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wirena

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Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen „kleine Weltgeschichte der Philosophie“ von Hans Joachim Störig



Die Philosophie im 19. Und 20. Jahrhundert
Positivismus, Materialismus, Marxismus


I. Der Positivismus in Frankreich: August Comte, 1798-1857


1. Die geistige Lage

Zitat: «Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist in Frankreich ausgefüllt mit den Kämpfen um die Errungenschaften der Revolution. Das Jahr 1815 mit der endgültigen Niederlage Napoleons, die Revolutionsjahre 1830 und 1848, der Staatsstreich Louis Napoleons und seine Ausrufung zum Kaiser 1852 bezeichnen die wichtigsten Etappen. Auf der äussersten «Rechten» im politischen Ringen stehen dabei die Kräfte der Reaktion und Restauration. Sie streben, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und an die vorrevolutionäre Kirchen- und monarchistische Herrschaft anzuknüpfen. In der Mitte stehen die Kräfte des liberalen Bürgertums. Sie haben in ihrem Eintreten für die Erhaltung der revolutionären Errungenschaften, das heisst für die Erhaltung und Festigung der gesellschaftlichen Stellung des dritten Standes, nach zwei Seiten zu kämpfen. Nach rechts gegen die Reaktion, nach links aber gegen die unbefriedigten Massen des heraufkommenden vierten Standes, die im Zeitalter der Industrialisierung Westeuropas ihre sozialen Forderungen anzumelden beginnen.

Im philosophischen Denken finden wir diese drei Richtungen wieder.
  • Der politischen Rechten entspricht im geistigen Leben die französische Romantik. Sie bildet, in höherem Mass als man das von der deutschen sagen kann, die geistige Entsprechung zur politischen Reaktion Ihr Hauptvertreter ist Joseph de Maistre (1753-1821). Er sieht in der Revolution eine verhängnisvolle Durchbrechung der geschichtlichen Kontinuität, einen zu bekämpfenden Abfall von der katholischen Tradition.

  • Die Mitte repräsentiert im philosophischen Danken zunächst Maine de Biran (1766-1824).

  • Die Forderungen der Linken treten zunächst in der Form des sogenannten utopischen Sozialismus auf, utopisch genannt im Gegensatz zum wissenschaftlichen Sozialismus, den Karl Marx begründete. Die hervorragendsten utopischen Sozialisten sind Claude Henri de St. Simon (1760-1825), Charles Fourier (1772-1837) und Pierre Joseph Proudhon (1809-1865).» Zitatende


2. Auguste Comte 1798-1857 - Leben und Werk
Auguste Comte entstammte einer streng katholischen Beamtenfamilie
und war ein Schüler des Grafen St. Simon. Als Zwanzigjähriger veröffentlichte er

  • Plan der notwendigen wissenschaftlichen Arbeit, um die Gesellschaft zu reorganisieren (1822)

Bereits zwei Jahre später veröffentlichte er
  • System der positiven Philosophie (1824)
Anschliessend erkrankte er geistig und brachte ihn an den Rand von Selbstmordgedanken. Er wurde hospitalisiert und nach seiner Genesung begann er private Vorlesungen über sein System zu halten und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Lehrer am Pariser Polytechnikum. Diese Anstellung verlor er aber bald wieder. Bis zu seinem Tod lebte er in ärmlichen Verhältnissen. August Comte erteilte mathematische Privatstunden und ihn verehrende Freunde und Anhänger, unter ihnen John Stuart Mill unterstützen ihn zusätzlich. Zitat: «Unter diesen schwierigen Bedingungen schuf Comte in den Jahren 1830 bis 1842 sein systematisches Hauptwerk
  • Kurs der positiven Philosophie
in sechs Bänden. Aus der neuerlichen geistigen Krise nach Abschluss dieser Arbeit rettete ihn die Bekanntschaft mit einer Frau, Clotilde v. Vaux. Sie wurde ihm kurz darauf wieder durch den Tod entrissen. Aber die enge Gemeinschaft mit ihr gab Comtes Denken für die Dauer eine andere Richtung. Der überzeugte Rationalist entdeckte die Macht des Herzens, des Gefühls. Der Niederschlag der veränderten Einstellung Comtes ist enthalten in seinen späteren Schriften. Unter anderen:
  • Abhandlung über die Soziologie, worin die Menschheitsreligion eingesetzt wird (1851-1854)
  • Positivistischer Katechismus (1857)

3. Das Prinzip des Positivismus
Schon der von Comte eingeführte Name Positivismus enthält eine Absage an die Metaphysik. Das Grundprinzip des Positivismus ist, vom Gegebenen, Tatsächlichen, «Positiven» auszugehen und alle Erörterungen und Fragen, die darüber hinauszielen, als nutzlos abzutun. Was ist uns aber als «positive Tatsache» allein gegeben? Die Erscheinung! Der Positivismus beschränkt also die Philosophie und alle Wissenschaft auf das Reich der Erscheinungen. Alles, was wir tun können, ist die uns in der Form der Erscheinung gegebenen Tatsachen erstens als solche hinzunehmen, zweitens den Versuch zu machen, sie nach bestimmten Gesetzen zu ordnen, drittens, aus den erkannten Gesetzen die zukünftigen Erscheinungen vorauszusehen und uns danach einzurichten. Savoir pour prévoir! Wissen, um vorherzusehen! Das ist der Sinn aller Wissenschaft. (So auch Francis Bacon, den Comte als seinen grossen Vorgänger betrachtet). Es hat also keinen Zweck, nach dem «Wesen» einer Tatsache oder nach ihrer «wirklichen» Ursache zu fragen…. Was heisst denn «erklären»? fragt Comte. Was ist zum Beispiel die Schwerkraft? «So oft man auch hat bestimmen wollen, was diese Anziehung (im Weltall) und diese Schwere (der Körper auf der Erde) an sich selbst seien, so haben doch selbst die bedeutendsten Männer diese beiden Prinzipien immer nur erklären können, indem sie das eine aus dem andern erklärten; entweder sagten sie, die Anziehung sei nur eine allgemeine Schwere, oder: die Schwere sei nur die Anziehung der Erde. Alles, was wir erreichen können, sind solche Erwägungen… Niemand verlangt, noch weiterzugehen».

Das Wort «positiv» kann bei uns, und auch im Französischen, verschiedene Bedeutungen haben.
  • Positiv nennen wir das Wirkliche im Gegensatz zum Negativen als Nichtwirklichem.
  • Positiv nennen wir auch das Sinnvoll, Nützliche (zum Beispiel «positive Arbeit leisten») im Gegensatz zum Sinnlosen, Unnützen.
  • Positiv nennen wir ferner auch das einwandfreie Bestimmbare, das Sichere (etwa «positives Recht», der Inbegriff der tatsächlich in diesem Land zu dieser Zeit gültigen Gesetze, im Gegensatz zum «natürlichen» Recht).

Alle drei Bedeutungen passen, worauf Comte selbst hingewiesen hat, auf den Positivismus. Er hält sich allein an das Wirkliche, das heisst die gegebenen Tatsachen. Er hält sich allein an das gesellschaftliche Nützliche. Und er hält sich allein an die sicher Bestimmbare, im Gegensatz zu den endlosen Streitigkeiten der früheren Metaphysik. Zitatende


4. Das Dreistadiengesetz
Nach Comte vollzieht sich die Entwicklung des menschlichen Denkens notwendigerweise in drei Stadien. Und dies in jedem einzelnen Menschen wie auch in der ganzen Menschheit. Das Gesetz lautet: Zitat: «Jeder Zweig unserer Erkenntnisse durchläuft der Reihe nach drei verschiedene Zustände (Stadien), nämlich den theologischen oder fiktiven Zustand, den metaphysischen oder abstrakten Zustand und den wissenschaftlichen oder positiven Zustand
.

(1) Im theologischen Zustand richtet der menschliche Geist seine Untersuchungen auf die «innere Natur» der Dinge, auf die «ersten Ursachen» und letzten Ziele, mit einem Wort, man glaubt an die Möglichkeit absoluter Erkenntnis und sucht nach ihr oder glaubt sie zu besitzen. Die tatsächlichen Vorgänge erklärt man sich nicht nach den Gesetzen der Ähnlichkeit und Aufeinanderfolge. Der Mensch glaubt vielmehr nach Analogie seines eigenen Handelns, dass hinter jedem Vorgang ein besonderer lebendiger Wille stehe. Innerhalb der theologischen kann man wieder drei Stadien unterscheiden.
  • Auf der primitivsten Stufe hält der Mensch die Einzelobjekte selbst für belebt oder beseelt (Animismus)
  • Auf der nächsten Stufe führt er ganze Klassen von Dingen und Begebenheiten jeweils auf eine einzige hinter ihnen stehende übernatürliche Kraft zurück. Er gibt jedem Bereich der Erscheinungen seinen eigenen Gott – Gott des Meeres, des Feuers, der Winde, der Ernte usw. (Polytheismus).
  • Auf der höchsten Stude des theologischen Stadiums setzt der Mensch die tätige Vorsehung eines einzigen höchsten Wesens an die Stelle der zahlreichen Einzelgottheiten und kommt so zum Monotheismus.

(2) Der metaphysische Zustand ist nur eine Abwandlung des theologischen. An die Stelle übernatürlicher Kräfte – Gottheiten – werden hier abstrakte Kräfte, Begriffe, Entitäten (Wesenheiten) gesetzt. Die dem Monotheismus entsprechende höchste Stufe ist hier erreicht, wenn alle einzelnen Wesenheiten zusammen gedacht werden in einer einzigen allgemeinen Wesenheit, die dann «Natur» genannt und als die Quelle aller einzelnen Erscheinungen angesehen wird.


(3) Im dritten, dem positiven Stadium erkennt der Mensch endlich, dass es fruchtlos ist, zu absoluter – sei es theologischer oder metaphysischer – Erkenntnis gelangen zu wollen.
Er gibt es auf, Ursprung und Endzweck des Weltalls oder das hinter den Erscheinungen liegende wahre «Wesen» aller Dinge zu ermitteln. Stattdessen sucht er durch Beobachtung und den Gebrauch seiner Vernunft die Gesetze der Ähnlichkeit und Aufeinanderfolge in den gegebenen Tatsachen zu erkennen. «Erklären» heisst im positiven Stadium nur noch: die einzelnen Tatsachen in Beziehung setzen zu einer allgemeinen Tatsache. Das höchste – dem Monotheismus bzw. der Metaphysik der allumfassenden Natur Vergleichbare - Comte als Ideal vorschwebende Ziel der positiven Stufe wird erreicht sein, wenn alle einzelnen Erscheinungen einer einzigen allgemeinen Tatsache, zum Beispiel der Gravitation, untergeordnet werden können. (Man denkt an die Versuche der gegenwärtigen Physik, insbesondere Einsteins, eine einheitliche «Feldtheorie» zu schaffen). Zitatende

Dieses Dreistadiengesetz gilt nicht nur für die geistige Entwicklung der ganzen Menschheit und des einzelnen Menschen, sondern auch innerhalb jeder einzelnen Wissenschaft. Alle Wissenschaften waren ursprünglich von theologischen Begriffen beherrscht, dann von metaphysischer Spekulation und kommen nun in das Reifestadium des positiven Wissens.
 

wirena

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Die Philosophie im 19. Und 20. Jahrhundert
Positivismus, Materialismus, Marxismus



I. Der Positivismus in Frankreich: August Comte, 1798-1857

5. Der Stufenbau der Wissenschaften
a) Aufgabe und Nutzen der Philosophie
…. Zitat: «Die einzelnen Wissenschaften haben sich im Lauf ihrer zunehmenden Ausbildung immer mehr spezialisiert. Die Notwendigkeit und der Nutzen solcher Arbeitsteilung ergeben sich insbesondere dann, wenn die Wissenschaften in das positive Stadium der reinen Tatsachenwissenschaft treten. Im theologischen und metaphysischen Stadium waren noch gewisse allgemeine, den Einzelwissenschaften übergeordnete Prinzipien vorhanden (freilich unbegründet). Im positiven Stadium können sich leicht die verderblichen Wirkungen einer übertriebenen Spezialisierung bemerkbar machen: Zersplitterung unserer Erkenntnis, Fehlen eines einheitlichen Gesamtsystems. Der Weg, diesem Übel entgegen zu steuern, ist nicht das Rückgängigmachen der Arbeitsteilung – welche vielmehr für den Fortschritt der Erkenntnis unentbehrlich ist -, sondern eine Vervollkommnung der Arbeitsteilung, indem man nämlich das Studium der allgemeinen Sätze ebenfalls wieder zu einem besonderen Wissensgebiet macht. Der Einbau jeder neuen Entdeckung auf einem Spezialgebiet in eine allgemeine Theorie ist also Aufgabe der (positiven) Philosophie. Eine solche positive Philosophie ist auch das einzige Mittel, die logischen Gesetze unseres Denkens klarzustellen. Sie wird weiter die Grundlage für eine Umgestaltung des gesamten Erziehungswesens bieten. Denn Grundlage der allgemeinen Erziehung kann niemals das Spezialstudium einzelner Wissenschaften sein, sondern nur eine Lehre, die die allgemeine Grundlage aller Einzelwissenschaften darlegt. Aus solcher Zusammenfassung unseres Wissens werden drittens die Einzelwissenschaften wieder neue Förderung erfahren. Fragestellungen, die durch die Fachleute mehrerer Einzeldisziplinen bearbeitet werden müssen, können hier ihre Stätte finden. Endlich kann nur eine solche positive Philosophie die geistige Anarchie verschiedener Meinungen beseitigen und eine feste Grundlage für die vernünftige Umgestaltung der Gesellschaft ohne revolutionäre Erschütterungen bieten….

b) Die Einteilung der Wissenschaften. Eine sinnvolle Einteilung der Wissenschaften kann man nur vornehmen nach der natürlichen Gliederung der Tatsachen und Erscheinungsgebiete, die die Wissenschaftenbehandeln. Alle Vorgänge lassen sich aber unter eine ziemlich kleine Zahl von Hauptbegriffen bringen, und zwar so, dass das Studium, jeder Klasse die Grundlage bietet für das Studium der nächsten.
Die Reihenfolge der Klassen bestimmt sich nach dem Grad der Einfachheit oder Allgemeinheit, denn die allgemeinsten Vorgänge sind, eben weil sie von den Besonderheiten des Einzelfalles am weitgehendsten befreit sind, auch die einfachsten. Allerdings sind trotzdem für das normale unwissenschaftliche Denken, das immer mit der konkreten Einzelerscheinung zu tun hat, die allgemeinsten Vorgänge die fremdesten. Alle Vorgänge lassen sich zunächst einteilen in solche bei den unorganischen und solche bei den organischen Körpern. Es ist klar, dass man die organischen erst studieren kann, wenn man die unorganischen erkannt hat; denn in den Lebewesen zeigen sich alle mechanischen und chemischen Vorgänge der unorganischen Welt, und dazu noch etwas anderes. Die Lehre vom Unorganischen zerfällt wieder in zwei Abschnitte: Die Betrachtung der allgemeinen Vorgänge im Weltall obliegt der Astronomie. Die unorganischen Vorgänge auf der Erde betrachten Physik und Chemie. Dabei muss die Kenntnis der Physik vorausgehen, weil die chemischen Vorgänge verwickelter sind und auch von den physikalischen abhängen, was umgekehrt nicht der Fall ist.

Im Reich der organischen Vorgänge ist auch eine natürliche Zweiteilung gegeben. Es gibt Vorgänge, die sich im einzelnen Individuum abspielen, und solche, die sich in der Gattung abspielen. Die letzteren sind die komplizierteren. Die Behandlung des einzelnen Lebewesens muss daher vorausgehen. Sie ist Aufgabe der Biologie. Die Behandlung der Vorgänge im gesellschaftlichen Leben der Gattung ist Aufgabe der Soziologie – welche Wissenschaft von Comte an dieser Stelle begründet wird. Auch das Wort Soziologie ist von ihm gebildet, etwas unglücklich aus einem lateinischen (societas) und einem griechischen (logos) Bestandteil. Die Soziologie ist die Krönung des wissenschaftlichen Baues. Sie kann sich erst entwickeln, wenn die Ausbildung der ihr voranstehenden Wissenschaften das entsprechende Reifestadium erreicht hat. Betrachten wir das bisher Gesagte, so vermissen wir noch zwei Wissenschaften: Mathematik und Psychologie. Welche Stellung haben sie? Die Mathematik muss mit Descartes und Newton als die Grundlage der ganzen Philosophie angesehen werden. Die Mathematik mit ihren beiden Teilen, der abstrakten Mathematik oder Analysis und der konkreten Mathematik mit Geometrie und Mechanik als Zweigen, gehört an den Anfang des ganzen Baues. Ihre Sätze sind die allgemeinsten, einfachsten, abstraktesten und von allen anderen unabhängigsten. – Dagegen hat die Psychologie in Comtes Einteilung keine Stätte. Comte beweist nämlich auf einfache Weise, dass es eine Wissenschaft der Psychologie gar nicht geben kann. Denn infolge eines unüberwindlichen Schicksals kann der menschliche Geist zwar alle anderen Vorgänge beobachten, aber nicht sich selbst. Vielleicht noch eher bei seinen Leidenschaften, weil diese in anderen Organen ihren Sitz haben als das Denken; beim Denken selbst aber müsste das beobachtende Organ identisch sein mit dem beobachteten – wie sollte da eine Beobachtung möglich sein? Will man also die Formen und Methoden unseres Denkens kennenlernen, so muss man sie beim praktischen Gebrauch studieren, bei ihrer Anwendung in den einzelnen Wissenschaften.

Nach Comte besteht also folgende Reihe der Wissenschaften: Mathematik, Astronomie, Physik, Chemie, Biologie, Soziologie.


6. Gesellschaft, Staat, Ethik

In allen Wissenschaften bis auf die letzte kann Comte sich auf die hervorragenden Fortschritte stützen, die sie seit ihrem Eintritt in das positive Studium gemacht haben. Eine Soziologie muss er erst schaffen. Auf ihr liegt daher das Schwergewicht seiner Einzelerörterungen. Sie nimmt den vierten bis sechsten Band seines Hauptwerkes ein. In einem einzigen grossen Wurf hat Comte hier das System einer Wissenschaft entworfen, die durch ihn und nach ihm zu gewaltiger Bedeutung kam. Das meiste von dem, was später an Ideen, Prinzipien, Methoden in ihr ausgebildet wurde, ist in Comptes Werk im Keim enthalten. Comte teilt sie ein in eine soziale Statik oder Theorie von der natürlichen Ordnung der Gemeinschaft und eine soziale Dynamik oder Lehre vom Fortschritt…. Comtes Gesellschaftslehre ist zugleich Geschichtsphilosophie…. Nicht nur die staatliche, rechtliche, gesellschaftliche Entwicklung, sondern auch – darin übrigens über Hegel hinausgehend – die Entwicklung der Kunst, der Religion, der Wissenschaft und Philosophie bezieht Comte in seine Geschichtsphilosophie ein. Überall trifft er wieder auf das Dreistadiengesetz. Jedem Stadium des Denkens entspricht eine bestimmte Form der Gesellschaft.

- Dem theologischen Zustand entspricht im Sozialen der Glaube an ein göttliches Recht,
- Der Föderalismus ist die Herrschaftsform dieser Epoche.
- Die metaphysische Epoche ist das Zeitalter des Zerfalls der religiösen Überzeugungen, im gesellschaftlichen Bereich ein Zeitalter revolutionärer Umwälzung, eingeleitet durch die Französische Revolution, die den Sieg des metaphysischen über das theologische Prinzip bezeichnet.
- Das positive Stadium ist berufen, an die Stelle revolutionären Zerfalls eine neue feste Ordnung zu setzen. An Stelle des Glaubens an übernatürliche Wesen oder an abstrakte metaphysische Prinzipien wird die nüchterne wissenschaftliche Einsicht der Fachleute und Spezialisten zum bestimmenden Element im gesellschaftlichen Leben werden. Ein Rat der positiven Philosophen und Soziologen wird die oberste Instanz im geistigen Leben sein und die Erziehung in Händen haben. Die eigentliche praktische Regierung wird allerdings nicht diesen obliegen, sondern einem Gremium von Wirtschaftsfachleuten: Bankiers, Kaufleuten, Fabrikaten und Landwirten. Denn dem Feudalismus der theologischen Epoche entspricht als Gesellschaftsform der positiven Epoche die industrielle Organisation der Arbeit, Wissenschaft und Wirtschaft werden die bestimmenden Mächte in der Gesellschaft der Zukunft sein…

Die von der positiven Philosophie erstrebte vernünftige Gesellschaftsordnung kann nur verwirklicht werden, wenn diese Erkenntnis allgemein wird, wenn die Menschen die Hingabe an das Ganze, den Altruismus (welchen Ausdruck Comte als Gegensatz zum Egoismus geprägt hat), zum Prinzip des Handelns machen. Nicht aber einem einzelnen Staat oder einer Gruppe sollen sie sich hingeben, sondern der ganzen Menschheit, dem «grossen Wesen» (Grand Etre), das Comte zum Objekt einer geradezu religiösen Verehrung erheben will. Ein Kultus der Menschheit, in seinen äusseren Formen mit festem Ritual, Priestern, Heiligen, Festen usw., dem religiösen Kultus zum Verwechseln ähnlich – sozusagen «reiner Katholizismus, nur ohne Christentum», wie ein Kritiker bemerkt hat – soll die äussere Form dieser neuen Menschheitsreligion sein. Ihr Grundsatz lautet: «Liebe als Prinzip, Ordnung als Grundlage, Fortschritt als Ziel». Comtes Einfluss liegt naturgemäss in erster Linie in der von ihm begründeten Soziologie, ferner in der französischen Geschichtsschreibung. In der Philosophie selbst war er bedeutend in England.» Zitatende
 
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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert

Positivismus, Materialismus, Marxismus


II. Der englische Positivismus

1. Die geistige Lage
Comtes positive Philosophie fand in England einen grösseren Widerhall als in seinem eigenen Vaterland.
Zitat: «Francis Bacons Eintreten für die Erfahrung als Grundlage und die Naturbeherrschung als Ziel allen Wissens, der Empirismus Lockes, die skeptische, dem Praktischen dem Vorrang einräumende Lehre David Humes, die im englischen Volkscharakter liegende Abneigung gegen metaphysische Spekulation, der nüchterne Tatsachensinn des Britten – das alles zusammen hatte ein geistiges Klima geschaffen, das für die Aufnahme der Philosophie Comtes besonders geeignet war. In der politischen Entwicklung war England, das seine bürgerliche Revolution schon lange hinter sich hatte, trotz seiner Beteiligung an den Napoleonischen Kriegen von den revolutionären Erschütterungen auf dem Kontinent nicht so tief berührt worden wie Frankreich. Es setzte daher in England keine so scharfe Reaktion gegen Aufklärung und Revolutionsideen ein wie in Frankreich und Deutschland, sondern mit einer gewissen Stetigkeit wurde das Denken des 18. Jahrhunderts im 19. Jahrhundert fortgeführt. Da es keine so heftige Reaktion und keine Heilige Allianz gab und England, am Kontinent gemessen, eine verhältnismässige liberale Verfassung hatte, wurden auch die Kräfte der aufsteigenden Linken und der Arbeiterschaft – obwohl England im Prozess der Industrialisierung führend war und die damit zunächst verbundenen sozialen Missstände und Gegensätze sich hier zuerst mit ganzer Schärfe herausbildeten – in geringerem Masse als auf dem Kontinent auf die Bahn des revolutionären Aufstandes gegen alles Bestehende gedrängt. Dem entspricht es, dass im sozialpolitischen Denken – davon zunächst allerdings abgesehen, dass Marx seine entscheidenden ökonomischen Studien am englischen Wirtschaftssystem machte – weniger die Revolution gepredigt, sondern versucht wird, die Ideen des sozialen Fortschritts mit den alten liberalen Prinzipien der individuellen Freiheit zu vereinigenwas den englischen Sozialismus bis heute kennzeichnet. Die Gedanken Comtes fielen in England auch deshalb auf fruchtbaren Boden, weil schon vor ihm in Bentham ein Denker aufgetreten war, dessen Gedanken denen Comtes in gewissem Sinne entgegenkamen und sich bei den grossen englischen Positivisten des 19. Jahrhunderts, Mill und Spencer, mit ihnen verbanden: Zitatende. Sir William Hamilton (1788-1856), Thomas Hill Green (1836-1882) und Henry Sidgwick (1835-1900) verkörperten die Gegenströmung.


2. Bentham und Mill
Die Lehre von Jeremy Bentham (1748-1832) ist reine Nützlichkeitsphilosophie (Utilitarismus) und zwar ein sozialer Utilitarismus. Das grösstmögliche Glück für die grösstmögliche Zahl von Menschen nennt Bentham selbst das Ziel.
Dieses ist zu erreichen, wenn der Einzelne, der nach seinem eigenen Glück strebt, einsieht, dass dies am besten gelingt, wenn er sein eigenes Streben dem allgemeinen Ziel anpasst. Zitat: «Die Gedanken Benthams, Comtes und die Tradition des englischen Empirismus treffen zusammen in John Stuart Mill (1806-1873). Der junge Mill begann mit drei Jahren Griechisch und Latein zu studieren, mit zehn Jahren die Differentialrechnung, mit zwölf Jahren schreib er sein erstes Buch, mit siebzehn Jahren gründete er eine «utilitarische Gesellschaft», kurz darauf begann er seine glänzende journalistische Tätigkeit. Als er allerdings zwanzig Jahre alt war, führte die Überspannung seiner geistigen Kräfte zu einer schweren gesundheitlichen Krisis. Mill überwand sie, und bald war sein Geist wieder aufnahmebereit für neue Anregungen, darunter das Studium der Comteschen Philosophie, über die er auch ein Buch schrieb. Mill blieb sein Leben lang von wirtschaftlichen Sorgen verschont. Anderen, wie Comte und seinem Zeitgenossen Spencer, half er grosszügig. In späteren Jahren bekleidete er politische Ämter und war auch Mitglied des Parlaments. Mills philosophisches Hauptwerk ist das

- System der deduktiven und induktiven Logik (1843)

Mill versucht vor allem, dem Positivismus ein festes psychologisches, logisches und erkenntnistheoretisches Fundament zu geben
. Die Psychologie ist Grundwissenschaft und auch Grundlage der Philosophie. Sie hat die Tatsachen des Bewusstseins zu erforschen, und das sind die uns gegebenen Empfindungen und deren Verbindungen. Aufgabe der Logik ist es, die zufälligen Vorstellungsverbindungen von den bleibenden, gesetzmässigen zu unterscheiden. Da die Erfahrung die einzige Quelle der Erkenntnis ist, ist die Induktion das einzig zulässige Erkenntnisverfahren. Mill hat die besondere Logik des induktiven Verfahrens scharfsinnig entwickelt. Bei Mill findet sich die Scheidung der Naturwissenschaften von den Geisteswissenschaften, deren richtige Ausführung und Begründung im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts die Geister der Erkenntnistheoretiker, besonders in Deutschland, wie keine andere Frage beschäftigen sollte. Mill zählt als Geisteswissenschaften auch die Psychologie, die «Ethologie» (Sittenlehre) und die Soziologie. Die Geschichtswissenschaft rechnet er zu den Naturwissenschaften, das heisst, er will sie zu der Exaktheit einer solchen erheben. In der Ethik sucht Mill nach einem Ausgleich zwischen Individuum und Gemeinschaft auf der Basis des Benthamschen Utilitarismus. Er geht auch dabei von psychologischen Erwägungen aus. Lustgewinn ist das Ziel menschlichen Strebens. Die Gegenstände, die uns Lustgewinn vermitteln, nennen wir «wertvoll». Genaugenommen ist das, was wir erstreben, nicht der Gegenstand selbst, sondern die durch ihn vermittelte Lust. Da aber bestimmte Gegenstände solche Lustwirkungen im Allgemeinen zu haben pflegen, erscheint uns durch Assoziation (Gedankenverbindung) schliesslich der Gegenstand selbst wertvoll, der Wert eine Eigenschaft des Gegenstandes. «Wert» ist also nichts anderes als allgemeine Geeignetheit zur Herbeiführung von Lust. Das bedeutet, dass unsere Urteile über Werte, und damit auch über moralische Handlungen, strenggenommen keinem allgemeinen Massstab unterliegen, sondern sich in allmählicher Entwicklung auf der Grundlage der Erfahrung herausgebildet haben.

Mill ist auch als Nationalökonom und Soziologe bedeutend. Seine wichtigsten Schriften auf diesem Gebiet sind

- Prinzipien der politischen Ökonomie (1848)
- Über die Freiheit (1857)

Mill neigt darin einem die individuelle Freiheit wahrenden Sozialismus zu
». Zitatende
 

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert

Positivismus, Materialismus, Marxismus

II. Der englische Positivismus

3. Herbert Spencer, 1820-1903 – Leben und Werke

Herbert Spencer wurde in Derby geboren, war Junggeselle und einer der einflussreichsten englischen Philosophen des 19. Jahrhunderts. Er war Uhrenkonstrukteur, Inspektor, Ingenieur beim Bau von Eisenbahnen und Brücken und entwarf zahllose Erfindungen. Er hatte eine einzigartige Beobachtungsgabe und mit 30 Jahren wandte er sich der Philosophie zu. Zitat: « In seinen Essays über

- Die Theorie der Bevölkerung und «
- Die Entwicklungshypothese

formulierte Spencer – mehrere Jahre bevor Darwin an die Öffentlichkeit trat
! – den Entwicklungsgedanken und prägte die später durch den Darwinismus berühmt gewordenen Wendungen vom « Kampf ums Dasein» und vom Überleben der Tüchtigsten». In seinen

- Prinzipien der Psychologie (1855, ebenfalls noch bevor Darwin 1858 seine Ergebnisse vor der Linné-Gesellschaft erstmalig darlegte)

wandte Spencer das Entwicklungsprinzip schon auf die Entwicklung des Geistes an. Es folgte eine Abhandlung über den

- Fortschritt, sein Gesetz und seine Ursachen

die den Entwicklungsgedanken auch zum allgemeinen Prinzip des geschichtlichen Werdens erhob.» Zitatende


1858, die Gedanken Darwins waren Herbert Spencer nun bekannt, entschloss er sich eine Serie von Werken zu schreiben, in denen der Entwicklungsgedanke nicht nur auf die Biologie, sondern auch auf Astronomie, Geologie, soziale und politische Geschichte, Moral und Ästhetik angewandt und die Entwicklung des Weltganzen vom anfänglichen Chaos bis zu Höhe menschlicher Kultur dargestellt werden sollte. Zitat: «Nachdem er sich durch eine kleine Erbschaft und durch Vorausbestellungen zahlreicher Freunde und Anhänger für das zu schaffende Werk finanziell gesichert glaubte, machte er sich an die Arbeit. Die ersten Bände erregten aber einen derartigen Sturm des Widerstandes, dass viele Subskribenten abfielen und Spencers finanzielle Mittel und auch sein Mut sich schliesslich erschöpften. Ein grossherziges Hilfsanerbieten John Stuart Mills wies Spencer zunächst zurück. Schliesslich nahm er aber die Hilfe amerikanischer Freunde an, ging von neuem an die Arbeit und setzte sie fort, bis sein Hauptwerk, das

- System der synthetischen Philosophie, in zehn Bänden (1862-1896) vollendet war

Bald stellte sich der Erfolg ein. Die Bücher wurden gekauft, in andere Sprachen übersetzt, begannen sogar finanzielle Erträge abzuwerfen. Spencer erlebte den Höhepunkt seines Ruhms und auch noch dessen Niedergang. Er starb 1903.

Spencers Charakter spricht deutlich aus seinem Werk. Zitat: «Von poetischem Hauch oder von dem berühmten englischen Humor ist bei ihn nicht das geringste zu spüren. Er schloss sich von allem Umgang bis auf wenige Freunde ab. Wenn Besucher kamen, die er nicht abweisen konnte, verstopfte er sich vorher die Ohren und hörte ihnen dann gelassen zu. Sein einzigartiger Sinn für Tatsachen verband sich mit einer gewissen Prinzipienstarre; sein Geist nahm vorwiegend die Tatsachen auf, die seine Theorie stützten. Wissenschaftliche Werke anderer Autoren las er nicht. Auf politischem Gebiet war Spencer ein typisch englischer «Nonconformist», das heisst ein Mann, der sich keiner Partei und keiner allgemeinen Richtung anschloss und der durch höchst bestimmtes Aussprechen seiner Ansichten alle Parteien zugleich vor den Kopf stiess. Was Spencers Werke dank seinem Werdegang als philosophischer Selfmademan, im Äusseren vor allem auszeichnet, ist seine ungewöhnliche Fähigkeit, verwickelte Zusammenhänge mit ausserordentlicher Klarheit und durchsichtiger Gliederung vorzutragen. Darauf beruht zum Teil sein grosser Einfluss; zum anderen darauf, dass Spencer eine Zeitlang wie kein anderer der Philosophen des «Zeitgeistes» war. Er fasste sein Zeitalter zusammen, wie kein anderer Mensch seit Dante sein Zeitalter zusammengefasst hatte.


- Das Gesetz der Entwicklung. Spencer Erörterung der allgemeinen Grundlagen seines Systems, enthalten im ersten Bande der synthetischen Philosophie, gibt zunächst eine neuerliche Begründung des philosophischen Positivismus in ähnlicher Art, wie wir sie schon bei Comte angetroffen haben. Spencer zeigt auf, dass religiöse und metaphysische Welterklärung in gleicher Weise zu unauflöslichen Widersprüchen führen. Wie ist die Welt entstanden? Die Antwort des Atheisten, die Welt bestehe ursachlos und ohne Anfang, ist für unsere Vernunft ebenso unmöglich zu denken wie der Hinweis des Gläubigen auf die göttliche Schöpfung, welcher die Schwierigkeit bloss um eine Stufe zurückschiebt. Was ist «Materie»? Ist sie beliebig ins Unendliche teilbar oder nicht? Was wissen wir überhaupt vom wahren «Wesen» eines Gegenstandes? Unser Denken hat sich eben nur im Umgang mit den uns allein gegebenen Erscheinungen entwickelt; es ist nicht tauglich, uns darüber hinaus auf Letztes und Absolutes zu führen. Lassen wir also das Unerkennbare beiseite liegen und wenden wir uns dem zu, was uns möglich ist: die uns gegebenen Erscheinungen zu ordnen. Diese Vereinheitlichung in Vollkommenheit zu leisten, ist Aufgabe der Philosophie. Mag dies eine einleuchtende Begründung des Positivismus sein… so erregte schon das Erscheine des ersten Bandes einen Entrüstungssturm. Um die Vereinheitlichung zu leisten, bedarf die Philosophie eines einheitlichen Prinzips. Die allgemeinen Sätze der Physik, wie die Erhaltung der Energie in allen ihren Umwandlungen, die Stetigkeit der Bewegung, die Unveränderlichkeit in den Beziehungen, das heisst die Konstanz der Naturgesetze, der Rhythmus der Bewegung, den wir von den kleinsten bis zu den grössten Vorgängen in der Natur wiederfinden – dies alles lässt sich zurückführen auf das allgemeine Prinzip der Erhaltung der Kraft. Das ist aber ein statisches Prinzip. Es erklärt nicht den ewigen Wechsel von Werden und Vergehen in der Natur. Das dynamische Prinzip der Wirklichkeit ist das Gesetz der Entwicklung, welches in Spencers Formulierung lautet: «Die Entwicklung ist eine Integration der Materie, die von einem Aufwand an Bewegung begleitet wird; während ihres Verlaufs geht die Materie aus unbestimmter, zusammenhangloser Homogenität in bestimmte, zusammenhangsvolle Hetereogenität über, und die aufgewendete Bewegung erleidet eine gleichlaufende Umformung.» …. Neben diesem Prozess der Integration gibt es auch den gegenläufigen Prozess, der von der Integration zur Auflösung, vom Zusammengesetzten zum Einfach zurückführt. Am Ende steht unausweichlich ein Gleichgewichtszustand. Doch wird infolge der Unbeständigkeit des Homogenen alsbald ein neuer Zyklus der Entwicklung beginnen…» Zitatende. Spencer wendet sein Prinzip auf die einzelnen Lebens- und Wissensgebiete in der von ihm aufgestellten Reihenfolge an: Biologie, Psychologie, Soziologie, Ethik. Die Psychologie hat Spencer gross und bedeutsam angelegt. Sie ist jedoch im Einzelnen ein sehr anfechtbarer Versuch, auch das menschliche Denken unter dem genetischen, entwicklungsmässigen Gesichtspunkt zu untersuchen –


- Die menschliche Gesellschaft. Zitat: «Nachdem Spencer auch für die Gesellschaft, die er einem Organismus vergleicht, das Wirken des allgemeinen Entwicklungsprinzips aufgewiesen hat, wendet er sich dem geistigen Bereich, insbesondere der Religion zu. Er zeigt, wie auch hier aus primitivem Geisterglauben nach dem Gesetz der Integration die religiösen Vorstellungen allmählich zu einem einheitlichen und zentralen Gottesbegriff zusammenwachsen. Die Religion bildet allerdings nur so lange den Mittelpunkt im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft, wie die äusseren Bedingungen des Daseins in Unsicherheit und ständiger Bedrohung bleiben. Die primitive Gesellschaft ist ihrem Wesen nach kriegerisch, militaristisch. Solange die Menschen darauf ausgehen, von Raub und Eroberung anstatt von geregelter Arbeit zu leben, ist das öffentliche Leben vom militärischen Element beherrscht. Straffe, absolute Herrschaft des Staates, scharfe Klassenunterschiede, patriarchalische Gewalt des Familienoberhauptes und untergeordnete Stellung der Frau sind die Formen der militaristischen Gesellschaft. Die entscheidende Veränderung in der gesellschaftlichen Entwicklung ist nicht der an der Oberfläche bleibende Wechsel der verschiedenen Staatsformen Monarchie, Aristokratie, Demokratie, sondern die allmähliche Ersetzung der auf Gewalt und Krieg gerichteten primitiven durch eine friedliche und industrielle Gesellschaftsform. Der Staatsabsolutismus und die Vorherrschaft des Militärs verschwinden, die sozialen Schranken lockern sich, individuelle Freiheit und Demokratie treten ihre Herrschaft an. Die Frau wird emanzipiert. Mit dem Übergang zur industriellen Gesellschaft wendet sich das menschliche Interesse von der Religion weg dem Diesseits zu. In dieser Entwicklung marschiert nach Spencer England unter allen Staaten an der Spitze. Frankreich und Deutschland sind noch im Militarismus und Absolutismus befangen. So verwenden sie den grössten Teil ihrer öffentlichen Mittel auf die Rüstung anstatt auf Förderung der Industrie und des Handels.

Der Sozialismus gehört nach Spencer in den Bereich der alten absolutistischen Gesellschaftsform. Spencer weist auf Bismarcks staatsozialistische Neigungen hin. In einem sozialen Wohlfahrtsstaat sieht Spencer zwei grosse Gefahren:

- Erstens würde eine Zuteilung der auf den Einzelnen entfallenden Anteile am gemeinsamen Arbeitsertrag durch den Staat nach Massgabe des Bedürfnisses anstatt nach Fähigkeit und Leistung den natürlichen Wettbewerb, die Bedingung jeder Weiterentwicklung, stören und zu einem Verfall der Gesellschaft innerhalb weniger Generationen führen.

- Zweitens: Würde der Staat den Versuch machen, den höchst verwickelten Organismus der Wirtschaft – der unter der automatischen Selbstregulierung durch Angebot und Nachfrage zwar nicht ideal funktioniert, aber doch wenigstens funktioniert – in allen Einzelheiten selbst zu regeln, so würde das zu einer lähmenden totalen Bürokratie führen. Eine trostlose Erstarrung würde eintreten, eine Gesellschaft von Ameisen und Bienen entstehen.

Unter dem Staatssozialismus, so sagt Spencer warnend, «würden die Führer, die ihre persönlichen Interessen verfolgten…, nicht auf den vereinigten Widerstand aller Arbeiter stossen, und ihre Macht würde, uneingeschränkt durch die heutige Einstellung, nicht anders als unter vereinbarten Bedingungen zu arbeiten, anwachsen, sich verzweigen und befestigen, bis sie unwiderstehlich geworden wäre….Wenden wir uns von der Leitung der Arbeiterschaft durch die Bürokratie dieser Bürokratie selbst zu und fragen, wie sie geleitet werde, so gibt es keine befriedigende Antwort… Unter solchen Umständen würde eine neue Aristokratie entstehen, für deren Erhaltung die Massen arbeiten müssten und die nach ihrer Festigung eine viel grössere Macht ausüben würde als irgendeine vergangene Aristokratie.» …Da Spencer solcher Art aus Angst um die individuelle Freiheit, die ihm über alles geht, den Sozialismus zurückweist,…sucht er die richtige Synthese zwischen den Belangen der Freiheit und der Notwendigkeit planvoller gesellschaftlicher Organisation in einem freiwilligen Zusammenschluss auf genossenschaftlicher Basis. So könnte auf der Grundlage der Mitbestimmung aller der Übergang von der zwangsweisen Zusammenarbeit zu einem Zustand erfolgen, in dem der Einzelne nicht mehr für den Staat, sondern der Staat für die Einzelnen da wäre, und in dem die Menschen nicht mehr leben würden, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu leben.

In seinen ethischen Untersuchungen verwendet Spencer einen breiten Raum für den Nachweis, dass die Moralbegriffe wandelbar sind, dass sie bei den verschiedenen Völkern und zu verschiedenen
Zeiten ganz verschieden waren… Spencer wachte mit nie erlahmendem Eifer über seine Freiheitsrechte; er empfand jedes neue staatliche Gesetz als einen empörenden Angriff auf seine Freiheit. Er misstraute der staatlichen Einrichtungen so sehr, dass er nicht einmal seine Manuskripte der staatlichen Post anvertrauen wollte, sondern sie stets selbst zum Drucker schaffte. Mit dieser Betonung der individuellen Freiheit stimmt es zusammen, dass Spencer in ethischer Hinsicht dem «sacro egoismo» des Einzelnen durchaus sein Recht lassen will. In dem Streben des Einzelnen nach persönlichem Glück – innerhalb der durch die gesellschaftlichen Erfordernisse, das heisst durch das gleiche Recht aller anderen gezogenen Grenzen – liegt die oberste Bedingung auch für das Glück der Allgemeinheit.» Zitatende


- Zur Kritik. Zwei Gesichtspunkte, stehen bei einer kritischen Gesamtwürdigung Spencers im Vordergrund. Zitat:

«Der eine Gesichtspunkt ist erkenntniskritischer Natur. Spencer bekämpft den Dogmatismus der religiösen und metaphysischen Weltansicht. Seine eigene Philosophie jedoch hat auch ein Dogmatismus und im Grunde nicht weniger unkritisch als jene
. Es ist bemerkenswert, dass Spencer die einmal vorgenommene Lektüre Kants bereits an dem Punkt aufgab, wo Kant die Apriorität von Zeit und Raum lehrt, das heisst also ganz am Anfang der Kritik der reinen Vernunft. Was erkennbar ist und was nicht, das muss man freilich wissen, wenn man ein philosophisches System bauen will; aber dies lässt sich nicht auf so einfache Weise dekretieren, wie Spencer es tut. Spencer beherzigte vor allem wenig, was sein von ihm hochverehrter Landsmann Francis Bacon vom Philosophen gefordert hatte: nämlich auf alle jene Tatsachen ein besonderes Augenmerk zu haben, die gegen die eigene Theorie sprechen könnten. Spencer besass einen bemerkenswerten Blick für Tatsachen. Aber er ordnete sie, anstatt sie zunächst für sich selbst sprechen zu lassen, alsbald seinem Schema der Entwicklung so gut es ging ein.

Das zweite Argument betrifft Spencers Gesellschaftslehre, insbesondere seine Bewertung des gegenwärtigen Gesellschaftszustandes. Alle Schwächen, die sich hier im Einzelnen auffinden lassen, haben im Grunde eine gemeinsame Wurzel. Spencer lebte und schrieb in einer Zeit, da Englands politische Lage dank seiner Isolierung in Europa verhältnismässig stabil war. Das führte ihn zu dem Glauben an den friedlichen Charakter der industriellen Gesellschaft. Er lebte ferner in einem England, dem seine wirtschaftliche Vormachtstellung und seine im «militaristischen» Zeitalter erworbenen überseeischen Besitzungen eine liberale Wirtschaftspolitik ermöglichten. Das führte ihn zu dem Glauben, jeder staatliche Eingriff in den gesellschaftlichen Organismus sei wertlos und verwerflich. Beide Voraussetzungen änderten sich schnell. Beide zusammen aber führten Spencer zu seinem optimistischen Glauben an den friedlichen Fortschritt im Industriezeitalter. Die beiden Weltkriege haben inzwischen gelehrt, dass auch industrielle Staaten militaristisch sein können.

Vor allem aber besass Spencer kein Organ um zu erkennen, dass die sozialen Gegensätze in der industriellen Gesellschaft um keinen Grad weniger schroff waren, dass die Ausbeutung der unteren Schichten in der freiheitlichen Wirtschaft Englands um keinen Grad geringer war als unter einem feudalistischen System.» Zitatende
 

wirena

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert

Positivismus, Materialismus, Marxismus


III. Der Zerfall der Hegelschen Schule und das Aufkommen des Materialismus in Deutschland

1. Die geistige Lage

Die dialektische Geschichtsphilosophie Hegels ist konservativ und revolutionär. Für Hegel selbst, war seine eigene Zeit und seine eigene Philosophie ein Schlusspunkt. Das war ein Ausdruck des Stillstands oder Rückschritts, der in Deutschlands gesellschaftlicher Entwicklung seit dem Abschluss der Napoleonischen Kriege eigetreten war. In eben dem Masse aber, in dem die nur vorübergehend überdeckten und niedergehaltenen sozialen und politischen Konflikte neu ausbrachen, mussten auch im philosophischen Denken die scheinbar erreichte endgültige Einheit in neue Gegensätze auseinandertreten. Hinzu kam, dass die schnellen Fortschritte der Einzelwissenschaften, sowohl auf naturwissenschaftlichem Gebiet, welches Hegel ohnehin nur ungenügend beherrscht hatte, wie auch in den Geisteswissenschaften eine Revision gewisser Hegelscher Verallgemeinerungen erforderten. Schliesslich traten die Einzelwissenschaften in ausgesprochene Opposition gegen die Bevormundung nicht nur durch die Hegelsche, sondern die Philosophie überhaupt. Die Opposition gegen Hegel ging auf der einen Seite – man könnte dies als «Rechtsopposition» bezeichnen – von der sogenannten historischen Schule und der Romantik aus. Die historische Schule, vertreten unter anderen durch den Juristen Friedrick Karl Savigny und den Historiker Franz Leopold Ranke, protestierten dagegen, dass bei Hegel alles Geschichtliche – Gesellschaft, Recht, Staat – immer nur als ein Durchgangspunkt eines dialektischen Weltprozesses erschien. Ranke sage, dass «jede Epoche in der Geschichte gleich unmittelbar zu Gott sei.» Das berührte sich mit der romantischen Anschauung, nach der jedes Volk und jede Epoche nur gleichsam eine andere Seite Gottes darstellte…. Innerhalb Hegels eigener Schule bildete sich ein rechter Flügel, die konservativen Althegelianer. Sie verteidigten das Recht des historisch Gewordenen auf politischem und vor allem auch auf religiösem Gebiet. Die Opposition gegen Hegel kam andererseits von der «linken» Seite. Sie hatte zunächst zwei Ausgangspunkte. Der eine war die exakte Naturwissenschaft. Die gewaltigen Erfolge der positiven Naturforschung – es seien nur für viele andere die Namen Robert Mayer und Helmholtz genannt – brachten eine wachsende Hochschätzung der reinen Tatsachenforschung und eine entsprechende Geringschätzung der philosophischen und religiösen Spekulation mit sich. Positivismus und Materialismus, verbunden mit Skeptizismus gegen die Religion oder mit ausgesprochener Religionsfeindlichkeit, erhoben ihr Haupt. – Der zweite Ausgangspunkt war die schon bezeichnete geschichtliche und gesellschaftliche Lage. Beide Momente flossen schliesslich zusammen. Der Materialismus wurde die Philosophie der Linken. – Innerhalb der Hegelschen Schule bildete sich ein linker Flügel, der sich schnell von Hegel nach der einen Seite ebenso weit entfernte wie der rechte nach der anderen, sich aber von diesem doch grundlegend dadurch unterschied, dass die Linke das fruchtbare dialektische Prinzip beibehielt – was nicht zu verwundern ist, da die Linke die vorwärtstreibenden geschichtlichen Kräfte verkörperte.


2. David Friedrich Strauss und Ludwig Feuerbach
Zunächst kam der Konflikt um die Religion zum offenen Ausbruch durch das Werk zweier Männer: David Friedrich Strauss und Ludwig Feuerbach
. Beide Männer hatten das gleiche Schicksal, dass ihnen die akademische Laufbahn wegen ihrer Ansichten verschlossen wurde. Beide lebten zurückgezogen in kümmerlichen Verhältnissen als unabhängige Schriftsteller. Beide gingen von Hegel aus. Während aber Strauss sein Leben lang nicht ganz mit Hegel brach, in seinen politischen Ansichten sogar eher der Hegelschen Rechten zugezählt werden kann, vollzog Feuerbach bald den radikalen Bruch mit Hegel. Die Werke beider entfesselten in Deutschland einen Sturm der Auseinandersetzung…. Bei beiden ging es um den bürgerlich-aufklärerischen Geist gegen die religiöse Tradition, wie dies in Frankreich schon fast ein Jahrhundert früher, zur Zeit Voltaires, zu beobachten war. Der Unterschied liegt nur darin, dass in Deutschland, wo das Bürgertum erst jetzt auf seine verspätete und auch nicht ganz geglückte Revolution von 1848 hinsteuerte, der Konflikt um so viel später zum Ausbruch kam; und zweiten darin, dass die Waffen, die jetzt gegen die Religion ins Feld geführt werden, sowohl die der philosophischen und philologischen Kritik wie die der Naturwissenschaft, inzwischen durch das Fortschreiten der wissenschaftlichen Erkenntnis geschärft waren.

David Friedrich Strauss (1808-1874) war Theologe. Die erste aufsehenerregende Schrift von ihm war

- Das Leben Jesu (1835)

Hier wird der Kirchenglaube hauptsächlich mit den Argumenten der historischen Kritik angegriffen. Die Evangelien haben keine geschichtliche Wirklichkeit. Sie sind Mythen, Dichtungen, denen keine unmittelbare, sondern nur eine symbolische Wahrheit zukommt.
Sein zweites Werk

- Die christliche Glaubenslehre in ihrer Entwicklung und im Kampf mit der modernen Wissenschaft (1840)

richtet die gleiche Kritik gegen die einzelnen christlichen Dogmen. In seinem dritten Werk

- Der alte und der neue Glaube (1872)

vertritt Strauss einen ausgesprochenen Pantheismus
. Die Frage «Sind wir noch Christen?» beantwortet er mit einem entschiedenen Nein; die Frage «Haben wir noch Religion?» dagegen mit Ja. Es ist aber eine optimistische Diesseitsreligion des Fortschritt- und Kulturglaubens. An die Stelle Gottes tritt das All, das Universum. Ihm stehen wir mit liebendem Vertrauen und jenem demütigen Gefühl unbedingter Abhängigkeit gegenüber, das man als «Religion» bezeichnen kann.


Ludwig Feuerbach (1804-1872) verwandt mit dem Juristen und mit dem Maler gleichen Namens, unternimmt die Kritik der Religion in erster Linie mit psychologischen Mitteln. Seine Hauptschriften sind

- Das Wesen des Christentums (1841)
- Vorlesungen über das Wesen der Religion (1848)
- Theogonie (Entstehung der Götter, 1857)

Feuerbach unternimmt es, die Entstehung der Religion aus dem Wesen des Menschen, aus seinem Egoismus nämlich, seinem Glückseligkeitstrieb, zu erklären
. «Der Mensch glaubt an Götter nicht nur, weil er Phantasie und Gefühlt hat, sondern auch, weil er den Trieb hat, glücklich zu sein….Was er selbst nicht ist, aber zu sein wünscht, das stellt er sich in seinen Göttern als seiend vor; die Götter sind die als wirklich gedachten, die in wirkliche Wesen verwandelten Wünsche des Menschen – Hätte der Mensch keine Wünsche, so hätte er trotz Phantasie und Gefühl keine Religion, keine Götter. Und so verschieden die Wünsche, so verschieden sind die Götter, und die Wünsche so verschieden, wie es die Menschen selbst sind.» Da die Natur der Erfüllung menschlicher Wünsche viele Hindernisse in den Weg legt, so schmeichelt es der menschlichen Selbstliebe, über der blinden Notwendigkeit der Natur ein den Menschen ähnliches, die Menschen liebendes Wesen zu denken, das den Menschen schützt und seine Wünsche erfüllen kann. «Wie gemütlich ist es daher, unter dem Obdach des himmlischen Schutzes einherzuwandeln, wie gemütlos und trostlos, sich unmittelbar, wie der Ungläubige, den impertinenten Meteorsteinen, Hagelschlägen, Regengüssen und Sonnenstichen der Natur auszusetzen.»…Der Mensch muss erwachen und beginnen, das, was er durch die Religion nur in der Phantasie erlangt, durch sein Handeln in Wirklichkeit zu gewinnen: ein schönes, glückliches, von den Rohheiten und blinden Zufälligkeiten der Natur freies Dasein. Das Mittel dazu ist die Bändigung der Natur durch Bildung und Kultur. An der Revolution von 1848 beteiligte sich Feuerbach nicht, weil er sie von Anbeginn an als ein Kopf- und erfolgloses Unternehmen ansah. Er fühlte sich als Mitstreiter in einer Revolution, deren Wirkung sich erst nach Jahrhunderten entfalten sollte. «Es handelt sich nicht mehr um das Sein oder Nichtsein Gottes, sondern um Sein oder Nichtsein von Menschen; nicht darum, ob Gott mit uns eines oder anderen Wesen ist – sondern darum, ob wir Menschen einander gleich oder ungleich sind; nicht darum, wie der Mensch vor Gott – sondern wie er vor Menschen Gerechtigkeit findet; nicht darum, ob und wie wir im Brote den Leib des Herrn geniessen – sondern darum, dass wir Brot für unseren eigenen Leib haben; nicht darum, dass wir Gott geben, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaiser ist – sondern darum, dass wir endlich dem Menschen geben, was des Menschen ist….» Zitatende
 

wirena

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert

Positivismus, Materialismus, Marxismus



IV Karl Marx, 1818-1883

1. Leben und Schriften

Karl Marx wurde 1818 als Sohn eines Rechtanwalts in Trier geboren. Er studierte in Bonn und Berlin Rechtswissenschaft und begeisterte sich gleichzeitig für die Hegelsche Philosophie. Seine Doktordissertation (Jena 1840/41) behandelte die nacharistotelische Philosophie und damit zugleich ein aktuelles Thema, denn die Lage der deutschen Philosophie nach dem Tode ihres unbestrittenen Meisters Hegel war ähnlich wie die der griechischen nach dem Tod des Aristoteles. Zitat: «Die akademische Laufbahn, die er anstrebte, schien ihm auf Grund seiner schon damals recht weit linkshegelianischen Einstellung verschlossen. Nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. in Preussen (1840), herrschte im Kulturministerium ein reaktionärer und dem Hegelianismus unfreundlicher Kurs. Marx wurde Journalist, Zuerst Mitarbeiter, dann 1842 Chefredakteur der in Köln erscheinenden linksbürgerlich-demokratischen «Rheinischen Zeitung». Laufende Verbote der Zeitung durch die Zensur zwangen Marx zur Aufgabe dieses Postens. Er entschloss sich zur Emigration. Vorher hatte er sich mit seiner Jugendfreundin Jenny von Westphalen vermählt, der Tochter einer adligen preussischen Beamtenfamilie, deren Bruder später preussischer Innenminister wurde.

Marx lebte zunächst in Paris, wo er die «Deutsch-Französischen Jahrbücher» herausgab
. Im ersten und einzigen Heft erschien unter anderem die Arbeit von Marx

- Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie

In Paris kam es zur näheren Bekanntschaft mit Friedrich Engels, die zu einer lebenslangen Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft wurde
. Friedrich Engels (1820-1895), Sohn eines Barmer Textilfabrikanten, wie Marx zunächst Junghegelianer, wurde sein engster Mitarbeiter. Nur dank Engels Unterstützung konnte Marx in den Jahrzehnten seiner späteren Emigration seine wissenschaftlichen Arbeiten fortführen. Aus Paris auf Betreiben der preussischen Regierung ausgewiesen, begab sich Marx nach Brüssel. Hier entstand in Zusammenarbeit mit Engels die

- Deutsche Ideologie (1845)


Die Schrift enthält unter anderem in ihrem ersten Teil Thesen über die Lehre Feuerbachs, dessen Kritik der Religion sich Marx und Engels weitgehend zu eigen machten; im dritten Teil eine Auseinandersetzung mit der Lehre des Deutschen Max Stirner (1806-1856). In seinem Buch «Der Einzige und sein Eigentum» hatte Stirner einen extremen Individualismus vertreten. In Brüssel entstand ferner Marx Auseinandersetzung mit dem französischen utopischen Sozialisten Pierre-Joseph Proudhon. Marx gab ihr in ironischer Umkehrung des Proudhonschen Buchtitels «Die Philosophie des Elends» die Überschrift

- Das Elend der Philosophie (1847)

Vor allem aber beteiligten sich Marx und Engels hier stärker als bisher an der internationalen Politik. Sie schlossen sich dem «Bund der Kommunisten» an. In seinem Auftrag verfassten sie das

- Kommunistische Manifest (1848)

Es ist zu einer Art Testament des marxistischen Sozialismus geworden. Die deutsche Revolution von 1848 veranlasste Marx und Engels zur Übersiedlung nach Köln. Ein Jahr lang gaben sie hier die «Neue Rheinische Zeitung» heraus
. Nach dem Zusammenbruch der Revolution wurde Marx vor Gericht gestellt, freigesprochen, aber erneut ausgewiesen. Er ging nach Paris zurück und nach weiterer Ausweisung nach London. Dort lebte er bis zu seinem Tode.

Journalistische Arbeit und praktische Politik hatten Marx an die unmittelbare gesellschaftliche Wirklichkeit herangeführt. Er begann nun gründlich Nationalökonomie zu studieren. Als erste grössere Frucht dieser Studien erschien die

- Kritik der politischen Ökonomie (1859)

Ihre Gedanken sind aber im Wesentlichen eingegangen in den ersten Band von Marx eigentlichem Hauptwerk

- Das Kapital 1867


Nur diesen ersten erschienenen Band hat Marx vollendet. Inzwischen war 1865 die sogenannte Erste Internationale gegründet worden. Marx war ihr geistiges Oberhaupt. Die Organisationsarbeiten und die sich allmählich fühlbar machende Überbeanspruchung seiner Gesundheit hinderten ihn, die beiden anderen Bände selbst zu vollenden. Marx starb 1883 in London. Der zweite und dritte Band des «Kapitals» wurden durch Engels 1885 und 1894 herausgegeben.


2. Hegel und Marx
a) Der dialektische Materialismus.
Den Grundzug des Marxschen Verhältnisses zu Hegel kann man sehr einfach so bezeichnen: Marx behält die Hegelsche Dialektik als Methode bei; aber er erfüllt sie mit einem dem Hegelschen genau entgegengesetzten Inhalt, er dreht sie um 180 Grad herum, wodurch sie, nach Marx Ansicht, erst vom Kopf auf die Füsse zu stehen kommt. Was heisst das? Marx sieht in der Dialektik das revolutionäre Prinzip. Ihr Grundgedanke ist, dass die Welt nicht ein Komplex von fertigen Dingen, sondern von Prozessen ist. Es besteht nichts Endgültiges und Absolutes. Es gibt nur den ununterbrochenen Prozess des Werdens und Vergehens. Marx grösster Schüler Lenin gibt folgende Umschreibung der dialektischen Entwicklungslehre: «Eine Entwicklung, die die bereits durchlaufenen Stadien gleichsam noch einmal durchmacht, aber anders, auf höherer Stufe (Negation der Negation), eine Entwicklung, die nicht gradlinig, sondern sozusagen in der Spirale vor sich geht; eine sprunghafte, mit Katastrophen verbundene revolutionäre Entwicklung; (Unterbrechungen der Allmählichkeit); Umschlagen der Quantität in Qualität; innere Entwicklungsantriebe, ausgelöst durch den Widerspruch, durch den Zusammenprall der verschiedenen Kräfte und Tendenzen, die auf einen gegebenen Körper oder innerhalb der Grenzen einer gegebenen Erscheinung oder innerhalb einer gegebenen Gesellschaft wirksam sind; gegenseitige Abhängigkeit und engster, unzertrennlicher Zusammenhang aller Seiten jeder Erscheinung (wobei die Geschichte immer neue Seiten erschliesst), ein Zusammenhang, der einen einheitlichen, gesetzesmässigen Weltprozess der Bewegung ergibt – dies sind einige Züge der Dialektik…» Diese dialektische Entwicklung ist das, was Marx von Hegel übernimmt. Er füllt sie nun nicht wie Hegel mit einer idealistischen, sondern mit einer materialistischen Grundansicht der Welt. Wir haben gesehen, wie bei Fichte alles, was wir «Welt» nennen, nur als ein im denkenden Subjekt erzeugtes «Nicht-Ich» erschien, wie bei Hegel alles, was wir «Natur» nennen, nur als die Idee im Zustand ihres «Andersseins» erschien. Für Hegel war also die Idee das eigentlich und allein Existierende, die Materie nur eine Erscheinungsform der Idee. Die Grundfrage aller neueren Philosophie, an der sich die Geister scheiden, sieht Marx gerade in dem hier vorliegenden Problem des Verhältnisses von Denken und Sein. Was ist das Ursprüngliche? Ist die Materie ein Produkt des Geistes /Idealismus) oder der Geist ein Produkt der Materie (Materialismus)? Marx legt seine Stellungnahme mit folgenden Worten fest: «Für Hegel ist der Denkprozess, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg (Schöpfer, Erzeuger) des Wirklichen… Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts anderes als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.» Marx schliesst sich also in dieser Frage durchaus Feuerbach (und den französischen Materialisten des 18. Jahrhunderts) an. Was er an ihnen aussetzt und worin er über sie hinausgeht, ist zweierlei:

1. Der alte Materialismus war undialektisch, statisch, und damit unhistorisch. Er hatte nicht das dynamische Prinzip der Dialektik, das Marx nun mit ihm verbindet, und konnte darum den Phänomenen der Entwicklung nicht gerecht werden.

2. Der alte Materialismus war zu abstrakt. Er sah das menschliche Wesen losgelöst von den gesellschaftlichen Verhältnissen, deren Produkt es ist, während es nach Marx gerade darauf ankommt den dialektischen Materialismus auf das gesellschaftliche Leben anzuwenden, und zwar nicht nur theoretisch, um es zu erkennen oder zu «interpretieren», sondern praktisch, um es zu verändern!

b) Selbstentfremdung und Selbstverwirklichung: Nicht als abstraktes Wesen, sondern konkret soll der Mensch betrachtet werden. Konkret, das heisst: der Mensch in seiner gesellschaftlichen Umwelt, und das heisst vor allem: der Mensch als arbeitendes Lebewesen. Der Mensch ist «das Tier, das sich selbst produziert». Das hatte eigentlich auch schon Hegel gesehen. Marx erkennt ausdrücklich an, dass Hegel die Arbeit als das Wesen des Menschen fasst. Aber Hegel, auf Grund seiner idealistischen Einstellung, der alles nur als Selbstbewegung der Idee erschien, fasste auch die Arbeit nur als abstrakte Gedankenarbeit, anstatt im sinnlich gegenständlichen Sinne. Die Arbeit in diesem Sinne ist aber gerade das, was den Menschen (nicht den Geist) sich selber «entfremdet». In der Arbeit schafft der Mensch ein Äusseres, vergegenständlicht er sein eigenes Wesen. Dieses Äussere tritt ihm nun nicht nur als ein selbständiges gegenüber, sondern, gleichsam nach dem Gesetz der Überwucherung des Mittels über den Zweck, es beginnt ihn zu beherrschen und an der Verwirklichung seiner wahren Bestimmung zu hindern. Diese Bestimmung heisst Freiheit. Vor allem kommt dies an der Erscheinung des Staates zum Vorschein, der der Gesellschaft jetzt als Selbstzweck gegenübertritt. Das steht im Widerspruch zur wahren Idee eines menschlichen Gemeinwesens, in welchem der Staat nicht als ein Fremdes, als Bürokratie, dem Menschen gegenübersteht, sondern bei dem Mensch-Sein und Bürger-Sein eins sind. Das nennt Marx die «wahre Demokratie». Dieser Gedankengang liegt nun dem ganzen späteren Werk von Marx zugrunde, welches sich in folgenden drei dialektischen Stufen entfaltet:

1. Erkenntnis der wahren Idee des menschlichen Gemeinwesens; Erkenntnis aller bisherigen Geschichte als einer Geschichte der (fortschreitenden Selbstentfremdung des Menschen.

2. Kritik, Messen der gesellschaftlichen Wirklichkeit am Ideal des Gemeinwesens und an der wahren Bestimmung des Menschen. Aufgabe der Kritik ist es dabei, die in der Wirklichkeit vorhandenen Widersprüche aufzuweisen und so die auf Überwindung dieser Widersprüche hintreibende Entwicklung zu fördern.

3. Handeln: Idee und Wirklichkeit müssen versöhnt werden. Die Idee muss in die Wirklichkeit überführt werden. Das nennt Marx die «Aufhebung der Philosophie durch ihre Verwirklichung». Das heisst: Für Hegel kehrte die Idee aus ihrer Entäusserung in sich selbst zurück. Es blieb aber eine nun gleichsam von der Idee verlassene Wirklichkeit zurück. Die Aufhebung der Selbstentfremdung muss aber nicht in der «Idee», sondern in der Wirklichkeit erfolgen. Erfolgt sie, so würde Philosophie als von der Wirklichkeit getrennte Lehre aufhören, überflüssig werden. So würde die Philosophie durch ihre Verwirklichung aufgehoben und in ihrer Aufhebung verwirklicht.

Gegenüberstellung Marx-Hegel:

1. Marx sieht wie Hegel in der gesamten Weltgeschichte einen von einheitlichem Gesetz beherrschten und auf ein Endziel hinstrebenden Prozess.

2. In diesem Prozess ist für Marx wie für Hegel das jeweils tatsächlich Gewordene auch «vernünftig» in dem Sinne, dass es das notwendige – freilich alsbald zu überwindende – Durchgangsstadium des Gesamtprozesses darstellt.

3. Hinter der realistischen und materialistischen Erkenntnis der Wirklichkeit steht bei Marx – wie zwei sozialistische Marxforscher formuliert haben – «ein idealer Glaube an die wirkliche und vollständige Vereinigung von Idee und Wirklichkeit, von Vernunft und Wirklichkeit». Zitatende
 



 
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