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wirena

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Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen „kleine Weltgeschichte der Philosophie“ von Hans Joachim Störig



Die Philosophie im 19. Und 20. Jahrhundert
Positivismus, Materialismus, Marxismus


I. Der Positivismus in Frankreich: August Comte, 1798-1857


1. Die geistige Lage

Zitat: «Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist in Frankreich ausgefüllt mit den Kämpfen um die Errungenschaften der Revolution. Das Jahr 1815 mit der endgültigen Niederlage Napoleons, die Revolutionsjahre 1830 und 1848, der Staatsstreich Louis Napoleons und seine Ausrufung zum Kaiser 1852 bezeichnen die wichtigsten Etappen. Auf der äussersten «Rechten» im politischen Ringen stehen dabei die Kräfte der Reaktion und Restauration. Sie streben, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und an die vorrevolutionäre Kirchen- und monarchistische Herrschaft anzuknüpfen. In der Mitte stehen die Kräfte des liberalen Bürgertums. Sie haben in ihrem Eintreten für die Erhaltung der revolutionären Errungenschaften, das heisst für die Erhaltung und Festigung der gesellschaftlichen Stellung des dritten Standes, nach zwei Seiten zu kämpfen. Nach rechts gegen die Reaktion, nach links aber gegen die unbefriedigten Massen des heraufkommenden vierten Standes, die im Zeitalter der Industrialisierung Westeuropas ihre sozialen Forderungen anzumelden beginnen.

Im philosophischen Denken finden wir diese drei Richtungen wieder.
  • Der politischen Rechten entspricht im geistigen Leben die französische Romantik. Sie bildet, in höherem Mass als man das von der deutschen sagen kann, die geistige Entsprechung zur politischen Reaktion Ihr Hauptvertreter ist Joseph de Maistre (1753-1821). Er sieht in der Revolution eine verhängnisvolle Durchbrechung der geschichtlichen Kontinuität, einen zu bekämpfenden Abfall von der katholischen Tradition.

  • Die Mitte repräsentiert im philosophischen Danken zunächst Maine de Biran (1766-1824).

  • Die Forderungen der Linken treten zunächst in der Form des sogenannten utopischen Sozialismus auf, utopisch genannt im Gegensatz zum wissenschaftlichen Sozialismus, den Karl Marx begründete. Die hervorragendsten utopischen Sozialisten sind Claude Henri de St. Simon (1760-1825), Charles Fourier (1772-1837) und Pierre Joseph Proudhon (1809-1865).» Zitatende


2. Auguste Comte 1798-1857 - Leben und Werk
Auguste Comte entstammte einer streng katholischen Beamtenfamilie
und war ein Schüler des Grafen St. Simon. Als Zwanzigjähriger veröffentlichte er

  • Plan der notwendigen wissenschaftlichen Arbeit, um die Gesellschaft zu reorganisieren (1822)

Bereits zwei Jahre später veröffentlichte er
  • System der positiven Philosophie (1824)
Anschliessend erkrankte er geistig und brachte ihn an den Rand von Selbstmordgedanken. Er wurde hospitalisiert und nach seiner Genesung begann er private Vorlesungen über sein System zu halten und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Lehrer am Pariser Polytechnikum. Diese Anstellung verlor er aber bald wieder. Bis zu seinem Tod lebte er in ärmlichen Verhältnissen. August Comte erteilte mathematische Privatstunden und ihn verehrende Freunde und Anhänger, unter ihnen John Stuart Mill unterstützen ihn zusätzlich. Zitat: «Unter diesen schwierigen Bedingungen schuf Comte in den Jahren 1830 bis 1842 sein systematisches Hauptwerk
  • Kurs der positiven Philosophie
in sechs Bänden. Aus der neuerlichen geistigen Krise nach Abschluss dieser Arbeit rettete ihn die Bekanntschaft mit einer Frau, Clotilde v. Vaux. Sie wurde ihm kurz darauf wieder durch den Tod entrissen. Aber die enge Gemeinschaft mit ihr gab Comtes Denken für die Dauer eine andere Richtung. Der überzeugte Rationalist entdeckte die Macht des Herzens, des Gefühls. Der Niederschlag der veränderten Einstellung Comtes ist enthalten in seinen späteren Schriften. Unter anderen:
  • Abhandlung über die Soziologie, worin die Menschheitsreligion eingesetzt wird (1851-1854)
  • Positivistischer Katechismus (1857)

3. Das Prinzip des Positivismus
Schon der von Comte eingeführte Name Positivismus enthält eine Absage an die Metaphysik. Das Grundprinzip des Positivismus ist, vom Gegebenen, Tatsächlichen, «Positiven» auszugehen und alle Erörterungen und Fragen, die darüber hinauszielen, als nutzlos abzutun. Was ist uns aber als «positive Tatsache» allein gegeben? Die Erscheinung! Der Positivismus beschränkt also die Philosophie und alle Wissenschaft auf das Reich der Erscheinungen. Alles, was wir tun können, ist die uns in der Form der Erscheinung gegebenen Tatsachen erstens als solche hinzunehmen, zweitens den Versuch zu machen, sie nach bestimmten Gesetzen zu ordnen, drittens, aus den erkannten Gesetzen die zukünftigen Erscheinungen vorauszusehen und uns danach einzurichten. Savoir pour prévoir! Wissen, um vorherzusehen! Das ist der Sinn aller Wissenschaft. (So auch Francis Bacon, den Comte als seinen grossen Vorgänger betrachtet). Es hat also keinen Zweck, nach dem «Wesen» einer Tatsache oder nach ihrer «wirklichen» Ursache zu fragen…. Was heisst denn «erklären»? fragt Comte. Was ist zum Beispiel die Schwerkraft? «So oft man auch hat bestimmen wollen, was diese Anziehung (im Weltall) und diese Schwere (der Körper auf der Erde) an sich selbst seien, so haben doch selbst die bedeutendsten Männer diese beiden Prinzipien immer nur erklären können, indem sie das eine aus dem andern erklärten; entweder sagten sie, die Anziehung sei nur eine allgemeine Schwere, oder: die Schwere sei nur die Anziehung der Erde. Alles, was wir erreichen können, sind solche Erwägungen… Niemand verlangt, noch weiterzugehen».

Das Wort «positiv» kann bei uns, und auch im Französischen, verschiedene Bedeutungen haben.
  • Positiv nennen wir das Wirkliche im Gegensatz zum Negativen als Nichtwirklichem.
  • Positiv nennen wir auch das Sinnvoll, Nützliche (zum Beispiel «positive Arbeit leisten») im Gegensatz zum Sinnlosen, Unnützen.
  • Positiv nennen wir ferner auch das einwandfreie Bestimmbare, das Sichere (etwa «positives Recht», der Inbegriff der tatsächlich in diesem Land zu dieser Zeit gültigen Gesetze, im Gegensatz zum «natürlichen» Recht).

Alle drei Bedeutungen passen, worauf Comte selbst hingewiesen hat, auf den Positivismus. Er hält sich allein an das Wirkliche, das heisst die gegebenen Tatsachen. Er hält sich allein an das gesellschaftliche Nützliche. Und er hält sich allein an die sicher Bestimmbare, im Gegensatz zu den endlosen Streitigkeiten der früheren Metaphysik. Zitatende


4. Das Dreistadiengesetz
Nach Comte vollzieht sich die Entwicklung des menschlichen Denkens notwendigerweise in drei Stadien. Und dies in jedem einzelnen Menschen wie auch in der ganzen Menschheit. Das Gesetz lautet: Zitat: «Jeder Zweig unserer Erkenntnisse durchläuft der Reihe nach drei verschiedene Zustände (Stadien), nämlich den theologischen oder fiktiven Zustand, den metaphysischen oder abstrakten Zustand und den wissenschaftlichen oder positiven Zustand
.

(1) Im theologischen Zustand richtet der menschliche Geist seine Untersuchungen auf die «innere Natur» der Dinge, auf die «ersten Ursachen» und letzten Ziele, mit einem Wort, man glaubt an die Möglichkeit absoluter Erkenntnis und sucht nach ihr oder glaubt sie zu besitzen. Die tatsächlichen Vorgänge erklärt man sich nicht nach den Gesetzen der Ähnlichkeit und Aufeinanderfolge. Der Mensch glaubt vielmehr nach Analogie seines eigenen Handelns, dass hinter jedem Vorgang ein besonderer lebendiger Wille stehe. Innerhalb der theologischen kann man wieder drei Stadien unterscheiden.
  • Auf der primitivsten Stufe hält der Mensch die Einzelobjekte selbst für belebt oder beseelt (Animismus)
  • Auf der nächsten Stufe führt er ganze Klassen von Dingen und Begebenheiten jeweils auf eine einzige hinter ihnen stehende übernatürliche Kraft zurück. Er gibt jedem Bereich der Erscheinungen seinen eigenen Gott – Gott des Meeres, des Feuers, der Winde, der Ernte usw. (Polytheismus).
  • Auf der höchsten Stude des theologischen Stadiums setzt der Mensch die tätige Vorsehung eines einzigen höchsten Wesens an die Stelle der zahlreichen Einzelgottheiten und kommt so zum Monotheismus.

(2) Der metaphysische Zustand ist nur eine Abwandlung des theologischen. An die Stelle übernatürlicher Kräfte – Gottheiten – werden hier abstrakte Kräfte, Begriffe, Entitäten (Wesenheiten) gesetzt. Die dem Monotheismus entsprechende höchste Stufe ist hier erreicht, wenn alle einzelnen Wesenheiten zusammen gedacht werden in einer einzigen allgemeinen Wesenheit, die dann «Natur» genannt und als die Quelle aller einzelnen Erscheinungen angesehen wird.


(3) Im dritten, dem positiven Stadium erkennt der Mensch endlich, dass es fruchtlos ist, zu absoluter – sei es theologischer oder metaphysischer – Erkenntnis gelangen zu wollen.
Er gibt es auf, Ursprung und Endzweck des Weltalls oder das hinter den Erscheinungen liegende wahre «Wesen» aller Dinge zu ermitteln. Stattdessen sucht er durch Beobachtung und den Gebrauch seiner Vernunft die Gesetze der Ähnlichkeit und Aufeinanderfolge in den gegebenen Tatsachen zu erkennen. «Erklären» heisst im positiven Stadium nur noch: die einzelnen Tatsachen in Beziehung setzen zu einer allgemeinen Tatsache. Das höchste – dem Monotheismus bzw. der Metaphysik der allumfassenden Natur Vergleichbare - Comte als Ideal vorschwebende Ziel der positiven Stufe wird erreicht sein, wenn alle einzelnen Erscheinungen einer einzigen allgemeinen Tatsache, zum Beispiel der Gravitation, untergeordnet werden können. (Man denkt an die Versuche der gegenwärtigen Physik, insbesondere Einsteins, eine einheitliche «Feldtheorie» zu schaffen). Zitatende

Dieses Dreistadiengesetz gilt nicht nur für die geistige Entwicklung der ganzen Menschheit und des einzelnen Menschen, sondern auch innerhalb jeder einzelnen Wissenschaft. Alle Wissenschaften waren ursprünglich von theologischen Begriffen beherrscht, dann von metaphysischer Spekulation und kommen nun in das Reifestadium des positiven Wissens.
 

wirena

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Die Philosophie im 19. Und 20. Jahrhundert
Positivismus, Materialismus, Marxismus



I. Der Positivismus in Frankreich: August Comte, 1798-1857

5. Der Stufenbau der Wissenschaften
a) Aufgabe und Nutzen der Philosophie
…. Zitat: «Die einzelnen Wissenschaften haben sich im Lauf ihrer zunehmenden Ausbildung immer mehr spezialisiert. Die Notwendigkeit und der Nutzen solcher Arbeitsteilung ergeben sich insbesondere dann, wenn die Wissenschaften in das positive Stadium der reinen Tatsachenwissenschaft treten. Im theologischen und metaphysischen Stadium waren noch gewisse allgemeine, den Einzelwissenschaften übergeordnete Prinzipien vorhanden (freilich unbegründet). Im positiven Stadium können sich leicht die verderblichen Wirkungen einer übertriebenen Spezialisierung bemerkbar machen: Zersplitterung unserer Erkenntnis, Fehlen eines einheitlichen Gesamtsystems. Der Weg, diesem Übel entgegen zu steuern, ist nicht das Rückgängigmachen der Arbeitsteilung – welche vielmehr für den Fortschritt der Erkenntnis unentbehrlich ist -, sondern eine Vervollkommnung der Arbeitsteilung, indem man nämlich das Studium der allgemeinen Sätze ebenfalls wieder zu einem besonderen Wissensgebiet macht. Der Einbau jeder neuen Entdeckung auf einem Spezialgebiet in eine allgemeine Theorie ist also Aufgabe der (positiven) Philosophie. Eine solche positive Philosophie ist auch das einzige Mittel, die logischen Gesetze unseres Denkens klarzustellen. Sie wird weiter die Grundlage für eine Umgestaltung des gesamten Erziehungswesens bieten. Denn Grundlage der allgemeinen Erziehung kann niemals das Spezialstudium einzelner Wissenschaften sein, sondern nur eine Lehre, die die allgemeine Grundlage aller Einzelwissenschaften darlegt. Aus solcher Zusammenfassung unseres Wissens werden drittens die Einzelwissenschaften wieder neue Förderung erfahren. Fragestellungen, die durch die Fachleute mehrerer Einzeldisziplinen bearbeitet werden müssen, können hier ihre Stätte finden. Endlich kann nur eine solche positive Philosophie die geistige Anarchie verschiedener Meinungen beseitigen und eine feste Grundlage für die vernünftige Umgestaltung der Gesellschaft ohne revolutionäre Erschütterungen bieten….

b) Die Einteilung der Wissenschaften. Eine sinnvolle Einteilung der Wissenschaften kann man nur vornehmen nach der natürlichen Gliederung der Tatsachen und Erscheinungsgebiete, die die Wissenschaftenbehandeln. Alle Vorgänge lassen sich aber unter eine ziemlich kleine Zahl von Hauptbegriffen bringen, und zwar so, dass das Studium, jeder Klasse die Grundlage bietet für das Studium der nächsten.
Die Reihenfolge der Klassen bestimmt sich nach dem Grad der Einfachheit oder Allgemeinheit, denn die allgemeinsten Vorgänge sind, eben weil sie von den Besonderheiten des Einzelfalles am weitgehendsten befreit sind, auch die einfachsten. Allerdings sind trotzdem für das normale unwissenschaftliche Denken, das immer mit der konkreten Einzelerscheinung zu tun hat, die allgemeinsten Vorgänge die fremdesten. Alle Vorgänge lassen sich zunächst einteilen in solche bei den unorganischen und solche bei den organischen Körpern. Es ist klar, dass man die organischen erst studieren kann, wenn man die unorganischen erkannt hat; denn in den Lebewesen zeigen sich alle mechanischen und chemischen Vorgänge der unorganischen Welt, und dazu noch etwas anderes. Die Lehre vom Unorganischen zerfällt wieder in zwei Abschnitte: Die Betrachtung der allgemeinen Vorgänge im Weltall obliegt der Astronomie. Die unorganischen Vorgänge auf der Erde betrachten Physik und Chemie. Dabei muss die Kenntnis der Physik vorausgehen, weil die chemischen Vorgänge verwickelter sind und auch von den physikalischen abhängen, was umgekehrt nicht der Fall ist.

Im Reich der organischen Vorgänge ist auch eine natürliche Zweiteilung gegeben. Es gibt Vorgänge, die sich im einzelnen Individuum abspielen, und solche, die sich in der Gattung abspielen. Die letzteren sind die komplizierteren. Die Behandlung des einzelnen Lebewesens muss daher vorausgehen. Sie ist Aufgabe der Biologie. Die Behandlung der Vorgänge im gesellschaftlichen Leben der Gattung ist Aufgabe der Soziologie – welche Wissenschaft von Comte an dieser Stelle begründet wird. Auch das Wort Soziologie ist von ihm gebildet, etwas unglücklich aus einem lateinischen (societas) und einem griechischen (logos) Bestandteil. Die Soziologie ist die Krönung des wissenschaftlichen Baues. Sie kann sich erst entwickeln, wenn die Ausbildung der ihr voranstehenden Wissenschaften das entsprechende Reifestadium erreicht hat. Betrachten wir das bisher Gesagte, so vermissen wir noch zwei Wissenschaften: Mathematik und Psychologie. Welche Stellung haben sie? Die Mathematik muss mit Descartes und Newton als die Grundlage der ganzen Philosophie angesehen werden. Die Mathematik mit ihren beiden Teilen, der abstrakten Mathematik oder Analysis und der konkreten Mathematik mit Geometrie und Mechanik als Zweigen, gehört an den Anfang des ganzen Baues. Ihre Sätze sind die allgemeinsten, einfachsten, abstraktesten und von allen anderen unabhängigsten. – Dagegen hat die Psychologie in Comtes Einteilung keine Stätte. Comte beweist nämlich auf einfache Weise, dass es eine Wissenschaft der Psychologie gar nicht geben kann. Denn infolge eines unüberwindlichen Schicksals kann der menschliche Geist zwar alle anderen Vorgänge beobachten, aber nicht sich selbst. Vielleicht noch eher bei seinen Leidenschaften, weil diese in anderen Organen ihren Sitz haben als das Denken; beim Denken selbst aber müsste das beobachtende Organ identisch sein mit dem beobachteten – wie sollte da eine Beobachtung möglich sein? Will man also die Formen und Methoden unseres Denkens kennenlernen, so muss man sie beim praktischen Gebrauch studieren, bei ihrer Anwendung in den einzelnen Wissenschaften.

Nach Comte besteht also folgende Reihe der Wissenschaften: Mathematik, Astronomie, Physik, Chemie, Biologie, Soziologie.


6. Gesellschaft, Staat, Ethik

In allen Wissenschaften bis auf die letzte kann Comte sich auf die hervorragenden Fortschritte stützen, die sie seit ihrem Eintritt in das positive Studium gemacht haben. Eine Soziologie muss er erst schaffen. Auf ihr liegt daher das Schwergewicht seiner Einzelerörterungen. Sie nimmt den vierten bis sechsten Band seines Hauptwerkes ein. In einem einzigen grossen Wurf hat Comte hier das System einer Wissenschaft entworfen, die durch ihn und nach ihm zu gewaltiger Bedeutung kam. Das meiste von dem, was später an Ideen, Prinzipien, Methoden in ihr ausgebildet wurde, ist in Comptes Werk im Keim enthalten. Comte teilt sie ein in eine soziale Statik oder Theorie von der natürlichen Ordnung der Gemeinschaft und eine soziale Dynamik oder Lehre vom Fortschritt…. Comtes Gesellschaftslehre ist zugleich Geschichtsphilosophie…. Nicht nur die staatliche, rechtliche, gesellschaftliche Entwicklung, sondern auch – darin übrigens über Hegel hinausgehend – die Entwicklung der Kunst, der Religion, der Wissenschaft und Philosophie bezieht Comte in seine Geschichtsphilosophie ein. Überall trifft er wieder auf das Dreistadiengesetz. Jedem Stadium des Denkens entspricht eine bestimmte Form der Gesellschaft.

- Dem theologischen Zustand entspricht im Sozialen der Glaube an ein göttliches Recht,
- Der Föderalismus ist die Herrschaftsform dieser Epoche.
- Die metaphysische Epoche ist das Zeitalter des Zerfalls der religiösen Überzeugungen, im gesellschaftlichen Bereich ein Zeitalter revolutionärer Umwälzung, eingeleitet durch die Französische Revolution, die den Sieg des metaphysischen über das theologische Prinzip bezeichnet.
- Das positive Stadium ist berufen, an die Stelle revolutionären Zerfalls eine neue feste Ordnung zu setzen. An Stelle des Glaubens an übernatürliche Wesen oder an abstrakte metaphysische Prinzipien wird die nüchterne wissenschaftliche Einsicht der Fachleute und Spezialisten zum bestimmenden Element im gesellschaftlichen Leben werden. Ein Rat der positiven Philosophen und Soziologen wird die oberste Instanz im geistigen Leben sein und die Erziehung in Händen haben. Die eigentliche praktische Regierung wird allerdings nicht diesen obliegen, sondern einem Gremium von Wirtschaftsfachleuten: Bankiers, Kaufleuten, Fabrikaten und Landwirten. Denn dem Feudalismus der theologischen Epoche entspricht als Gesellschaftsform der positiven Epoche die industrielle Organisation der Arbeit, Wissenschaft und Wirtschaft werden die bestimmenden Mächte in der Gesellschaft der Zukunft sein…

Die von der positiven Philosophie erstrebte vernünftige Gesellschaftsordnung kann nur verwirklicht werden, wenn diese Erkenntnis allgemein wird, wenn die Menschen die Hingabe an das Ganze, den Altruismus (welchen Ausdruck Comte als Gegensatz zum Egoismus geprägt hat), zum Prinzip des Handelns machen. Nicht aber einem einzelnen Staat oder einer Gruppe sollen sie sich hingeben, sondern der ganzen Menschheit, dem «grossen Wesen» (Grand Etre), das Comte zum Objekt einer geradezu religiösen Verehrung erheben will. Ein Kultus der Menschheit, in seinen äusseren Formen mit festem Ritual, Priestern, Heiligen, Festen usw., dem religiösen Kultus zum Verwechseln ähnlich – sozusagen «reiner Katholizismus, nur ohne Christentum», wie ein Kritiker bemerkt hat – soll die äussere Form dieser neuen Menschheitsreligion sein. Ihr Grundsatz lautet: «Liebe als Prinzip, Ordnung als Grundlage, Fortschritt als Ziel». Comtes Einfluss liegt naturgemäss in erster Linie in der von ihm begründeten Soziologie, ferner in der französischen Geschichtsschreibung. In der Philosophie selbst war er bedeutend in England.» Zitatende
 
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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert

Positivismus, Materialismus, Marxismus


II. Der englische Positivismus

1. Die geistige Lage
Comtes positive Philosophie fand in England einen grösseren Widerhall als in seinem eigenen Vaterland.
Zitat: «Francis Bacons Eintreten für die Erfahrung als Grundlage und die Naturbeherrschung als Ziel allen Wissens, der Empirismus Lockes, die skeptische, dem Praktischen dem Vorrang einräumende Lehre David Humes, die im englischen Volkscharakter liegende Abneigung gegen metaphysische Spekulation, der nüchterne Tatsachensinn des Britten – das alles zusammen hatte ein geistiges Klima geschaffen, das für die Aufnahme der Philosophie Comtes besonders geeignet war. In der politischen Entwicklung war England, das seine bürgerliche Revolution schon lange hinter sich hatte, trotz seiner Beteiligung an den Napoleonischen Kriegen von den revolutionären Erschütterungen auf dem Kontinent nicht so tief berührt worden wie Frankreich. Es setzte daher in England keine so scharfe Reaktion gegen Aufklärung und Revolutionsideen ein wie in Frankreich und Deutschland, sondern mit einer gewissen Stetigkeit wurde das Denken des 18. Jahrhunderts im 19. Jahrhundert fortgeführt. Da es keine so heftige Reaktion und keine Heilige Allianz gab und England, am Kontinent gemessen, eine verhältnismässige liberale Verfassung hatte, wurden auch die Kräfte der aufsteigenden Linken und der Arbeiterschaft – obwohl England im Prozess der Industrialisierung führend war und die damit zunächst verbundenen sozialen Missstände und Gegensätze sich hier zuerst mit ganzer Schärfe herausbildeten – in geringerem Masse als auf dem Kontinent auf die Bahn des revolutionären Aufstandes gegen alles Bestehende gedrängt. Dem entspricht es, dass im sozialpolitischen Denken – davon zunächst allerdings abgesehen, dass Marx seine entscheidenden ökonomischen Studien am englischen Wirtschaftssystem machte – weniger die Revolution gepredigt, sondern versucht wird, die Ideen des sozialen Fortschritts mit den alten liberalen Prinzipien der individuellen Freiheit zu vereinigenwas den englischen Sozialismus bis heute kennzeichnet. Die Gedanken Comtes fielen in England auch deshalb auf fruchtbaren Boden, weil schon vor ihm in Bentham ein Denker aufgetreten war, dessen Gedanken denen Comtes in gewissem Sinne entgegenkamen und sich bei den grossen englischen Positivisten des 19. Jahrhunderts, Mill und Spencer, mit ihnen verbanden: Zitatende. Sir William Hamilton (1788-1856), Thomas Hill Green (1836-1882) und Henry Sidgwick (1835-1900) verkörperten die Gegenströmung.


2. Bentham und Mill
Die Lehre von Jeremy Bentham (1748-1832) ist reine Nützlichkeitsphilosophie (Utilitarismus) und zwar ein sozialer Utilitarismus. Das grösstmögliche Glück für die grösstmögliche Zahl von Menschen nennt Bentham selbst das Ziel.
Dieses ist zu erreichen, wenn der Einzelne, der nach seinem eigenen Glück strebt, einsieht, dass dies am besten gelingt, wenn er sein eigenes Streben dem allgemeinen Ziel anpasst. Zitat: «Die Gedanken Benthams, Comtes und die Tradition des englischen Empirismus treffen zusammen in John Stuart Mill (1806-1873). Der junge Mill begann mit drei Jahren Griechisch und Latein zu studieren, mit zehn Jahren die Differentialrechnung, mit zwölf Jahren schreib er sein erstes Buch, mit siebzehn Jahren gründete er eine «utilitarische Gesellschaft», kurz darauf begann er seine glänzende journalistische Tätigkeit. Als er allerdings zwanzig Jahre alt war, führte die Überspannung seiner geistigen Kräfte zu einer schweren gesundheitlichen Krisis. Mill überwand sie, und bald war sein Geist wieder aufnahmebereit für neue Anregungen, darunter das Studium der Comteschen Philosophie, über die er auch ein Buch schrieb. Mill blieb sein Leben lang von wirtschaftlichen Sorgen verschont. Anderen, wie Comte und seinem Zeitgenossen Spencer, half er grosszügig. In späteren Jahren bekleidete er politische Ämter und war auch Mitglied des Parlaments. Mills philosophisches Hauptwerk ist das

- System der deduktiven und induktiven Logik (1843)

Mill versucht vor allem, dem Positivismus ein festes psychologisches, logisches und erkenntnistheoretisches Fundament zu geben
. Die Psychologie ist Grundwissenschaft und auch Grundlage der Philosophie. Sie hat die Tatsachen des Bewusstseins zu erforschen, und das sind die uns gegebenen Empfindungen und deren Verbindungen. Aufgabe der Logik ist es, die zufälligen Vorstellungsverbindungen von den bleibenden, gesetzmässigen zu unterscheiden. Da die Erfahrung die einzige Quelle der Erkenntnis ist, ist die Induktion das einzig zulässige Erkenntnisverfahren. Mill hat die besondere Logik des induktiven Verfahrens scharfsinnig entwickelt. Bei Mill findet sich die Scheidung der Naturwissenschaften von den Geisteswissenschaften, deren richtige Ausführung und Begründung im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts die Geister der Erkenntnistheoretiker, besonders in Deutschland, wie keine andere Frage beschäftigen sollte. Mill zählt als Geisteswissenschaften auch die Psychologie, die «Ethologie» (Sittenlehre) und die Soziologie. Die Geschichtswissenschaft rechnet er zu den Naturwissenschaften, das heisst, er will sie zu der Exaktheit einer solchen erheben. In der Ethik sucht Mill nach einem Ausgleich zwischen Individuum und Gemeinschaft auf der Basis des Benthamschen Utilitarismus. Er geht auch dabei von psychologischen Erwägungen aus. Lustgewinn ist das Ziel menschlichen Strebens. Die Gegenstände, die uns Lustgewinn vermitteln, nennen wir «wertvoll». Genaugenommen ist das, was wir erstreben, nicht der Gegenstand selbst, sondern die durch ihn vermittelte Lust. Da aber bestimmte Gegenstände solche Lustwirkungen im Allgemeinen zu haben pflegen, erscheint uns durch Assoziation (Gedankenverbindung) schliesslich der Gegenstand selbst wertvoll, der Wert eine Eigenschaft des Gegenstandes. «Wert» ist also nichts anderes als allgemeine Geeignetheit zur Herbeiführung von Lust. Das bedeutet, dass unsere Urteile über Werte, und damit auch über moralische Handlungen, strenggenommen keinem allgemeinen Massstab unterliegen, sondern sich in allmählicher Entwicklung auf der Grundlage der Erfahrung herausgebildet haben.

Mill ist auch als Nationalökonom und Soziologe bedeutend. Seine wichtigsten Schriften auf diesem Gebiet sind

- Prinzipien der politischen Ökonomie (1848)
- Über die Freiheit (1857)

Mill neigt darin einem die individuelle Freiheit wahrenden Sozialismus zu
». Zitatende
 

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert

Positivismus, Materialismus, Marxismus

II. Der englische Positivismus

3. Herbert Spencer, 1820-1903 – Leben und Werke

Herbert Spencer wurde in Derby geboren, war Junggeselle und einer der einflussreichsten englischen Philosophen des 19. Jahrhunderts. Er war Uhrenkonstrukteur, Inspektor, Ingenieur beim Bau von Eisenbahnen und Brücken und entwarf zahllose Erfindungen. Er hatte eine einzigartige Beobachtungsgabe und mit 30 Jahren wandte er sich der Philosophie zu. Zitat: « In seinen Essays über

- Die Theorie der Bevölkerung und «
- Die Entwicklungshypothese

formulierte Spencer – mehrere Jahre bevor Darwin an die Öffentlichkeit trat
! – den Entwicklungsgedanken und prägte die später durch den Darwinismus berühmt gewordenen Wendungen vom « Kampf ums Dasein» und vom Überleben der Tüchtigsten». In seinen

- Prinzipien der Psychologie (1855, ebenfalls noch bevor Darwin 1858 seine Ergebnisse vor der Linné-Gesellschaft erstmalig darlegte)

wandte Spencer das Entwicklungsprinzip schon auf die Entwicklung des Geistes an. Es folgte eine Abhandlung über den

- Fortschritt, sein Gesetz und seine Ursachen

die den Entwicklungsgedanken auch zum allgemeinen Prinzip des geschichtlichen Werdens erhob.» Zitatende


1858, die Gedanken Darwins waren Herbert Spencer nun bekannt, entschloss er sich eine Serie von Werken zu schreiben, in denen der Entwicklungsgedanke nicht nur auf die Biologie, sondern auch auf Astronomie, Geologie, soziale und politische Geschichte, Moral und Ästhetik angewandt und die Entwicklung des Weltganzen vom anfänglichen Chaos bis zu Höhe menschlicher Kultur dargestellt werden sollte. Zitat: «Nachdem er sich durch eine kleine Erbschaft und durch Vorausbestellungen zahlreicher Freunde und Anhänger für das zu schaffende Werk finanziell gesichert glaubte, machte er sich an die Arbeit. Die ersten Bände erregten aber einen derartigen Sturm des Widerstandes, dass viele Subskribenten abfielen und Spencers finanzielle Mittel und auch sein Mut sich schliesslich erschöpften. Ein grossherziges Hilfsanerbieten John Stuart Mills wies Spencer zunächst zurück. Schliesslich nahm er aber die Hilfe amerikanischer Freunde an, ging von neuem an die Arbeit und setzte sie fort, bis sein Hauptwerk, das

- System der synthetischen Philosophie, in zehn Bänden (1862-1896) vollendet war

Bald stellte sich der Erfolg ein. Die Bücher wurden gekauft, in andere Sprachen übersetzt, begannen sogar finanzielle Erträge abzuwerfen. Spencer erlebte den Höhepunkt seines Ruhms und auch noch dessen Niedergang. Er starb 1903.

Spencers Charakter spricht deutlich aus seinem Werk. Zitat: «Von poetischem Hauch oder von dem berühmten englischen Humor ist bei ihn nicht das geringste zu spüren. Er schloss sich von allem Umgang bis auf wenige Freunde ab. Wenn Besucher kamen, die er nicht abweisen konnte, verstopfte er sich vorher die Ohren und hörte ihnen dann gelassen zu. Sein einzigartiger Sinn für Tatsachen verband sich mit einer gewissen Prinzipienstarre; sein Geist nahm vorwiegend die Tatsachen auf, die seine Theorie stützten. Wissenschaftliche Werke anderer Autoren las er nicht. Auf politischem Gebiet war Spencer ein typisch englischer «Nonconformist», das heisst ein Mann, der sich keiner Partei und keiner allgemeinen Richtung anschloss und der durch höchst bestimmtes Aussprechen seiner Ansichten alle Parteien zugleich vor den Kopf stiess. Was Spencers Werke dank seinem Werdegang als philosophischer Selfmademan, im Äusseren vor allem auszeichnet, ist seine ungewöhnliche Fähigkeit, verwickelte Zusammenhänge mit ausserordentlicher Klarheit und durchsichtiger Gliederung vorzutragen. Darauf beruht zum Teil sein grosser Einfluss; zum anderen darauf, dass Spencer eine Zeitlang wie kein anderer der Philosophen des «Zeitgeistes» war. Er fasste sein Zeitalter zusammen, wie kein anderer Mensch seit Dante sein Zeitalter zusammengefasst hatte.


- Das Gesetz der Entwicklung. Spencer Erörterung der allgemeinen Grundlagen seines Systems, enthalten im ersten Bande der synthetischen Philosophie, gibt zunächst eine neuerliche Begründung des philosophischen Positivismus in ähnlicher Art, wie wir sie schon bei Comte angetroffen haben. Spencer zeigt auf, dass religiöse und metaphysische Welterklärung in gleicher Weise zu unauflöslichen Widersprüchen führen. Wie ist die Welt entstanden? Die Antwort des Atheisten, die Welt bestehe ursachlos und ohne Anfang, ist für unsere Vernunft ebenso unmöglich zu denken wie der Hinweis des Gläubigen auf die göttliche Schöpfung, welcher die Schwierigkeit bloss um eine Stufe zurückschiebt. Was ist «Materie»? Ist sie beliebig ins Unendliche teilbar oder nicht? Was wissen wir überhaupt vom wahren «Wesen» eines Gegenstandes? Unser Denken hat sich eben nur im Umgang mit den uns allein gegebenen Erscheinungen entwickelt; es ist nicht tauglich, uns darüber hinaus auf Letztes und Absolutes zu führen. Lassen wir also das Unerkennbare beiseite liegen und wenden wir uns dem zu, was uns möglich ist: die uns gegebenen Erscheinungen zu ordnen. Diese Vereinheitlichung in Vollkommenheit zu leisten, ist Aufgabe der Philosophie. Mag dies eine einleuchtende Begründung des Positivismus sein… so erregte schon das Erscheine des ersten Bandes einen Entrüstungssturm. Um die Vereinheitlichung zu leisten, bedarf die Philosophie eines einheitlichen Prinzips. Die allgemeinen Sätze der Physik, wie die Erhaltung der Energie in allen ihren Umwandlungen, die Stetigkeit der Bewegung, die Unveränderlichkeit in den Beziehungen, das heisst die Konstanz der Naturgesetze, der Rhythmus der Bewegung, den wir von den kleinsten bis zu den grössten Vorgängen in der Natur wiederfinden – dies alles lässt sich zurückführen auf das allgemeine Prinzip der Erhaltung der Kraft. Das ist aber ein statisches Prinzip. Es erklärt nicht den ewigen Wechsel von Werden und Vergehen in der Natur. Das dynamische Prinzip der Wirklichkeit ist das Gesetz der Entwicklung, welches in Spencers Formulierung lautet: «Die Entwicklung ist eine Integration der Materie, die von einem Aufwand an Bewegung begleitet wird; während ihres Verlaufs geht die Materie aus unbestimmter, zusammenhangloser Homogenität in bestimmte, zusammenhangsvolle Hetereogenität über, und die aufgewendete Bewegung erleidet eine gleichlaufende Umformung.» …. Neben diesem Prozess der Integration gibt es auch den gegenläufigen Prozess, der von der Integration zur Auflösung, vom Zusammengesetzten zum Einfach zurückführt. Am Ende steht unausweichlich ein Gleichgewichtszustand. Doch wird infolge der Unbeständigkeit des Homogenen alsbald ein neuer Zyklus der Entwicklung beginnen…» Zitatende. Spencer wendet sein Prinzip auf die einzelnen Lebens- und Wissensgebiete in der von ihm aufgestellten Reihenfolge an: Biologie, Psychologie, Soziologie, Ethik. Die Psychologie hat Spencer gross und bedeutsam angelegt. Sie ist jedoch im Einzelnen ein sehr anfechtbarer Versuch, auch das menschliche Denken unter dem genetischen, entwicklungsmässigen Gesichtspunkt zu untersuchen –


- Die menschliche Gesellschaft. Zitat: «Nachdem Spencer auch für die Gesellschaft, die er einem Organismus vergleicht, das Wirken des allgemeinen Entwicklungsprinzips aufgewiesen hat, wendet er sich dem geistigen Bereich, insbesondere der Religion zu. Er zeigt, wie auch hier aus primitivem Geisterglauben nach dem Gesetz der Integration die religiösen Vorstellungen allmählich zu einem einheitlichen und zentralen Gottesbegriff zusammenwachsen. Die Religion bildet allerdings nur so lange den Mittelpunkt im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft, wie die äusseren Bedingungen des Daseins in Unsicherheit und ständiger Bedrohung bleiben. Die primitive Gesellschaft ist ihrem Wesen nach kriegerisch, militaristisch. Solange die Menschen darauf ausgehen, von Raub und Eroberung anstatt von geregelter Arbeit zu leben, ist das öffentliche Leben vom militärischen Element beherrscht. Straffe, absolute Herrschaft des Staates, scharfe Klassenunterschiede, patriarchalische Gewalt des Familienoberhauptes und untergeordnete Stellung der Frau sind die Formen der militaristischen Gesellschaft. Die entscheidende Veränderung in der gesellschaftlichen Entwicklung ist nicht der an der Oberfläche bleibende Wechsel der verschiedenen Staatsformen Monarchie, Aristokratie, Demokratie, sondern die allmähliche Ersetzung der auf Gewalt und Krieg gerichteten primitiven durch eine friedliche und industrielle Gesellschaftsform. Der Staatsabsolutismus und die Vorherrschaft des Militärs verschwinden, die sozialen Schranken lockern sich, individuelle Freiheit und Demokratie treten ihre Herrschaft an. Die Frau wird emanzipiert. Mit dem Übergang zur industriellen Gesellschaft wendet sich das menschliche Interesse von der Religion weg dem Diesseits zu. In dieser Entwicklung marschiert nach Spencer England unter allen Staaten an der Spitze. Frankreich und Deutschland sind noch im Militarismus und Absolutismus befangen. So verwenden sie den grössten Teil ihrer öffentlichen Mittel auf die Rüstung anstatt auf Förderung der Industrie und des Handels.

Der Sozialismus gehört nach Spencer in den Bereich der alten absolutistischen Gesellschaftsform. Spencer weist auf Bismarcks staatsozialistische Neigungen hin. In einem sozialen Wohlfahrtsstaat sieht Spencer zwei grosse Gefahren:

- Erstens würde eine Zuteilung der auf den Einzelnen entfallenden Anteile am gemeinsamen Arbeitsertrag durch den Staat nach Massgabe des Bedürfnisses anstatt nach Fähigkeit und Leistung den natürlichen Wettbewerb, die Bedingung jeder Weiterentwicklung, stören und zu einem Verfall der Gesellschaft innerhalb weniger Generationen führen.

- Zweitens: Würde der Staat den Versuch machen, den höchst verwickelten Organismus der Wirtschaft – der unter der automatischen Selbstregulierung durch Angebot und Nachfrage zwar nicht ideal funktioniert, aber doch wenigstens funktioniert – in allen Einzelheiten selbst zu regeln, so würde das zu einer lähmenden totalen Bürokratie führen. Eine trostlose Erstarrung würde eintreten, eine Gesellschaft von Ameisen und Bienen entstehen.

Unter dem Staatssozialismus, so sagt Spencer warnend, «würden die Führer, die ihre persönlichen Interessen verfolgten…, nicht auf den vereinigten Widerstand aller Arbeiter stossen, und ihre Macht würde, uneingeschränkt durch die heutige Einstellung, nicht anders als unter vereinbarten Bedingungen zu arbeiten, anwachsen, sich verzweigen und befestigen, bis sie unwiderstehlich geworden wäre….Wenden wir uns von der Leitung der Arbeiterschaft durch die Bürokratie dieser Bürokratie selbst zu und fragen, wie sie geleitet werde, so gibt es keine befriedigende Antwort… Unter solchen Umständen würde eine neue Aristokratie entstehen, für deren Erhaltung die Massen arbeiten müssten und die nach ihrer Festigung eine viel grössere Macht ausüben würde als irgendeine vergangene Aristokratie.» …Da Spencer solcher Art aus Angst um die individuelle Freiheit, die ihm über alles geht, den Sozialismus zurückweist,…sucht er die richtige Synthese zwischen den Belangen der Freiheit und der Notwendigkeit planvoller gesellschaftlicher Organisation in einem freiwilligen Zusammenschluss auf genossenschaftlicher Basis. So könnte auf der Grundlage der Mitbestimmung aller der Übergang von der zwangsweisen Zusammenarbeit zu einem Zustand erfolgen, in dem der Einzelne nicht mehr für den Staat, sondern der Staat für die Einzelnen da wäre, und in dem die Menschen nicht mehr leben würden, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu leben.

In seinen ethischen Untersuchungen verwendet Spencer einen breiten Raum für den Nachweis, dass die Moralbegriffe wandelbar sind, dass sie bei den verschiedenen Völkern und zu verschiedenen
Zeiten ganz verschieden waren… Spencer wachte mit nie erlahmendem Eifer über seine Freiheitsrechte; er empfand jedes neue staatliche Gesetz als einen empörenden Angriff auf seine Freiheit. Er misstraute der staatlichen Einrichtungen so sehr, dass er nicht einmal seine Manuskripte der staatlichen Post anvertrauen wollte, sondern sie stets selbst zum Drucker schaffte. Mit dieser Betonung der individuellen Freiheit stimmt es zusammen, dass Spencer in ethischer Hinsicht dem «sacro egoismo» des Einzelnen durchaus sein Recht lassen will. In dem Streben des Einzelnen nach persönlichem Glück – innerhalb der durch die gesellschaftlichen Erfordernisse, das heisst durch das gleiche Recht aller anderen gezogenen Grenzen – liegt die oberste Bedingung auch für das Glück der Allgemeinheit.» Zitatende


- Zur Kritik. Zwei Gesichtspunkte, stehen bei einer kritischen Gesamtwürdigung Spencers im Vordergrund. Zitat:

«Der eine Gesichtspunkt ist erkenntniskritischer Natur. Spencer bekämpft den Dogmatismus der religiösen und metaphysischen Weltansicht. Seine eigene Philosophie jedoch hat auch ein Dogmatismus und im Grunde nicht weniger unkritisch als jene
. Es ist bemerkenswert, dass Spencer die einmal vorgenommene Lektüre Kants bereits an dem Punkt aufgab, wo Kant die Apriorität von Zeit und Raum lehrt, das heisst also ganz am Anfang der Kritik der reinen Vernunft. Was erkennbar ist und was nicht, das muss man freilich wissen, wenn man ein philosophisches System bauen will; aber dies lässt sich nicht auf so einfache Weise dekretieren, wie Spencer es tut. Spencer beherzigte vor allem wenig, was sein von ihm hochverehrter Landsmann Francis Bacon vom Philosophen gefordert hatte: nämlich auf alle jene Tatsachen ein besonderes Augenmerk zu haben, die gegen die eigene Theorie sprechen könnten. Spencer besass einen bemerkenswerten Blick für Tatsachen. Aber er ordnete sie, anstatt sie zunächst für sich selbst sprechen zu lassen, alsbald seinem Schema der Entwicklung so gut es ging ein.

Das zweite Argument betrifft Spencers Gesellschaftslehre, insbesondere seine Bewertung des gegenwärtigen Gesellschaftszustandes. Alle Schwächen, die sich hier im Einzelnen auffinden lassen, haben im Grunde eine gemeinsame Wurzel. Spencer lebte und schrieb in einer Zeit, da Englands politische Lage dank seiner Isolierung in Europa verhältnismässig stabil war. Das führte ihn zu dem Glauben an den friedlichen Charakter der industriellen Gesellschaft. Er lebte ferner in einem England, dem seine wirtschaftliche Vormachtstellung und seine im «militaristischen» Zeitalter erworbenen überseeischen Besitzungen eine liberale Wirtschaftspolitik ermöglichten. Das führte ihn zu dem Glauben, jeder staatliche Eingriff in den gesellschaftlichen Organismus sei wertlos und verwerflich. Beide Voraussetzungen änderten sich schnell. Beide zusammen aber führten Spencer zu seinem optimistischen Glauben an den friedlichen Fortschritt im Industriezeitalter. Die beiden Weltkriege haben inzwischen gelehrt, dass auch industrielle Staaten militaristisch sein können.

Vor allem aber besass Spencer kein Organ um zu erkennen, dass die sozialen Gegensätze in der industriellen Gesellschaft um keinen Grad weniger schroff waren, dass die Ausbeutung der unteren Schichten in der freiheitlichen Wirtschaft Englands um keinen Grad geringer war als unter einem feudalistischen System.» Zitatende
 

wirena

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert

Positivismus, Materialismus, Marxismus


III. Der Zerfall der Hegelschen Schule und das Aufkommen des Materialismus in Deutschland

1. Die geistige Lage

Die dialektische Geschichtsphilosophie Hegels ist konservativ und revolutionär. Für Hegel selbst, war seine eigene Zeit und seine eigene Philosophie ein Schlusspunkt. Das war ein Ausdruck des Stillstands oder Rückschritts, der in Deutschlands gesellschaftlicher Entwicklung seit dem Abschluss der Napoleonischen Kriege eigetreten war. In eben dem Masse aber, in dem die nur vorübergehend überdeckten und niedergehaltenen sozialen und politischen Konflikte neu ausbrachen, mussten auch im philosophischen Denken die scheinbar erreichte endgültige Einheit in neue Gegensätze auseinandertreten. Hinzu kam, dass die schnellen Fortschritte der Einzelwissenschaften, sowohl auf naturwissenschaftlichem Gebiet, welches Hegel ohnehin nur ungenügend beherrscht hatte, wie auch in den Geisteswissenschaften eine Revision gewisser Hegelscher Verallgemeinerungen erforderten. Schliesslich traten die Einzelwissenschaften in ausgesprochene Opposition gegen die Bevormundung nicht nur durch die Hegelsche, sondern die Philosophie überhaupt. Die Opposition gegen Hegel ging auf der einen Seite – man könnte dies als «Rechtsopposition» bezeichnen – von der sogenannten historischen Schule und der Romantik aus. Die historische Schule, vertreten unter anderen durch den Juristen Friedrick Karl Savigny und den Historiker Franz Leopold Ranke, protestierten dagegen, dass bei Hegel alles Geschichtliche – Gesellschaft, Recht, Staat – immer nur als ein Durchgangspunkt eines dialektischen Weltprozesses erschien. Ranke sage, dass «jede Epoche in der Geschichte gleich unmittelbar zu Gott sei.» Das berührte sich mit der romantischen Anschauung, nach der jedes Volk und jede Epoche nur gleichsam eine andere Seite Gottes darstellte…. Innerhalb Hegels eigener Schule bildete sich ein rechter Flügel, die konservativen Althegelianer. Sie verteidigten das Recht des historisch Gewordenen auf politischem und vor allem auch auf religiösem Gebiet. Die Opposition gegen Hegel kam andererseits von der «linken» Seite. Sie hatte zunächst zwei Ausgangspunkte. Der eine war die exakte Naturwissenschaft. Die gewaltigen Erfolge der positiven Naturforschung – es seien nur für viele andere die Namen Robert Mayer und Helmholtz genannt – brachten eine wachsende Hochschätzung der reinen Tatsachenforschung und eine entsprechende Geringschätzung der philosophischen und religiösen Spekulation mit sich. Positivismus und Materialismus, verbunden mit Skeptizismus gegen die Religion oder mit ausgesprochener Religionsfeindlichkeit, erhoben ihr Haupt. – Der zweite Ausgangspunkt war die schon bezeichnete geschichtliche und gesellschaftliche Lage. Beide Momente flossen schliesslich zusammen. Der Materialismus wurde die Philosophie der Linken. – Innerhalb der Hegelschen Schule bildete sich ein linker Flügel, der sich schnell von Hegel nach der einen Seite ebenso weit entfernte wie der rechte nach der anderen, sich aber von diesem doch grundlegend dadurch unterschied, dass die Linke das fruchtbare dialektische Prinzip beibehielt – was nicht zu verwundern ist, da die Linke die vorwärtstreibenden geschichtlichen Kräfte verkörperte.


2. David Friedrich Strauss und Ludwig Feuerbach
Zunächst kam der Konflikt um die Religion zum offenen Ausbruch durch das Werk zweier Männer: David Friedrich Strauss und Ludwig Feuerbach
. Beide Männer hatten das gleiche Schicksal, dass ihnen die akademische Laufbahn wegen ihrer Ansichten verschlossen wurde. Beide lebten zurückgezogen in kümmerlichen Verhältnissen als unabhängige Schriftsteller. Beide gingen von Hegel aus. Während aber Strauss sein Leben lang nicht ganz mit Hegel brach, in seinen politischen Ansichten sogar eher der Hegelschen Rechten zugezählt werden kann, vollzog Feuerbach bald den radikalen Bruch mit Hegel. Die Werke beider entfesselten in Deutschland einen Sturm der Auseinandersetzung…. Bei beiden ging es um den bürgerlich-aufklärerischen Geist gegen die religiöse Tradition, wie dies in Frankreich schon fast ein Jahrhundert früher, zur Zeit Voltaires, zu beobachten war. Der Unterschied liegt nur darin, dass in Deutschland, wo das Bürgertum erst jetzt auf seine verspätete und auch nicht ganz geglückte Revolution von 1848 hinsteuerte, der Konflikt um so viel später zum Ausbruch kam; und zweiten darin, dass die Waffen, die jetzt gegen die Religion ins Feld geführt werden, sowohl die der philosophischen und philologischen Kritik wie die der Naturwissenschaft, inzwischen durch das Fortschreiten der wissenschaftlichen Erkenntnis geschärft waren.

David Friedrich Strauss (1808-1874) war Theologe. Die erste aufsehenerregende Schrift von ihm war

- Das Leben Jesu (1835)

Hier wird der Kirchenglaube hauptsächlich mit den Argumenten der historischen Kritik angegriffen. Die Evangelien haben keine geschichtliche Wirklichkeit. Sie sind Mythen, Dichtungen, denen keine unmittelbare, sondern nur eine symbolische Wahrheit zukommt.
Sein zweites Werk

- Die christliche Glaubenslehre in ihrer Entwicklung und im Kampf mit der modernen Wissenschaft (1840)

richtet die gleiche Kritik gegen die einzelnen christlichen Dogmen. In seinem dritten Werk

- Der alte und der neue Glaube (1872)

vertritt Strauss einen ausgesprochenen Pantheismus
. Die Frage «Sind wir noch Christen?» beantwortet er mit einem entschiedenen Nein; die Frage «Haben wir noch Religion?» dagegen mit Ja. Es ist aber eine optimistische Diesseitsreligion des Fortschritt- und Kulturglaubens. An die Stelle Gottes tritt das All, das Universum. Ihm stehen wir mit liebendem Vertrauen und jenem demütigen Gefühl unbedingter Abhängigkeit gegenüber, das man als «Religion» bezeichnen kann.


Ludwig Feuerbach (1804-1872) verwandt mit dem Juristen und mit dem Maler gleichen Namens, unternimmt die Kritik der Religion in erster Linie mit psychologischen Mitteln. Seine Hauptschriften sind

- Das Wesen des Christentums (1841)
- Vorlesungen über das Wesen der Religion (1848)
- Theogonie (Entstehung der Götter, 1857)

Feuerbach unternimmt es, die Entstehung der Religion aus dem Wesen des Menschen, aus seinem Egoismus nämlich, seinem Glückseligkeitstrieb, zu erklären
. «Der Mensch glaubt an Götter nicht nur, weil er Phantasie und Gefühlt hat, sondern auch, weil er den Trieb hat, glücklich zu sein….Was er selbst nicht ist, aber zu sein wünscht, das stellt er sich in seinen Göttern als seiend vor; die Götter sind die als wirklich gedachten, die in wirkliche Wesen verwandelten Wünsche des Menschen – Hätte der Mensch keine Wünsche, so hätte er trotz Phantasie und Gefühl keine Religion, keine Götter. Und so verschieden die Wünsche, so verschieden sind die Götter, und die Wünsche so verschieden, wie es die Menschen selbst sind.» Da die Natur der Erfüllung menschlicher Wünsche viele Hindernisse in den Weg legt, so schmeichelt es der menschlichen Selbstliebe, über der blinden Notwendigkeit der Natur ein den Menschen ähnliches, die Menschen liebendes Wesen zu denken, das den Menschen schützt und seine Wünsche erfüllen kann. «Wie gemütlich ist es daher, unter dem Obdach des himmlischen Schutzes einherzuwandeln, wie gemütlos und trostlos, sich unmittelbar, wie der Ungläubige, den impertinenten Meteorsteinen, Hagelschlägen, Regengüssen und Sonnenstichen der Natur auszusetzen.»…Der Mensch muss erwachen und beginnen, das, was er durch die Religion nur in der Phantasie erlangt, durch sein Handeln in Wirklichkeit zu gewinnen: ein schönes, glückliches, von den Rohheiten und blinden Zufälligkeiten der Natur freies Dasein. Das Mittel dazu ist die Bändigung der Natur durch Bildung und Kultur. An der Revolution von 1848 beteiligte sich Feuerbach nicht, weil er sie von Anbeginn an als ein Kopf- und erfolgloses Unternehmen ansah. Er fühlte sich als Mitstreiter in einer Revolution, deren Wirkung sich erst nach Jahrhunderten entfalten sollte. «Es handelt sich nicht mehr um das Sein oder Nichtsein Gottes, sondern um Sein oder Nichtsein von Menschen; nicht darum, ob Gott mit uns eines oder anderen Wesen ist – sondern darum, ob wir Menschen einander gleich oder ungleich sind; nicht darum, wie der Mensch vor Gott – sondern wie er vor Menschen Gerechtigkeit findet; nicht darum, ob und wie wir im Brote den Leib des Herrn geniessen – sondern darum, dass wir Brot für unseren eigenen Leib haben; nicht darum, dass wir Gott geben, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaiser ist – sondern darum, dass wir endlich dem Menschen geben, was des Menschen ist….» Zitatende
 

wirena

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert

Positivismus, Materialismus, Marxismus



IV Karl Marx, 1818-1883

1. Leben und Schriften

Karl Marx wurde 1818 als Sohn eines Rechtanwalts in Trier geboren. Er studierte in Bonn und Berlin Rechtswissenschaft und begeisterte sich gleichzeitig für die Hegelsche Philosophie. Seine Doktordissertation (Jena 1840/41) behandelte die nacharistotelische Philosophie und damit zugleich ein aktuelles Thema, denn die Lage der deutschen Philosophie nach dem Tode ihres unbestrittenen Meisters Hegel war ähnlich wie die der griechischen nach dem Tod des Aristoteles. Zitat: «Die akademische Laufbahn, die er anstrebte, schien ihm auf Grund seiner schon damals recht weit linkshegelianischen Einstellung verschlossen. Nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. in Preussen (1840), herrschte im Kulturministerium ein reaktionärer und dem Hegelianismus unfreundlicher Kurs. Marx wurde Journalist, Zuerst Mitarbeiter, dann 1842 Chefredakteur der in Köln erscheinenden linksbürgerlich-demokratischen «Rheinischen Zeitung». Laufende Verbote der Zeitung durch die Zensur zwangen Marx zur Aufgabe dieses Postens. Er entschloss sich zur Emigration. Vorher hatte er sich mit seiner Jugendfreundin Jenny von Westphalen vermählt, der Tochter einer adligen preussischen Beamtenfamilie, deren Bruder später preussischer Innenminister wurde.

Marx lebte zunächst in Paris, wo er die «Deutsch-Französischen Jahrbücher» herausgab
. Im ersten und einzigen Heft erschien unter anderem die Arbeit von Marx

- Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie

In Paris kam es zur näheren Bekanntschaft mit Friedrich Engels, die zu einer lebenslangen Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft wurde
. Friedrich Engels (1820-1895), Sohn eines Barmer Textilfabrikanten, wie Marx zunächst Junghegelianer, wurde sein engster Mitarbeiter. Nur dank Engels Unterstützung konnte Marx in den Jahrzehnten seiner späteren Emigration seine wissenschaftlichen Arbeiten fortführen. Aus Paris auf Betreiben der preussischen Regierung ausgewiesen, begab sich Marx nach Brüssel. Hier entstand in Zusammenarbeit mit Engels die

- Deutsche Ideologie (1845)


Die Schrift enthält unter anderem in ihrem ersten Teil Thesen über die Lehre Feuerbachs, dessen Kritik der Religion sich Marx und Engels weitgehend zu eigen machten; im dritten Teil eine Auseinandersetzung mit der Lehre des Deutschen Max Stirner (1806-1856). In seinem Buch «Der Einzige und sein Eigentum» hatte Stirner einen extremen Individualismus vertreten. In Brüssel entstand ferner Marx Auseinandersetzung mit dem französischen utopischen Sozialisten Pierre-Joseph Proudhon. Marx gab ihr in ironischer Umkehrung des Proudhonschen Buchtitels «Die Philosophie des Elends» die Überschrift

- Das Elend der Philosophie (1847)

Vor allem aber beteiligten sich Marx und Engels hier stärker als bisher an der internationalen Politik. Sie schlossen sich dem «Bund der Kommunisten» an. In seinem Auftrag verfassten sie das

- Kommunistische Manifest (1848)

Es ist zu einer Art Testament des marxistischen Sozialismus geworden. Die deutsche Revolution von 1848 veranlasste Marx und Engels zur Übersiedlung nach Köln. Ein Jahr lang gaben sie hier die «Neue Rheinische Zeitung» heraus
. Nach dem Zusammenbruch der Revolution wurde Marx vor Gericht gestellt, freigesprochen, aber erneut ausgewiesen. Er ging nach Paris zurück und nach weiterer Ausweisung nach London. Dort lebte er bis zu seinem Tode.

Journalistische Arbeit und praktische Politik hatten Marx an die unmittelbare gesellschaftliche Wirklichkeit herangeführt. Er begann nun gründlich Nationalökonomie zu studieren. Als erste grössere Frucht dieser Studien erschien die

- Kritik der politischen Ökonomie (1859)

Ihre Gedanken sind aber im Wesentlichen eingegangen in den ersten Band von Marx eigentlichem Hauptwerk

- Das Kapital 1867


Nur diesen ersten erschienenen Band hat Marx vollendet. Inzwischen war 1865 die sogenannte Erste Internationale gegründet worden. Marx war ihr geistiges Oberhaupt. Die Organisationsarbeiten und die sich allmählich fühlbar machende Überbeanspruchung seiner Gesundheit hinderten ihn, die beiden anderen Bände selbst zu vollenden. Marx starb 1883 in London. Der zweite und dritte Band des «Kapitals» wurden durch Engels 1885 und 1894 herausgegeben.


2. Hegel und Marx
a) Der dialektische Materialismus.
Den Grundzug des Marxschen Verhältnisses zu Hegel kann man sehr einfach so bezeichnen: Marx behält die Hegelsche Dialektik als Methode bei; aber er erfüllt sie mit einem dem Hegelschen genau entgegengesetzten Inhalt, er dreht sie um 180 Grad herum, wodurch sie, nach Marx Ansicht, erst vom Kopf auf die Füsse zu stehen kommt. Was heisst das? Marx sieht in der Dialektik das revolutionäre Prinzip. Ihr Grundgedanke ist, dass die Welt nicht ein Komplex von fertigen Dingen, sondern von Prozessen ist. Es besteht nichts Endgültiges und Absolutes. Es gibt nur den ununterbrochenen Prozess des Werdens und Vergehens. Marx grösster Schüler Lenin gibt folgende Umschreibung der dialektischen Entwicklungslehre: «Eine Entwicklung, die die bereits durchlaufenen Stadien gleichsam noch einmal durchmacht, aber anders, auf höherer Stufe (Negation der Negation), eine Entwicklung, die nicht gradlinig, sondern sozusagen in der Spirale vor sich geht; eine sprunghafte, mit Katastrophen verbundene revolutionäre Entwicklung; (Unterbrechungen der Allmählichkeit); Umschlagen der Quantität in Qualität; innere Entwicklungsantriebe, ausgelöst durch den Widerspruch, durch den Zusammenprall der verschiedenen Kräfte und Tendenzen, die auf einen gegebenen Körper oder innerhalb der Grenzen einer gegebenen Erscheinung oder innerhalb einer gegebenen Gesellschaft wirksam sind; gegenseitige Abhängigkeit und engster, unzertrennlicher Zusammenhang aller Seiten jeder Erscheinung (wobei die Geschichte immer neue Seiten erschliesst), ein Zusammenhang, der einen einheitlichen, gesetzesmässigen Weltprozess der Bewegung ergibt – dies sind einige Züge der Dialektik…» Diese dialektische Entwicklung ist das, was Marx von Hegel übernimmt. Er füllt sie nun nicht wie Hegel mit einer idealistischen, sondern mit einer materialistischen Grundansicht der Welt. Wir haben gesehen, wie bei Fichte alles, was wir «Welt» nennen, nur als ein im denkenden Subjekt erzeugtes «Nicht-Ich» erschien, wie bei Hegel alles, was wir «Natur» nennen, nur als die Idee im Zustand ihres «Andersseins» erschien. Für Hegel war also die Idee das eigentlich und allein Existierende, die Materie nur eine Erscheinungsform der Idee. Die Grundfrage aller neueren Philosophie, an der sich die Geister scheiden, sieht Marx gerade in dem hier vorliegenden Problem des Verhältnisses von Denken und Sein. Was ist das Ursprüngliche? Ist die Materie ein Produkt des Geistes /Idealismus) oder der Geist ein Produkt der Materie (Materialismus)? Marx legt seine Stellungnahme mit folgenden Worten fest: «Für Hegel ist der Denkprozess, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg (Schöpfer, Erzeuger) des Wirklichen… Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts anderes als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.» Marx schliesst sich also in dieser Frage durchaus Feuerbach (und den französischen Materialisten des 18. Jahrhunderts) an. Was er an ihnen aussetzt und worin er über sie hinausgeht, ist zweierlei:

1. Der alte Materialismus war undialektisch, statisch, und damit unhistorisch. Er hatte nicht das dynamische Prinzip der Dialektik, das Marx nun mit ihm verbindet, und konnte darum den Phänomenen der Entwicklung nicht gerecht werden.

2. Der alte Materialismus war zu abstrakt. Er sah das menschliche Wesen losgelöst von den gesellschaftlichen Verhältnissen, deren Produkt es ist, während es nach Marx gerade darauf ankommt den dialektischen Materialismus auf das gesellschaftliche Leben anzuwenden, und zwar nicht nur theoretisch, um es zu erkennen oder zu «interpretieren», sondern praktisch, um es zu verändern!

b) Selbstentfremdung und Selbstverwirklichung: Nicht als abstraktes Wesen, sondern konkret soll der Mensch betrachtet werden. Konkret, das heisst: der Mensch in seiner gesellschaftlichen Umwelt, und das heisst vor allem: der Mensch als arbeitendes Lebewesen. Der Mensch ist «das Tier, das sich selbst produziert». Das hatte eigentlich auch schon Hegel gesehen. Marx erkennt ausdrücklich an, dass Hegel die Arbeit als das Wesen des Menschen fasst. Aber Hegel, auf Grund seiner idealistischen Einstellung, der alles nur als Selbstbewegung der Idee erschien, fasste auch die Arbeit nur als abstrakte Gedankenarbeit, anstatt im sinnlich gegenständlichen Sinne. Die Arbeit in diesem Sinne ist aber gerade das, was den Menschen (nicht den Geist) sich selber «entfremdet». In der Arbeit schafft der Mensch ein Äusseres, vergegenständlicht er sein eigenes Wesen. Dieses Äussere tritt ihm nun nicht nur als ein selbständiges gegenüber, sondern, gleichsam nach dem Gesetz der Überwucherung des Mittels über den Zweck, es beginnt ihn zu beherrschen und an der Verwirklichung seiner wahren Bestimmung zu hindern. Diese Bestimmung heisst Freiheit. Vor allem kommt dies an der Erscheinung des Staates zum Vorschein, der der Gesellschaft jetzt als Selbstzweck gegenübertritt. Das steht im Widerspruch zur wahren Idee eines menschlichen Gemeinwesens, in welchem der Staat nicht als ein Fremdes, als Bürokratie, dem Menschen gegenübersteht, sondern bei dem Mensch-Sein und Bürger-Sein eins sind. Das nennt Marx die «wahre Demokratie». Dieser Gedankengang liegt nun dem ganzen späteren Werk von Marx zugrunde, welches sich in folgenden drei dialektischen Stufen entfaltet:

1. Erkenntnis der wahren Idee des menschlichen Gemeinwesens; Erkenntnis aller bisherigen Geschichte als einer Geschichte der (fortschreitenden Selbstentfremdung des Menschen.

2. Kritik, Messen der gesellschaftlichen Wirklichkeit am Ideal des Gemeinwesens und an der wahren Bestimmung des Menschen. Aufgabe der Kritik ist es dabei, die in der Wirklichkeit vorhandenen Widersprüche aufzuweisen und so die auf Überwindung dieser Widersprüche hintreibende Entwicklung zu fördern.

3. Handeln: Idee und Wirklichkeit müssen versöhnt werden. Die Idee muss in die Wirklichkeit überführt werden. Das nennt Marx die «Aufhebung der Philosophie durch ihre Verwirklichung». Das heisst: Für Hegel kehrte die Idee aus ihrer Entäusserung in sich selbst zurück. Es blieb aber eine nun gleichsam von der Idee verlassene Wirklichkeit zurück. Die Aufhebung der Selbstentfremdung muss aber nicht in der «Idee», sondern in der Wirklichkeit erfolgen. Erfolgt sie, so würde Philosophie als von der Wirklichkeit getrennte Lehre aufhören, überflüssig werden. So würde die Philosophie durch ihre Verwirklichung aufgehoben und in ihrer Aufhebung verwirklicht.

Gegenüberstellung Marx-Hegel:

1. Marx sieht wie Hegel in der gesamten Weltgeschichte einen von einheitlichem Gesetz beherrschten und auf ein Endziel hinstrebenden Prozess.

2. In diesem Prozess ist für Marx wie für Hegel das jeweils tatsächlich Gewordene auch «vernünftig» in dem Sinne, dass es das notwendige – freilich alsbald zu überwindende – Durchgangsstadium des Gesamtprozesses darstellt.

3. Hinter der realistischen und materialistischen Erkenntnis der Wirklichkeit steht bei Marx – wie zwei sozialistische Marxforscher formuliert haben – «ein idealer Glaube an die wirkliche und vollständige Vereinigung von Idee und Wirklichkeit, von Vernunft und Wirklichkeit». Zitatende
 

wirena

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert

Positivismus, Materialismus, Marxismus



IV Karl Marx, 1818-1883

3. Der historische Materialismus

Was bedeutet es nun, den dialektischen Materialismus auf das gesellschaftliche Leben anzuwenden? Lenin sagt: «Erklärt der Materialismus überhaupt das Bewusstsein aus dem Sein und nicht umgekehrt, so fordert der Materialismus in seiner Anwendung auf das gesellschaftliche Leben der Menschheit die Erklärung des gesellschaftlichen Bewusstseins aus dem gesellschaftlichen Sein». Das heisst: Für den Materialismus ist die Materie das allein Wirkliche. Das denkende Bewusstsein ist nur ein Spiegel dieser Wirklichkeit. In gleicher Weise musss im gesellschaftlichen Leben das gesellschaftliche Sein das einzig Wirkliche sein. Das gesellschaftliche Bewusstsein – Ideen, Theorien, Anschauungen usw. – ist nur ein Spiegelbild dieser Wirklichkeit. Um also die treibenden Kräfte im gesellschaftlichen Leben zu erkennen, darf man nicht auf Ideen und Theorien sehen. Diese sind nur Spiegelbild, «ideologischer Überbau» der Wirklichkeit. Man muss die materielle Basis des gesellschaftlichen Lebens aufsuchen. Wie die Lebensweise der Menschen, so ist ihre Denkweise.

Welches ist aber nun die eigentliche Basis des gesellschaftlichen Lebens, gewissermassen die «Materie» in ihm?
Natürlich gehören zu den materiellen Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens die äusseren geographischen Bedingungen sowie Wachstum und Dichte der Bevölkerung. Beide sind aber nicht das bestimmend Element. Sie reichen nicht aus, zu erklären, warum in einem bestimmten Lande zu bestimmter Zeit gerade diese bestimmte Gesellschaftsform herrscht. Das bestimmende Element ist die Produktionsweise der materiellen Güter. In der Güterproduktion wirken zwei Faktoren zusammen: einerseits die materiellen Produktivkräfte. Darunter versteht Marx die Rohstoffe, Produktionsinstrumente (Werkzeuge, Maschinen), Arbeitsfertigkeit und Arbeitserfahrung der arbeitenden Bevölkerung. Die Lehre von den Produktivkräften handelt also von de Naturkräften und den zu ihrer Verarbeitung benutzen materiellen Instrumenten, kurz vom Verhältnis des Menschen zu den natürlichen Grundlagen seiner Produktion. Die Menschen wirken aber auf die Natur nicht als isolierte Einzelne ein. Sie wirken vielmehr stets zusammen. Sie treten damit untereinander in bestimmte Verhältnisse und Beziehungen. Diese Seite des Produktionsprozesses, die Verhältnisse der Menschen untereinander in der Produktion also, nennt Marx zusammenfassend die Produktionsverhältnisse – was also im Wesentlichen gleichbedeutend ist mit den jeweiligen Eigentumsverhältnissen. Die Produktionsweise als Ganzes steht keinen Augenblick still. Die Veränderungen gehen dabei immer von den Produktivkräften aus, durch Erschliessung neuer natürlicher Quellen oder, insbesondere, durch neue Erfindungen bei den Instrumenten der Produktion. Veränderungen der Produktivkräfte erfordern immer auch Veränderungen der Produktionsverhältnisse. Früher oder später müssen die Produktionsverhältnisse dem Stand der Produktivkräfte angepasst werden. Geschieht das nicht, so wird der Produktionsprozess gestört. Es kommt zu Krisen. Im Endergebnis aber muss diese Anpassung immer erfolgen. So erforderten die fortschreitende Entfaltung der Produktivkräfte in der Geschichte den Übergang zuerst von der Urgemeinschaft zur antiken Sklaverei, von da zum Feudalismus, von da zur kapitalistischen Gesellschaft. Alle diese Stufen waren notwendige Stadien der Entwicklung, Jede bedeutete einen Fortschritt gegenüber der vorhergehenden. Eines aber ist allen diesen Systemen gemeinsam. In allen waren die Produktionsverhältnisse so, dass die Produktivkräfte: Grund und Boden, Maschinen usw., im Besitz Einzelner oder einzelner Gruppen der Gesellschaft waren.
  • In der Sklaverei war der Sklavenhalter Herr über Tod und Leben seiner Sklaven.
  • Im Feudalismus hatte der Grundherr das Alleineigentum am Boden
  • In der Leibeigenschaft ein gegen die Sklaverei beschränktes Eigentumsrecht an den Arbeitenden
  • In der kapitalistischen Ordnung hat der Produzent das Alleineigentum an den materiellen Produktionsmitteln. Der Lohnarbeiter ist hier «frei». Er ist frei im doppelten Sinne: persönlich unabhängig, aber auch «frei» von jeglichem Produktionsmittel und damit gezwungen, seine Arbeitskraft, um leben zu können, wie eine Ware zu verkaufen. Die Entwicklung der Industrie erforderte einen Stamm von intelligenten, freien Lohnarbeitern. Die Ausbeutung besteht auch hier.
Alle bisherige Geschichte ist somit eine Geschichte von Klassenkämpfen – wie der erste Satz des Kommunistischen Manifestes lautet.

Alles, was nun in der Gesellschaft noch ausserhalb dieser Basis der Produktionsweise vorhanden ist, also politische oder juristische Verhältnisse und Ordnungen, Anschauungen, Theorien, Kunst, Philosophie, auch die Religion, all dies ist nur ein ideologischer Überbau
, der sich langsamer oder rascher mit den Veränderungen der wirtschaftlichen Grundlage mit umwälzt. Das ist der Ursprung jeder «Ideologie». Denksysteme und Anschauungen sind stets ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Lage. Demnach hat jede Klasse ihre eigne Ideologie. Der Kampf der Theorien ist nur das Abbild des sozialen Klassenkampfes. Die reaktionären Ideologien der herrschenden Klassen ringen mit den fortschrittlichen Ideologien der aufstrebenden Klassen.


4. Das Kapital
Störig erwähnt, dass er auf dieses umfangreiche, nicht leicht zu lesende Werk, auf die nationalökonomischen Einzelheiten nicht eingehen kann, aber versuchen wird aufzuzeigen, wie Marx das geschichtliche Erkannte konsequent auf die kapitalistische Gesellschaftsordnung anwendet. Zitat:

«Das Bild des Klassenkampfes ist hier insofern vereinfacht, als sich im Wesentlichen nur noch zwei Klassen gegenüberstehen: die Kapitalistischen, die im Besitz der Produktionsmittel sind, und das Proletariat, das nur seine Arbeitskraft besitzt und vom Kapitalismus ausgebeutet wird. Die Ausbeutung geschieht hier mittels des sogenannten Mehrwertes. Der Arbeiter schafft nämlich mit seiner Arbeit mehr an Werten, als er als Lohn ausgehändigt erhält…. Als Arbeitsentgelt erhält er gerade so viel, wie nötig ist, um dem Kapitalisten seine Arbeitskraft zu erhalten. Da er auf den Verkauf seiner Arbeitskraft angewiesen ist, muss er diese Bedingung hinnehmen. Der von ihm produzierte Mehrwert fliesst dem Kapitalisten als Profit zu… Die Übereinstimmung zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen muss also hergestellt werden durch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, durch die «Expropriation der Expropriateure», die Enteignung der Enteigner, welche vorher die Produktionsmittel an sich gebracht hatten, zugunsten der Gesellschaft. Indem aber das Proletariat, dessen weltgeschichtliche Aufgabe die Durchführung dieser Revolution ist, die Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum überführt, wird nicht mehr ein neuer Klassenkampf an die Stelle des alten treten. Die sozialistische Gesellschaft wird vielmehr, da die Produktionsmittel allen gemeinschaftlich gehören, vom Klassenkampf und Ausbeutung überhaupt frei sein – sie wird eine klassenlose Gesellschaft sein. Diesen Zustand herbeizuführen, ist die Aufgabe der proletarischen Revolution. Es ist folgerichtig, dass Marx seine praktische Aufgabe in der Organisierung und Förderung der Revolution, in der Zusammenfassung und Schulung des Proletariats für diese Aufgabe erblickte.» Zitatende


5. Zur Bedeutung und Nachwirkung
….In der weiteren Entwicklung des Marxismus haben sich zwei Richtungen herausgebildet.

- Der «revisionistische» Sozialismus der sozialdemokratischen Parteien (wenigstens auf dem Kontinent, der englische Sozialismus hat seine Grundlage nicht in Marx), welcher die sozialistische Ordnung durch allmähliche Reform herbeiführen will

- und der revolutionäre Kommunismus, der in der Sowjetunion mit der Revolution von 1917 zur Macht gelangte. Er hat dort im Leninismus und ebenso im Stalinismus eine dem Fortschreiten der historischen Entwicklung entsprechende ideologische Weiterentwicklung erfahren.

Leninismus ist Marxismus vereint mit dem, was Lenin hinzugetan hat. Dieses ist zweierlei. Die Anwendung des Marxismus auf die besonderen Verhältnisse Russlands und die Weiterbildung der Theorie und Taktik der proletarischen Revolution, die notwendig wurde in dem Augenblick, als der Marxismus bereits in einem Lande gesiegt hatte.

Stalinismus ist die Form, die der Kommunismus angenommen hat im Zeitalter der fortschreitenden Festigung der bolschewistischen Herrschaft in der Sowjetunion und des Kampfes der Sowjetunion mit ihrer Umwelt. Mit Stalins Tod hat eine neue Bewegung im marxistisch-leninistischen Denken eingesetzt, angeregt u.a. durch die allgemeine Auflockerung im Vergleich zur starren Diktatur Stalins und durch das beginnende Eingreifen der chinesischen Kommunisten in die theoretische Diskussion.

Marx hat die Bedeutung der ökonomischen Grundlage des gesellschaftlichen Lebens, die Tatsache des Klassenkampfes in der Geschichte und den Einfluss dieser Faktoren auf die kulturelle und geistige Entwicklung zum ersten Mal in voller Tragweite erkannt
. Auch seine Gegner bestreiten nicht, dass dies eine ganz grundlegende Erkenntnis ist. Hier liegt sein grosses und bleibendes Verdienst.

Wie es oft bei grossen neuen Erkenntnissen zu geschehen pflegt, hat diese Erkenntnis vom Geist ihres Entdeckers so ausschliesslich Besitz ergriffen, dass er sie zum alleinigen Ausgangspunkt seiner Welterklärung machte. Sehen wir ab von den erkenntnistheoretischen Einwänden, denen Marx System wie jeder andere materialistische Monismus ausgesetzt war, so hat dies – nicht die Marxsche Einsicht als solche, sondern ihre Erhebung zur allein bestimmenden, ja ihre Verabsolutierung zu einer ganzen Weltanschauung – den Hauptansatzpunkt für die philosophische Kritik am Marxismus gebildet. (Nur mit dieser haben wir es hier zu tun, nicht mit den heutigen sich auf Marx berufenden politischen Bewegungen und Systemen). Ihre Hauptgesichtspunkte sind:

- erstens: dass man geistigen Erscheinungen und Werten, insbesondere der Religion und der Kunst, nicht gerecht wird, wenn man sie nur als Überbau und Spiegelbild ökonomischer Vorgänge ansieht, dass es ziemlicher Gewaltsamkeit bedarf, sie nur als solche zu interpretieren;

- zweitens: dass diese Einseitigkeit – verstärkt durch Marx auch aus gefühlsmässigen Quellen gespeiste Feindseligkeit gegen das herrschende Gesellschaftssystem – ihn nur den Weg des totalen revolutionären Umsturzes sehen liess, wobei er von dem optimistischen Glauben ausging, dass dieser und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel allein ausreichen würden, um den menschlichen Egoismus und jegliche Ausbeutung zu beseitigen;

- drittens: dass die Entwicklung in dem seit Marx verflossenen Jahrhundert sowohl in den kapitalistischen wie in den marxistisch regierten Staaten einen anderen Verlauf als den von Marx vorausgesagten genommen hat.» Zitatende
 
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wirena

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Anmerkung von mir: zu Karl Marx, 4. Kapital

…phuu, was ich da so lese und schreibe unter Karl Marx, 4. Das Kapital, gibt mir schon zu denken. Da fühle ich Ärger -

Zitat: «Als Arbeitsentgelt erhält er gerade so viel, wie nötig ist, um dem Kapitalisten seine Arbeitskraft zu erhalten». Zitatende

…nicht einmal das heute in der Schweiz!
Kommen mir doch die «Workingpoors» in den Sinn, die in der Schweiz 100% Arbeiten und dennoch vom Sozialamt, vom Staat/den Steuerzahlern unterstützt werden müssen, da sie ihren Lebensbedarf, den Lebensbedarf ihrer Familie nicht decken können…

Zur Vermögensverteilung folgenden Link und Zitate in der Schweiz und Deutschland:

Schweiz

Zitat: Die Vermögenskonzentration im Detail gliedert sich laut Daten der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) und der ETH Zürich wie folgt:
  • Das reichste 1 %: Besitzt ca. 45,8 % des steuerbaren Vermögens. Um zu diesem obersten Prozent zu gehören, ist ein Vermögen von rund 8 Millionen CHF nötig.
  • Die reichsten 10 %: Besitzen zusammen schätzungsweise 75 % des gesamten Vermögens.
  • Die restlichen 90 %: Teilen sich die verbleibenden 25 %

Quelle Deutschland


https://www.tagesschau.de/wirtschaft/finanzen/superreiche-deutschland-vermoegen-100.html

Zitat: Mehr Superreiche in Deutschland Kleine Elite, riesiger Reichtum
Stand: 27.05.2026 • 11:39 Uhr

Wer mehr als 100 Millionen Dollar besitzt, gilt als superreich. In Deutschland gehören Tausende Menschen dazu - Tendenz steigend, wie eine Studie zeigt. Zusammen mit den Multimillionären halten sie über die Hälfte des Finanzvermögens.

Rund 5.000 Superreiche besitzen nach Berechnungen der Boston Consutling Group (BCG) mehr als ein Viertel des Finanzvermögens in Deutschland. Der Unternehmensberatung zufolge ist die Zahl der Menschen, die hierzulande mehr als 100 Millionen Dollar besitzen, 2025 um rund 1.100 gegenüber dem Vorjahr gestiegen.

Ihnen gehören 27,3 Prozent des Finanzvermögens von 12,4 Billionen Dollar, also knapp 3,4 Billionen Dollar. Das zeigt der aktuelle "Global Wealth Report Zitatende

….ja, und dazu kommt, dass der erdnahe Weltraum, der Orbit ebenfalls zum Wirtschaftsraum geworden und vermüllt ist, Satelliten werden weiter produziert, in der Umlaufbahn platziert, die Triebwerkteile der Raketen dafür kommen bereits aus dem 3 D-Drucker etc. etc. – in die Gedanken, wohin das noch führen wird, mag ich mich zur Zeit gar nicht vertiefen – wir haben es ja bereits geschafft unsere Erde zu vermüllen, bis in die Nahrungskette…und dies werden wir auch auf neue Weise auf dem Mond schaffen; ganz abgesehen von den vorhandenen Rohstoffen die Begehrlichkeiten wecken…neue Klassen-/Machkämpfe sind vorprogrammiert…
 

wirena

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Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen «kleine Weltgeschichte der Philosophie» von Hans Joachim Störig


Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Schopenhauer und Nietzsche




I. Arthur Schopenhauer, 1788-1860

1. Leben, Persönlichkeit, Werke

Arthur Schopenhauer wurde 1788 als Sohn eines Danziger Grosskaufmanns in Danzig geboren. Fünf Jahre nach seiner Geburt siedelte der Vater nach Hamburg über. Das neune bis elfte Lebensjahr verbrachte der junge Schopenhauer bei einem Geschäftsfreund des Vaters in Le Havre. Er lernte dort die französische Sprache perfekt beherrschen. Später nahmen ihn die Eltern auf ausgedehnte Reisen unter anderen nach Belgien, Frankreich, Schweiz und Deutschland mit. Die Nachwirkungen der dabei empfangenen grossartigen Natureindrücke, besonders vom Meer und den Alpen, sind in den späteren Werken Schopenhauers zu verspüren. Ein sechsmonatiger Aufenthalt in England machte ihn mit der englischen Sprache und Literatur gründlich vertraut. Bis an sein Lebensende las er täglich die «Times». Auf Wunsch seines Vaters begann er mit sechzehn Jahren eine kaufmännische Lehre in Hamburg, obwohl er sich schon damals für wissenschaftliche Arbeiten interessierte. Kurz nach dem Tod seines Vaters, zog die zwanzig Jahre jüngere Mutter, Johanna Schopenhauer, die als Romanschriftstellerin berühmt war, nach Weimar um. Ihr dortiges Haus würde zu einem geistigen und gesellschaftlichen Mittelpunkt. Goethe, Wieland, die beiden Schlegel und viele andere bedeutende Männer verkehrten hier. Arthur Schopenhauer gab den kaufmännischen Beruf auf und eignete sich in kurzer Zeit durch Privatunterricht in Gotha und Weimar die notwendigen Kenntnisse für den Eintritt in die Universität an. 1809 begann er an der Universität Göttingen ein Medizinstudium, das er jedoch bald zugunsten der Philosophie aufgab. Die erhaltenen Kolleghefte zeigen, dass er ausser philosophischen und philologischen Fächern auch Chemie, Physik, Botanik, Anatomie, Physiologie, Geographie und Astronomie studierte. Die Randbemerkungen seiner Hefte zeugen von der spöttischen Überlegenheit, mit der der Student Schopenhauer, den Lehrern der damaligen Philosophie, insbesondere Fichte, bereits gegenübertrat. So schrieb er zu Fichtes Wissenschaftslehre, es müsste wohl richtiger Wissenschaftsleere heissen, und setzte hinzu das Shakespear-Wort: «Ist es gleich Wahnsinn, hat es doch Methode». Den Doktortitel der Philosophie erhielt Arthur Schopenhauer 1813 an der Universität Jena mit der Arbeit, Zitat:

- Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde

Eine vorübergehende patriotische Begeisterung beim Ausbruch der Freiheitskriege erlahmte schnell. Nach der Rückkehr nach Weimar zog Goethe den jungen Schopenhauer eng an sich heran. Vor allem führte er ihn in seine Farbenlehre ein. Ferner wurde Schopenhauer hier durch einen Orientalisten erstmals mit dem indischen Altertum vertraut gemacht.

Die freie Lebensführung seiner Mutter verstimmte den jungen Schopenhauer so sehr, dass es zu immerwährenden Streitigkeiten zwischen beiden kam
…Als er der Mutter die Dissertation überreichte, spottete sie: «Das ist wohl ein Buch für Apotheker…Schopenhauer trennte sich endgültig von der Mutter und hat sie niemals wiedergesehen. Er verliess Weimar und lebte zunächst vier Jahre in Dresden. Dort entstand die Abhandlung

- Über das Sehen und die Farben (1816)

dann sein Hauptwerk

- Die Welt als Wille und Vorstellung (1819)


Es folgten zwei Reisen nach Rom, Neapel und Venedig, Schopenhauer lebte von seinem ererbten Anteil am väterlichen Vermögen. Mit Sparsamkeit und ausserordentlichem Geschick hat er diesen durch sein ganzes Leben zu erhalten und zu mehren verstanden. So blieb er stets frei ….auch von der Notwendigkeit, als beamteter Lehrer seine Ansichten irgendwelchen staatlichen und sonstigen Gegebenheiten anzupassen…Zunächst aber machte er selbst den Versuch, Professor zu werden. 1820 habilitierte er sich in Berlin. Der höchst selbstbewusste angehende Dozent, der schon bei der Abreise nach Italien in einem Gedicht geschrieben hatte: «Ein Denkmal wird die Nachwelt mir errichten!» legte seine Kollegs so, dass sie zeitlich mit denen des berühmten Hegels zusammenfielen, in der Erwartung, dass die Hörer ihm zulaufen würden. Das Gegenteil trat ein. Schopenhauer zog sich nach dem ersten Semester verärgert zurück. Er verbrachte die nächsten zehn Jahre in Italien, Dresden und wieder in Berlin, aber ohne zu lesen. Als 1831 die Cholera in Berlin ausbrach – der Hegel erlag -, flüchtete Schopenhauer und machte erst in Frankfurt am Main halt. Hier liess er sich nieder, und hier blieb er bis zu seinem Tode.

Schopenhauers Hauptwerk blieb zwei Jahrzehnte lang völlig unbeachtet. Sechzehn Jahre nach dem Erscheinen teilte ihm der Verleger mit, dass der grössere Teil der Erstauflage als Altpapier verkauft würde. Trotzdem entschloss sich Schopenhauer zur Herausgabe einer um einen zweiten ergänzenden Band vermehrten Neuauflage, die 1844 erschien
. Seine nicht zahlreichen übrigen Schriften sind:

- Über den Willen in der Natur (1836)
- Die beiden Grundprobleme der Ethik (1841) enthaltend die beiden Abhandlungen
- Über die Freiheit des Willens und
- Über das Fundament der Moral;


und die beiden Bände

- Parerga und Paralipomena - Nebenwerke und Ergänzungen (1851).

Dieses heute verbreiteste populäre Werk enthält kleinere Abhandlungen über die verschiedensten Themen, u.a. die berühmten « Aphorismen zur Lebensweisheit». Sie vermitteln ein überaus anschauliches Bild von Schopenhauers Art zu denken und zu schreiben, jedoch keine Einführung in das System.
Für dieses geistreiche und volkstümliche Werk erhielt Schopenhauer als Ganzes Honorar zehn Freiexemplare.

Nach Schopenhauers Wort ist der Charakter vom Vater erblich, die Intelligenz hingegen von der Mutter. Auf ihn selber trifft das unbedingt zu.
Der Vater war ein Mann von strengem, etwas starrsinnigem Charakter, stolz und unbeugsam, ein Republikaner, der es trotz der ihm von Friedrich dem Grossen angebotenen Privilegien ablehnte, sich in Preussen niederzulassen und einem König untertan zu sein… Die Mutter war eine geistreiche, lebhafte, etwas leichtsinnige, nicht sehr tief angelegte Natur, unglücklich in der Ehe, nach dem Tode ihres Mannes in Weimar ein offenes Haus führend…. Ein starkes Triebleben, ein leidenschaftlicher Wille auf der einen Seite, ein wacher Intellekt, verbunden mit einem tiefen Blick für das Schöne der Natur, aber auch für das Leiden der Kreatur andererseits – das sind die beiden Hauptelemente von Schopenhauers Charakter, die fortwährend miteinander im Kampfe lagen. In seiner Philosophie, nach welcher die Welt einerseits Wille, blinder Trieb, andererseits Vorstellung – Anschauung und Erkenntnis – ist, finden wir sie wieder. Und der lebenslange Kampf, den Schopenhauer eine Hälfte gegen seine ihn ewig beunruhigende Sinnlichkeit führte, spiegelt sich in der Schopenhauerschen Lehre von der Verneinung des Willens und seiner pessimistischen Geringschätzung der irdischen Glücksgüter und Genüsse. Schopenhauer war ein Genie. Aber er wusste es sehr genau und sprach es häufig mit einer für den Leser etwas peinlichen Deutlichkeit aus. Er war nicht bescheiden….Leidenschaftliches Verlangen nach Ruhm und Anerkennung lag in ihm ständig im Widerstreit mit Welt- und Menschenverachtung

Schopenhauer hatte das Glück, seine Überzeugung von dem unvergänglichen Wert des von ihm Geschaffenen im Alter noch selbst bestätigt zu sehen. Etwa ab 1850 wurde der Bann des Schweigens um sein Werk gebrochen
. Vor allem die Enttäuschung, die in Deutschland und anderswo auf die missglückte Revolution 1848 folgte, machte die Geister für Schopenhauers pessimistische Weltansicht aufnahmebereit. Eine Woge des Pessimismus ging durch die europäische Literatur. Die Herrschaft der Hegelschen Schule war zu Ende gegangen. Der Neid der hegelianischen Philosophie-Professoren, auf den Schopenhauer alle Schuld an seinem Verhängnis geschoben hatte, stand ihm nicht mehr im Wege. Es waren allerdings nicht die Universitäten, die sich für Schopenhauers Philosophie zuerst öffneten. Angehörige der verschiedensten praktischen Berufe, einzelne Gelehrte und Freunde, vor allem Julius Frauenstädt, verbreiteten zuerst die Kenntnis von ihr. Vor allem auch hatten Schopenhauers Gedanken eine tiefe Wirkung auf Kunst und Künstler. Die Musik Richard Wagners, jedenfalls in der ersten Periode seines Schaffens, war ganz vom dunklen pessimistischen Geiste Schopenhauers erfüllt…. Der alternde Schopenhauer las gierig alles, was über ihn geschrieben wurde….Aber als er sich gerade in der Sonne der endlich erlangten Anerkennung und Bewunderung wärmte, ereilte ihn der Tod. 1860 erlag er unerwartet einem Herzschlag. Sein ganzes Vermögen hatte er testamentarisch wohltätigen Stiftungen vermacht. Die schwarze Marmorplatte auf seinem Grab trägt nur seinen Namen. Zitatende


2. Die Welt als Wille und Vorstellung
In seinem Hauptwerk hat Schopenhauer als junger Mensch in einem einzigen genialen Wurf seine ganze Philosophie dargelegt. Alles, was er sonst geschrieben hat, ist nur Kommentar dazu und Weiterbildung in Einzelheiten
. Was das Buch enthält, ist, wie Schopenhauer selbst sagt, im Grunde nur ein einziger Gedanke. «Dennoch konnte ich, aller Bemühungen ungeachtet, keinen kürzeren Weg ihn mitzuteilen finden, als dieses ganze Buch». Dieser Gedanke ist nach Schopenhauer dasjenige, was man unter dem Namen der Philosophie zu allen Zeiten bisher vergeblich gesucht hat. Er erscheint, je nachdem, von welcher Seite man ihn betrachtet, als Metaphysik (in den ersten beiden Büchern), als Ethik (im dritten Buch) und als Ästhetik (im vierten Buch). Er ist aber ein einziges organisches Ganzes. Er ist treffend schon im Titel des Buches ausgedrückt: Die Welt ist Wille und Vorstellung. Zitat:

a) Die Welt als Vorstellung. «Die Welt ist meine Vorstellung» - mit diesem Satz beginnt Schopenhauers Buch.
Wenn irgendeine Wahrheit a priori ausgesprochen werden kann, so ist es diese. Wir kennen diesen ersten Teil der These Schopenhauers bereits, denn er ist nichts anderes als die Kantsche Lehre, dass uns alle Dinge nur als Erscheinungen gegeben sind…Schopenhauer selbst bezeichnet Kants Lehre als die Eingangspforte zu seiner eigenen Philosophie….Kants grösstes Verdienst ist die Unterscheidung der Erscheinung vom Ding an sich. Es ist im Grunde die gleiche Wahrheit, die Platon so ausgedrückt hatte, dass die den Sinnen erscheinende Welt kein wahres Sein habe; dasselbe, was Platon im Höhlengleichnis versinnbildlichen wollte. Es ist auch die gleiche Wahrheit, welche in den indischen Veden so ausgedrückt wird, dass diese sichtbare Welt ein wesenloser Schein, Schleier, Illusion, kurz Maya sei. So sehr Schopenhauer dieses Verdienst Kants unterstreicht, so hat er doch in Einzelheiten eine ganze Menge an seiner Philosophie auszusetzen. Er stellt die einzelnen Einwände zusammen in der

- Kritik der Kantischen Philosophie


welche den Schluss des ersten Bandes des Hauptwerkes bildet. Die Kritik richtet sich besonders gegen das Kant nach Schopenhauer eigene Bedürfnis nach symmetrischem Aufbau aller seine Gedanken und Werke. Dieses hat Kant oft verführt, «blinde Fenster» um der Symmetrie willen einzusetzen und zum Beispiel in der Tafel der Kategorien und Urteilsformen, das Gegebene in ein Prokrustesbett einzuspannen. Störig erwähnt, dass er auf Einzelheiten, in denen Schopenhauers Erkenntnislehre von der Kants abweicht, verzichten will und stattdessen nur den entscheidenden Punkt bezeichnen möchte, der den Hauptunterschied beider Denker ausmacht, um zum zweiten Teil der Grundthese Schopenhauers hinüberzuleiten. Dieser ist das «Ding an sich». Schopenhauer macht sich den tatsächlich schwer anfechtbaren Einwand von G.E. Schulze zu eigen, dass Kant zum Ding an sich durch einen Kausalschluss komme, also durch Anwendung einer Kategorie, die nach ihm selbst – und auch nach Schopenhauer – nur innerhalb des Bereichs der Erscheinungen gilt. Hier gilt sie allerdings unbedingt, auch für Schopenhauer. Kausalität ist neben den Formen des Raumes und der Zeit für ihn sogar diejenige Grundform, auf die sich alle anderen «Kategorien» Kants zurückführen lassen. Aber von der Welt als Vorstellung aus führt kein Weg über die Vorstellung hinaus zu einem Ding an sich. Dass die Welt Vorstellung ist, ist nun zwar unwiderleglich. Es ist aber doch einseitig, sie nur als solche zu betrachten. Das zeigt schon das unwillkürliche Widerstreben, das jeder empfindet, wenn ihm zugemutet wird, die ganze Welt als eine blosse Vorstellung zu nehmen.

Nach Kant gibt es keine Metaphysik. Kant versteht dabei Metaphysik im Sinne der ihm vorausgehenden dogmatischen Philosophie als Wissenschaft von demjenigen, was jenseits der Möglichkeit aller Erfahrung liegt. Ist es aber nicht vielleicht ein ganz falscher Ausgangspunkt, zu sagen, dass die Quelle der Metaphysik auf keinen Fall empirisch sein dürfe, dass ihre Grundsätze auf keinen Fall aus äusserer oder innerer Erfahrung hergenommen werden dürfen? Warum soll die Lösung des Rätsels, als das die Welt und unser eigenes Dasein vor uns stehen, nicht aus dem gründlichen Verständnis dieser Welt selbst genommen werden, sondern in etwas anderem, a priori Gegebenen gesucht werden? Das würde ja heissen, dass die Lösung des Rätsels der Welt aus ihr selbst heraus schlechterdings nicht gefunden werden könne. Wir haben aber keinen Grund, uns bei dieser wichtigsten und schwierigsten aller Fragen unsere hauptsächliche Erkenntnisquelle, die äussere und innere Erfahrung, von vornherein zu verstopfen. Die Lösung muss vielmehr aus dem gründlichen Verständnis der Welt selbst hervorgehen. Man muss nur äussere und innere Erfahrung am rechten Punkt verknüpfen, Das ist der Weg Schopenhauers. Es ist also nicht der vorkantischen Dogmatik, aber auch nicht der der Kantischen Verneinung der Metaphysik. Er liegt in der Mitte zwischen beiden. Welches ist aber der «rechte Punkt», an dem wir anknüpfen müssen?

b) Die Welt als Wille. Von aussen ist dem Wesen der Dinge nicht beizukommen
. Wie weit man auch forscht, man gewinnt nur Bilder und Namen. Man gleicht einem Menschen, der um ein Haus herumgeht, ohne den Eingang zu finden, und so immer nur die Fassaden sieht. Die einzige Stelle, die uns einen Zugang in das Innere der Welt ermöglicht, liegt in uns selbst, liegt im Individuum. Dem einzelnen ist sein Leib auf zwei ganz verschiedene Weisen gegeben: einmal als Vorstellung in verständiger Anschauung, eingeordnet als Objekt unter Objekten in den Kausalzusammenhang aller Erscheinungen; «sodann aber auch zugleich auf eine ganz andere Weise, nämlich als jenes jedem unmittelbar Bekannte, welches das Wort Wille bezeichnet.»

Der Willensakt und die Aktion des Leibes sind nicht zwei ursächlich verknüpfte verschiedene Dinge. Sie sind ein und dasselbe.
Die körperliche Handlung ist nur der objektivierte, das heisst in die Anschauung getretene Akt des Willens. Der Leib ist der in Raum und Zeit objektivierte Wille. Diese Erkenntnis ist die unmittelbarste, die möglich ist; sie kann nicht aus einer anderen hergeleitet werden. Sie ist die eigentliche philosophische Wahrheit. Diese Wahrheit gilt zunächst für den Menschen. Das Wesen des Menschen liegt nicht in Denken, Bewusstsein, Vernunft. Dieser uralte Irrtum, zumal aller Philosophen, ist zu beseitigen. Das Bewusstsein ist bloss die Oberfläche unseres Wesens. Nur sie kennen wir allerdings deutlich, so wie wir vom Erdkörper nur die äussere Oberfläche kennen. Unsere bewussten Gedanken sind nur die Oberfläche eines tiefen Wassers. Die Entstehung unserer Urteile geschieht gewöhnlich nicht durch Verkettung deutlicher Gedanken nach logischen Gesetzen – obwohl wir uns und anderen dies gerne einreden. Sie geschieht in der dunklen Tiefe; sie geht beinahe so unbewusst vor sich wie die Verdauung. Zu unserer eigenen Verwunderung steigen uns Einfälle und Entschlüsse auf, gerade vom Entstehen unserer tiefsten Gedanken können wir uns keine Rechenschaft geben. In diesem unserem geheimnisvollen Inneren aber ist es der Wille, der seinen Diener, den Intellekt, antreibt. Der Wille ist wie ein starker Blinder, der einen Sehenden, aber Gelähmten, auf seinen Schultern trägt. Die Menschen werden nur scheinbar von vorn gezogen, in Wirklichkeit aber von hinten geschoben. Sie sind getrieben von dem unbewussten Willen zum Leben. Dieser Wille allein ist schlechthin unwandelbar, er liegt allen unseren Vorstellungen wie ein durchgehender Grundbass zugrunde. Auch das Gedächtnis ist nur die Magd unseres Willens.

Auch was wir Charakter nennen, ist durch den Willen bestimmt.
Der Wille baut den Charakter wie den Leib des Menschen. – Deshalb verheissen auch alle Religionen einen jenseitigen Lohn für die Vorzüge des Herzens, für den guten Willen, nicht über für die Vorzüge des Kopfes, für einen guten Verstand. Alle bewussten Funktionen des Menschen ermüden und brauchen Schlaf. Der Wille allein ist unermüdlich. Was sich unbewusst vollzieht, wie die Arbeit des Herzens und die Atmung, ermüdet nie. Unser bewusstes Leben ist nur dem Schlafe abgerungen. Der Schlaf ist ein Stück Tod, das wir vorschussweise erborgen. Aber nicht nur der Mensch ist seinem Wesen nach Wille. Das Wesen aller uns in Raum und Zeit umgebenden Erscheinungen müssen wir nach Analogie des Menschen als Objektivation eines Willens deuten. Zunächst im organischen Leben. Aber Wille verbirgt sich auch hinter den Erscheinungen der unbelebten Natur. Die Kraft, die die Planeten bewegen, die die Stoffe sich chemisch anziehen und abstossen lässt, ist der unbewusste Weltwille.

Im Reich des Lebens ist die stärkste Äusserung des Willens zum Leben der Trieb zur Fortpflanzung. Er überwindet sogar den (individuellen) Tod. Sobald für die Selbsterhaltung gesorgt ist, strebt das Lebewesen nach Fortpflanzung, nach Erhaltung der Gattung. Der Wille zeigt sich hier fast ganz unabhängig von der Erkenntnis. Hat Erkenntnis beim Menschen ihren Sitz im Gehirn, so sind die Genitalien, der Sitz des Geschlechtstriebes der eigentliche Brennpunkt des Willens und der Gegenpol des Gehirns. Schopenhauers Ausführungen über die «Metaphysik der Geschlechtsliebe» gehören zu den berühmtesten Partien seines Werkes… Was zwei Individuen verschiedenen Geschlechts mit so unwiderstehlicher Gewalt zueinander zieht, ist der in der Gattung sich darstellende Wille zum Leben. Die Liebe ist ein Täuschungsmittel der Natur zu dem alleinigen Zweck der Erhaltung der Gattung…. Jeder liebt das was ihm selber fehlt. Es geht immer darum, die individuellen Abweichungen vom Gattungstypus durch Wahl des richtigen Partners zu korrigieren…. «Das Individuum handelt hier, ohne es zu wissen, im Auftrage eines Höheren, der Gattung: daher die Wichtigkeit, welche es den Dingen beilegt.» Da die Leidenschaft auf einem Wahn beruht, der das für die Gattung Wertvolle dem Einzelnen als für ihn selbst wertvoll vorspiegelt, so kann und muss die Täuschung, sobald der Zweck der Gattung erfüllt ist, wegfallen. Die Natur lässt denn auch die weibliche Schönheit, ihren wichtigsten Kunstkniff zur Herbeiführung ihres Zwecks, nach der Fortpflanzung schnell verschwinden…Die Ernüchterung tritt insbesondere in der aus Liebe geschlossenen Ehe ein. Wie sich in der Geschlechtslieb der Einzelne nur als Instrument der Gattung erweist, so ist überhaupt nicht nur jedes individuelle Wesen, sondern jede Erscheinung in Raum und Zeit Objektivierung des raumlosen, zeitlosen, grundlosen Willens, die als solche allerdings nur in der Vereinzelung (Individuation) möglich ist. Das Individuum ist nur ein steter Wechsel der Materie unter Beharren der Form. Das Ding an sich ist der Wille.

Diese Einsicht ist auch auf die Geschichte anzuwenden
. Wie hinter allem der unwandelbare Weltwille steht, so lehrt philosophische Betrachtung der Geschichte, dass in aller Verschiedenheit der Völker, Epochen, Kostüme und Sitten es überall dieselbe Menschheit ist, die wir erblicken. Immer dasselbe, nur anders – ist die Devise der Geschichte. Es gibt keinen Fortschritt. Das Symbol des Geschehens ist überall der Kreis. Zu allen Zeiten haben die Weisen dasselbe gesagt, und die Toren dasselbe, nämlich das Gegenteil.

Ist der Wille frei? Frei ist der Weltwille als Ganzes, denn ausser ihm ist nichts da, was ihn beschränken könnte. Unfrei ist der Wille des Einzelnen, weil er immer durch den übergeordneten ganzen Willen bestimmt ist. Verweilen wir hier ganz kurz, um Schopenhauers Metaphysik mit der des deutschen Idealismus zu vergleiche, dessen Hauptvertreter er unermüdlich als «Windbeutel» und «Scharlatane» anprangert. Schopenhauer steht in vielem dem, was Fichte und Schelling lehrten, nicht so fern, wie er selbst vorgibt. Das Gemeinsame liegt darin, dass Schopenhauer wie die Idealisten nicht auf der von Kant gezogenen Grenze stehen bleibt. Auch er gibt Metaphysik. Auch er findet, wie Fichte, Schelling und alle Mystiker, den Eingang zum Geheimnis der Welt im eigenen Ich. Auch Fichte hatte das Wesen des Ich als «Wille» bestimmt. Auch Schelling hatte in Natur und Geist die gleiche unbewusst schaffende Kraft wirksam gesehen. Es ist merkwürdig, dass Schopenhauer diese Ähnlichkeiten so entschieden abstreitet. Wie andere Denker schmäht er gerade die, denen er verpflichtet ist. Im entscheidenden Punkt hat freilich Schopenhauer doch damit recht, dass er sich gegen jene abgrenzt. Denn während für den Idealisten das Letzte und Absolute der Geist ist, Idee, Vernunft, in einem zielstrebigen Prozess sich entfaltend, ist es für Schopenhauer blinder Wille, ein widervernünftiger, irrationaler Weltgrund. Die Welt ist nicht logisch, auch nicht unlogisch, sondern alogisch. Vernunft ist nur Werkzeug des unvernünftigen Willens. Schopenhauer vollzieht damit einen folgenschweren Bruch mit einer Voraussetzung, die allem abendländischen Denken seit der Renaissance ausgesprochen oder unausgesprochen zugrunde gelegen hatte: der Harmonie des Weltganzen. Er vollzieht den Übergang vom Optimismus zum Pessimismus. Das wird erst ganz deutlich, wenn man die Bewertung in Betracht zieht, die Schopenhauer dem Dasein zuteilwerden lässt, und die Konsequenzen, die er drauf für das menschliche Verhalten ableitet. Zitatende
 

wirena

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Schopenhauer und Nietzsche



I. Arthur Schopenhauer, 1788-1860


3. Das Leid der Welt und die Erlösung
a) Leben als Leiden.
Wie Buddha in seiner Jugend, war auch der junge Schopenhauer, wie er selbst bezeugt, vom tiefen Jammer allen Lebens ergriffen. Der Wille ist unendlich, die Erfüllung beschränkt. Unseren Trieben und Wünschen hingegeben, werden wir nie dauerndes Glück noch Ruhe finden. Aus jeder befriedigten Begierde wächst sogleich eine neue. Auf jeden Schmerz, sobald er behoben ist und wir glauben aufatmen zu können, folgt neues Übel. Der Schmerz ist überhaupt die eigentliche Realität im Leben. Lust und Glück sind nur etwas Negatives, nämlich die Abwesenheit des Schmerzes. Die Not ist die beständige Geissel des grössten Teils der Menschen. Die wenigen, denen das erspart bleibt, fallen sogleich der anderen Geissel anheim. Der Langeweile…. Das unausweichliche Schicksal des Menschen ist ferner die Einsamkeit. Am ende ist jeder mit sich allein. Kampf, Krieg und grausame Vernichtung, Fressen und Gefressenwerden – das ist das Leben. Es zeigt sich im Tierreich und im menschlichen Dasein gleichermassen…. Optimismus ist ein bitterer Hohn auf die namenlosen Leiden der Menschheit….unser Gehen nur ein stets gehemmtes Fallen, so ist unser Leben nur ein fortdauernd gehemmtes Sterben. Gibt es keinen Ausweg aus diesem Jammertal? Erkenntnis ist kein Ausweg. Im Gegenteil. Je höher die Erscheinungsform des Lebens, um so grösser und offenbarer das Leiden. Von der Pflanze über den niedrigen Wurm und die Insekten bis zu den Wirbeltieren mit ihrem vollkommeneren Nervensystem ist ein fortwährendes Steigen der Schmerzempfindlichkeit. Und von den Menschen leidet der um so mehr, der deutlich erkennt, das Genie leidet am meistenAuch Selbstmord ist kein Ausweg. Er vernichtet die individuelle Erscheinung des Willens, aber nicht diesen selbst. (Hier zeigt sich, wie diese der indischen Einschätzung des Daseins verwandte Ansicht Schopenhauers eigentlich zwangsläufig zum indischen Gedanken der Wiedergeburt hinführt, ja ihn unausgesprochen enthält; denn Schopenhauers Worte bedeuten doch: Selbstmord ist zwecklos, weil der Wille sich sogleich eine neue Verkörperung schafft).

Und doch gibt es einen Ausweg. Schopenhauer weist sogar zwei Wege. Der eine ist ästhetischer, der andere ethischer Natur. Der eine erlöst vorübergehend, der andere dauernd. Dieser gleicht dem Wege Buddhas.

b) Der ästhetische Weg der Erlösung. Genie und Kunst.

Nach Kant steht hinter den Erscheinungen das, was er dunkel, aber ahnungsvoll das Ding an sich nennte. Nach Platon stehen hinter den vergänglichen sichtbaren Dingen ihre unvergänglichen Urbilder, die Ideen. Schopenhauer nimmt beide Gedanken auf. Das Ding an sich erkennt er als den Willen. In den platonischen Ideen erkennt er die ewigen Formen, in denen der unendliche Wille in Erscheinung tritt. Können wir uns zu einer Erkenntnis dessen erheben, was hinter den Erscheinungen ist? Wir können es nicht, solange der Intellekt im Dienst des Willens bleibt. Wir müssen uns von der Fesselung durch den Willen, und damit auch von der Bindung an das wollende Individuum – die notwendige Erscheinungsform des Willens in Raum und Zeit – frei machen können. Ist das möglich?.....Der Mensch kann reines willenloses Subjekt der Erkenntnis werden. Die Erkenntnisart, in der ihm dies zuteilwird, ist die Kunst, das Werk des Genius. Kunst ist die Betrachtung der Dinge, unabhängig von der Kausalität und unabhängig vom Willen. Da die Ideen nur in reiner, vom Objekt ausgehender Kontemplation erfasst werden können, besteht das Wesen des Genies eben in der Fähigkeit zu solcher Betrachtung. Genialität ist vollkommene Objektivität, die Fähigkeit, sich rein anschauend zu verhalten, «klares Weltauge» zu sein, und zwar nicht nur Augenblicksweise, sondern so lange, um das Geschaute wiederholend zu gestalten. Der gewöhnliche Mensch, «die Fabrikware der Natur», ist dazu nicht fähig…..Schopenhauer kommt hier auch auf die enge Nachbarschaft von Genie und Wahnsinn zu sprechen. Nur eine dünne Scheidewand trennt beide. Diese Ansicht kam im weiteren Verlauf des Jahrhunderts zu besonderer Wirkung durch das Werk des Italieners Cesare Lombroso (1836-1909), namentlich dessen Buch «Genie und Irrsinn» (1864).

Hat zwar das Genie allein die Fähigkeit, sich zur Anschauung der Ideen zu erheben, so muss doch im geringeren Grade diese Fähigkeit auch den anderen Menschen zukommen. Wie könnten sie anders für die Werke des Genius und der Kunst empfänglich sein?....Eine Kunst steht abgesondert von allen anderen: die Musik. Wir erkennen in ihr nicht die Nachbildung einer Idee, wie in den anderen Künsten. Wie kommt es, dass sie gleichwohl so mächtig auf das Innerste des Menschen wirkt? Die Musik ist das unmittelbare Abbild des Willens selbst und damit des Wesens der Welt. In ihr kommt das tiefste Wesen des Menschen und aller Dinge zum Sprechen. Unser Wille strebt, wird befriedigt und eilt weiter. So ist die Melodie ein stetes Abirren vom Grundton, entsprechend dem vielgestaltigen Streben des Willens, und ein endliches Rückkehren zu diesem, zu Harmonie, zu Befriedigung….Die Musik ist nicht die Erlösung aus dem Leben, sondern nur ein schöner Trost in ihm. Um endgültige Erlösung zu erlangen, müssen wir vom Spiel, das die Kunst darstellt, zum Ernst übergehen.

c) Der ethische Weg zu Erlösung: Verneinung des Willens. Den eigentlichen Weg zur Erlösung den Schopenhauer weist, ist der gleiche, auf den das Denken der alten Inder verweist. Schopenhauer ist sich dessen bewusst. Seine Philosophie will nichts, als das in abstraktes Wissen, in klare Erkenntnis zu verwandeln, was viele Menschen intuitiv wissen und was in den Lehren der grossen Religionen und im Leben ihrer Heiligen vor aller Augen steht. Das uns Zunächstliegende ist das Christentum. Es ist von diesem Geiste der Weltverneinung durchdrungen, wo es echtes Christentum ist. Nimm dein Kreuz auf dich! Entsage! Nirgends ist dieser Geist schöner ausgesprochen als bei den deutschen Mystikern. Noch mehr entfaltet aber finden wir das, was Verneinung des Willens zum Leben heisst, in den uralten Werken des indischen Denkens….Askese als vorsätzliche Brechung des Willens ist das Mittel; das Ziel ist der Zustand, den die Heiligen, welche zur vollendeten Auslöschung des Willens gekommen sind, in Worten wie «Ekstase», «Entrückung», «Aufgehen des Ich in Gott» beschrieben haben. Eigentlich ist aber dieses Ziel nur negativ zu umschreiben, wie es der Buddhismus im Nirwana tut. «Wenden wir aber den Blick von unserer eigenen Dürftigkeit und Befangenheit auf diejenigen, welche die Welt überwanden…., so zeigt sich uns, statt des rastlosen Dranges und Treibens…. Statt der nie befriedigten und nie ersterbenden Hoffnung, daraus der Lebenstraum des wollenden Menschen besteht, jener Friede, der höher ist als alle Vernunft, jene gänzliche Meeresstille des Gemütes, jene tiefe Ruhe, unerschütterliche Zuversicht und Heiterkeit, deren blosser Abglanz im Antlitz, wie ihn Raphael und Correggio dargestellt haben, ein ganzes und sicheres Evangelium ist …».


4. Schlusswort, Zur Kritik
«Ins Innere der Natur dringt kein erschaffner Geist.»

Mit diesen Worten hatte Albrecht von Haller treffend den Standpunkt Kants zu dem Rätsel formuliert, das hinter der Erscheinung steht. Goethe antwortete darauf mit den Versen:


«Ins Innere der Natur –
O du Philister! –
Dringt kein erschaffner Geist?
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern!
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.»


Schopenhauer setzte seinem Hauptwerk das Wort Goethes voran: «Ob nicht Natur zuletzt sich doch ergründe?»

Der Weg, auf dem Schopenhauer ins Innere der Natur dringt, ist der der Mystik,
im Besonderen der indischen. Brahman, Weltseele, Weltwille, und Atman, Menschenseele, Menschenwille, sind eines. Was uns hindert, dies zu erkennen, ist der Schleier der Maja, ist die Welt der Vorstellungen. Was uns erlöst, ist das Freiwerden von der irdischen Verhaftung, vom «Durst» und das Eingehen in Brahman oder in das Nirwana…. Ein bleibendes Verdienst Schopenhauers ist, dass er der Philosophie die Augen geöffnet hat für die dunkle Tiefe, die im Menschen unterhalb der Oberfläche des Bewusstseins liegt… In der abendländischen Wissenschaft hat erst Schopenhauer den Weg frei gemacht zu einer Philosophie und Psychologie des Unbewussten. Bei den Einwendungen ist leicht zu erkennen, wie sehr die Gedanken Schopenhauers aus der Eigenart seiner Persönlichkeit, und daneben seiner Zeit herausgewachsen sind. Ist nicht zum Beispiel alles, was Schopenhauer über die Frau, über die Liebe, über Kind und Ehe sagt, gezeichnet als die Gedanken eines Mannes, der zeitlebens nie ein eigenes Heim, nie die Zuneigung einer mütterlichen Frau, nie das Glück der Elternschaft gekannt hat und ebenso wenig das Glück einer geregelten praktischen Tätigkeit und der Einordnung in eine tätige Gemeinschaft? Mag vieles im Einzelnen richtig beobachtet und mit verblüffender Treffsicherheit formuliert sein, trifft es nicht doch nur eine Seite, nur einen Typ der Frau, und ist damit nicht die ganze Wahrheit, sondern nur eine Hälfte, und damit Halbwahrheit?... Eine mehr auf die philosophische Folgerichtigkeit gehende Frage sei an den Schluss gestellt: Wie kann in einer Welt, deren alleiniges Wesen der blinde Wille ist, gleichwohl der Intellekt über den Willen triumphieren und dem Menschen eine Kraft erwachsen, diesen Willen zu besiegen? Zeigt das nicht, dass es ausser dem blinden Willen doch noch eine andere Macht geben muss? Zitatende
 
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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Schopenhauer und Nietzsche


II. Friedrich Wilhelm Nietzsche, 1844-1900

1. Leben und Hauptschriften

Friedrich Wilhelm Nietzsche wurde 1844 i Röcken bei Lützen als Sohn des dortigen evangelischen Pfarrers geboren. Gemäss Überlieferung sollte die Familie von polnischen Grafen abstammen. Mit fünf Jahren verlor Nietzsche seinen Vater und wuchs ganz in weiblicher Umgebung und im Geiste protestantischer Frömmigkeit auf. Er war ein empfindsamer, etwas weicher Knabe, versuchte aber schon damals, dem durch Abhärtung und eiserne Selbstbeherrschung entgegenzuwirken. Im Internat Schulpforta lernte er das griechische Altertum kennen und ein Leben lang lieben. Anschliessend studierte er in Bonn und Leipzig klassische Philologie und schloss Freundschaft mit dem berühmten Philologen Erwi Rohde (1845-1898), der durch sein Werk «Psyche, Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen» bekannt war. In Leipzig fand Nietzsche in einem Antiquariat das Hauptwerk Schopenhauers. Er las es in einem Zuge und liess diesen düsteren Genius ganz auf sich wirken. Bereits vorher war Nietzsche mit den Werken Richard Wagners bekannt geworden, dessen Geist er auch in Schopenhauer fand. Nietzsche liebte die Musik, «ohne Musik wäre mir das Leben ein Irrtum» Er verstand es durch stundenlanges, freies Phantasieren auf dem Flügel seine Hörer tief zu ergreifen. Er traf Wagner in Leipzig persönlich und wurde einer seiner leidenschaftlichen Verehrer. Nietzsche war Wagnerianer. Aus dem Militärdienst wurde Nietzsche infolge einer Reiterverletzung entlassen. Zitat:

«Schon vor dem Abschluss seines Studiums hatte Nietzsche einige kleinere philologische Arbeiten veröffentlicht. Sie trugen dem Vierundzwanzigjährigen, in Verbindung mit der Empfehlung seines Lehrers Ritschl, einen Ruf als ausserordentlicher Professor der klassischen Philologie an die Universität Basel ein. In der Schweizer Zeit fallen Nietzsches Begegnungen mit dem Historiker Jacob Burckhardt (1818-1897), dem Theologen Franz Overbeck (1837-1905) und erneut mit Richard Wagner, der damals in Tribschen am Vierwaldstätter See lebte. Die glückliche Wirksamkeit in Basel wurde unterbrochen durch den Krieg von 1870. Nietzsche nahm als Krankenpfleger an ihm teil. Wegen einer schweren Ruhrerkrankung kehrte er bald zurück. Von dieser Zeit an ist er niemals wieder ganz gesund geworden.

1871 erschien Nietzsches Schrift

- Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik

Nietzsche sieht im griechischen Leben und Kunstschaffen zwei polar entgegengesetzte Mächte wirken, die er das Dionysische und das Apollinische nennt. Das Dionysische, am besten noch mit der Analogie des Rausches zu erklären, ist der gestaltlose Urwille, wie er sich unmittelbar in der Musik ausspricht. Das Apollinische ist die Kraft des Masses und der Harmonie. Zitatende

Nietzsches zeitkritische Gedanken nach dem Machtanstieg Deutschlands 1870 sind enthalten in den Schriften

- Unzeitgemässen Betrachtungen (1873-1876)


Die erste Betrachtung ist eine Abrechnung mit David Friedrich Strauss als dem Typus des deutschen «Bildungsphilisters». Die zweite, berühmte Betrachtung

- Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben

wendet sich gegen das Überhandnehmen des historischen Wissensstoffes, unter dem das eigentliche Leben zu ersticken droht
. Mit der dritten Betrachtung

- Schopenhauer als Erzieher

und der vierten

- Richard Wagner in Bayreuth

preist Nietzsche seine eigenen Meister als Erzieher zu einer neuen veredelten Kultur.


Zitat: «Bald nach dieser Verherrlichung Wagners folgte Nietzsches Bruch mit ihm, mitten in den Bayreuther Festspielen, an denen er als Gast teilnahm. Der Hauptvorwurf Nietzsches gegen Wagner war, dass dieser mit dem «Parsifal» vor dem lebensverneinenden Idealen des Christentums zu Kreuze gekrochen sei. Der Bruch mit Wagner bezeichnet den Übergang von der ersten Periode in Nietzsches innerer Entwicklung zur zweiten. Er wandte sich nun ab von den Idealen und den Meistern, die er bis dahin verehrt hatte. Nietzsche wurde kritisch gegen die Kunst, gegen die Metaphysik. Er suchte das Heil nun in der Wissenschaft und näherte sich einem naturalistischen Positivismus. Sein Buch

- Menschliches, Allzumenschliches, ein Buch für freie Geister (1878-1880)

zeugt davon. Es ist Voltaire gewidmet. In dieser Zeit erfolgte der erste körperliche Zusammenbruch. Nietzsche hatte schon 1876 einen einjährigen Krankheitsurlaub erbitten müssen, bald darauf seine Pensionierung. Die Stadt Basel zahlte ihm bis an sein Lebensende eine Pension von 3000 Franken. 1879 war Nietzsche dem Tode nahe. Nach der Genesung schrieb er die

- Morgenröte /1881)

und
- Fröhliche Wissenschaft (1882)

Nietzsche selbst hat im «Zarathustra» drei Stufen geschildert, durch die der sich entwickelnde Mensch hindurchgeht:

- Abhängigkeit von Autoritäten und Meistern
- Losreissen von diesen, Erkämpfen der Freiheit (negative Freiheit, «Freiheit von»)
- Hinwendung zu den eigenen Werten und endgültigen Zielen (positive Freiheit, «Freiheit zu»)


Dieses dritte Stadium beginnt für Nietzsche selbst im Jahre 1882 mit seinem Werk

- also sprach Zarathustra

Nietzsche lebte, seit er Basel verlassen hatte, meist in Oberitalien, in Genua, Venedig, Turin auch an der französischen Riviera und im Sommer viel in Sils-Maria im Oberengadin, das er besonders liebte. Den Winter 1882/83 verlebte er an der Bucht von Rapallo. Auf den Spaziergängen rings um die Bucht und auf die das Meer überschauenden Höhen gewann Nietzsches Hauptwerk in ihm Gestalt. Zarathustra «überfiel» ihn. Schon während der Arbeit am Zarathustra, der eine dichterische Gestaltung der philosophischen Gedanken Nietzsches ist, war in ihm der Plan entstanden, diese in einem vierbändigen Werk auch systematisch darzustellen. Das Buch sollte den Titel tragen «Der Wille zur Macht, Versuch einer Umwertung aller Werte» (oder ähnlich – Nietzsche hat verschiedene Formulierungen hinterlassen). Nietzsche hat dieses Werk nicht vollendet. Es wurde nach seinem Tode herausgegeben nach Plänen, die sich zusammen mit den Aufzeichnungen dazu im Nachlass fanden. Es hat damit einen fragmentarischen Charakter behalten, nicht nur in der sprachlichen Form, sondern auch gedanklich. (Sprachlich sind alle späteren Werke Nietzsches nur Sammlungen einzelner Gedanken und Aphorismen). Eine Einleitung zu diesem Werk sollte die 1866 erschienene Schrift

- Jenseits von Gut und Böse, Vorspiel einer Philosophie der Zukunft

bilden. Aufs Neue wurde die Arbeit am Hauptwerk unterbrochen durch die Neuausgabe früherer Schriften und durch die 1887 geschriebene

- Genealogie der Moral

Nietzsche war in diesen Jahren immer mehr vereinsamt
… Auch seine Bücher fanden so gut wie keine Beachtung. Vom letzten Teil des «Zarathustra» ab fand er nicht einmal mehr einen Verleger und musste alles auf eigene Kosten drucken lassen. In dieser unheimlichen Stille, die ihn umgab, steigerte sich Nietzsches Selbstschätzung immer mehr. Seine Sprache wurde immer leidenschaftlicher und lauter. Das Jahr 1888 brachte einen neuen Höhepunkt in seinem Schaffen. Aber die übersteigerte Produktion war schon Vorbote der kommenden Katastrophe. Nietzsche schrieb

- der Fall Wagner

Eine erbitterte Abrechnung mit Wagner ebenso wie die Schrift

- Nietzsche contra Wagner, Aktenstücke eines Psychologen


Er veröffentlichte die

- Götzendämmerung
- Antichrist

Beides leidenschaftliche Angriffe gegen das Christentum
. Er schrieb endlich in den letzten Monaten dieses Jahrs die Selbstbiographie

- Eco homo


An den dänischen Gelehrten Brandes, der gerade als erste Vorlesungen über Nietzsches Philosophie gehalten hatte – ein erstes Anzeichen der beginnenden Wirkung Nietzsches -, schrieb er über dieses Werk: «Ich habe jetzt mit einem Zynismus, der welthistorisch werden wird, mich selbst erzählt. Das Buch… ist ein Attentat ohne die geringste Rücksicht auf den Gekreuzigten; es endet in Donnern und Wetterschlägen gegen alles, was christlich ist… Ich schwöre Ihnen zu, dass wir in zwei Jahren die ganze Erde in Konvulsionen haben werden. Ich bin ein Verhängnis.» Man kann fragen, ob ein früheres Einsetzen der äusseren Anerkennung Nietzsche vor den Übersteigerungen seiner letzten Schriften bewahrt hätte. Jedenfalls kam die Anerkennung zu spät, und die Krankheit hätte wohl in jedem Fall ihren Lauf genommen… Er war fast erblindet. Alle Schriften der letzten Jahre hatte er nur mit äusserster Energie der fortschreitenden Krankheit abgerungen. Anfang 1889 erlitt Nietzsche in Truin einen paralytischen Schock, wohl infolge einer früher zugezogenen luetischen Infektion. Aus zweitägiger Betäubung erwacht, sandte er an verschiedene Freunde und hochgestellte Persönlichkeiten Briefe so verworrenen und phantastischen Inhalts, dass sein Freund Overbeck ihm sofort zu Hilfe eilte. Über den Augenblick des Wiedersehens und den erschütternden Zustand Nietzsches besitzen wir seine ergreifende Schilderung. Nietzsche wurde nach Basel, dann nach Jena in eine Klinik gebracht. Darauf nahm ihn seine Mutter zu sich. Unter ihrer aufopfernden Pflege, später auch der seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, lebte er noch zwölf Jahre in einem Dämmerzustand, aus dem ihn der Tod endlich im Jahre 1900 erlöste. Zitatende
 

wirena

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Schopenhauer und Nietzsche



II. Friedrich Wilhelm Nietzsche, 1844-1900

2. Einheit und Eigenart der Philosophie Nietzsches

Einheit und durchgängigen Zusammenhang in Nietzsches Philosophie zu entdecken ist nicht ganz leicht. Dem ersten Blick mögen seine Schriften als eine Sammlung genialer Aphorismen (der Form nach) oder Aperçus (dem Inhalt nach) erscheinen, auch die Werke aus der Höhe seines Schaffens und keineswegs nur die Schriften des letzten Jahres, 1888, in die hinein die bevorstehende Umnachtung vielleicht ihre Schatten vorausgeworfen hat. Die neue Nietzsche-Auslegung erkennt jedoch in Nietzsches Denken Zusammenhang, Ordnung, Einheitlichkeit, ja lebenslange Bemühung um ein zentrales philosophisches Thema – eine These, die an dieser Stelle zwar behauptet, aber kaum zureichend belegt werden kann. Angemerkt sei hier, dass die heutige Philosophie – nachdem schon die zwanziger und dreissiger Jahre eine grosse Anzahl von Werken über Nietzsche gebracht hatten – sich in weitem Ausmass mit Nietzsche befasst und seine ungeheure Bedeutung in der Geschichte des Denkens immer eindringlicher erkennt. So hat Karl Jaspers unter dem Titel «Nietzsche – Einführung in das Verständnis seines Philosophierens» eine eigene Deutung vorgelegt; Martin Heidegger hat Nietzsche im gerade vergangenen Jahrzehnt in zahlreichen Vorträgen und Aufsätzen behandelt und zuletzt (1960) ein zweibändiges Werk über Nietzsche geschrieben.

…Als Beispiel steht für Nietzsches leidenschaftliche, kraftvolle Sprache, für die Virtuosität seines Stils, der Schluss des Nachlasswerkes

- Der Wille zu Macht


Zitat: «Und wisst ihr auch, was mir «die Welt» ist? Soll ich sie euch in meinem Spiegel zeigen? Diese Welt: ein Ungeheuer von Kraft, ohne Anfang, ohne Ende, eine fest, eherne Grösse von Kraft, welche nicht grösser, nicht kleiner wird, die sich nicht verbraucht, sondern nur verwandelt, als Ganzes unveränderlich gross, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbussen, aber ebenso ohne Zuwachs, ohne Einnahmen, vom «Nichts» umschlossen als von seiner Grenze, nichts Verschwimmendes, Verschwendetes, nichts Unendlich-Ausgedehntes, sondern als bestimmte Kraft einem bestimmten Raum eingelegt, und nicht einem Raume, der irgendwo «leer» wäre, vielmehr als Kraft überall, als Spiel von Kräften und Kraftwellen zugleich eins und vieles, hier sich häufend und zugleich dort sich mindernd, ein Meer in sich selber stürmender und flutender Kräfte, ewig sich wandelnd, ewig zurücklaufend, mit ungeheuren Jahren der Wiederkehr, mit einer Ebbe und Flut seiner Gestaltungen, aus den einfachsten in die vielfältigsten hinaustreibend, aus dem Stillsten, Starrsten, Kältesten hinaus in das Glühendste, Wildeste, Sich-selber-Widersprechendste, und dann wieder aus der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem Spiel der Widersprüche zurück bis zu Lust des Einklangs, sich selber bejahend noch in dieser Gleichheit seiner Bahnen und Jahre, sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen muss, als ein Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruss, keine Müdigkeit kennt: diese meine dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens, diese Geheimniswelt der doppelten Wollüste, dies mein «Jenseits von Gut und Böse», ohne Ziel, wenn nicht im Glück des Kreises ein Ziel liegt, ohne Willen, wenn nicht ein Ring zu sich selber guten Wille hat -, wollt ich einen Namen für diese Welt? Eine Lösung für alle ihre Rätsel? Ein Licht auch für euch, Ihr Verborgensten, Stärksten, Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? - Diese Welt ist der Wille zur Macht – und nicht ausserdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zu Macht – und nichts ausserdem!»


Fragen wir uns, um irgendeinen ersten Richtpunkt zu gewinnen: an welchen Denker, an welche Richtung aus der uns bekannten Geschichte der Philosophie erinnert die hier dargelegte Auffassung Nietzsches von der «Welt», wo klingt Verwandtes auf? …den Philosophen, zu dem sich Nietzsche selbst (als einzigem) bekannt und mit dem er sich verwandt gefühlt hat: Heraklit. Hier wie dort erscheint die Welt als ein unendlicher Prozess des Werdens und Vergehens, des Schaffens und Zerstörens – ein Meer gleichsam, indem alles Endliche sich bildet, Gestalt gewinnt und wieder vergeht, zerfliesst, in dem eine Urkraft sich selbst erhält….Soll das bedeuten, dass Nietzsche alles ignorierte, was sich zwischen Heraklit und dem neunzehnten nachchristlichen Jahrhundert in der Geschichte des Denkens abgespielt hat?... Nietzsche ignorierte es nicht, aber er setzt sich von ihm ab, stösst sich von ihm ab. In der Tat: er hält alles, was seither geschehen ist, für einen Irrweg. Er misstraut ihm. Er sucht das Überkommen zu zerstören und neu zu beginnen auf eine so radikale Weise wie niemand vor ihm. Und natürlich kann er sich nicht der Begriffssprache bedienen, welche diese Überlieferung geschaffen hat – er bekämpft sie ja! Dies ist ein Grund für Nietzsches «bildhaftes» Denken und Sprechen. Das Wesen der Welt nun, sagt Nietzsche ist Wille, genauer: Wille zur Macht. Er fügt hinzu: «Und nichts ausserdem!» Was heisst das? In diesen Worten liegt Nietzsches Absage an alle «Meta-physik»: an alle Versuche der Philosophie und Religion, neben hinter oder über der eben gekennzeichneten «Welt» noch eine zweite, «ideale» Welt zu setzen und zu denken. «Gott ist tot»; dieses Wort, das Nietzsche seinen Zarathustra aussprechen lässt, ist die Kurzformel für diesen seinen Gedanken. »Ewige Ideen», «Ding an sich», «Jenseits»; Hirngespinste sind das alles, farbiger Rauch, Illusionen. Doch keine wohltätigen Illusionen! Woher stammen sie denn? «Kranke und Absterbende waren es, die verachteten Leib und Erde und erfanden das Himmlische und die erlösenden Blutstropfen…» spricht Zarathustra. In diesem Zitat fliesst nun etwas Neues ein: Wertung, Werturteil – und zwar nach Begriffspaaren, wie krank-gesund, dekadent-lebenstüchtig. Es ist eine Eigenart Nietzsches, alle Seinsfragen als Wertfragen zu sehen oder in solche zu verwandeln; man tut ihm allerdings unrecht, wenn man solche Begriffspaare nur im plattesten biologischen Sinne versteht. Sicher ist, dass die Seite in Nietzsches Denken, die ihn als grossen Zertrümmerer überkommener Werte und als Schöpfer neuer, als «Unwerter aller Werte» zeigt, dem Verständnis einen verhältnismässig leichten – zu leichten – Zugang eröffnet. Zu leicht – weil sie dazu verführt, über ihr andere Seiten seiner Philosophie zu vergessen.


3. Der Philosoph mit dem Hammer
Nietzsche «philosophiert mit dem Hammer». Er zertrümmert rücksichtslos alte als falsch erkannte Werte, richtet jedoch zugleich neue Werte und Ideale auf
. «Wer Schöpfer sein muss im Guten und Bösen, wahrlich, der muss ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen»….Die zerstörerische und der Kritik dienenden Seite Nietzsches wird mit einem siebenfachen «anti-« bezeichnet.

Nietzsche ist antimoralistisch.
Es gibt Herrenmoral und Sklavenmoral. Das Wort «gut» hat zwei ganz verschiedene Bedeutungen. Bei den Herrschenden bezeichnet es die erhobenen und stolzen Zustände der Seele. Der Gegensatz von «gut « ist hier «schlecht». Schlecht im Sinne der Herrschenden heisst: landläufig, gewöhnlich, gemein, wertlos. Für den Herdenmenschen dagegen bedeutet «gut»: friedlich, harmlos, gültig, mitleidig, und der Gegensatz ist hier «böse». Böse ist alles, was den Menschen über die Herde erhebt: ungewöhnlich, kühn, unberechenbar, gefährlich – kurz fast alles, was für den Herrschenden «gut» ist….

Nietzsche ist antisozialistische. Das sozialistische Ideal ist das der Gesamt-Entartung des Menschen zum vollkommenen Herdentier. Was ist den der Ursprung jeder Kultur? «Sagen wir es ohne Schonung – Menschen mit einer noch natürlichen Natur, Barbaren…., Raubmenschen, noch im Besitz ungebrochener Willenskräfte und Macht-Begierden warfen sich auf schwächere, gesittetere, friedlichere, vielleicht Handel treibende oder Vieh züchtende Rassen oder auf alte mürbe Kulturen, in denen eben die letzte Lebenskraft in glänzenden Feuerwerken von Geist und Verderbnis verflackerte.» Das Wesen allen Lebens ist Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Schwachen, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigener Formen, Einverleibung oder mindestens Ausbeutung….

Nietzsche ist antifeministisch. In dem Masse, in dem die Männer an echter Männlichkeit verlieren, entartet das Weib und gibt seine weiblichsten Instinkte preis. Das Streben der Frau nach wirtschaftlicher und rechtlicher Selbständigkeit, die Emanzipation, ist ein Zeichen der Entartung.

Nietzsche ist antiintellektualistisch. Für Nietzsche wie für Schopenhauer sind Bewusstsein, Vernunft, Intellekt nur eine Oberfläche, nur Diener des Willens. Unser Erkenntnisapparat ist überhaupt nicht auf «Erkenntnis» eingerichtet. Es ist ein Apparat der Abstraktion und Vereinfachung, gerichtet auf Bemächtigung der Dinge im Dienste des Lebens. Die Rolle des Bewusstseins darf man nicht überschätzen. Das meiste geht ohne Bewusstsein vor sich. Der Instinkt ist «unter allen Arten der Intelligenz, die bisher entdeckt wurden, die intelligenteste…. Die Philosophen stellen sich, als ob sie ihre Wahrheiten mit kalter Logik gewonnen hätten. Aber dahinter stehen jedes Mal Wertschätzungen, Forderungen des Instinkts…

Nietzsche ist antipessimistisch. Wenn die Weisen aller Zeiten bis hin zu Schopenhauer über das Leben gleich geurteilt haben: «es taugt nichts» - was beweist das? Beweist die Übereinstimmung, dass sie recht haben? Oder weisst nicht vielmehr die Übereinstimmung darauf, dass bei diesen Weisen etwas im physiologischen Sinne nicht stimmt? «Waren sie vielleicht allesamt auf den Beinen nicht mehr fest, spät, wackelig?...Erschien die Weisheit vielleicht auf Erden als Rabe, den ein kleiner Geruch von Aas begeistert?» Diese Weisen sind Niedergangstypen des Lebens. Das wird nirgends deutlicher als an Sokrates. Dieser war seiner Herkunft nach Pöbel. Seine Ironie war ein Ausdruck von Revolte, von pöbelhaftem Ressentiment. Wer spricht: Das Leben ist nicht wert, der sagt eigentlich: Ich bin nichts wert.

Das alles zusammen ergibt den antichristlichen Charakter von Nietzsches Philosophie. Das Christentum ist der Inbegriff aller Verkehrung der natürlichen Werte. Christlich ist das Neinsagen zum Natürlichen, die Unwürdig Erklärung des Natürlichen, die Widernatürlichkeit. Das Christentum war von Anfang an der Todfeind der Sinnlichkeit. «Der christliche Gottesbegriff – Gott als Krankengott…., Gott als Geist – ist einer der korruptesten Gottesbegriffe…. Gott zum Widerspruch des Lebens abgeartet, stattdessen Verklärung und ewiges Ja zu sein?» christlich ist der Hass gegen Herrschaft und Vornehmheit, gegen Geist, Stolz, Mut, gegen die Sinne und alle Freude. Das Christentum hat diese Welt - die Einzige, die dem Menschen gegeben ist – zu einem Jammertal entartet und den Schwerpunkt in ein unerreichbares «Jenseits» gelegt… Hiermit bin ich am Schluss und spreche mein Urteil. Ich verurteile das Christentum, ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste aller Anklagen, die je ein Ankläger in den Mund genommen hat…Die christliche Kirche liess nichts mit ihrer Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht. Man wage es noch, mir von ihren «humanitären» Segnungen zu reden!». Zitatende
 

wirena

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Schopenhauer und Nietzsche

II. Friedrich Wilhelm Nietzsche, 1844-1900

4. Die neuen Werte

Nietzsche, der rücksichtslos Werte zertrümmert, der lehrt, dass «Gott tot» sei, lehrt zugleich ein neues Ziel des Menschen: Zitat:

«Tot sind alle Götter: nun wollen wir, dass der Übermensch lebe.

Seht, ich lehre auch den Übermenschen!

Der Übermensch ist der Sinn der Erde…

Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden!

Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.

Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren!

Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrund….

Der Übermensch ist der Mensch, der um den Tod Gottes weiss. Der weiss, dass alles idealische Jenseits blosse Schimäre ist, der sich der Erde und dem Leben gibt und dazu freudig ja sagt. Der weiss, dass die Welt eine «dionysische» Welt ist, ewig neu geboren aus dem Quellgrund des Seins, dass alle Versuche des Menschen, erkennend, schaffend, Werte setzend, in ihr einen Halt zu gewinnen, zum Scheitern verurteilt sind im Laufe der allmächtigen Zeit; der ebenso weiss, dass er selbst ein Teil dieser Welt ist, ein Stück «Wille zur Macht» und nichts ausserdem der sich als diesen Willen bewusst will – und der diesem tiefsten und unauflöslichen Widerspruch, der der Widerspruch des Lebens selbst ist, standhält. Solches Wissen nennt Nietzsche, im Gegensatz zum flachen, vordergründigen, illusionären Wissen, «tragische Weisheit»….


5. Zur Würdigung Nietzsches
Nietzsche der Einsame.
– Nietzsche war ein Mensch, der «über sich selbst hinaus schaffen will und so zugrunde geht» - wie Zarathustra sagt. Die furchtbare Einsamkeit und das erdrückende Gewicht des Kampfes, den der Einsame gegen die Jahrtausende herrschenden alten Werte führte, haben seine Kräfte verzehrt und ihn schliesslich in die wohltätige Nacht des Wahnsinns versinken lassen. Zwei Jahre vor diesem Ereignis schrieb Nietzsche in einem Brief: «Wenn ich Dir einen Begriff meines Gefühls von Einsamkeit geben könnte! Unter den Lebenden so wenig als unter den Toten habe ich jemanden, mit dem ich mich verwandt fühle. Dies ist unbeschreiblich schauerlich»…

Nietzsche der Dichter: - Nietzsche war einer der grössten Dichter deutscher Sprache. Der «Zarathustra» ist ein unvergängliches dichterisches Meisterwerk. Nietzsche gelangen so vollende Gedichte wie dieses:



An der Brücke stand
Jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
Goldner Tropfen quoll’s
Über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik –
Trunken schwamm’s in die Dämmerung hinaus…
Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
- Hörte jemand ihr zu?..

Nietzsche war kein nüchterner kritischer Philosoph. Er beweist nicht, er verkündet und offenbart einen neuen Glauben. Das Masshalten, die Harmonie und Zurückhaltung in der Kunst, die er an den Franzosen so bewunderte, das Apollinische war nicht seine Sache. Er verlangte vom Autor, dass er «den Mund halten solle, sobald sein Werk den Mund auftut.» Aber aus jeder Zeile spricht er selbst.

Nietzsche als Psychologe. – Nietzsche war begabt mit einem genialen psychologischen Scharfblick. Er war vor allem ein Psychologe der Hintergründe, des Verdeckten, des Unbewussten (viele Einsichten der modernen Tiefenpsychologie hat er vorweggenommen); er hat die Kunst des Entlarvens zur höchsten Meisterschaft entfaltet: die Kunst, hinter den Idealen und Idolen des Menschen, hinter «ewigen Wahrheiten» der Philosophie, der Metaphysik, der Religion, der Moral, die verdeckten und verdächtigen Motive zu erkennen, menschlichen Selbstbetrug, Triebe und Süchte, Irrtum und Leidenschaft – kurz das «Menschliche, Allzumenschliche». Dies gilt ganz besonders für die mittlere, «aufklärerische» Periode des Schaffens....

Nietzsche der Deutsche. – Eine so tiefe, vielschichtige, vielseitige, vieldeutige Natur wie Nietzsche kann ohne Ungerechtigkeit nicht mit wenigen Sätzen oder gar Schlagworten erschlossen werden. Man muss den Geist, die Luft seiner Schriften atmen. Man kann Nietzsche sowohl als Deutschen wie als Anti-Deutschen, als Christen wie als Anti-Christen – weil es nämlich ein Kampf in der eigenen Brust, ein Bruderzwist zwischen zwei fast gleich starken Seiten seines Wesens und Verhängnis des Deutschen. Und wo er sich am weitesten vom Deutschtum abzusetzen schein, ist er doch gerade im Antideutschen und Überdeutschen ein unverkennbarer Deutscher.

Nietzsche der Christ. – Es ist nicht ausgeblieben, dass man die «psychologischen Errungenschaften Nietzsches» (Titel eines Buches von Ludwig Klages), dass man insbesondere seine Kunst des Aufweisens verborgener Widersprüche, Konflikte und Motive auf Nietzsche selbst angewandt hat – so auch auf seine Stellung zum Christentum: Nietzsche rechnete es sich nach seinen eigenen Worten zur Ehre an, dass er aus einem Geschlecht stammte, welches mit dem Christentum Ernst gemacht hatte, dass er gegen das Christentum «nie in seinem Herzen gemein gewesen sei». Er bezeichnete den vollkommenen Christen als die vornehmste Form Mensch, der er leibhaft begegnet sei. Nietzsche sage von sich «Abgerechnet nämlich, dass ich ein decadent bin, bin ich auch dessen Gegensatz». Er könnte auch gesagt haben: «Abgerechnet davon, dass ich ein Christ bin, bin ich auch dessen Gegenteil»…. So erscheint das erbitterte Anti-Christentum Nietzsches als Ausfluss seines leidenschaftlichen inneren Abwehrkampfes gegen das in ihm übermächtige Christentum…

Nietzsche der Prophet: - Wahrscheinlich hat kein Denker der neueren Jahrhunderte einen so feinen Spürsinn für das Kommende besessen wie Friedrich Nietzsche. Er sieht, wie die gewachsenen Kulturen sich aufzulösen beginnen, er sieht auch, wie sie sich immer stärker berühren und verknüpfen; er sieht wie sich damit Weltbetrachtungen, Gesellschaftsordnungen, Moralgesetze relativieren, er sieht und prophezeit die Heraufkunft des europäischen Nihilismus., den Verlust jeder verbindlichen Wert- und Lebensordnung. Er sieht den Menschen vor der Aufgabe, nach dem Zusammenbruch der alten Ordnungen die Gestaltung seines Lebens, das Entwerfen seiner Werte selbst in die Hand zu nehmen, und zwar in einem weltweiten, weltumspannenden, weltgültigen Massstab. «Hier liegt die ungeheure Aufgabe der grossen Geister des nächsten Jahrhunderts».

Nietzsche und die Nachwelt.
– Dass Nietzsche ein glänzender, ja genialer Schriftsteller und Stilist war, dazu ein Psychologe voll Raffinement, dazu ein beissender Kritiker und Pamphletist, endlich eine faszinierende Persönlichkeit – das alles macht es schwer, durch diese Vordergründe und Masken hindurch auf den Kern seines Philosophierens zu blicken. Doch ist heute, sechs Jahrzehnte nach seinem Tode, nach mannigfachen Phasen und Missverständnissen der Nietzsche-Interpretation, ganz klar geworden, dass man ihm nur gerecht wird, wenn man ihn als Denker fasst und sein Denken nach-denkt. Versucht man das, so erscheinen die richtig oder als teil-richtig, nicht selten auch, wenn der Auslegende ein eigenständiger Denker von Rang ist, als Abspiegeln und Hineininterpretieren eigener Auffassungen in Nietzsches Werk. Es stimmt, dass Nietzsche zusammen mit Schopenhauer und gemeinsam mit Hamann, Herder, Goethe (unter gewissen Einschränkungen) sich auf die Seite des Gefühls, des Instinkts, des Willens, des «Lebens» stellt und damit zur «Lebensphilosophie» und ihren Wegbereitern gezählt werden kann…. Zitatende
 

wirena

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Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen «kleine Weltgeschichte der Philosophie» von Hans Joachim Störig


Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Nebenströmungen. Kritische Besinnung auf Kant


I. Nebenströmungen

Die drei vorhergehenden Kapitel behandeln die drei Hauptströmungen des philosophischen Denkens im 19. Jahrhundert. Neben ihnen gibt es andere, welche in das unserer Darstellung zugrunde gelegte Schema nicht ohne weiteres passen. Sie als «Nebenströmungen» zu bezeichnen ist berechtigt im Hinblick auf ihre Auswirkung im allgemeinen Bewusstsein des Jahrhunderts – denn dieses ist tatsächlich von den genannten Hauptrichtungen bestimmt; es enthält dagegen keine Minderbewertung nach ihrem gedanklichen Inhalt.


1. Fries und Herbart
Diese beiden Denker waren Zeitgenossen Hegels. Sachlich aber stehen sie im Gegensatz zu ihm und darüber hinaus zur ganzen spekulativen Philosophie des deutschen Idealismus.

Jakob Friedrich Freis (1773-1843)
gilt als Hauptvertreter des sogenannten Psychologismus in der Philosophie. Mit diesen Worten bezeichnet man die Auffassung, dass nicht konstruktive Logik, sondern psychologische Analyse des Bewusstseins, Untersuchung der inneren Erfahrung, die Grundlage der Philosophie ist. Fries Hauptwerk,

- Neue Kritik der Vernunft


baut auf dem Werk Kants auf. Was aber nach Kant die apriorischen Formen unserer Erkenntnis heisst, ist nach Fries nicht durch eine besondere «transzendentale» Methode aufzufinden, sondern nur durch eine psychologische Untersuchung. Bei dieser finden wir dann allerdings diese Formen in unserem Bewusstsein, aber nur a posteriori, eben durch Selbstbeobachtung, durch innere Erfahrung.


Friedrich Herbart /1776.1841). Die hauptsächliche Bedeutung Johann Friedrich Herbarts liegt ebenfalls auf dem Gebiet der Psychologie, daneben der Pädagogik. Das Ziel der Philosophie ist die Bearbeitung der Begriffe; in der Weise, dass die Widersprüche – im Gegensatz zu Hegel, der die Widersprüche in das Denken aufnehmen will – so vollkommen ausgemerzt werden, bis ein einheitlicher, widerspruchsfreier Gesamtbegriff der Wirklichkeit entsteht. Das Ziel der Psychologie ist, die seelischen Vorgänge nach streng kausalen Gesetzen nach Art der Naturwissenschaft zu erforschen. «Die Gesetzmässigkeit im seelischen Leben gleicht vollkommen der am Sternenhimmel». … Sie reicht aus, alle seelischen Vorgänge zu erklären ohne Zuhilfenahme besonderer «Vermögen», mit denen die Psychologie vor Herbart zu arbeiten pflegt.

Diesen beiden Männern kann als dritter

Friedrich Eduard Beneke (/1798-1854) an die Seite gestellt werden. Auch er sieht in der Psychologie die grundlegende Disziplin der Philosophie.


2. Induktive Metaphysik: Fechner und Lotze
Nach dem Tode Hegels haben sich die Naturwissenschaften aus der Bevormundung durch die Philosophie gelöst. Auf naturwissenschaftlicher Grundlage ist eine positivistische und materialistische Philosophie entstanden.
Neben den bereits genannten waren deren Hauptvertreter Zitat: Ludwig Büchner (1824-2899). Sein Hauptwerk «Kraft und Stoff», erlangte eine erstaunliche Verbreitung – und Jacob Moleschott (1822-1893).

Es erhob sich aber alsbald das Bedürfnis, unter voller Anerkennung und Einbeziehung der neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse wieder ein umfassendes philosophisches Gesamtbild zu schaffen,
das auch den Kräften des Gemüts und des Geistes ihre volle Würdigung zuteilwerden liess. Der Versuch, eine Brücke von den Naturwissenschaften zur Metaphysik zu schlagen, eine Metaphysik des Geistes nicht unter Beiseiteschieben der Naturwissenschaft, sondern aus dieser selbst heraus auf induktivem Wege zu schaffen, wurde zuerst von zwei deutschen Denkern gemacht, die beide durch die Schule der exakten Naturwissenschaft gegangen waren.

Gustav Theodor Fechner (1801-1887) war zunächst Physiker: Der Weg, auf dem Fechner zur Metaphysik kommt, ist der der Erweiterung und Verallgemeinerung von Erkenntnissen, die die Naturwissenschaft liefert. Es sind vor allem zwei Gesichtspunkte, die Fechner der Naturerkenntnis entnimmt und weiterverfolgt.

- Der eine ist der Gedanke der Allbeseelung.
Nicht nur Mensch und Tier haben ein Seelenleben. Da es keine scharfe Grenze zwischen Pflanzen- und Tierwelt gibt, sind wir zu der Annahme berechtigt, dass auch die Pflanze ein Seelenleben hat

- Nanna oder über das Seelenleben der Pflanzen

Aber nicht nur das sogenannte Lebendige ist beseelt. Das ganze All ist es, auch Atome und Gestirne. So ist auch die Erde ein beseeltes Wesen
– ein Analogieschluss, den Fechner sehr fein ausführt, der aber natürlich, wie er auch selbst weiss, keine so unbedingte Sicherheit gewährt wie exakt Naturerkenntnis

- Zend- Avesta oder über die Dinge des Himmels und des Jenseits


- Der zweite Gesichtspunkt ist der sogenannte psycho-physische Parallelismus
, die Ansicht, dass Psychisches und Physisches, Denken und körperliches Sein, nebeneinander bestehen, nicht identisch sind, dass aber eine durchgängige Parallelität zwischen beiden besteht, so dass jedem Vorgang auf der psychischen Seite ein Vorgang auf der physischen Seite entspricht. (Auf die Schwierigkeit, die der konsequenten Durchführung einer solchen Ansicht im Wege steht, haben wir bei der Besprechung des Okkasionalismus und von Leibniz prästabilierter Harmonie hingewiesen).


Rudolf Hermann Lotze (1817-1881),
zunächst Mediziner und Physiologe, als Lausitzer ein Landsmann Fechners, geht einen ähnlichen Weg wie dieser. Sein philosophisches Hauptwerk heisst:

- Mikrokosmos, Ideen zur Naturgeschichte und Geschichte der Menschheit

Es führt, ausgehend von allgemeinen Betrachtungen über Leib, Seele, Leben, über Mensch, Geist, Weltlauf, zur Geschichte und dem Allzusammenhang aller Dinge. Das Hauptanliegen Lotzes ist die Versöhnung zwischen den Bedürfnissen des Gefühls und des Glaubens – der ästhetisch-religiösen Weltansicht – und der Wissenschaft. Lotze geht vom Menschen aus und versucht das Weltganze nach Analogie zu diesem zu erklären.


Das Werk Fechners und Lotzes erfuhr im 20. Jahrhundert eine grössere Wertschätzung als zu ihrer eigenen Zeit. Das war vor allem das Verdienst des bedeutenden Psychologen Wilhelm Wundt (1832-1920). Wundt war zunächst Physiologe. Dann ging er zur Psychologie über. Er ist der Begründer der experimentellen Psychologie in Deutschland. Darauf tat er den Schritt, die Ergebnisse der Einzelwissenschaften zu einer Metaphysik zusammenzufassen.


3. Eduard von Hartmann, 1842-1905

Zu seinen Lebzeiten ist Eduard von Hartmann einer breiteren Öffentlichkeit vor allem bekannt geworden als Verfasser der

- Philosophie des Unbewussten

Dieses Jugendwerk – Hartmann schrieb es zwischen seinem 22. Und 24. Lebensjahr – erschien erstmals 1868. 1904 erschien die elfte Auflage, dabei war der Umfang von einem auf drei gewichtige Bände angewachsen. Das Werk enthält die Grundlinien eines metaphysischen Systems. Hartmann bezeichnet es als «eine Synthese Hegels und Schopenhauers unter entscheidendem Übergewicht des ersteren». Gedanken von Spinoza und Leibniz, daneben vor allem die damals neuesten Erkenntnisse der Naturwissenschaften, besonders der Biologie, sind verarbeitet. Ausgangspunkt aber ist der bei Schelling bereits aufgetretene Begriff des Unbewussten…. Für Hartmann steht er im Mittelpunkt: für ihn ist das «absolut Unbewusste» das «identische Dritte hinter Materie und Bewusstsein», Grund, Quelle und übergreifende Einheit des Weltwesens. Wir können hier nicht verfolgen, wie Hartmann das Wirken dieses Unbewussten in der Materie, im Pflanzen- und Tierreich, in der Leiblichkeit des Menschen, im menschlichen Geiste, in Liebe, Gefühl, künstlerischem Schaffen, in Sprache und Geschichte aufspürt. Wir können nur festhalten, dass es eine Tat war, die vielem Kommenden den Weg bereitet hat. Freilich, die Dichter, die grossen Kenner der menschlichen Seele, hatten immer schon in diesem Reich gelebt und aus ihm geschöpft; ja, sie hatten das auch erkannt….

Das 20. Jahrhundert hat den Begriff des Unbewussten in erste Linie psychologisch verstanden, weniger philosophisch – vielleicht zu wenig. Hartmann hat sich dann nach diesem Jugendwerk in jahrzehntelanger Denkarbeit geschichtlich wie systematisch mit nahezu allen Einzelgebieten der Philosophie befasst: Erkenntnistheorie, Religionsphilosophie, Ethik, Ästhetik, Naturphilosophie, Psychologie, Sprachphilosophie – und eine lange Reihe von Schriften, darunter auch populäre, veröffentlicht. Immer wieder hat er betont, man dürfe in der «Philosophie des Unbewussten» nicht den einzigen Grundstein seines Systems sehen; man müsse, um dieses zu erkennen und zu beurteilen, das Gesamtwerk kennen. Solang er lebte, ist keinem seiner Gedanken ein auch nur annähernd gleich starker Widerhall beschieden gewesen wie dem Erstlingswerk. Erst nach seinem Tode begann sich das Blatt zu wenden. In neuerer Zeit wird Hartmann immer weniger als Metaphysiker und dafür immer mehr als Erkenntnistheoretiker gewürdigt. Seine einschlägigen Hauptwerke

- Kritische Grundlegung des transzendentalen Realismus
- Das Grundproblem der Erkenntnistheorie
- Kategorienlehre


haben den Grund gelegt für den kritischen Realismus, der im 20. Jahrhundert, besonders unter den Naturwissenschaftlern, aber nicht nur hier, immer mehr an Boden gewonnen hat. Der kritische Realismus steht gewissermassen in der Mitte zwischen einem naiven Realismus, der das Gegebene einfach als die Wirklichkeit schlechthin hinnimmt, und dem transzendentalen Idealismus Kants. Der kritische Realismus ist «kritisch» im Gegensatz zum naiven Realismus, indem er sich bewusst ist, dass das, was uns als Empfindung zunächst gegeben ist, nur etwas in unserem Bewusstsein ist und noch nicht die «Realität», indem er also (wie Kant) zwischen der Welt als Erscheinung und der Welt an sich wohl unterscheidet. Er ist aber Realismus, im Gegensatz zu Kants Idealismus, indem er reale Aussenwelt, der Welt an sich, nicht als schlechthin unerkennbar ansieht. Der kritische Realismus ist weitergeführt worden u.a. durch Erich Becher (1882-1929) und Aloys Wenzl (1887-1967). Zitatende
 



 
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