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wirena

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Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen «kleine Weltgeschichte der Philosophie» von Hans Joachim Störig


Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts



III. Lebensphilosophie, Vitalismus, Historismus


1. Allgemeines

Den Namen «Lebensphilosophie» hat man schon früher auf die Philosophie Schopenhauers und Nietzsches angewendet. Diese beiden haben wie Georg Simmel, einer der neueren Lebensphilosophen, gesagt hat, die aufklärerische Vernunft im 19. Jahrhundert vom Thron gestossen. Die Lebensphilosophie ist ein Teil der grossen Gegenbewegung gegen Aufklärung und Rationalismus und darin die Fortsetzung der Romantik. Es ist eine Philosophie, die das Leben, das mit den Mitteln des blossen Denkens nicht zu erfassende «lebendige» Leben verstehen will. Der Vernunft weist sie teils eine dienende Rolle zu, teils steht sie ihr mit ausgesprochener Feindschaft gegenüber. Allen neueren Denkern der Lebensphilosophie ist gemeinsam, dass sie mehr oder weniger bewusst und ausdrücklich, auf den Schultern Schopenhauers und Nietzsches stehen. Gemeinsam sind ihnen ferner durch die gemeinsame Grundauffassung eine Reihe von Wesenszügen, die man wie folgt kennzeichnen kann:

- Diese Denker sind «Aktualisten». Bewegung, Werden, Entwicklung gilt ihnen mehr als starres Sein.

- Sie sehen die Wirklichkeit als organische. Die Wissenschaft, von der die meisten von ihnen ausgehen, ist die Biologie.

- Ihre Philosophie ist irrational. Begriffe, logische Gesetze, apriorische Formen gelten ihnen als nur sehr begrenzt taugliches methodisches Mittel. Intuition, gefühlsmässiges Erfassen, unmittelbare Anschauung, «Verstehen» und Erleben werden bevorzugt.

- In der Erkenntnistheorie sind sie nicht Subjektivisten. Die Welt besteht für sie nicht nur in unseren Köpfen. Es gibt eine von unserem Denken unabhängige objektive Wirklichkeit.

- Die meisten sind Pluralisten. Sie nehmen nicht ein einziges grundlegendes Prinzip an, sondern zwei, nämlich das «Leben» und ein diesem gegenüberstehendes, oder mehrere. Zitatende


2. Henri Bergson, 1859-1941
Der einflussreichste aller neueren Lebensphilosophen ist der Franzose Henri Bergson. Seine vier wichtigsten Werke sind:

- Versuch über die unmittelbaren Gegebenheiten des Bewusstseins (deutsch: «Zeit und Freiheit)
- Materie und Gedächtnis
- Schöpferische Entwicklung
- Die beiden Quellen der Moral und der Religion


Zitat: Was alle Bücher Bergsons auszeichnet, ist eine Sprache von seltener Schönheit, ausserordentlicher Klarheit und ein verschwenderischer Reichtum an Bildern, Vergleiche, Beispielen; im Inhaltlichen eine solide Grundlage von Wissen in allen Zweigen der Naturwissenschaft. Dies ist einer der Gründe für Bergsons ausserordentlichen Erfolg. Bergson hatte, abgesehen von Schopenhauer, dessen Doppelansicht der Welt als Wille und Vorstellung der seinen sehr nahekommt, auch in Frankreich selbst Vorgänger, die er aber an Bedeutung weit übertrifft. Anfänglich ging Bergson von Spencer aus. Der Versuch, die Grundlagen des Spencerschen Systems zu vertiefen, führte ihn aber schliesslich zu einer gänzlichen Abwendung von diesem. In Frankreich ist Julien Benda als Kritiker und Gegenspieler Bergsons hervorgetreten.

a) Raum und Zeit, Verstand und Intuition.
Bergson geht aus von dem Verhältnis von Raum und Zeit. Kant hatte beide als im Wesentlichen gleichberechtigte Formen unserer Anschauung behandelt. Bergson zeigt ihren tiefen Wesensunterschied.

Der Raum ist in sich homogen. Er ist ein Inbegriff gleichartiger Punkte. Man kann beliebig von einem zum andern übergehen. Die Naturwissenschaft betrachtet in Wirklichkeit immer nur diesen Raum. Was sie Bewegung nennt, ist nur die Aufeinanderfolge der räumlichen Lage der Körper in ihm. Auch wo sie vorgibt, die Zeit zu messen, misst sie in Wahrheit nur Veränderungen im Raume.

Die Zeit ist nicht homogen. Sie ist eine nicht umkehrbare Reihe. Ich kann in ihr keineswegs beliebig von einem Punkt zum andern übergehen. Jeder Moment ist etwas Neues, Einmaliges, Unwiederholbares. Die Zeit ist ein einziges unteilbares Fliessen, ein Werden, das von der sogenannten Zeit der Naturwissenschaft durchaus verschieden ist. Der Raum ist. Die Zeit ist nicht, sondern wird immerzu.

Dem Raum und der Zeit entsprechen im Menschen zwei ebenso verschiedenartige Erkenntnisvermögen. Dem Raum zugeordnet ist der Verstand
. Sein Gegenstand ist das Fest, Räumliche, die Materie. In diesem Bereich ist der Verstand zu wahrer und richtiger Erkenntnis befähigt, denn er ist der Materie wesensverbunden (hier liegt ein Gegensatz zu Kant). Der Verstand ist das Organ des handelnden Menschen, des homo faber, des Werkzeuge verfertigenden, auf die Natur tätig einwirkenden Lebewesens.

Die wirkliche Zeit, die reine Dauer, kann der Verstand nicht begreifen.
Wenn er sich der Zeit zuwendet, überträgt er seine der räumlichen Materie entsprechenden Formen auf die Zeit. Er zerstückelt sie, verschneidet sie in zähl- und messbare Einheiten und geht damit an ihrem wahren Leben vorbei….Die reine Dauer vermögen wir nur durch Intuition zu erfassen…. Diese Intuition dient im Gegensatz zum Verstande nicht dem praktischen Handeln. Sie ist das Organ des homo sapiens, des anschauenden, erkennenden Menschen.

Da der Verstand auf die Praxis eingerichtet ist, kann die Philosophie nur mit der Intuition etwas anfangen. Das bringt notwendig einen gewissen Mangel an zwingenden logischen Beweisen mit sich. Der Philosoph vermag nicht mehr als durch anschauliche, bildhafte Darstellung des von ihm intuitiv Erkannten anderen zur gleichen Intuition verhelfen.


b) Elan vital. Wenn der Philosoph sich in das Meer des Lebens versenkt, das uns umgibt, so erkennt er, dass alle Wirklichkeit Werden ist. Es gibt im Grunde nur Werden, Handlung, Aktion. Es gibt allerdings zweierlei Bewegung, die steigende des Lebens und die fallende der Materie. Das sind zwei ganz verschiedene Welten. Es ist unsinnig, das Wesen des Lebens mit dem Verstande, sei es mechanisch oder teleologisch, erklären zu wollen. Soll tatsächlich zum Beispiel ein so kompliziertes Organ wie das Auge durch eine Reihe zufälliger Variationen, die sich erhielten und fortpflanzten, entstanden sein? Vor allem: wie soll man es erklären, dass in der Entwicklung des Lebens in ganz verschiedenen voneinander unabhängigen Zweigen gleichartige organische Schöpfungen hervorgebracht werden, und zwar mit ganz verschiedenen Mitteln?... Die Entfaltung des Lebens kommt nicht aus der Materie und ihren mechanischen Gesetzen, sie geht vielmehr gegen diese, gegen Trägheit und Zerfall, zu immer höheren, gewagteren, freieren Formen. Die Lebensvorgänge berühren sich mit den physikalischen und chemischen Kräften gerade nur so weit, wie man die kleinsten Teile eines Kreises als Teile einer geraden Linie betrachten kann. In Wirklichkeit ist das Leben von ihnen so verschieden wie die Kurve von der Geraden. Auch das Bewusstsein ist nicht vom Körper abhängig. Dies zu behaupten wäre dasselbe, als wenn man aus der Tatsache, dass ein aufgehängtes Kleidungsstück nach Abnahme des Hakens herunterfällt, auf die Identität von Kleidung und Haken schliessen wollte. Bewusstsein ist überall wo Leben ist. Nur der Mensch aber hat Intuition, die Form, in der das Leben sich selbst erkennen, über sich selbst nachdenken kann. Es kommt darauf an, «die Tiefen des Lebens abzuhorchen und den Puls seines Geistes mit Hilfe einer Art intellektueller Auskultation abzulesen».


Anmerkung von mir: das erinnert mich an Panpsychismus – an ein Interview/ YouTube-Video, das ich gesehen habe.


c) Moral und Religion.
Eine ähnliche Entgegensetzung zweier verschiedener Elemente findet sich in Bergson Moral- und Religionsphilosophie. Es gibt zweierlei Moral.

Die geschlossene Moral beruht auf einem von der Gesellschaft ausgeübten Druck. Sie ist unpersönlich. Die ihr entsprechenden Handlungen werden fast automatisch, instinktiv ausgeführt. Sie bezweckt die Erhaltung der sozialen Gewohnheiten und bezieht sich deshalb immer auf eine begrenzte Gruppe von Menschen.

Die offene Moral ist persönlich, von der Gesellschaft unabhängig, schöpferisch. Sie erscheint verkörpert nur in hervorragenden Einzelpersönlichkeiten, den Heiligen und den Helden. Sie geht hervor aus dem unmittelbaren Erfassen des Lebensgrundes und umfasst in Liebe das ganze Leben.

Es gibt auch zweierlei Religion
. Da dem Menschen der Instinkt fehlt, der bei den sozialen Tieren den gesellschaftlichen Zusammenhang verbürgt, da bei ihm an dessen Stelle der Verstand steht, der auf den sozialen Zusammenhang eher auflösend wirkt, so hilft sich die Natur mit der «fabulierenden Funktion» des Verstandes. Sie schafft Phantasien, Fabeln, die den Menschen mit dem Leben und die Individuen untereinander verbinden. Der Mensch weiss durch den Verstand, dass er sterben muss. Er sieht durch den Verstand, dass dem Erreichen seiner Ziele unberechenbare Hindernisse im Wege stehen. Die Natur hilft ihm, diese bitteren Erkenntnisse zu ertragen, indem sie mittels der Phantasie gütige Götter verfertigt. Die Funktion dieser «statischen» Religion ist also im Menschenleben eine ähnliche wie die des Instinkts bei den Tieren, eine bindende, erhaltende, versöhnende.

Ganz verschieden hiervon ist die dynamische Religion, die Mystik, welche bei den Griechen in Ansätzen, bei den Indern in spekulativer Form, bei den christlichen Mystikern in Vollendung ausgebildet ist. Die dynamische Religion geht hervor aus dem ahnenden Erfassen des Unerreichbaren, aus dem Zurückgehen in der Richtung, aus der der Lebensstrom kommt. Sie ist nur bei einzelnen aussergewöhnlichen Menschen vorhanden. Wenn die Mystiker aus ihren für andere unzugänglichen Erfahrung heraus behaupten, dass der Ursprung des Lebensstroms in Gott liege, dass dieser Gott ein Gott der Liebe, dass die Welt die Erscheinung der göttlichen Liebe und dass im Menschen ein unsterblicher göttlicher Funke sei – so kann die Philosophie solche Sätze zwar nicht beweisen, aber dankbar hinnehmen als Hinweise darauf, wo das nur der mystischen Versenkung zugängliche Wesen alles Seienden liegt. Zitatende
 

wirena

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Die Philosophie im 19. Und 20. Jahrhundert
Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts



III. Lebensphilosophie, Vitalismus, Historismus

3. Vitalismus: Driesch, Gestalttheorie, Friedmann
Hans Driesch (1867-1941), den führenden Philosophen des Neu-Vitalismus in Deutschland
, in den Zusammenhang der Lebensphilosophie zu stellen, ist nur bedingt richtig, insofern auch Drieschs Philosophie vom Leben ausgeht (Driesch war zwanzig Jahre Zoologe), insofern sie eine Philosophie des Organischen ist. Die Richtung jedoch welche Drieschs Denken von diesem Ausgangspunkt aus nimmt, bringt ihn eher in die Nähe der zeitgenössischen Metaphysik, der Philosophie des objektiven Seins.

Der Gegensatz zwischen mechanistischer und «vitalistischer» Betrachtung der Lebensvorgänge findet sich bei den Griechen. Bei diesen wollte Demokrit das Weltganze aus dem mechanischen Zusammenspiel seiner Atome erklären, während Aristoteles zur Erklärung des Lebendigen eine besondere formende Lebenskraft, die Entelechie, heranzog. In der neueren Philosophie wurde zunächst von Descartes bis zu Lametries «Maschinenmensch» die mechanistische Erklärung vorherrschend. Kant versuchte eine Abgrenzung beider Betrachtungsweisen und erkannte die Unentbehrlichkeit der teleologischen Betrachtung. Die Romantik war vitalistisch. Sie dachte lebendig, organisch. Die Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts neigte mit Darwins Entwicklungslehre, mit den ausserordentlichen Erfolgen der organischen Chemie - welche organische Stoffe, zuerst den Harnstoff, synthetisch herstellen lernte – zunächst wieder zu einer mechanistischen Auffassung. Ein neuer Umschwung trat um die Wende zum 20. Jahrhundert ein. Bergson ist der philosophische Exponent dieses Umschwungs in Frankreich. In Deutschland ist es neben anderen Hans Dreisch

- Philosophie des Organischen
- Ordnungslehre
- Wirklichkeitslehre
- Metaphysik
- Parapsychologie

Den wichtigsten Anstoss zu Drieschs Überlegungen bildeten von ihm selbst durchgeführte zoologische Experimente an Seeigeleiern. Sie erbrachten den Nachweis, dass aus halbierten oder anders geteilten Keimen nicht Teilorganismen, sondern Ganze – wenn auch kleinere – Lebewesen entstanden. Eine solche Fähigkeit des Organismus zur Regeneration des Ganzen aus Teilen war auf mechanistischem Wege nicht zu erklären. Dem Leben ist eine Ganzheitskausalität eigen, Bestimmung des Teils vom Ganzen her. Die unsichtbare, nicht als solche fassbare Kraft, die hier wirkt, nennt Driesch mit Aristoteles «Entelechie». Driesch blieb nicht hierbei stehen. Er schuf zur philosophischen Deutung und Rechtfertigung der biologischen Erkenntnisse ein gedankliches System, das von der Logik bis zur Ethik und Metaphysik reicht. Driesch ist undogmatisch. Sein Ausgangsunkt ist das «cogito ergo sum» des Augustinus und Descartes. Es heisst bei ihm: «Ich habe bewusst Etwas». Dieses Etwas zu ordnen ist die Aufgabe des ersten Teils der Philosophie, der Ordnungslehre. Die Ordnung der Gegenstände findet ihren Ausdruck in den Einteilungen der Wissenschaften. Der zweite Teil der Philosophie ist Wirklichkeitslehre oder Metaphysik. Die Ordnungslehre hatte die Gegenstände nur als blosse Erscheinungen genommen und geordnet. Die Wirklichkeitslehre stellt in den Mittelpunkt die Frage nach einer vom Ich unabhängigen objektiven Wirklichkeit und nach der Einheit dieser Wirklichkeit hinter der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen.

Die erste Voraussetzung in Drieschs Ethik ist Bejahung des Lebens, als organisches und als Mittel für das geistige Leben
. Daraus ergeben sich notwendig gewisse Folgerungen für das Verhalten zu anderen Wesen, das Verbot der Tötung und Schädigung, das Gebot der Anlagenförderung und Wahrhaftigkeit. Im Staat, in der Entwicklung der Menschheit, in der Tatsache des sittlichen Bewusstseins finden sich ähnliche ganzheitliche Züge wie im organischen Leben. Das legt den Schluss nahe, wenn er auch nicht gewiss ist, dass auch hier hinter dem Erscheinenden eine «Entelechie», eine Seele des Weltganzen, steht.

Der Zug zur Ganzheitsbetrachtung, die Erkenntnis, dass es gestalthafte Ganze gibt, welche mehr sind als die blosse Summe ihrer Teile, findet sich überall in der Wissenschaft und Philosophie der Gegenwart. Auf psychologischem Gebiet ist dieser Gedanke namentlich durch die sogenannte Gestaltpsychologie und allgemeine Gestalttheorie verfochten worden. Schöpfer des allgemeinen Gestaltbegriffes ist Christian Freiherr von Ehrenfels (1859-1932) mit seiner 1890 erschienen Arbeit

- Über Gestaltqualitäten

Die Begründer der Gestaltpsychologie sind Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Koffka.

Als philosophischer Denker, der das Form- und Gestaltproblem behandelt
und von ihm aus auch der Biologie neue fruchtbare Anregungen gegeben hat, ist Hermann Friedmann (1873-1957) zu nennen

- Die Welt der Formen
- Wissenschaft und Symbol

Von Friedmann stammt die Idee einer «Gestaltmathematik», in der Formbegriffe an Stelle der bisherigen mathematischen «Grössen»-Begriffe in den Vordergrund treten. Sie würde ermöglichen, eine Brücke zwischen Physik und Biologie zu schlagen, ja die Physik zu einem Sonderkapitel einer umfassenden Biologie zu machen. Der Gedanke ist inzwischen von anderen Forschern wie Joseph Henry Woodger und Ludwig von Bertalanffy aufgenommen worden. Was für Driesch gesagt wurde, gilt ähnlich auch für Friedmann: Ihn in die Linie der Lebensphilosophie einzuordnen, ist nur bei sehr weiter Fassung dieses Begriffs zulässig. Seine Bedeutung erschöpft sich auch nicht mit seinen Beiträgen zum Gestaltproblem.


4. Deutsche Lebensphilosophie und Historismus
Die eigentliche deutsche Lebensphilosophie ist mit der Mehrzahl ihrer Vertreter nicht so sehr an der Biologie orientiert als vielmehr an der Geschichte. Sie steht damit in enger Beziehung mit dem sogenannten Historismus. Diese Bewegung hat ihren Ausgangspunkt in dem mächtigen Aufschwung, den die Geschichtswissenschaft in Deutschland seit Hegel und der Romantik genommen hatten. Die Geschichte steht im Zentrum des Philosophierens. Man sieht «in dem geschichtlichen Charakter des Menschtums eine Wesensbestimmung von metaphysischer Bedeutung» (Theodor Litt). Aus der geschichtlichen Betrachtung des Lebens erwächst leicht ein Relativismus in Bezug auf Werte.

Der Geschichte am fernsten stehen Ludwig Klages und Hermann Graf Keyserling; näher stehen ihr Georg Simmel und Oswald Spengler; die Denker des eigentlichen Historismus sind Dilthey und seine Schüler.

Ludwig Klages (1872-1956) ist ursprünglich aus dem Kreis des Dichters Stefan George hervorgegangen.
Seine ersten grossen Leistungen, die vielleicht dauernder sein werden als seine Philosophie, liegen in der wissenschaftlichen Graphologie und Charakterkunde. Klages Lehre vom Ausdruck betrachtet den Leib als Erscheinung der Seele, die Seele als Sinn des Leibes, und damit Leib und Seele als einen engen Sinn- und Ausdruckzusammenhang. Klages verdankt wichtige Anregungen seinem Lehrer Melchior Palagyi (1859-1924). Palagyi war ein vielseitiger Denker, der u.a. bereits 1901, also mehrere Jahre vor der Veröffentlichung der speziellen Relativitätstheorie durch Einstein, in seiner Schrift

- Neue Theorie des Raumes und der Zeit


einige Grundgedanken dieser Theorie ausgesprochen hatte. Klages übernahm von ihm u.a. die Lehre vom «intermittierenden Bewusstsein», die besagt, dass die fliessenden, kontinuierlichen Lebensvorgänge von dem diskontinuierlichen menschlichen Bewusstsein nur unvollkommen erfasst werden können. Klages philosophischer Standpunkt kommt treffend zum Ausdruck im Titel seines philosophischen Hauptwerkes

- Der Geist als Widersacher der Seele

Während Leib und Seele zwei untrennbar zusammengehörige Pole der Lebenszelle sind, drängt der Geist von aussen her, einem Keil vergleichbar, sich zwischen beide, mit dem Bestreben sie zu entzweien und so das Leben zu ertöten
. Die vom lebensfeindlichen Geist noch unberührte Seele erlebt die Welt als eine Folge von Bildern, von beseelten Gestalten. Der Geist zerhackt diesen kontinuierlichen Strom und zerlegt das Erleben in eine Anzahl voneinander getrennter «Gegenstände». Die Wissenschaft, besonders die mechanistische Naturwissenschaft, ist die stärkste Ausprägung dieser die Bilder zerstörenden, das Leben abtötenden Funktion des Geistes. Der Geist ist also eine dem Leben fremde, ja ausserraumzeitliche (akosmische) Macht, die in das Leben einbricht. In diesem Widerstreit von Geist und Seele nimmt Klages leidenschaftlich die Partei der Seele, des bewusstlos-bildhaften Lebens gegen seinen Widersacher, den Geist, die Partei des Herzens, des Gefühls, des Instinkts, gegen Kopf, Verstand, Intellekt. Das Ergebnis des Geistes ist die bewusste, den Instinkten widerstreitende Tat, und jede solche Tat ist ein «Mord am Leben». Die Parole ist: Rückkehr zum naturhaftunbewussten Leben. Durch Klages ist das Werk des fast vergessenen Kulturhistorikers Johann Jakob Bachofen (1815-1887) über Mutterrecht und Urreligion wieder zur Geltung gebracht worden.

Graf Hermann Keyserling (1880-1946
) ist ein Abkömmling einer alten deutsch-baltischen Familie; zu seinen Vorfahren gehören die berühmten Barone von Ungarn-Sternberg… er selbst bezeichnet sich als «Condottiere», als «aussergewöhnlich vielfältig, unharmonisch und widerspruchsvoll veranlagt». Er bereiste beinahe die ganze Welt. In seinem

- Reisetagebuch eines Philosophen

einem der lebendigsten philosophischen Bücher unseres Jahrhunderts, schildert er seine Eindrücke aus Indien, China, der Südsee und Amerika. Keyserling wendet sich wie Klages gegen blosse Verstandeskultur. Er ist ein Mann der schöpferischen Intuition. Aber er bekämpft nicht den Geist, sondern will Geist und Seele zu einer neuen Einheit verbinden und so einen Weg zur Vollendung zeigen. In diesem Sinn will er mehr geben als Philosophie, nämlich «Weisheit», «Leben in Form des Wissens».

Eine ausserordentlich vielseitige Persönlichkeit und en geistreicher Schriftsteller wie Keyserling ist auch Georg Simmel (1858-1918). Im Mittelpunkt von Simmels Lebensphilosophie steht die Spannung zwischen dem Leben als solchem und den «objektiven Sachgehalten» der Kultur, also Recht, Sittlichkeit, Wissenschaft, Kunst, Religion. Simmel zeigt, dass diese objektiven Kulturbereiche, obwohl sie ihre eigene Gesetzlichkeit haben und sich dem Leben gegenüberstellen können, doch aus dem Leben selber erwachsen. Denn Leben ist immer zugleich Mehr-als-Leben, oder, wie Simmel sagt: Die Transzendenz ist dem Leben immanent; das heisst, es gehört zum Wesen des Lebens, dass es über seinen vitalen Grund hinausgreift. Das wichtigste Werk in dieser Hinsicht ist Simmels vier

- Metaphysische Kapitel über Lebensanschauung

Simmel war gleichzeitig ein bedeutender Soziologe.

Breiteren Kreisen viel bekannter als Simmel ist der Historiker und Geschichtsphilosoph Oswald Spengler (1880-1936) durch sein aufsehenerregendes Werk

- Der Untergang des Abendlandes

Spengler ist wie Bergson überzeugt von der tiefen Wesensverschiedenheit der Welt des Raumes von der Zeit.
Es gibt eine Logik des Raumes. Ihr Prinzip ist Kausalität, ihr Gebiet die Naturwissenschaft. Daneben gibt es eine Logik der Zeit, eine organische Logik, eine Logik des Schicksals. Sie lehrt die Welt als Geschichte begreifen. Spengler besass einen einzigartigen physiognomischen Blick für die Formen und Zusammenhänge des geschichtlichen Werdens. Er zeigt, dass Weltgeschichte kein fortlaufender Prozess ist, sondern eine Aufeinanderfolge unabhängiger Kulturen. Jede Kultur ist ein Organismus, ein Lebewesen höchsten Ranges und der Ausdruck eines besonderen Seelentums….Kulturen wachsen, blühen und vergehen wie Lebewesen. Eine vergleichende Morphologie (Gestaltenlehre) der Weltgeschichte erkennt den lebensgesetzlichen Ablauf jeder Kultur. Auf unsere, die abendländische «faustische» Kultur angewandt, ermöglicht sie die Prognose, dass wir in das Stadium der Zivilisation der Erstarrung, eingetreten sind und dem Untergang entgegengehen.

Wilhelm Dilthey (1813-1911) gehört einer älteren Generation an. Sein Einfluss reicht aber wie der Spenglers bis in die unmittelbare Gegenwart. Diltheys innerer Entwicklungsgang ging vom Positivismus zu einem irrationalen «Verstehen» des Lebens und der Geschichte und spiegelt damit die Entwicklung des 19. Jahrhunderts. Da die Wirklichkeit Leben ist, ist Verstehen nur als Bewegung von Leben zu Leben möglich, nicht mit dem Verstand allein, sondern mit der Gesamtheit unserer Gemütskräfte. Der Bereich solchen Verstehens sind die Geisteswissenschaften und besonders die Geschichte als Selbstbesinnung des Menschen. « Was der Mensch sei, erfährt er nur durch die Geschichte»….Der Historismus Diltheys führte ihn folgerichtig zum Relativismus. «Die Relativität jeder Art von menschlicher Auffassung ist das letzte Wort der historischen Weltanschauung, alles im Prozess fliessend, nichts bleibend»…. Von ihm sind bei weitem die reichsten und fruchtbarsten Wirkungen ausgegangen… eine grosse Zahl von Denkern der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart ist von ihm beeinflusst, so Ernst Troeltsch (1865-1923), Eduard Spreanger, Erich Rothacker, Hans Freyer, Theodor Litt, auch der spanische Philosoph José Ortega y Casset (1882-1955). Zitatende

 



 
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