte vollzieht sich die Entwicklung des menschlichen Denkens notwendigerweise in drei Stadien. Und dies in jedem einzelnen Menschen wie auch in der ganzen Menschheit. Das Gesetz lautet: Zitat: «Jeder Zweig unserer Erkenntnisse durchläuft der Reihe nach drei verschiedene Zustände (Stadien), nämlich den theologischen oder fiktiven Zustand, den metaphysischen oder abstrakten Zustand und den wissenschaftlichen oder positiven Zustand.
(1) Im theologischen Zustand richtet der menschliche Geist seine Untersuchungen auf die «innere Natur» der Dinge, auf die «ersten Ursachen» und letzten Ziele, mit einem Wort, man glaubt an die Möglichkeit absoluter Erkenntnis und sucht nach ihr oder glaubt sie zu besitzen. Die tatsächlichen Vorgänge erklärt man sich nicht nach den Gesetzen der Ähnlichkeit und Aufeinanderfolge. Der Mensch glaubt vielmehr nach Analogie seines eigenen Handelns, dass hinter jedem Vorgang ein besonderer lebendiger Wille stehe. Innerhalb der theologischen kann man wieder drei Stadien unterscheiden.
(2) Der metaphysische Zustand ist nur eine Abwandlung des theologischen. An die Stelle übernatürlicher Kräfte – Gottheiten – werden hier abstrakte Kräfte, Begriffe, Entitäten (Wesenheiten) gesetzt. Die dem Monotheismus entsprechende höchste Stufe ist hier erreicht, wenn alle einzelnen Wesenheiten zusammen gedacht werden in einer einzigen allgemeinen Wesenheit, die dann «Natur» genannt und als die Quelle aller einzelnen Erscheinungen angesehen wird.
(3) Im dritten, dem positiven Stadium erkennt der Mensch endlich, dass es fruchtlos ist, zu absoluter – sei es theologischer oder metaphysischer – Erkenntnis gelangen zu wollen. Er gibt es auf, Ursprung und Endzweck des Weltalls oder das hinter den Erscheinungen liegende wahre «Wesen» aller Dinge zu ermitteln. Stattdessen sucht er durch Beobachtung und den Gebrauch seiner Vernunft die Gesetze der Ähnlichkeit und Aufeinanderfolge in den gegebenen Tatsachen zu erkennen. «Erklären» heisst im positiven Stadium nur noch: die einzelnen Tatsachen in Beziehung setzen zu einer allgemeinen Tatsache. Das höchste – dem Monotheismus bzw. der Metaphysik der allumfassenden Natur Vergleichbare - Comte als Ideal vorschwebende Ziel der positiven Stufe wird erreicht sein, wenn alle einzelnen Erscheinungen einer einzigen allgemeinen Tatsache, zum Beispiel der Gravitation, untergeordnet werden können. (Man denkt an die Versuche der gegenwärtigen Physik, insbesondere Einsteins, eine einheitliche «Feldtheorie» zu schaffen). Zitatende
Dieses Dreistadiengesetz gilt nicht nur für die geistige Entwicklung der ganzen Menschheit und des einzelnen Menschen, sondern auch innerhalb jeder einzelnen Wissenschaft. Alle Wissenschaften waren ursprünglich von theologischen Begriffen beherrscht, dann von metaphysischer Spekulation und kommen nun in das Reifestadium des positiven Wissens.
Die Philosophie im 19. Und 20. Jahrhundert
Positivismus, Materialismus, Marxismus
I. Der Positivismus in Frankreich: August Comte, 1798-1857
1. Die geistige Lage
Zitat: «Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist in Frankreich ausgefüllt mit den Kämpfen um die Errungenschaften der Revolution. Das Jahr 1815 mit der endgültigen Niederlage Napoleons, die Revolutionsjahre 1830 und 1848, der Staatsstreich Louis Napoleons und seine Ausrufung zum Kaiser 1852 bezeichnen die wichtigsten Etappen. Auf der äussersten «Rechten» im politischen Ringen stehen dabei die Kräfte der Reaktion und Restauration. Sie streben, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und an die vorrevolutionäre Kirchen- und monarchistische Herrschaft anzuknüpfen. In der Mitte stehen die Kräfte des liberalen Bürgertums. Sie haben in ihrem Eintreten für die Erhaltung der revolutionären Errungenschaften, das heisst für die Erhaltung und Festigung der gesellschaftlichen Stellung des dritten Standes, nach zwei Seiten zu kämpfen. Nach rechts gegen die Reaktion, nach links aber gegen die unbefriedigten Massen des heraufkommenden vierten Standes, die im Zeitalter der Industrialisierung Westeuropas ihre sozialen Forderungen anzumelden beginnen.
Im philosophischen Denken finden wir diese drei Richtungen wieder.
- Der politischen Rechten entspricht im geistigen Leben die französische Romantik. Sie bildet, in höherem Mass als man das von der deutschen sagen kann, die geistige Entsprechung zur politischen Reaktion Ihr Hauptvertreter ist Joseph de Maistre (1753-1821). Er sieht in der Revolution eine verhängnisvolle Durchbrechung der geschichtlichen Kontinuität, einen zu bekämpfenden Abfall von der katholischen Tradition.
- Die Mitte repräsentiert im philosophischen Danken zunächst Maine de Biran (1766-1824).
- Die Forderungen der Linken treten zunächst in der Form des sogenannten utopischen Sozialismus auf, utopisch genannt im Gegensatz zum wissenschaftlichen Sozialismus, den Karl Marx begründete. Die hervorragendsten utopischen Sozialisten sind Claude Henri de St. Simon (1760-1825), Charles Fourier (1772-1837) und Pierre Joseph Proudhon (1809-1865).» Zitatende
2. Auguste Comte 1798-1857 - Leben und Werk
Auguste Comte entstammte einer streng katholischen Beamtenfamilie und war ein Schüler des Grafen St. Simon. Als Zwanzigjähriger veröffentlichte er
- Plan der notwendigen wissenschaftlichen Arbeit, um die Gesellschaft zu reorganisieren (1822)
Bereits zwei Jahre später veröffentlichte er
- System der positiven Philosophie (1824)
- Kurs der positiven Philosophie
- Abhandlung über die Soziologie, worin die Menschheitsreligion eingesetzt wird (1851-1854)
- Positivistischer Katechismus (1857)
3. Das Prinzip des Positivismus
Schon der von Comte eingeführte Name Positivismus enthält eine Absage an die Metaphysik. Das Grundprinzip des Positivismus ist, vom Gegebenen, Tatsächlichen, «Positiven» auszugehen und alle Erörterungen und Fragen, die darüber hinauszielen, als nutzlos abzutun. Was ist uns aber als «positive Tatsache» allein gegeben? Die Erscheinung! Der Positivismus beschränkt also die Philosophie und alle Wissenschaft auf das Reich der Erscheinungen. Alles, was wir tun können, ist die uns in der Form der Erscheinung gegebenen Tatsachen erstens als solche hinzunehmen, zweitens den Versuch zu machen, sie nach bestimmten Gesetzen zu ordnen, drittens, aus den erkannten Gesetzen die zukünftigen Erscheinungen vorauszusehen und uns danach einzurichten. Savoir pour prévoir! Wissen, um vorherzusehen! Das ist der Sinn aller Wissenschaft. (So auch Francis Bacon, den Comte als seinen grossen Vorgänger betrachtet). Es hat also keinen Zweck, nach dem «Wesen» einer Tatsache oder nach ihrer «wirklichen» Ursache zu fragen…. Was heisst denn «erklären»? fragt Comte. Was ist zum Beispiel die Schwerkraft? «So oft man auch hat bestimmen wollen, was diese Anziehung (im Weltall) und diese Schwere (der Körper auf der Erde) an sich selbst seien, so haben doch selbst die bedeutendsten Männer diese beiden Prinzipien immer nur erklären können, indem sie das eine aus dem andern erklärten; entweder sagten sie, die Anziehung sei nur eine allgemeine Schwere, oder: die Schwere sei nur die Anziehung der Erde. Alles, was wir erreichen können, sind solche Erwägungen… Niemand verlangt, noch weiterzugehen».
Das Wort «positiv» kann bei uns, und auch im Französischen, verschiedene Bedeutungen haben.
- Positiv nennen wir das Wirkliche im Gegensatz zum Negativen als Nichtwirklichem.
- Positiv nennen wir auch das Sinnvoll, Nützliche (zum Beispiel «positive Arbeit leisten») im Gegensatz zum Sinnlosen, Unnützen.
- Positiv nennen wir ferner auch das einwandfreie Bestimmbare, das Sichere (etwa «positives Recht», der Inbegriff der tatsächlich in diesem Land zu dieser Zeit gültigen Gesetze, im Gegensatz zum «natürlichen» Recht).
Alle drei Bedeutungen passen, worauf Comte selbst hingewiesen hat, auf den Positivismus. Er hält sich allein an das Wirkliche, das heisst die gegebenen Tatsachen. Er hält sich allein an das gesellschaftliche Nützliche. Und er hält sich allein an die sicher Bestimmbare, im Gegensatz zu den endlosen Streitigkeiten der früheren Metaphysik. Zitatende
4. Das Dreistadiengesetz
Nach Comte vollzieht sich die Entwicklung des menschlichen Denkens notwendigerweise in drei Stadien. Und dies in jedem einzelnen Menschen wie auch in der ganzen Menschheit. Das Gesetz lautet: Zitat: «Jeder Zweig unserer Erkenntnisse durchläuft der Reihe nach drei verschiedene Zustände (Stadien), nämlich den theologischen oder fiktiven Zustand, den metaphysischen oder abstrakten Zustand und den wissenschaftlichen oder positiven Zustand.
(1) Im theologischen Zustand richtet der menschliche Geist seine Untersuchungen auf die «innere Natur» der Dinge, auf die «ersten Ursachen» und letzten Ziele, mit einem Wort, man glaubt an die Möglichkeit absoluter Erkenntnis und sucht nach ihr oder glaubt sie zu besitzen. Die tatsächlichen Vorgänge erklärt man sich nicht nach den Gesetzen der Ähnlichkeit und Aufeinanderfolge. Der Mensch glaubt vielmehr nach Analogie seines eigenen Handelns, dass hinter jedem Vorgang ein besonderer lebendiger Wille stehe. Innerhalb der theologischen kann man wieder drei Stadien unterscheiden.
- Auf der primitivsten Stufe hält der Mensch die Einzelobjekte selbst für belebt oder beseelt (Animismus)
- Auf der nächsten Stufe führt er ganze Klassen von Dingen und Begebenheiten jeweils auf eine einzige hinter ihnen stehende übernatürliche Kraft zurück. Er gibt jedem Bereich der Erscheinungen seinen eigenen Gott – Gott des Meeres, des Feuers, der Winde, der Ernte usw. (Polytheismus).
- Auf der höchsten Stude des theologischen Stadiums setzt der Mensch die tätige Vorsehung eines einzigen höchsten Wesens an die Stelle der zahlreichen Einzelgottheiten und kommt so zum Monotheismus.
(2) Der metaphysische Zustand ist nur eine Abwandlung des theologischen. An die Stelle übernatürlicher Kräfte – Gottheiten – werden hier abstrakte Kräfte, Begriffe, Entitäten (Wesenheiten) gesetzt. Die dem Monotheismus entsprechende höchste Stufe ist hier erreicht, wenn alle einzelnen Wesenheiten zusammen gedacht werden in einer einzigen allgemeinen Wesenheit, die dann «Natur» genannt und als die Quelle aller einzelnen Erscheinungen angesehen wird.
(3) Im dritten, dem positiven Stadium erkennt der Mensch endlich, dass es fruchtlos ist, zu absoluter – sei es theologischer oder metaphysischer – Erkenntnis gelangen zu wollen. Er gibt es auf, Ursprung und Endzweck des Weltalls oder das hinter den Erscheinungen liegende wahre «Wesen» aller Dinge zu ermitteln. Stattdessen sucht er durch Beobachtung und den Gebrauch seiner Vernunft die Gesetze der Ähnlichkeit und Aufeinanderfolge in den gegebenen Tatsachen zu erkennen. «Erklären» heisst im positiven Stadium nur noch: die einzelnen Tatsachen in Beziehung setzen zu einer allgemeinen Tatsache. Das höchste – dem Monotheismus bzw. der Metaphysik der allumfassenden Natur Vergleichbare - Comte als Ideal vorschwebende Ziel der positiven Stufe wird erreicht sein, wenn alle einzelnen Erscheinungen einer einzigen allgemeinen Tatsache, zum Beispiel der Gravitation, untergeordnet werden können. (Man denkt an die Versuche der gegenwärtigen Physik, insbesondere Einsteins, eine einheitliche «Feldtheorie» zu schaffen). Zitatende
Dieses Dreistadiengesetz gilt nicht nur für die geistige Entwicklung der ganzen Menschheit und des einzelnen Menschen, sondern auch innerhalb jeder einzelnen Wissenschaft. Alle Wissenschaften waren ursprünglich von theologischen Begriffen beherrscht, dann von metaphysischer Spekulation und kommen nun in das Reifestadium des positiven Wissens.