Fragmente

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wirena

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Das Lesen und Schreiben der „Kleinen Weltgeschichte der Philosophie“ von Hans Joachim Störig führt mich zu eigenen Gedanken über die Unendlichkeit und Ewigkeit, die ich nun formulieren kann und möchte:

- Die Unendlichkeit hat keinen Anfang und kein Ende. Hätte sie einen Anfang, wäre dieser das Ende, wenn man in der Unendlichkeit zurück zum Anfang geht.

- In der Unendlichkeit bewegt sich die Endlichkeit in Ewigkeit

- Ewigkeit IST = zeitlose Zeit = unendliche Abfolge von "Jetzt"
 

wirena

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Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen „kleine Weltgeschichte der Philosophie“ von Hans Joachim Störig


Die drei grossen Systeme im Zeitalter des Barocks


Zitat: «Die Philosophie des 17. Jahrhunderts weist, auf dem europäischen Festlande jedenfalls, eine verhältnismässige Geschlossenheit und Stetigkeit der Entwicklung auf. Es sind die gleichen Grundprobleme, mit denen in allen Köpfen gerungen wird, die einzelnen Lösungsversuche knüpfen aneinander an und werden diskutiert, wozu ein Zeitalter besonderes günstige Voraussetzung bot, in dem die Vernunft, welche sich in der Renaissance mündig erklärt hatte, ihren Siegeszug antrat und in dem die Mathematik als eine jenseits nationaler und individueller Besonderheiten stehende, prinzipiell jedem zugängliche und einsichtige Wissenschaft von höchster Allgemeingültigkeit das Ideal aller Erkenntnis bildete. Wenn wir in der Mathematik eine Methode unantastbarer Beweisführung besitzen – so fragte man -, warum soll es dann nicht möglich sein, die menschliche Gesamterkenntnis, also alle anderen Wissenschaften und vor allem auch die Philosophie auf eine ähnlich sichere Grundlage zu stellen? Die Philosophie dieser Epoche ist von der Mathematik nicht zu trennen…. Es ist das Streben nach klarer übersichtlicher Gestaltung, nach harmonischem Aufbau, nach Abgewogenheit aller Teile eines Ganzen – ein Streben, das an der Mathematik geschult war und in ihr auch einen besonders deutlichen Ausdruck fand, sicher aber nicht auf der Mathematik allein beruht; wir finden es nicht nur in der Philosophie, sondern auf allen Gebieten des kulturellen Lebens ausgeprägt, in Staats- und Kriegskunst, in Architektur, Dichtkunst und Musik.» Zitatende


René Descartes, 1596-1650, in der Touraine geboren
René Descartes stammt aus einer adligen altfranzösischen Familie. Seine wissenschaftliche Ausbildung erhielt er im Jesuitenkollegium von La Flèche. Er hatte eine Vorliebe für die Mathematik, verbunden mit Skepsis gegen alle anderen Wissenschaften und führte ein unstetes Leben. Zeiten mit äusserster Zurückgezogenheit und Konzentration wechselten sich ab mit einem abenteuerlichen Leben. So zog er sich für zwei Jahre in eine selbst seinen nächsten Freunden unbekannten Wohnung in Paris zurück, um in Abgeschiedenheit Mathematik vertieft zu studieren. Danach nahm er als Soldat am Dreissigjährigen Krieg teil, um Welt und Menschen gründlich kennenzulernen. Er fühlte sich keine Partei verpflichtet, und so diente er im katholischen bayerischen und im holländischen Heer. Nach der Militärzeit reiste er jahrelang durch den grössten Teil Europas, um sich anschliessend beinahe 20 Jahre lang in den Niederlanden zurückgezogen seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu widmen. Verbunden mit der Welt blieb er lediglich durch Briefwechsel mit seinem Pariserfreund, dem Pater Mersenne. Königin Christine von Schweden, studierte Descartes Werke und berief ihn 1649 nach Schweden, wo er nach kurzem Aufenthalt im darauf folgenden Jahr verstarb.

Descartes hinterlässt folgende Werke. Alle während des langen Aufenthaltes in Holland geschrieben:

«Die Welt», fast vollendet. Als Descartes von der 1633 erfolgten Verurteilung des Galilei erfuhr, vernichtete er die Schrift, um einem ähnlichen Konflikt zu entgehen. In späteren Werken erscheinen Teile davon wieder.

«Abhandlung über die Methode, die Vernunft richtig zu führen und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen» (1637). Zunächst anonym veröffentlicht.

«Meditationen über die Erste Philosophie»
(1641) (das heisst Metaphysik), sein Hauptwerk, worin er die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele behandelt. Descartes widmete das Buch der theologischen Fakultät der Pariser Universität, nicht um sich vor Anfeindungen von kirchlicher Seite zu schützen, sondern weil er überzeugt war, der Sache der Religion mit seinen Gedanken einen Dienst zu erweisen.

«Principia philosophiae» (1644), eine systematische Ausarbeitung seiner Gedanken.

«Briefe über das menschliche Glück», geschrieben für die Pfalzgräfin Elisabeth, die er im holländischen Exil kennengelernt hatte.

«Die Leidenschaften der Seele», geschrieben für die Pfalzgräfin Elisabeth.



Trotz aller Vorsicht, wurden seine Bücher später auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt und von protestantische, auch von staatlicher Seite in ähnlicher Weise verboten.

Descartes mathematische Leistung, die ihm einen Platz unter den grössten Mathematikern aller Zeiten sichert, ist vor allem diejenige, die in engem Zusammenhang mit seinen philosophischen Anschauungen vom Ideal der Erkenntnis und mit seinen Vorstellungen vom Raum stehen.

Sein Grundthema, seine Grundgedanken «Gott und die Seele» unterwirft Descartes einer streng logischen Zergliederung. Sein Ziel ist, die Philosophie zu einer Art Universalmathematik zu machen, zu einer Wissenschaft, in der alles mittels strenger Deduktion aus einfachsten Grundbegriffen gewonnen wird. Das führt zu der von Descartes entwickelten, eigentümlichen Methode. Zitat: «Wenn alles Erkannte aus einfachsten Prinzipien abgeleitet werden soll., muss ich mich», so sagt Descartes, «zunächst und vor allem der Sicherheit meines Ausgangspunktes vergewissern. Was aber ist sicher? Um sicherzugehen, werde ich zu Anfang gar nicht als sicher annehmen. Ich werde alles anzweifeln, um zu sehen, was einem solchen radikalen Zweifel standhält. Nicht nur allem, was ich durch Unterricht, aus Büchern und im Umgang mit den Menschen gelernt habe, muss ich zweifeln; auch daran, ob die mich umgebende Welt überhaupt in Wirklichkeit vorhanden ist, oder ob sie etwa blosse Einbildung ist, beziehungsweise ob sie so vorhanden ist, wie ich sie wahrnehme – denn es ist bekannt, dass es vielerlei Sinnestäuschungen gibt; ja auch an dem, was als das Sicherste von allem erscheint, an den Grundsätzen der Mathematik, muss ich zweifeln, denn es könnte ja sein, dass unser menschlicher Verstand zur Erkenntnis der Wahrheit ungeeignet ist und dauernd in die Irre führt. Beginne ich nun also das Philosophieren damit, dass ich schlechthin alles in Frage stelle, so gibt es doch etwas, das ich nicht nur nicht bezweifeln kann, dass mir vielmehr, gerade indem und je mehr ich zweifele, immer gewisser werden muss: nämlich die einfache Tatsache, dass ich jetzt, in diesem Moment, zweifle, das heisst denke. Alles, was ich von aussen wahrnehme, könnt Täuschung sein, alles was ich denken mag, könnt falsch sein – aber im Zweifel werde ich jedenfalls meiner selbst als eines denkenden Wesens gewiss – «cogito ergo sum», ich denke, also bin ich». Aus dem radikalen Zweifel heraus, gewinnt Descartes einen ersten unerschütterlichen Ausgangspunkt. …. «Wenn es gelänge, noch etwas aufzufinden, was ebenso gewiss ist wie dieses, dann wäre der nächste Schritt zum Aufbau der richtigen Philosophie getan. Gibt es etwas, was dieser Forderung entspricht?» Ja», antwortet Descartes, und zwar Gott. «Ich habe in mir die Idee Gottes als eines unendlichen, allmächtigen und allwissenden Wesens. Diese Idee kann nicht aus der äusseren Wahrnehmung stammen, denn diese zeigt mir immer nur die endlichen Naturdinge. Ich kann sie mir auch nicht selbst gebildet haben, denn wie sollte es möglich sein, dass ich als endliches und unvollkommenes Wesen mir die Idee eines unendlichen und vollkommenen Wesens aus mir selbst bilden könnte?» So kommt Descartes, unter Heranziehung eines weiteren Gottesbeweises aus der Theologie, zur absoluten Gewissheit Gottes als nächsten Schritt.

Können wir schon an dieser Stelle, bei der etwas unvermittelt anmutenden Einführung des Gottesbegriffes, das Gefühl nicht unterdrücken, dass sie eigentlich nicht ganz zu der Radikalität des Zweifels passe, mit der Descartes doch vorgehen wollte, so haben wir ein ähnliches Gefühl bei dem nun folgenden Schritt: Nachdem Gott in den Gedankengang eingeführt ist, erledigt Descartes auf etwas verblüffende Weise den vorhin geäusserten Zweifel an der Realität der sinnlich gegebenen Aussenwelt. Zu den Eigenschaften des vollkommenen Wesens muss notwendig auch die Wahrhaftigkeit gehören. Wäre Gott nicht wahrhaftig, so wäre er nicht vollkommen. Es ist demnach undenkbar, dass Gott der Wahrhaftige mich betrügen sollte, indem er mir etwa die mich umgebende Welt als trügerisches Gedankenspiel vorzauberte.

Nun erhebt sich aber sogleich eine neue Frage: Wenn Gott in seiner Wahrhaftigkeit gleichsam der Garant dafür ist, dass die Menschen Wahrheit erkennen können, wie kommt es dann, dass wir trotzdem erwiesenermassen irren und uns täuschen? Damit stellt sich das Problem der Theodizee, welches frühere Denker auf ethischem Gebiet – als Rechtfertigung des allgültigen Gottes wegen des in der Welt vorhandenen Bösen – beschäftigt hatte, für Descartes von neuem auf dem Gebiet der Erkenntnislehre. In ethischer Hinsicht hatte man auf jene Frage die Antwort zu geben versucht, dass Gott, um eine vollkommene Welt zu schaffen, dem Menschen habe Freiheit geben müssen, und diese Freiheit sei, indem der Mensch von ihr notwendigerweise auch einen falschen Gebrauch machen kann, eben die Quelle des Bösen. Ähnlich antwortet jetzt Descartes auf seine Frage durch den Hinweis auf die Freiheit des Willens. Der freie Wille ermöglicht es dem Menschen, diese Vorstellung zu bejahen, jene zu verwerfen. Nur in dieser Tätigkeit des Willens, nicht in den Vorstellungen selbst, liegt die Quelle des Irrtums. Wir haben es selbst in der Hand, richtig oder falsch zu denken und zu erkennen. Wenn wir uns nur an den Massstab halten, der uns mit der unvergleichlichen Gewissheit und Deutlichkeit jener ersten Grunderkenntnisse an die Hand gegeben ist, wenn wir nur das als wahr annehmen, was mit gleicher Gewissheit erkannt ist, allem anderen gegenüber uns skeptisch verhalten. So können wir nicht irren, sondern gewinnen denkend ein richtiges Bild der Welt.

Dieses Bild zu entwerfen, ist die nächste Aufgabe, die sich Descartes stellt. Bei der Durchmusterung des menschlichen Geistes und seines Bestandes an Ideen hatte er zunächst die Idee Gottes als der unendlichen und unerschaffenen Substanz gefunden. Er findet weiter die Ideen zweier geschaffener Substanzen, die als solche keines Beweises und keine Rückführung auf andere Ideen fähig sind und dessen auch nicht bedürfen: ersten den Geist, das Denken, welches Descartes ganz unräumlich und unkörperlich fasst – denn, so sagt er, «ich kann mir mein Denken vorstellen, ohne dass ich dazu notwendig das Ausgedehntsein im Raum hinzudenken müsste»; und zweitens die Welt der Körper. Die Körperwelt existiert allerding nicht so, wie sie uns durch die Sinne erscheint. Was uns die Sinne an Qualitäten der Dinge, wie Farbe, Geschmack, Wärme, Weichheit, zeigen, das genügt dem Descartesschen Anspruch auf «Klarheit und Deutlichkeit» nicht. Er schätzt, wie andere Denker dieses rationalistischen Zeitalters, die sinnliche Erfahrung als zu unklar, gering; es zählt als vollgültige Erkenntnis nur das, was der denkende Verstand in völlig durchsichtigen, rationalen, «mathematischen» Begriffen ausdrücken kann. Für die Körperwelt ist das die Eigenschaft des Ausgedehntseins, der Raumfüllung. Die Ausgedehntheit im Raum ist daher das Wesen der Körperwelt. Die Körper sind Raum, und der Raum besteht aus Körpern, leeren Raum gibt es nicht. Im Begriff der Ausdehnung liegt schon die Möglichkeit des Bewegtwerdens – sofern nur der erste bewegende Anstoss, welcher nicht aus den Körpern selbst, sondern nur von Gott gekommen sein kann, gegeben ist. Die Gesamtmenge der von Gott der Körperwelt mitgeteilten Bewegung wird dann immer gleich bleiben – eine erste Vorahnung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie. Die ganze Physik kann daher auf streng mathematische Weise aus den drei Begriffen der Ausdehnung, der Bewegung und der Ruhe konstruiert werden. Alles, auch die Vorgänge im lebenden Körper, ist mit diesen Grundbegriffen mathematisch und mechanisch zu erklären…. Da Descartes den Begriff des Geistes auf das Denken einengt, die Tiere aber in diesem Sinne nicht denken, haben sie an der geistigen Welt keinen Teil. Sie sind reine Mechanismen, nicht anders als Maschinen.» Zitatende. Der konsequente Schritt davon wäre derjenige zum Menschen. Doch soweit geht Descartes nicht. Für ihn sind im Menschen Ausdehnung und Denken, Körper und Geist verbunden. Wie das aber zu denken ist, wenn die beiden Substanzen nichts miteinander gemein haben, wie beide in einem Wesen eng verbunden auftreten und aufeinander wirken, das kann Descartes nicht beantworten.
 

wirena

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Occasionalismus

Descartes gilt als Vater der modernen Philosophie. Seine Gedanken haben die Occasionalisten weitergeführt. Die Schwierigkeit bei Descartes ist, dass er – ausser Gott – zwei ganz voneinander geschiedene Substanzen annimmt. Reines Denken ohne jede Räumlichkeit und Körperlichkeit, reine Ausdehnung ohne jedes Denken, welche beide aber im Menschen in irgendeiner Weise in Verbindung stehen müssen. Zitat: «Wenn ich den Entschluss fasse, meine Hand zu bewege, und diese bewegt sich dann – wie kann ein in meinem Geiste sich abspielender Vorgang Ursache einer Bewegung in der Körperwelt sein (zumal die in dieser vorhandenen Gesamtsumme der Bewegung nach Descartes konstant sein soll)? Hier stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Körperlichem und Psychischem im Menschen. Und wenn eine ursächliche Verbindung nicht bestehen kann – was nach der Voraussetzungen Descartes ja tatsächlich ausgeschossen ist -, wie kommt es dann, dass jedenfalls die beiden Akte – Denkakt und körperlicher Vorgang – zusammentreffen, zusammen auftreten, wie alle Erfahrung lehrt? Hier ist der Punkt, wo die Occasionalisten einsetzen und erklären: Es sieht nicht nur aus wie ein Wunder, dass beide zusammentreffen, obwohl sie ursächlich nicht zusammenhängen können, sondern es ist ein Wunder, ein göttliches Wunder, das nämlich darin besteht, dass Gott bei Gelegenheit (lat. Occasion, daher der Name Occasionalismus) meines diesbezüglichen Willens meine Hand bewegt, dass Gott bei Gelegenheit des vorüberfliegenden Vogels in mir die entsprechende Vorstellung erzeugt und so weiter. Das ist eine Annahme, die reichlich gekünstelt, und auch von einer gewissen Blasphemie nicht frei erscheinen mag. Sie liegt aber durchaus in der Konsequenz der Descartesschen Grundansicht.» Zitatende

Die hervorragendsten Vertreter des Occasionalismus sind Arnold Geulincx (1625-1669) und Nicole Malebranche (1638-1715). Ihre Standpunkte sind im Einzelnen durchaus verschieden, auch fügen sich die occasionalistischen Thesen bei ihnen natürlich in umfassendere Systeme ein. Aber den eben angedeuteten Grundgedanken haben sie gemeinsam. Nicole Malebranche geht aber noch einen Schritt weiter. Er wendet das Prinzip des Occasionalismus auch auf die Vorgänge innerhalb der Körperwelt an. Auch hier ist als Ursache das Eingreifen des göttlichen Willens, wenn zum Beispiel ein Körper, einen anderen anstösst und dieser dadurch in Bewegung setzt.


Jansenismus
Cornelius Jansen
(1585-1638), Professor in Löwen, später Bischof von Ypern, war Urheber der geistig-religiösen Bewegung in Frankreich, die nach ihm Jansenismus benannt wird. Zitat: «Die Jansenisten machten den Versuch, auf katholischem Boden das Werk des Augustinus – aus dem auch die Reformatoren geschöpft hatten – zu erneuern. Sie forderten eine Vertiefung und Reinigung des religiösen Lebens und standen in schärfstem Kampf gegen die damals einflussreichen Jesuiten. Der jansenistische Kreis hatte seinen Mittelpunkt in dem Kloster Port Royal. Die gewaltigste Persönlichkeit, die aus dem Kreis hervorgegangen ist, ist der religiöse Denker Blaise Pascal.


Blaise Pascal (1623-1662)
Blaise Bascal war wie Descartes ein genialer Mathematiker – er ist der Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung – und ein überzeugter Verfechter des kartesianischen mathematischen Erkenntnisideals der «Klarheit und Deutlichkeit». Als kühler und scharfsinniger, durch die Schule des französischen Skeptizismus und Descartes gegangener Denker sah er die vom Standpunkt der Vernunft vorhandenen Widersprüche und Paradoxa in den christlichen Dogmen und formulierte sie in höchst zugespitzter Form. Auf der anderen Seite war Pascal ein tiefreligiöse, von einem übermächtigen Gefühl der Sündhaftigkeit und Nichtigkeit des Menschen durchdrungene Natur. Diese Seite seines Wesens und Denkens führte ihn zu der Erkenntnis, dass das rationale und mathematische Denken gerade die tiefsten Bedürfnisse unserer Menschennatur unbefriedigt lässt und die wesentlichsten Fragen nicht beantworten kann.... Pascal der noch die Widersprüche in den Dogmen kritisierte, wirft sich gleichsam mit einem entschlossenen Sprung ganz in eine Haltung frommer Askese und demütiger Ergebung in den göttlichen Willen und verficht gegen die Logik, von der er doch nicht lassen kann, die Sache des menschlichen Herzens, das seine eigene Logik hat.


Pierre Bayle (1647-1705)
Pierre Bayle war wie Blaise Pascal von den Gedanken Descartes beeinflusst. Er ist wie jener ein kritischer und scharfsinniger Denker, ein Skeptiker und Kritiker.
 

wirena

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Baruch de Spinoza
(1632-1677)
Spinoza wurde in Amsterdam geboren. Er ist der Sohn einer jüdischen Familie, die aus Spanien eingewandert war, da die Juden zu dieser Zeit die Wahl hatten, sich der spanischen, christlichen Umwelt zu unterwerfen, die Taufe anzunehmen oder auszuwandern. Als aussergewöhnlich begabtes Kind wurde Spinoza von seinem Vater für die Laufbahn des Rabbiners bestimmt. Als Jugendlicher studierte Spinoza die Bibel, den Talmud, die mittelalterlichen jüdischen Philosophen, und nachdem er Latein gelernt hatte, auch die mittelalterliche christliche Scholastik, durch ihre Vermittlung die Griechen und schliesslich die neuere Philosophie, insbesondere auch Giordano Bruno und Descartes. Durch diese weitausgreifenden Studien geriet er zu gegensätzlichen Ansichten zu seinen jüdischen Glaubensgenossen. Er war noch nicht vierundzwanzig Jahre alt, hatte noch keine Schriften veröffentlicht, und wurde dennoch, auf Grund mündlichen Äusserungen, der Ketzerei angeklagt, aus der Gemeinde ausgestossen und verbannt, verflucht und verdammt mit allen Flüchen, die im Buche des Gesetzes niedergeschrieben sind – wie es uns erhaltenen Urkunde geschrieben steht. Dies führte Spinoza zur Vereinsamung aber auch zu einer Unabhängigkeit und Freiheit von Vorurteilen. Er lebte in grösster Bescheidenheit und Zurückgezogenheit an verschiedenen Orten in Holland. Obwohl von seinen wesentlichen Schriften, die Aufschluss über sein eigenes Denken geben, zu seinen Lebzeiten nur eine veröffentlicht wurde, verbreitete sich sein Ruhm, teils durch den Umgang mit Freunden, teils durch brieflichen Kontakt mit Männern wie Huyghens und Leibniz, über ganz Europa. Das Angebot im Jahre 1673 an der Universität Heidelberg Philosophie zu lehren lehnte er ab. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit Schleifen von optischen Gläser. Ein Handwerk, das er in seiner Jugend erlernt hatte.

Die Schrift «Theologisch-Politische Traktat» hat Spinoza selbst veröffentlicht.
Zu dieser Zeit, im Zeitalter der Glaubenskriege, als jede Konfession ihre eigenen Lehren und Dogmen mit grösster Erbitterung verfocht, löste diese Veröffentlichung einen Sturm aus und Spinoza verzichtete auf weitere Veröffentlichungen. Möglicherweise gab es aber auch keine praktische Möglichkeit für weitere Veröffentlichungen seiner Schriften.

Spinoza geht davon aus, dass die Bibel für das ganze Volk, für die ganze Menschheit offenbart wurde und nicht nur für wenige Auserwählte. Das bedeutet aber, dass die Bibel in einer dem Volke angepassten Sprache und Verfassung angepasst werden musste. Während die Gelehrten die Macht und Grösse Gottes in den unabänderlichen Gesetzen des Weltlaufs erkennen können, glaubt das Volk, dass sich Gott gerade dort offenbart, wo der gewöhnliche Naturablauf durch Wunder durchbrochen wird. Deshalb muss die Heilige Schrift in zweierlei Sinne verstanden und ausgelegt werden. Zitat: «Sie hat gewissermassen eine für das Volk bestimmte Oberfläche, die dessen Verlangen nach einer mit Bildern und Wundern geschmückte Religion entgegenkommt; hinter dieser erblickt der Philosoph – für den diese Oberfläche Widersprüche und Irrtümer enthalten mag – die tiefen und ewigen Gedanken grosser geistiger Führer ihrer Völker und Bahnbrecher der Menschheit. Beide Arten der Deutung haben ihre Berechtigung…. Spinoza fordert, die Gestalt Jesu müsse von den sie umgebenden Dogmen, die nur zu Zwiespalt und Unduldsamkeit geführt haben, befreit werden. Er hält Christus nicht für Gottes Sohn, aber für den Grössten und Edelsten aller Menschen. In der Nachfolge eines so verstandenen Heilands und seiner Lehre, glaubte Spinoza, würden sich nicht nur Juden und Christen zusammenfinden können, sondern alle Völker könnten in seinem Namen vielleicht geeinigt werden.

Sein Hauptwerk, die «Ethik, nach geometrischer Methode dargestellt», hielt Spinoza bis zu seinem Tode in seinem Schreibpult verschlossen
. Nach seinem Tode wurde es von Freunden noch in seinem Todesjahr herausgegeben und hat eine kaum abzuschätzende Wirkung ausgeübt.

Die «Ethik» gehört nicht zu den Büchern, die man dem in der Philosophie nicht Vorgebildeten zum ersten Studium empfehlen kann
. Wie schon der Titel sagt, ist es «in geometrischer Ordnung» abgefasst, nach Art eines mathematischen Werkes, mit vorangestellten Axiomen, Behauptungen, Lehrsätzen, Beweisen, Folgerungen usw. …. Die Schwierigkeiten beim Lesen des Buches erwachsen einerseits aus dieser Methode, andererseits aus seiner Kürze…. Spinoza hat den Extrakt einer lebenslangen Gedankenarbeit unter rigoroser Ausmerzung jedes entbehrlichen Wortes auf etwa 200 Seiten Latein zusammengedrängt…. Ausgangspunkt ist der Begriff der Substanz. Darunter ist nicht, wie man nach heutigem Sprachgebrauch annehmen könnte, die Materie zu verstehen…Spinoza meint mit diesem Begriff das Eine oder Unendliche, das unter oder hinter allen Dingen steht, das alles Sein in sich vereinigt und begreift. Die Substanz ist ewig, unendlich, aus sich selbst existierend. Es gibt nichts ausserhalb ihrer. So verstanden ist aber der Substanzbegriff gleichbedeutend mit dem Begriff Gott und als Inbegriff alles Seienden zugleich auch gleichbedeutend mit dem Begriff der Natur. So steht am Anfang der Gedanken Spinozas die Gleichung.

Substanz = Gott = Natur

Der Substanz steht der Begriff «Modus» gegenüber. Modus ist alles, was nicht wie die Substanz aus sich selbst heraus zugleich frei und notwendig besteht (denn Notwendigkeit und Freiheit fallen hier zusammen) – also alles, was durch anderes bedingt ist; wir können sagen, die Welt der Dinge im weitesten Sinne, die Welt der (endlichen) Erscheinungen. Im normalen Sprachgebrauch bezeichnen wir diese Welt eigentlich als Natur. Auch Spinoza ist das bekannt. Um hier ein Missverständnis auszuschliessen, verwendet er zwei Begriffe der Natur: Natur im oben zuerst genannten, allumfassenden Sinne bezeichnet er als «schaffende Natur» (natura naturans), Natur als Inbegriff der endlichen Dinge als «geschaffene Natur» (natura naturata). Da die menschliche Sprache keine der Welt der mathematischen Symbole vergleichbare Zeichensprache ist, geschieht es bei Spinoza, dass er sich an die von ihm festgelegten Definitionen selbst oft nicht genau hält. So zum Beispiel für «schaffende Natur» lieber Gott und für «geschaffene Natur» Natur schlechthin gebraucht.

Spinoza lehrt, dass jedes endliche Ding immer nur durch andere endliche Dinge bestimmt ist, dass aber kein endliches Ding Gott unmittelbar zu seiner (nächsten) Ursache hat. Wenn kein endliches Wesen unmittelbar aus Gott folgt, mittelbar aber alles, so muss zwischen Gott als der unendlichen Substanz und den einzelnen Modi noch ein Zwischenglied sein…. Die absolute Summe aller Modi nennt Spinoza «unendliche Modifikation», die unmittelbar aus Gott folgt. Wir haben also eine Stufenfolge von drei Begriffen:

Die unendliche Substanz (= Gott)
Die absolute Summe aller Modi (= alles)
Die einzelnen Modi

Die unendliche Substanz
– oder Gott – hat zwei Eigenschaften (jedenfalls können wir nur zwei wahrnehmen): Denken und Ausdehnung.

Gott ist einerseits unendliche Ausdehnung (also nicht Körper, denn jeder Körper ist begrenzt),
anderseits unendliches Denken (also nicht bestimmtes oder beschränktes Denken).

Da alles in Gott ist, kann jedes Einzelwesen ebenfalls unter diesen zwei Gesichtspunkten betrachtet werden
:

Unter dem Gesichtspunkt des Denkens erscheint es als Idee,
und unter dem Gesichtspunkt der Ausdehnung erscheint es als Körper.


Sowenig wie es zwei verschiedene Substanzen gibt, sondern nur eine, die unter diesen zwei Aspekten zu betrachten ist, so wenig besteht auch ein Einzelwesen, insbesondere der Mensch, aus zwei getrennten Substanzen Körper und Seele, sondern beides sind die zwei Seiten ein und desselben Wesens.

Jedes Einzelwesen strebt, sein Dasein zu behaupten – nach Spinoza fällt das mit seiner Natur zusammen
. Der Mensch, wie jedes Wesen, stösst in diesem Bestreben notwendig mit anderen Wesen zusammen und verhält sich damit einerseits tätig (aktiv), indem er auf diese einwirkt, andererseits leidend (passiv), indem diese auf ihn einwirken. Wird der Trieb zur Selbstbehauptung befriedigt, so entsteht Freude; wird er gehemmt, Trauer. All dies, menschliches Handeln und menschliches Leiden, Liebe und Hass, alle Leidenschaften, die den Menschen mit den ihn umgebenden Körpern verketten, vollzieht sich mit Naturnotwendigkeit und unbeirrbarer Folgerichtigkeit. Es ist daher möglich und auch notwendig, die menschlichen Triebe und Leidenschaften mit kühler, mathematischer Sachlichkeit zu betrachten und zu analysieren… Die Untersuchung, die Spinoza von diesem Standpunkt aus im dritten Teil der «Ethik» durchführt, zeigt ihn als überaus nüchternen, scharfsinnigen Kenner der Menschenseele. Seine Erkenntnisse sind von der späteren wissenschaftlichen und medizinischen Seelenkunde immer aufs Neue bestätigt worden. Für das, was man gemeinhin unter Willensfreiheit, Freiheit der Entscheidung versteht, ist darin kein Raum. Spinoza vergleicht den Menschen, der sich einbildet, frei zu wählen und entscheiden zu können, mit einem Stein, welcher, in die Luft geschleudert, seine Bahn zurücklegt und dabei glaubt, er selbst bestimme den Weg, den er nehme, und den Platz, an dem er niederfällt. Unsere Handlungen folgen den gleichen ehernen Gesetzen wie alles Naturgeschehen. Es gibt auch keine allgemeingültigen Begriffe des Guten und des Bösen. Was die Selbstbehauptung des Einzelwesens fördert, das nennt es «Gut», was sie hindert, das nennt es «Übel»…. Tugend ist nichts anderes als die Fähigkeit des Menschen, dieses sein Streben durchzusetzen. Also ist Tugend dasselbe wie Macht. Und genauso weit wie diese seine Macht reicht das natürliche Recht des Menschen, denn unter natürlichem Recht, sagt Spinoza, ist nichts anderes zu verstehen als die Naturgesetze oder die Macht der Natur. «Unbedingt aus Tugend handeln ist dasselbe wie nach den Gesetzen der eigenen Natur handeln.» Welches ist nun aber die eigentliche Natur des Menschen, nach deren Gesetzen er sein Sein zu erhalten und zu vervollkommnen trachtet? Hier folgt der Schritt, der der weiteren Gedankenentwicklung entscheidend die Richtung gibt: Der Mensch ist seiner Natur nach Vernunftwesen. Der Mensch handelt also dann seiner Natur gemäss, wenn er auf der Grundlage des Strebens nach dem eigenen Nutzen unter der Leitung der Vernunft handelt, und da die Vernunft nach Erkenntnis strebt, so ist «Einsicht» - die erste und einzige Grundlage der Tugend.

Freilich ist der Mensch nicht nur Vernunftwesen. Er wird weitgehend beherrscht und hin- und hergeworfen von Instinkten, Trieben, Leidenschaften…. Die Vernunft erst, verhilft uns zu einem Gesamtüberblick und zum richtigen Handeln. Als treibende Kraft, als Motor des Lebens, bedürfen wir des Triebs. Die Vernunft aber lehrt uns, die widerstrebenden Triebe miteinander zu koordinieren, ins Gleichgewicht zu bringen und sie damit zum wahren Nutze der ganzen harmonischen Persönlichkeit einzusetzen. Ohne Leidenschaft können die Menschen nicht sein. Aber die Leidenschaften sollen durch das Licht der Vernunft geordnet werden. Die Vernunft vermag jedoch noch mehr als dies. Sie kann nämlich selbst zur Leidenschaft, zum Affekt werden und als solcher wirken. Eben darauf, dass die Erkenntnis des Guten und Schlechten selbst als Affekt wirkt, beruht die Möglichkeit, dass der Mensch Erkenntnis zur Richtschnur seines Handelns machen kann.» Zitatende

Die Vernunft führt uns aber noch einen Schritt weiter: Es gibt einfachste Wesen, «Individuen erster Ordnung». Es gibt aber auch zusammengesetzte Wesen höherer Ordnung. Das komplizierteste Wesen, das wir kennen, ist der Mensch. Zitat: «Denkt man sich die unendliche Substanz dargestellt durch eine unermessliche grosse Fläche, etwa ein Blatt Papier, so entsprechen die Modi, die Einzeldinge, den Figuren, die in die Fläche hineingezeichnet werden können. Teilen wir die Fläche beispielsweise in lauter kleine Quadrate ein, fassen ein bestimmtes ins Auge und fragen, wodurch dieses Quadrat bedingt sei, so ist die Antwort: durch die es umgebenden Nachbarquadrate, nicht dagegen, mindestens nicht unmittelbar, durch die ganze Fläche. Natürlich würde es nicht sein, wenn nicht zuvor diese Fläche wäre. Denken wir uns eine sehr komplizierte Figur in die Fläche hineingezeichnet, so ist klar, dass sie zahlreiche Quadrate ganz in sich enthalten wird. Eine grosse Anzahl anderer Einzelquadrate aber wird sie schneiden und nur zum Teil in sich enthalten. Unter dem Gesichtspunkt der Ausdehnung also als Körper betrachtet, wird ein solches Wesen deshalb die Bewegungen seiner Bestandteile nicht vollständig beherrschen, andere Körper wirken mit darauf ein und stören sie. Auch unter dem Gesichtspunkt des Denkens, als Geist, betrachtet, wird ein solches Individuum manche Quadrate ganz in sich begreifen, andere nur teilweise. Die Idee, die der Geist ganz besitzt, nennt Spinoza «adäquate», das heisst angemessene Idee, die übrigen «inadäquate». In seinen Trieben und Leidenschaften ist der Mensch auf andere Körper als deren Gegenstand gerichtet und gewinnt deshalb, da diese immer zugleich auf ihn einwirken nur inadäquate Ideen, nur ein zerstückeltes und verworrenes Wissen von ihnen. Das gleiche gilt für die sinnliche Wahrnehmung anderer Körper. Ganz anders – insbesondere in ihrer höchsten Form, die Spinoza «unmittelbare Anschauung» nennt – die Vernunft! Sie vermittelt nur adäquate Ideen, sie liefert nicht verworrene Erkenntnis der Dinge in ihrer Vereinzelung, sondern betrachtet alles in seinem ewigen, notwendigen Zusammenhang.» Zitatende. Indem Spinoza an der Vernunft nicht zweifelt, sondern sagt, dass die Vernunft die Dinge rein, adäquat erfasst, begreift er sie in ihrer gesetzmässigen Notwendigkeit. Zitat: «Da man das, was man als notwendig begreift, von dem man also eingesehen hat, dass es so sein muss und nicht anders sein kann, auch bejahen muss, ist Einsehen gleich Bejahen, Bejahen ist aber nichts anderes als Wollen (dies lehrte schon Descartes). Was wir zweifelsfrei erkannt haben, dem stehen wir nicht mehr als einem von aussen an uns Herantretenden, nicht gewünschten gegenüber, vielmehr steht es vor uns als ein von uns selbst Gebilligtes, Bejahtes, Gewolltes. Wir sind ihm gegenüber nicht unfrei, leidend, sondern selbstbestimmend und frei! Der Mensch gelangt daher nur dadurch zu immer höherer Freiheit – und dies ist zugleich die einzige Art von Freiheit, die er erlangen kann -, und er vermag sich damit in immer zunehmendem Masse vom Leiden zu befreien, indem er erkennt. Da alles was notwendig ist, Gottes Wille ist (denn Gottes Wille und das Notwendige sind ja eins), so ist fortschreitendes Erkennen und Bejahen des Notwendigen zugleich wachsende Liebe zu Gott und Fügung in seinen Willen. Diesen höchsten dem Menschen erreichbaren Zustand nennt Spinoza «amor Dei intellectualis», geistige Liebe zu Gott». Sie ist zugleich eine «amor fati», eine Liebe zum unabänderlichen Schicksal. Auch Religion und Seligkeit bestehen nur in der selbstverständlichen Hingabe des Menschen an das Notwendige, das heisst an den Willen Gottes. In diesem Sinne ist, wie der Schlusssatz der Ethik sagt, die Seligkeit nicht der Lohn der Tugend, sondern die Tugend selbst ist die Seligkeit.» Zitatende


Politik
Die politische Anschauung Spinozas streift Joachim Störig nur kurz wie folgt: Spinoza fordert Geistes-, das heisst Rede- und Gedankenfreiheit im Staat. Zitat: «er begründet dies durchaus mit Erwägungen der Vernunft: Nachdem die Menschen sich zur staatlichen Gemeinschaft zusammengeschlossen und dieser Macht übertragen haben, reicht für sie als Staatsbürger nicht mehr ihr Recht einfach so weit wie ihre Macht – wie es der Fall ist, solange der Einzelne dem Einzelnen gegenübersteht. Sie haben sich zugunsten des Staates eines Teils ihrer Macht und damit ihres Rechts entäussert, dafür aber Sicherheit gewonnen. Der Staat selbst befindet sich aber weiterhin sozusagen im Naturzustand, in welchem alles, was möglich, auch erlaubt ist. Dies gilt für das Verhältnis des Staates zu anderen Staaten. Verträge binden ihn stets nur so lang, wie ihre Einhaltung ihm vorteilhaft erscheint. Es gilt aber auch für die Macht des Staates nach innen, gegenüber seinen Bürgern. Sein Recht reicht so weit wie seine Macht. In seiner Macht liegt alles, was er erzwingen kann. Da religiöse und wissenschaftliche Überzeugungen zum Beispiel nicht erzwungen werden können, würde der Staat die Grenze seiner Macht und damit seines Rechts überschreiten und sich nur lächerlich machen, wenn er es versuchen würde. Jede mögliche Freiheit zu gewähren, ist für den Staat auch insofern ein Gebot der Klugheit, als die Menschen ihrer Natur nach nichts weniger vertragen können, als dass Meinungen, die sie für wahr haben, als Verbrechen gelten sollen.

Nachwirkung Spinozas – Kritik
Zitat: «Die Wirkung Spinozas auf die Nachwelt setzte nach seinem Tode nicht sogleich in voller Stärke ein. Wie zu Lebzeiten wurde er auch nach seinem Tode gehasst, verspottet und verboten. Das Judentum hatte ihn ausgestossen, die katholische Kirche setzte seine Werke auf den Index der verbotenen Bücher. In Deutschland wurde sein Einfluss zunächst auch durch die fast gleichzeitig entstandene Philosophie Leibniz zurückgehalten, Wie weit sein Einfluss unter der Oberfläche trotzdem reichte, lässt sich ermessen an der Zahl der Streit- und Widerlegungsschriften, die immer wieder gegen ihn erschienen. In Deutschland war der grosse Dichter und Kritiker Lessing der erste, der Spinoza öffentlich Achtung zollte. Ihm folgten Herder und Goethe, der sich ausdrücklich zu ihm und seiner Lehre bekannt hat. Zu den Philosophen, auf die Spinozas Gedanken eingewirkt haben, gehören unter anderen Schopenhauer, Nietzsche und Bergson….

Das Werk Spinozas ist, wie es nicht anders sein kann, Ausdruck seiner Persönlichkeit und seines Schicksals. Niemand kann dem entgehen… die Herkunft Spinozas prägt sich aus in einem Wesenszug seiner Philosophie, den man orientalisch nennen kann. Ein Zug fatalistischer Ergebenheit, der zu lässiger Tatenlosigkeit freilich nicht führen muss, aber doch leicht führen kann, ist in ihr enthalten. Man hat Spinozas Lehre daher auch mit der Buddhas verglichen. Seiner Herkunft und seinem Schicksal gleichermassen ist es wohl zuzuschreiben, dass in seinem System Wert und Bedeutung der natürlichen menschlichen Lebensgemeinschaften Ehe, Familie und Volk keine rechte Stätte haben. Spinoza war ferner eine so theoretisch gerichtete Natur, dass für ihn das Verstehen mit dem Bejahen zusammenfiel. Er konnte sich kaum vorstellen, dass ein Mensch das, was ihm die Erkenntnis als zwingende Einsicht lieferte, trotzdem nicht anerkennen und bejahen sollte. Für ihn wurde tatsächlich «die Erkenntnis selbst zum Affekt». Endlich ist es aus seinem Charakter wie aus seinem Schicksal der Ausgestossenheit und Vereinsamung zu begreifen, dass Spinoza es niemals für möglich und daher auch nicht für erstrebenswert hielt, den natürlichen Egoismus des Menschen zu überwinden, und dass ihm der Gedanke, ein Mensch könne sich für einen anderen aufopfern, absurd erschien. Dies unterscheidet ihn auch, trotz Gleichklangs in mancher anderen Hinsicht, vom Kern des Christentums.
 

wirena

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Gottfried Wilhelm Leibniz
, 1646-1716
Leibniz wurde während des Dreissigjährigen Krieges, kurz vor Abschluss des Westfälischen Friedens in Leipzig, Kurfürstentum Sachsen geboren. Bereits in der Kindheit erhielt er eine umfassende Bildung und wurde mit 15 Jahren an die Universität zugelassen. Mit 17 Jahren erhielt er den Bachelor und mit zwanzig Jahren den Doktorgrad. Die ihm angebotene Hochschullaufbahn schlug er aus. Er hat auch später nie ein wissenschaftliches Lehramt angenommen. Leibniz wandte sich der Politik zu und hatte den Plan, den französischen König Luwig XIV. welcher die Niederlande und Deutschland bedrohte, dazu zu bewegen, vereint mit den Staaten des christlichen Europas, sich gegen die nichtchristliche Welt zu wenden. Dazu ging er im Auftrag des Kurfürsten von Boineburg nach Paris. Er hatte jedoch keinen Erfolg. Die Zeit der «Kreuzzüge» war vorbei.

Währen des vierjährigen Aufenthalts in Paris studierte Leibniz Descartes, las Spinozas Ethik im Manuskript, knüpfte Bekanntschaft mit Huyghens, von dem er in die Tiefen der mathematischen Wissenschaft eingeführt wurde und lernte unter anderen auch Arnould, den damaligen Hauptvertreter der Jansenisten kennen. Leibniz erfand in Paris auch die Differentialrechnung und pflegte sein ganzes Leben einen angeregten Briefwechsel mit zahlreichen bedeutenden Männern. Dies war eine der wichtigsten Quellen für die Kenntnis seines Denkens. Leibniz kannte und besuchte auch Spinoza.

1676 ging Leibniz als Bibliothekar und Berater des Hofes nach Hannover. Diese Stadt wurde seine zweite Heimat und er hat sie in den folgenden Jahren nur zu ausgedehnten Reisen nach Berlin, Wien und Rom verlassen. Die im Jahre 1700 gegründete Berliner Akademie der Wissenschaften geht auf Leibniz Anregung zurück. Er war auch in Kontakt mit dem russischen Zar Peter dem Grossen. Leibniz wollte den wissenschaftlichen und kulturellen Austausch unter den Nationen fördern. Er hatte auch Kenntnisse der chinesischen Geisteswelt. Doch seine Pläne wurden grösstenteils nicht verwirklicht. Insbesondere wollte er nach wie vor die Katholiken mit den Protestanten und später die Lutheraner und die Reformierten wieder vereinigen, was ihm nicht gelang. Zur Förderung dieses Planes hatte Leibniz Schriften verfasst, in denen er das Konfessionen Verbindende besonders betont.

In Hannover, im Dienst der Kurfürsten, arbeitete Leibniz vor allem als Staatrechtler und Historiker. Nach langjährigem Quellenstudium verfasste er ein umfangreiches Geschichtswerk, das zu den besten seiner Zeit gehört
. Seine mathematischen und philosophischen Arbeiten gingen daneben weiter. Seine vielfältigen Interessen hinderten ihn oft, Begonnenes zu vollenden. Gegen Ende seines Lebens fiel Leibniz in Ungnade und verstarb 1716 verbittert und vereinsamt.

Dass Leibniz Wirken, vor allem auf philosophischem Gebiet zunächst nicht die ihrer Bedeutung entsprechende Würdigung fand, hatte seinen Grund zum grossen Teil darin, Zitat: «dass er selbst sein philosophisches System niemals vollständig im Zusammenhang dargestellt hat. An zahllosen verstreuten Stellen in Briefen und kleineren Abhandlungen, die teilweise erst Jahrzehnte später gedruckt und damit der Öffentlichkeit zugänglich wurden, hat er seine philosophischen Gedanken niedergelegt. Das gilt namentlich für die erste, vorbereitende Periode in der Entwicklung seiner philosophischen Anschauungen, die bis zum Jahre 1695 reicht. In der zweiten Periode der vollen Ausbildung und Ausreifung hat er einige Schriften verfasst, in denen wenigstens wesentliche Teile des Systems zusammenfassend behandelt sind. Zu nennen ist zuerst der 1695 veröffentlichte Aufsatz «Neues System der Natur». Die hier niedergelegten Gedanken sind fortgeführt in der «Monadologie» und den «Prinzipien der Natur und der Gnade», verfasst in den Jahren 1712 bis 1714, in Wien für den Prinzen Eugen. Dazwischen lieg die Abfassung zweier weiterer bedeutsamer Schriften philosophischen Charakters, die beide einen polemischen Zweck verfolgen. Die «Neuen Versuche über den menschlichen Verstand», erst nach Leibniz Tode veröffentlicht, sind gegen den Engländer Locke Gerichtet. Leibnizens bekannteste Schrift, die «Theodizee» (über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und der Ursprung des Bösen), richtet sich gegen den französischen Skeptiker Bayle. Sie entstand aus Unterhaltungen mit der Königin von Preussen. Die spätere Forschung hat versucht, die von Leibniz hinterlassenen Bruchstücke zu einem Ganzen zusammenzufügen – eine schwierige Aufgabe nicht nur wegen der Verstreutheit der Quellen, sondern auch wegen der Widersprüche, welche von Leibniz, der niemals Zeit fand, das Ganze seines Systems in Ruhe zu überdenken, nicht bemerkt oder jedenfalls nicht ausgeräumt worden sind.» Zitatende

Die Monadenlehre
Das Hauptwerk von Leibniz der Metaphysik ist die Lehre von den Monaden. Descartes ging von einem körperlichen und einem ausgedehnten Substanzbegriff aus und, dass alle Naturerscheinungen sich mit den Begriffen der Ausdehnung und Bewegung erklären lassen, und hat ein Gesetzt von der "Erhaltung der Bewegung» formuliert. Leibniz sagt dagegen: Zitat «Betrachtet man die Körperwelt unter dem Gesichtspunkt der Ausdehnung, so ist «Bewegung» nichts weiter als Veränderung in den Nachbarschaftsverhältnissen der Körper, Verschiebung von Teilen des Raumes untereinander. Wie kann ich dann überhaupt Bewegung objektiv feststellen? Offenbar gar nicht. Bewegung ist etwas rein Relatives, welcher Körper bewegt erscheint und welcher nicht, hängt allein vom Standpunkt des Betrachters abMan kann nicht die Bewegung vom Begriff der Kraft trennen. Ohne die hinter der Bewegung stehende und sie verursachende Kraft verflüchtigt sich die Bewegung zu einem reinen Schattenspiel. Die Kraft (wir würden sagen Energie) ist das eigentlich Reale…. Geht ein bewegter Körper in Ruhe über, so hört wohl die Bewegung auf, aber der Körper hört deshalb nicht auf, Kraft zu sein oder Kraft darzustellen. Nur ist die in ihm wirkende Kraft jetzt in eine andere Form (wir würden sagen in potentielle Energie) übergegangen. Es gibt deshalb kein Gesetz von der Erhaltung der Bewegung, sondern von der Erhaltung der Kraft.

Leibniz kritisiert die Descartesche Auffassung der ausgedehnten Substanz noch unter einem zweiten Gesichtspunkt, dem der Kontinuität und Teilbarkeit. Der mathematische Raum ist ein Kontinuum und unendlich teilbar. Fasse ich mit Descartes die Körperwelt rein geometrisch als Ausdehnung auf, so muss die Materie auch ein Kontinuum und ins Unendliche teilbar sein. Leibniz erkennt, dass die Materie im Sinne der Physik, noch etwas anderes ist als der Raum im Sinne der Stereometrie (Raumgeometrie). Das Kontinuum im Sinne der Mathematik ist eine ideelle Vorstellung. Es hat keine wirklichen Teile. Es kann beliebig geteilt werden, aber eben, weil es eine Vorstellung ist, in Gedanken. Die wirkliche Materie ist nicht mit blosser Ausdehnung gleichzusetzen. Das beweist schon, worauf Leibniz ausdrücklich verweist, die den Körpern innewohnende Trägheit, die mit dem blossen Begriff der Ausdehnung nicht erfasst wird. Die Wirklichkeit kann nur aus echten Teilen bestehen, und diese können keineswegs beliebig teilbar sein. Das scheint nun auf die alte Atomtheorie hinzuführen, wie sie die Griechen ausgebildet hatten und wie sie gerade kurz vor Leibnizens Zeit von dem französischen Physiker und Naturphilosophen Pierre Cassendi (1592-1655), dem Gegner Descartes, erneuert worden war. Aber der alte Atombegriff genügt Leibniz nicht. Wie Leibniz allgemein die Berechtigung der mechanischen Naturerklärung, zum Beispiel eines Galilei, zwar nachdrücklich verficht, davon aber doch über diese hinausstrebt in der Überzeugung, dass ihre Prinzipien nicht auf sich selbst, sondern auf letzten metaphysischen Begriffen ruhen, so auch hier, Leibniz verbindet den mechanistischen Atombegriff mit dem aristotelischen Begriff der Entelechie, der beseelenden und formenden Kraft, und kommt so zu einem Begriff der Monade, wobei er den Ausdruck, der sprachlich weiter nichts bedeutet als «Einheit», wahrscheinlich von Giordano Bruno entlehnt.

Was sind Monaden? Man kommt der Sache am nächsten, wenn man sich die eine unendliche Substanz des Spinozas in unzählig viele punktuelle, individuelle Substanzen zerlegt denkt. In der Tat sagt Leibniz: «Spinoza hätte recht, wenn es nicht die Moaden gäbe» - Die Monade lässt sich unter vier Gesichtspunkten betrachten:

  • Die Monaden sind Punkte. Das heisst, der eigentliche Urgrund des Seienden sind punktförmige Substanzen. Er besteht also nicht in einem Kontinuum. Das scheint der sinnlichen Anschauung zu widersprechen in der uns die Materie als ein ausgedehntes, den Raum erfüllendes Kontinuum erscheint. Leibniz behauptet, dass dieser sinnliche Eindruck täuscht. Darin hat ihm die neuere Naturforschung unbedingt recht gegeben. Es muss bemerkt werden, dass die gerade erfolgte Erfindung des Mikroskops auf Leibniz grossen Eindruck gemacht hatte. Der tiefere Blick in die Struktur der Materie, den es ermöglichte, bestätigte ihm seine Auffassung.

  • Die Monaden sind Kräfte, Kraftzentren. Ein Körper ist nach Leibniz nichts anderes als ein Komplex von punktuellen Kraftzentren. Wiederum hat ihm nicht nur die weitere Entwicklung der kritischen Philosophie durch Kant und Schopenhauer, sondern vor allem die spätere Naturforschung selbst recht gegeben.

  • Die Monaden sind Seelen. Die punktuellen Ursubstanzen sind durchgängig beseelt zu denken, allerdings in verschiedenem Grad. Die niedersten Monaden sind gleichsam in einem träumenden oder betäubten Zustand. Sie haben nur dunkle, unbewusste Vorstellungen. Die höheren Monaden, wie die Menschenseele, haben Bewusstsein. Die höchste Monade, Gott, hat ein unendliches Bewusstsein, Allwissenheit.

  • Die Monaden bilden Individuen. Es gibt nicht zwei gleiche Monaden. Die Monaden bilden eine lückenlose, kontinuierliche Reihe von der höchsten göttlichen Monade bis zur einfachsten. Jede hat darin ihren unverwechselbaren Platz, jede spiegelt das Universum auf ihre eigene, einmalige Weise, und jede ist potentiell, der Möglichkeit nach, ein Spiegel des ganzen Universums. Die Monaden sind Individuen auch insofern, als sie nach aussen abgeschlossen sind. Sie haben «keine Fenster». Alles, was mit und in der Monade geschieht, folgt aus ihr selbst und ihrem Wesen, ist durch den göttlichen Schöpfungsakt, durch welchen die Monaden aus der einen göttlichen Urmonade hervorgingen, in ihr angelegt.

Die prästabilierte Harmonie
Für Descartes gab es zwei Substanzen, Denken und Ausdehnung. Ihr Verhältnis zueinander, vor allem im Menschen, war für ihn schwierig zu erklären gewesen. Für Leibniz gibt es unendlich viele Substanzen, eben die Monaden. Jede Monade hat ihre eigene Vorstellungswelt. Die ganze Welt besteht aus nichts als den Monaden und ihren Vorstellungen. Nur bilden aber alle Monaden zusammen das harmonische Ganze der Welt. Wie ist es zu erklären, dass die Vorstellungen, welche jede Monade für sich und rein aus sich selbst entwickelt, doch insoweit übereinstimmen, dass zum Beispiel wir Menschen uns in einer gemeinsamen Welt finden und in ihr uns denkend und handelnd orientieren? Das kann nicht aus den Monaden selbst erklärt werden. Es wäre ja auch denkbar, dass die Monaden so beschaffen wären, dass keinerlei Übereinstimmung zwischen ihren verschiedenen «Welten» stattfände. Es kann nur erklärt werden aus dem Urgrund, dem alle Monaden entstammen, aus der Gottheit.

Leibniz hat seine Ansicht durch das berühmte «Uhrengleichnis» verdeutlicht, das allerdings nicht von ihm erfunden ist, sondern von Geulincx.
Man denke sich zwei Uhren, die fortlaufend ohne die geringste Abweisung übereinstimmen. Die Übereinstimmung kann auf dreierlei Art herbeigeführt sein:

Entweder die beiden Werke sind durch eine technische Vorrichtung so miteinander verbunden, dass das eine vom andern mechanisch abhängig ist und daher nicht von ihm abweisen kann. Oder es ist ein beaufsichtigender Mechaniker vorhanden, der beide fortlaufend reguliert. Oder, drittens, die beiden Uhren sind mit solcher Kunstfertigkeit und Präzision gemacht, dass eine Abweichung ausgeschlossen ist.

Auf das Verhältnis verschiedener «Substanzen» angewandt, bedeutet das: Entweder es muss eine gegenseitige Einwirkung zwischen ihnen stattfinden. Descartes stand vor dem Dilemma, dass er die augenfällige Tatsache des Zusammenklangs seiner beiden Substanzen, vor allem von Psychischem und Physischem im Menschen, nicht leugnen, eine Einwirkung der einen auf die andere aber auch nicht gutheissen konnte, denn er war von zwei Substanzen ausgegangen, die ihrem Begriff nach nicht miteinander gemein haben. Hier halfen sich die Occasionalisten mit der zweiten Annahme. Sie setzten Gott in die Rolle des beaufsichtigenden Mechanikers, der durch immer neue Eingriffe die Übereinstimmung herstellt. Beide Wege waren für Leibniz nicht gangbar, denn seine Monaden sind fensterlos und unabhängig voneinander, und die occasionalistische Theorie scheint ihm einen Deus ex machina einzuführen, in einer Frage, die auf natürlichere Weise zu erklären sein muss. So greift er zu der dritten Möglichkeit, »dass nämlich Gott von Anbeginn an jede der beiden Substanzen so geschaffen hat, dass eine jede, indem sie nur ihre eigenen Gesetze befolgt, die sie zugleich mit ihrem Dasein empfangen hat, mit der anderen genau ebenso in Übereinstimmung bleibt, als wenn ein gegenseitiger Einfluss stattfände oder als wenn Gott immer mit seiner Hand eingriffe…» Das ist eine Lehre von prästabilierten (das heisst, von Gott in voraus angelegten) Harmonie.

…Es gibt aber noch eine andere, einfachere Möglichkeit und diese hatte Spinoza gewählt. Für diesen gibt es keine zwei Uhren, nämlich keine zwei getrennten Substanzen. Es gibt nur die eine göttliche Substanz, und wenn wir die «Harmonie» zwischen den Vorgängen des Denkens und der Körperwelt feststellen, so ist diese nicht verwunderlich und bedarf keiner weiteren Erklärung, da ja beide nur «Attribute» der einen Substanz sind, da der eine Gott sich einmal unter dem Attribut des Denkens, das andere Mal unter dem der Ausdehnung offenbart. Für Spinoza gibt es nicht zwei Uhren, sondern gewissermassen nur eine Uhr, mit zwei vom gleichen Werk abhängigen Zifferblättern (oder mit mehreren, aber wir sehen nur diese zwei). Den Weg Spinozas konnte Leibniz nicht betreten. Er hätte ihn folgerichtig in den spinozistischen Pantheismus geführt, für den die Welt in Gott wie Gott in der Welt ist, für den Gott und Welt zusammenfallen. Leibniz hält an der christlichen «theistischen» Überzeugung von einem ausserhalb und über der Welt stehenden Gott fest. Er bedarf daher der zwar grossartigen, gegenüber Spinoza aber doch etwas künstlich anmuteten Lehre von der prästabilierten Harmonie, die nach seinen Worten «darauf hinausläuft, dass die Körper wirken, als wenn es gar keine Seelen gäbe, und dass die Seelen wirken, als wenn es gar keine Körper gäbe, und dass alle beide wirken, als wenn sie sich gegenseitig beeinflussten.»


Theodizee

Leibniz ist überzeugt, dass Gott bei seiner Schöpfung, unter allen möglichen Welten die beste geschaffen habe…. Wie kommt es aber dann, dass in dieser vollkommensten aller Welten übergenug an Leiden, Unvollkommenheiten und Sünde vorhanden ist?....Leibniz unterscheidet drei Arten des Übels. Das metaphysische, das physische und das moralische Übel. Das metaphysische Übel besteht letztlich in der Endlichkeit unserer Welt. Diese war nicht zu vermeiden, wenn Gott eine «Welt» schaffen sollte. Das physische Übel, also Leiden und Schmerz jeder Art, geht mit Notwendigkeit aus dem metaphysischen hervor. Da geschaffene Wesen nur unvollkommen sein können (wären sie vollkommen, so wären sie nicht geschaffene Wesen, sondern Gott gleich), so können auch die ihnen eigenen Empfindungen nicht vollkommen sein; es müssen auch solche der Unvollkommenheit, eben der Unlust und des Leidens, unter ihnen sein. Ähnliches gilt im Grunde für das moralische Übel. Ein geschaffenes Wesen muss in seiner Unvollkommenheit notwendig fehlen und sündigen, vor allem wenn ihm Gott die Gabe der Freiheit verliehen hat.» Zitatende


Einiges zur Kritik – Fortbildung und Fortwirkung
Da Leibniz mit seinem Denken nie zu Ende kam, weist sein System innere Widersprüche auf, die er möglicherweise bei konsequenter Durchführung hätte beseitigen können. Dazu kommt sein Festhalten an eingewurzelter religiöser Überzeugung und Anerkennung der neuen Naturerkenntnis, die teilweise nicht vereinbar sind. Zum Beispiel: In Bezug auf den Raum lehrt Leibniz auf der einen Seite, dass die Welt nur aus den ausdehnungslosen Monaden und ihren Vorstellungen und sonst nicht besteht. Zitat:» Wenn uns die Sinnesanschauung die Welt als ein im Raum ausgedehntes Kontinuum zeigt, so ist das eine Täuschung, denn in Wahrheit ist das scheinbare Kontinuum ein Komplex von punktuellen Monaden.» Das ist reiner Idealismus und entspricht einer Leugnung der Realität des Raumes. Ein Widerspruch besteht auch zwischen dem Gedanken der prästabilierten Harmonie, welcher nämlich einen Determinismus einschliesst, da Gott ja den gesamten Ablauf im vornhinein festgelegt hat, und der Anerkennung der menschlichen Willensfreiheit, wie sie die Theodizee enthält. Etc. Eine Versöhnung dieser Widersprüche auf einer höheren Ebene ist allerdings nicht ausgeschlossen.... Solche Kritik darf nicht dazu verleiten, die Grösse und den gewaltigen Einfluss der Leibnizschen Grundgedanken zu verkennen…. Die Hauptgedanken, auf denen das System ruht und die auch in der auf Leibniz folgenden Entwicklung der Philosophie eine zentrale Stelle einnehmen, sind wie folgt zusammengefasst worden:

  • Der Gedanke der vollkommenen Vernunftmässigkeit des Universums, das heisst seiner logischen Gesetzlichkeit
  • Der Gedanke der selbständigen Bedeutung des Individuellen im Universum
  • Der Gedanke der vollkommenen Harmonie aller Dinge
  • Der Gedanke der quantitativen und qualitativen Unendlichkeit des Universums
  • Der Gedanke der mechanistischen Naturerklärung

Da Leibniz nicht öffentlich lehrte und auch sein System nicht systematisch dargelegt hat, hat er keine philosophische «Schule» im eigentlichen Sinne hinterlassen. Seine Gedanken hätten die weitreichende Wirkung, die sie tatsächlich bald nach seinem Tode erlangten, wahrscheinlich niemals gehabt, wenn nicht einer seiner Nachfolger den Versuch unternommen hätte, das nachzuholen, was Leibniz selbst versäumt hatte, nämlich seine Gedanken in ein durchgebildetes System zu bringen und weiteste Kreise bekanntzumachen. Es war Christian Wolff (1679-1754), Professor in Halle und Marburg. Das von ihm ausgebildete sogenannte «Leibniz-Wolffsche System» bildete die Grundlage der deutschen Philosophie des 18. Jahrhunderts bis an die Zeit Kants.
 

wirena

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Wenn ich die Gedanken von Leibniz weiter denke, Zitat:
  • «Die höheren Monaden, wie die Menschenseele, haben Bewusstsein
  • Die Monaden bilden Individuen
  • Jede spiegelt das Universum auf ihre eigene, einmalige Weise, und jede ist potentiell, der Möglichkeit nach, ein Spiegel des ganzen Universums
  • Alles, was mit und in der Monade geschieht, folgt aus ihr selbst und ihrem Wesen» Zitatende
dann komme ich zum Schluss:

dass das Universum im Menschen über sich selbst, über seinen Ursprung nachdenkt.
 

wirena

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Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen „kleine Weltgeschichte der Philosophie“ von Hans Joachim Störig


Die Philosophie im Zeitalter der Aufklärung


Die Aufklärung in England – Vorläufer des englischen Empirismus

In der langen Zeit vom 13. bis 17. Jahrhundert haben die Engländer als erste in Europa eine gewisse politische Freiheit im Innern erkämpft und ihre Macht und Wohlstand nach aussen vermehrt. Der englische Volkscharakter entwickelte sich immer mehr zu dem Ideal des nüchternen und praktischen Tatsachenmenschen. Der Puritanismus – die in England seit dem 16. Jahrhundert aufgekommene religiöse Bewegung, welche die Kirche aus der Einheit (puritas) von Gottes Wort begründen wollte – hat dabei eine entscheidende Rolle gespielt. Ablehnung der Spekulation und unerschütterliches Beharren auf der Erfahrung als der Grundlage allen Wissens und aller Philosophie waren die Folge und wird als Empirismus bezeichnet.

Zitat: «Es ist daher kein Zufall, dass der früheste Vorstoss gegen die mittelalterliche Scholastik, welche an der Vernachlässigung der Erfahrung krankte, von dem Engländer Roger Bacon ausgegangen war, der als erste den Ruf nach der Erfahrung als Quelle allen wahren Wissens ertönen liess. Es war der Engländer Duns Scotus, der den Primat des Willens gegenüber der Erkenntnis vertrat. Es war der Engländer William von Occam, dessen Nominalismus dem spekulativen Begriffsgebäude der Scholastik den entscheidenden Stoss versetzte. Es war wiederum der Engländer Francis Bacon, der den Gedanken seines grossen Namensvetters zu einem umfassenden Programm der Erneuerung des menschlichen Wissens ausweitete, dessen Grundlage allein Experiment und Erfahrung, dessen Zweck die praktische Naturbeherrschung durch den Menschen sein sollte. In diese Reihe gehört ferner auch Thomas Hobbes. Er wurde früher schon als politischer Denker gewürdigt. Auch Hobbe lehnte die Spekulation ab. Er definierte die Philosophie nüchtern als Erkenntnis der Wirkung; der Zweck der Philosophie war für ihn, die Wirkungen vorherzusehen und für das menschliche Leben nutzbar zu machen. Hobbes stand, im Sinne Galileis, den er als sein Vorbild ansah, ganz auf dem Boden des modernen physikalischen Denkens. Er kann als der erste Philosoph bezeichnet werden, der die neue mechanistische Erklärungsweise auf alle Gebiete der Philosophie angewandt hat. Hobbes kam damit zu recht radikalen materialistische Konsequenzen, welche, da sie der Zeit weit vorauseilten, die Anerkennung und Ausbreitung seiner philosophischen Gedanken in England beträchtlich behinderten.

Unter den Wegbereitern der nachfolgenden englischen Philosophie, die ihrerseits die grosse europäische Bewegung der Aufklärung einleitete, muss schliesslich der Physiker Isaac Newton (1643-1727) genannt werden. Er hat das von Kopernikus, Kepler, Galilei, Huyghens und anderen geleistete nicht nur weitergeführt, sondern zu einer gewaltigen Einheit zusammengefasst. Neben zahlreichen anderen Entdeckungen war es seine Tat, die physikalischen Gesetze des Falls und der Bewegung auf die neuen astronomischen Tatsachen anzuwenden und den Nachweis zu führen, dass es die gleiche Kraft ist, die den fallenden Apfel zur Erde zieht und die Himmelskörper in ihrer Bahn hält. In der wissenschaftlichen Arbeitsmethode bedeutet das Werk Newtons eine höchst erfolgreiche Vereinigung der induktiv-empirischen mit der deduktiv-mathematischen Richtung. Newton war im damaligen England keine Einzelerscheinung, sondern nur der grösste aus einer ganzen Reihe glanzvoller Naturforscher, die in der 1662 gegründeten königlichen Sozietät verbunden waren. Unter ihnen ist hauptsächlich noch Robert Boyle (1627-1692), der Bahnbrecher der neuzeitlichen Chemie, zu nennen.

Der Satz, dass der Mensch je tiefer er in die Geheimnisse der Natur blickt, nur um so demütiger und bescheidener wird, bewährt sich an Newton… Er beschloss sein wissenschaftliches Lebenswerk mit den Worten: «Sein und Wissen ist ein uferloses Meer: Je weiter wir vordringen um so unermesslicher dehnt es sich aus, was noch vor uns liegt; jeder Triumph des Wissens schliesst hundert Bekenntnisse des Nichtwissens in sich.» Zitatende


John Locke 1632-1704 in der Nähe von Bristol geboren
John Locke studierte vor allem die Naturwissenschaften, Medizin und Staatslehre. Er blieb durch mehrere Generationen hindurch der Familie des Lord Ashley (später Lord Shaftesbury) als Hauslehrer, Berater und Arzt verbunden. Durch diese Verbundenheit erhielt Locke das Staatsamt eines Lordkanzlers, verlor jedoch dieses wieder nach dem Sturz von Lord Shaftesury, und Locke verbrachte vier Jahre ihn Südfrankreich (1675-1679). Als Shaftesbury wieder an der Spitze des Kabinetts tätig war, holte er John Locke zurück. Es war wiederum ein kurzer Aufenthalt. Nach erneutem Sturz des Ministeriums, wurde John Locke politisch verfolgt. Er ging nach Holland, wo er in Verborgenheit von 1683 bis 1688 lebte. 1689 bestieg Wilhelm von Oranien den englischen Thron und Locke folgte ihm nach England. Elf Jahre lang war er leitender Beamter für Handel und Landwirtschaft. Nach seinem Rücktritt im Jahr 1700 lebte er noch vier Jahre lang zurückgezogen auf dem Landgut eines befreundeten Adeligen.

Der Entwurf seines Hauptwerks «Ein Versuch über den menschlichen Verstand» entstand bereits 1670. Veröffentlicht wurde es allerdings erst zwanzig Jahre später. Es ist in einfacher, verständlicher Sprache geschrieben. Zitat: «Der Ausgangspunkt von Lockes Überlegung bildet seine Erkenntnis, dass jeder philosophischen Betrachtung zunächst eine Untersuchung über das Vermögen des Verstandes und über die Objekte, welche in seiner Sphäre liegen bzw. nicht liegen, vorausgehen muss. Man darf nicht einfach seine Gedanken auf dem weiten Meer der Dinge schweifen lassen, als wäre alles ihr natürlicher und unzweifelhafter Raum. Der Ausgangspunkt ist also wie bei Descartes ein radikaler Zweifel, aber von ganz anderer Art als der Zweifel des Descartes. Denn dieser ist beherrscht von der Überzeugung, dass die Welt mit mathematischer Präzision auf deduktivem Wege zu entwickeln sei. Locke stellt die Frage voran, ob das überhaupt mit unserem Verstand möglich ist. Vor dem eigentlichen Philosophieren zunächst die Mittel und Möglichkeiten des Denkens selbst zu prüfen, hatten sich schon viele Philosophen vorgesetzt. Locke ist der erste, der vollen Ernst damit macht, und damit der erste kritische Philosoph, der eigentliche Vater der modernen Erkenntniskritik.» Zitatende

Lockes Methode ist daher eine ganz andere als diejenige des Descartes. Dieser hat einen Gottesbegriff mit ganz bestimmten Eigenschaften angenommen. Locke weist aber darauf hin, dass dieser Gottesbegriff in der Geschichte der Menschheit und bei verschiedenen Völker keineswegs überall vorhanden ist. Es muss also erst das ganze menschliche Bewusstsein, mit all seine Eindrücken, Willensregungen, Ideen usw. kritisch betrachtet, hinterfragt werden, um festzustellen, wie überhaupt Vorstellungen und Begriffe ins Bewusstsein gelangen. Die Frage stellt sich auch: welchen Grad von Gewissheit haben die verschiedenen Vorstellungen gemäss diesem ihrem Ursprung?

Wie Vorstellungen, Begriffe etc. ins Bewusstsein kommen, darauf hat Locke drei mögliche Antworten: Zitat:

«Ideen, die wir in unserem Bewusstsein vorfinden, sind entweder von aussen hineingekommen, oder sie sind aus dem Material der von aussen kommenden Vorstellungen durch das Denken selbst gebildet, oder sie sind von allem Anfang an darin vorhanden, das heisst angeboren.

Der ganze erste Teil des Lockeschen Werkes ist dem Nachweis gewidmet, dass es keine angeborenen Ideen gibt.» Zitatende. Der geistige Zustand eines Kindes und ebenso derjenigen der Naturvölker zeigt, dass es keine Ideen, Begriffe, Grundsätze theoretischer oder praktischer Natur, die «immer, überall und bei allen vorhanden sind» gibt…. Der gesamt Inhalt des Bewusstseins stammt aus äusserer oder innerer Erfahrung, wobei die innere, von der äusseren abgeleitet ist. Vor der Erfahrung ist nichts im Bewusstsein – das Bewusstsein ist ein weisses, unbeschriebenes Stück Papier -. Damit befindet sich Locke auch im Gegensatz zu Leibniz, der wegen der Abgeschlossenheit der Monaden, angeborene Ideen hatte annehmen müssen.

Im zweiten Buch weist Locke nach, dass alle Ideen (immer im weitesten Sinne als Bewusstseinsinhalte) aus der Erfahrung stammen. Er kommt dabei zu folgender Einteilung: Zitat:
  • Einfache Ideen nennt er (im Gegensatz zu komplexen) die einfachsten Bausteine unseres Denkens, einfache Abbilder von Eindrücken.
  • Äussere Erfahrung (sensation) ist die eine Quelle, aus der einfache Ideen ins Bewusstsein gelangen. Die äussere Erfahrung ist der Primäre; das erste Geschäft des Menschen ist es, sich mit der ihn umgebenden Welt bekannt zu machen. Locke erkennt, dass das, was durch solche Wahrnehmung ins Bewusstsein gelangt, niemals die Dinge (Substanzen) selbst, sondern immer nur Qualitäten sind. Er unterscheidet wie andere Philosophen vor ihm primäre und sekundäre Qualitäten.
Zu den primären Qualitäten zählt er Ausdehnung und Gestalt der Körper, ihre Festigkeit (Undurchdringlichkeit), ihre Anzahl sowie Bewegung und Ruhe. Die Eigenschaften haften den Körpern konstant an. Es besteht kein Grund, anzunehmen, dass die Dinge in dieser Beziehung nicht so sein sollten, wie wir sie wahrnehmen. Zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung besteht hier ein direkter und begreiflicher Zusammenhang.

Die sekundären Eigenschaften: Farbe, Geschmack; Geruch, Temperatur, Schall kommen den Körpern nicht konstant, sondern nur gelegentlich und in bestimmten Beziehungen zu. Ein Körper ist warm, dann kalt, die Farbe kann wechseln usw. Offenbar gibt es in den Körpern nichts, was diesen Qualitäten in so einfachem und begreiflichem Zusammenhang entspricht, wie bei den primären. Freilich müssen in den Körpern Kräfte sein, die den Eindruck dieser sekundären Qualitäten in uns hervorrufen, und Locke nimmt an (was die spätere Physik und Sinnesphysiologie voll bestätigt hat), dass Zahl, Gestalt und Bewegung der nicht direkt wahrnehmbaren kleinsten Teilchen der Materie dies bewirken. Er weist aber darauf hin, dass es unbegreiflich bleibt, wieso eine bestimmt geartete Bewegung kleinster Teilchen nun in uns den Eindruck «Wärme» oder «grün» zustande bringt.

  • Innere Erfahrung (reflexion) nennt Locke die Eindrücke, welche entstehen, wenn das Bewusstsein nicht Eindrücke von aussen empfängt, sondern sich gleichsam auf sich selbst zurückwendet (reflektiert) und seine eigene Tätigkeit beobachtet. Er unterscheidet das Erkennen (Wahrnehmen, Erinnern, Unterscheiden, Vergleichen) und das Wollen.
  • Äussere und innere Erfahrung können zusammenwirken. Das ist insbesondere der Fall bei den Empfindungen der Lust und des Schmerzens.
  • Komplexe Ideen bildet der Verstand durch Kombination aus den einfachen, so wie aus den Buchstaben des Alphabets durch Kombination die Wörter gebildet werden. Hier wie dort sind die Kombinationsmöglichkeiten fast unbegrenzt, aber so wenig durch Bildung noch so vieler Wörter ein einziger neuer Buchstabe entsteht, sowenig kann das Denken dem durch die Erfahrung gegebenen Bestande an einfachen Ideen eine einzige hinzufügen. Locke unterscheidet drei Arten zusammengesetzter Ideen.

  • Modi: Unter diesen zählt er auf Anzahl, Raum, Dauer u.a.
  • Substanzen: Gott, Geister, Körper
  • Relationen: Zu ihnen gehören die Begriffspaare Identität und Verschiedenheit, Ursache und Wirkung, Zeit und Raum.
Den komplexen Ideen entspricht, da sie ja nur durch Kombination im Verstande entstehen, grundsätzlich nichts Wirkliches. Das gilt insbesondere für alle Arten von allgemeinen Begriffen. Hier knüpft Locke an den Nominalismus an. Das dritte Buch seines Werkes, welches die Sprache behandelt, ist dem ausführlichen Nachweis gewidmet, dass den Wörtern, die immer ein Allgemeines bezeichnen, keine Entsprechung in der Wirklichkeit gegenübersteht. Die Verkennung dieser Tatsache ist die Quelle der meisten Irrtümer.

Von dem Satz, dass die komplexen Ideen ihre Stätte nur innerhalb des Verstandes haben, besteht eine Ausnahme: der Begriff der Substanz. Der innere Zwang, welcher uns veranlasst, an sich nur einzelne Qualitäten liefernden Eindrücken eine Substanz als gemeinsamen Träger unterzuschieben, veranlasst Locke anzunehmen, dass es eine reale Substanz geben muss. Über ihr Wesen vermögen wir freilich nichts auszusagen, höchstens zu erkennen, dass es denkfähige und nicht denkfähige Substanzen geben muss. Im Grunde erklärt Locke beide, die körperliche und die geistige Substanz- für gleich unbegreiflich. Wenn wir sagen, dass die Substanz denk, bzw. ausgedehnt ist, so ist damit nichts erklärt, es bedürfte gerade erste der Erklärung, wie es die Substanz macht, zu denken bzw. ausgedehnt zu sein. Das ist aber nicht möglich.» Zitatende

Hans Joachim Störig weist darauf hin, dass die Beweisführung von Locke noch nicht vollkommen durchdacht ist. Er behandelt, zum Beispiel die Zeit und den Raum an drei verschiedenen Stellen: unter den primären Qualitäten, unter den Modi und unter den Relationen. Da ist Locke noch nicht zur letzten Klarheit gekommen. Dennoch ist sein Werk der erste grossangelegte Versuch, den Inhalt des menschlichen Bewusstseins auf streng analytischem Wege zu erklären.
 

wirena

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Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen „kleine Weltgeschichte der Philosophie“ von Hans Joachim Störig


George Berkeley
, 1685-1753, geboren in Südirland
Nach seinem Studium und seiner akademischen Lehrertätigkeit in Dublin bereiste Berkeley ganz Europa bis Sizilien. Einige Jahre verbrachte er auf den Bermudas-Inseln. Er wollte eine Kolonie gründen, nicht nur um den Eingeborenen Zivilisation und Christentum zu bringen, sein Plan war, dass das Beispiel eines einfachen und natürlichen Lebens, auf Europa einwirken sollte. Nach seiner Rückkehr war Berkeley achtzehn Jahre lang Bischof von Cloyne. Er starb 1753 in Oxford.

Seine «Neue Theorie der Erkenntnis» veröffentlichte George Berkeley bereits mit 24 Jahren und ein Jahr später sein Hauptwerk «Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis». In Dialogform hat er später noch eine volkstümliche Darstellung seiner Philosophie geschrieben.

Berkeley knüpft an Locke an, sieht aber in dessen Gedanken zwei Inkonsequenzen, die beide auf dasselbe zurückgehen. Zitat: «Locke hatte die sinnlich wahrnehmbaren Qualitäten des Gesichts, Gehörs, Geruchs, Geschmacks als subjektiv erkannt und daher als sekundär bezeichnet. Dagegen hatte er Ausdehnung, Festigkeit, Bewegung, die wir doch auch sinnlich – nämlich durch den Tastsinn – wahrnehmen, als primär jenen vorangestellt und angenommen, dass sie durch eine unserem Eindruck genau entsprechende Beschaffenheit der Wirklichkeit erzeugt werden. Die zweite mangelnde Folgerichtigkeit: Locke hatte behauptet, dass den im Verstande gebildeten komplexen Idee nichts Wirkliches entspricht, hatte aber die Substanz hiervon ausgenommen. Berkeley beseitigt diese Inkonsequenzen, indem der ausnahmslos den Grundsatz durchführt, dass alles was wir wahrnehmen und erkennen, ob durch äussere oder innere Wahrnehmung, ob als primäre oder sekundäre Eigenschaft, ob als einfache oder zusammengesetzte Idee, uns steht nur als Phänomen unseres Bewusstseins, als Zustand unseres Geistes gegeben ist – Es besteht deshalb kein Grund, zwischen primären und sekundären Eigenschaften einen Unterschied zu machen. Was für Farbe und Geschmack gilt, gilt auch von Ausdehnung und Festigkeit, uns es gilt auch von der Substanz: Sie existieren nur im wahrnehmenden Geiste, ausser uns sind sie nichts. Ein Ding ist weiter gar nichts als eine konstante Summe von Empfindungen im Bewusstsein. Das Sein der Dinge besteht nur in ihrem Wahrgenommenwerden (esse est percipi). In dem, was wir Welt nennen, gibt es nichts als den denkenden Geist und die in ihm vorhandenen Ideen. Eine solche Anschauung, die als wirklich nur den Geist und seine Ideen bestehen lässt und die bestreitet, dass wir das Recht haben, eine noch ausserhalb dessen bestehende Wirklichkeit anzunehmen, kann als konsequenter Idealismus bezeichnet werden.

Wenn nun alles nur im denkenden Geiste existiert: welcher Unterschied ist dann noch zwischen der Sonne, die ich am Himmel sehe, der Sonne, die ich des Nachts träume, und der Sonne, die ich mit nach Belieben in diesem Augenblick, ohne sie zu sehen vorstellen kann? Berkeley hat zu viel gesunden Menschenverstand, als dass er diese Unterschiede leugnen könnte. Sie bestehen nach ihm darin, dass bei der wirklich gesehenen Sonne die Vorstellung sich allen Geistern gleichermassen aufdrängt, während die geträumte Sonne nur in einem – meinem eigenen – Geiste vorhanden ist und die nach Belieben vorgestellte Sonne auch nur in diesem, aber nur dann, wenn ich sie mir vorstellen will. Worauf beruht es, dass die Vorstellung der Sonne im ersten Fall des wirklichen Sehens gleichmässig und dauernd in allen Geistern vorhanden ist? Eine «wirkliche», ausserhalb des Geistes bestehende Sonne – abgesehen davon, dass es sie gar nicht gibt – könnte schon deshalb nicht die Ursache sein, weil man immer nur das geben kann, was man selber hat; dass die Sonne aber Vorstellungen oder Ideen habe und sie so den Geistern eingeben könne, behaupten selbst diejenigen nicht, die an eine wirkliche Sonne glauben. Ideen können den Geistern nur von dorther gegeben sein, wo selbst Ideen vorhanden sind, das heisst von einem denkenden Geiste, von Gott. Da Gott unparteiisch ist, ohne Willkür, gibt er allen Geistern die gleiche Idee, und da Gott unveränderlich ist, gibt er sie allen immer wieder in gleicher Weise. Die Sonne, deren Vorstellung mit Gott eingibt, kann man insofern tatsächlich als ein Ding «ausser uns» als ein Ding «an sich» bezeichnen, als sie auch, wenn ich die Augen schliesse, ihre Existenz behält, nämlich in den anderen Geistern, denen Gott sie in gleicher Weise wie mit gibt. Mit der Konstanz und Gesetzmässigkeit in unseren Vorstellungen, die ihren Ursprung eben in Gottes Ordnung und Unveränderlichkeit hat, gibt es auch das, was man missverständlich «Naturgesetz» nennt. Diese sind nichts anderes als die Gesetze, nach denen Gott die Ideen in allen Geistern verbindet…. Da Gott hoch über uns steht, da sein Denken für uns Menschen nicht einsichtig ist, können wir diese Gesetze nicht im Voraus wissen oder durch logische Ableitung finden. Wir müssen sie durch Beobachtung, durch Erfahrung kennenlernen. Insofern verbindet sich bei Berkely der Idealismus mit dem Empirismus.» Zitatende
 

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Zitat George Berkeley:
«In dem, was wir Welt nennen, gibt es nichts als den denkenden Geist und die in ihm vorhandenen Ideen – «
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Zitat George Berkeley:
«Ideen können den Geistern nur von dorther gegeben sein, wo selbst Ideen vorhanden sind, das heisst von einem denkenden Geiste, von Gott»
Zitatende


Der Sprung vom denkenden Geist zu Gott ist für mich eine unbewiesene Annahme. Meine Überlegungen ohne Gottesbegriff gehen dahin:

Ideen können den Geistern nur von dorther gegeben sein, wo selbst Ideen vorhanden sind, das heisst: Geist erkennt Geist = im Menschen erkennt sich Geist selbst, und in der Vorstellung erzeugt Geist, Geist.
 

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David Hume,
1711-1776, geboren in Edinburgh
An der Universität Edinburgh studierte David Hume Latein, Griechisch, Logik und Metaphysik. Auf Wunsch seiner Mutter begann er das Studium der Rechtswissenschaft, das er aber im dritten Jahr abbrach, da ihn nur Philosophie interessierte. Er hatte sich aber genügend juristische Kenntnisse angeeignet, so dass der später Freunden Rechtsbeistand leisten konnte. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erhielt er durch Veröffentlichungen kleinerer Essays. 1740 erschien in London sein bedeutendstes Werk «Eine Abhandlung über die menschliche Natur». Es erschien in zwei Teilen. Zweimal bewarb er sich um ein akademisches Lehramt. Da er keinen Erfolg hatte, nahm er eine Stellung als Bibliothekar in Edinburgh an. Angeregt durch diese Tätigkeit schrieb er seine «Geschichte Englands». Ein Werk, das ihn nicht nur berühmt, sondern auch wohlhabend machte. In Paris, als Gesandtschaftssekretär lernte er unter anderen Rousseau kennen und trat mit ihm in Beziehung. Anschliessend war er ein Jahr lang Unterstaatssekretär für Aussenpolitik in der englischen Regierung. Die letzten Jahre vor seinem Tod 1776 verbrachte David Hume zurückgezogen als reicher und unabhängiger Mann im Kreise seiner Freunde.

Auch David Hume knüpft an John Locke an. Zitat: «Was er diesem gegenüber, Neues bringt, ist zunächst eine neue, scharfe Unterscheidung, die er bei den einfachen Vorstellungen vornimmt. Das durch äussere oder innere Wahrnehmung gegenwärtige und tatsächlich Gegebene nennt er «impression» (Eindruck). Die durch die Erinnerung und Phantasie hervorgebrachten Nachbilder der Eindrücke nennt er «ideas», Ideen, welcher Ausdruck also bei ihm einen engeren Sinn hat als bei seinen Vorgängern, die darunter alle Vorstellungen begriffen hatten. Die impressions, die also das Primäre sind, können sowohl auf äusserer wie auf innerer Wahrnehmung im Sinne Lockes beruhen. Die Humesche Unterscheidung entspricht also nicht etwa der Lockeschen, sondern geht quer durch diese hindurch. Die komplexen Ideen sind nach Hume wie nach Locke durch Kombination der einfachen Elemente (Impressionen und Ideen) im Verstande gebildet. Hume unterzieht diese nun aber einer viel gründlicheren Analyse als Locke. Er untersucht die Verhältnisse und Gesetze, nach denen solche Verbindungen zustande kommen (Gesetze der Ideenassoziationen):
  • Das Gesetz der Ähnlichkeit und Verschiedenheit. Nach diesem Gesetz entsteht die Wissenschaft der Mathematik. Sie hat also nur mit der Verknüpfung von Vorstellungen zu tun. Alle ihre Gesetze entstammen dieser Verbindungstätigkeit des Verstandes; sie sind daher aus dem Verstande allgemeingültig abzuleiten und zu beweisen.
  • Das Gesetz der räumlichen und zeitlichen Nachbarschaft.
  • Das Gesetz der kausalen Verbindung nach Ursache und Wirkung. In allen Wissenschaften, die sich nicht mit der Verknüpfung von Vorstellungen, sondern von Tatsachen befassen, und das sind alle Wissenschaften ausser der Mathematik, können nur solche Erkenntnisse Wahrheitswert beanspruchen, die sich unmittelbar auf Impressionen zurückführen lassen.
Mit diesem Massstab ausgerüstet, tritt Hume an eine Reihe von Grundbegriffen der Wissenschaften, insbesondere der Philosophie heran und prüft, ob sie dieser Forderung entsprechen. Leider sind Gedächtnis und Einbildungskraft, auf denen alles höhere geistige Leben beruht, so beschaffen, dass sie bei der Verknüpfung von Vorstellungen in die Irre gehen können…. Die sogenannte Gedächtnistäuschung zum Beispiel kommt dadurch zustande, dass ich eine mir jetzt vorhandene Idee (also durch den, durch Erinnerung hervorgerufenen Nachklang einer Impression) auf eine falsche Impression zurückführe, weil die Impression, die eigentlich der Anlass war, meinem Gedächtnis entschwunden ist. Entsprechendes gilt für die Sinnestäuschung. Doch sind solche Irrtümer individuell, sie berichtigen sich durch die Erfahrung und haben für die Wissenschaft keine grosse Bedeutung. Es gibt aber Täuschungen, denen wir alle zusammen unterliegen, gewissermassen «Trugbilder des menschlichen Stammes» im Sinne Francis Bacons. Auf solchen Irrtümern beruhen, wie Hume aufdeckt, gerade die allgemeinsten Begriffe der bisherigen Wissenschaft und Philosophie.

Da ist zunächst der Substanzbegriff. Wenn ich von einem Körper alle Qualitäten abziehe, die mir durch Impression vermittelt werden, was bleibt dann übrig?

Locke hat geantwortet: Hinter den Qualitäten ist ein Wirkliches, Wirkendes, die Substanz. Diese bringt die Impressionen in uns hervor, allerdings nur die primären auf direkte und begreifliche Weise.

Berkeley
hatte dagegen gesagt: Es bleibt nichts übrig. Es existiert nichts als der Geist mit seinen Impressionen.

Hume
steht ganz auf dem Boden Berkeleys in dieser Frage. Es gibt keine Impression, sagt er, die uns ausser der Qualität, noch eine hinter dieser stehende Substanz vermittelt.

Hume muss aber weiter fragen: Woher kommt dann die Vorstellung einer Substanz überhaupt in unser Denken? Auch die Einbildungskraft vermag ja (nach Hume) nicht mehr, als Impressionen und die aus diesen abgeleiteten Ideen in mannigfacher Weise zu verknüpfen. Aus irgendeiner Impression muss also die Vorstellung einer Substanz doch stammen. Das ist auch der Fall, sagt Hume; nur stammt sie gar nicht aus der äusseren Wahrnehmung (sensation im Sinne Lockes) – diese gibt nur Qualitäten und deren Verbindungen und nichts weiter -, sondern aus der inneren, der selbstbeobachtenden Tätigkeit des Verstandes. Sie stammt aus der inneren Nötigung, die wir fühlen, die Eindrücke von Qualitäten auf einen Träger derselben (Substrat) zu beziehen. Die Wahrnehmung dieser (psychischen) Nötigung in uns ist die Impression, der der Substanzbegriff entstammt, indem wir sie fälschlich auf äussere Wahrnehmungen beziehen. Sie hat ihren sprachlichen Ausdruck in der Bildung des Substantivs (Hauptworts) gefunden. Das bezieht sich zunächst auf die körperliche Substanz. Das gleiche gilt aber nach Hume für die denkende Substanz, den Geist. Mit dieser – allerdings nur in der ersten Fassung seines Werkes enthaltenen, später weggelassenen – Weiterführung der Kritik geht Hume auch über Berkeley hinaus. Sowenig wir das Recht haben, aus gewissen konstanten Verknüpfungen äusserer Impressionen auf eine diesen zugrunde liegende körperliche Substanz zu schliessen, sowenig sind wir befugt, aus der konstanten Verknüpfung der inneren Impressionen des Erkennens, Fühlens und Wollens auf eine geistige Substanz, eine Seele, ein unveränderliches Ich in uns, als Träger dieser zu schliessen.

Was bleibt nun eigentlich
, so müssen wir fragen, für eine solche Anschauung von der «Welt» übrig? Sehr wenig. Für Berkeley waren, nach der Zerstörung der Vorstellung von einer ausserhalb des Bewusstseins bestehenden Wirklichkeit, wenigstens die denkenden Geister mitsamt ihren Vorstellungen übriggeblieben. Für Hume, nachdem er auch den Begriff der geistigen Substanz mit dem Scheidewasser der Kritik zusetzt hat, bleibt nur noch eines übrig: die Vorstellungen. Es besteht nur ein Ablauf von Phänomenen im Bewusstsein, welch letzteres aber keine von diesen gesonderte selbständige Wirklichkeit besitzt; ein Ablauf von Vorstelllungen, die zwar in mancher Hinsicht eine gewisse Häufigkeit und Konstanz zeigen, aber – soviel wir erkennen können – nicht notwendig so sind, wie sie sind, die ebenso gut auch anders sein könnten, die zufällig auftreten und verschwinden.

(Wir erinnern uns an dieser Stelle der buddhistischen Lehre, die auch ein konstantes Ich leugnet und nur das unablässige Fluktuieren der Vorstellungen kennt).

Dass in der Verknüpfung unserer Vorstellungen keine Notwendigkeit, jedenfalls keine absolute, herrscht, zeigt nun auch die Humesche Kritik des zweiten Grundbegriffs aller bisherigen Metaphysik und Erkenntnislehre, der KausalitätWas bedeutet Kausalität für das gewöhnliche Denken? Eine in der Natur beobachtete Veränderung (Bewegung, Handlung) wird mit einer zweiten, die mit ihr in zeitlichem und räumlichem Zusammenhang steht, so verknüpft gedacht, dass die zweite als von der ersten bewirkt, als ihre notwendige Folge erscheint. Wie kommen wir dazu, eine solche notwendige Verknüpfung anzunehmen? Wahrheitswert kann die Kausalvorstellung nur besitzen, wenn sich eine Impression aufzeigen lässt, die uns die Verknüpfung als ursächliche und notwendige zeigt. Gibt es eine solche Impression? Nein, antwortet Hume, in der äusseren Wahrnehmung nicht, so wenig wie beim Substanzbegriff. Alles, was ich wahrnehmen kann, ist – ausser den Qualitäten – das Gleichzeitigsein und das Nacheinander (Koexistenz und Sukzession) bestimmter Empfindungen….

Die Wahrnehmung zeigt mir stets nur ein Nacheinander (post hoc), niemals ein Wegeneinander
(propter hoc). Es findet sich keine (äussere) Wahrnehmung, die den Begriff der notwendigen Kausalverknüpfung rechtfertigt. Wenn ich einen Vorgang zum ersten Mal beobachte, so weiss ich auch gar nicht, ob eine kausale Verbindung vorliegt oder ein «zufälliges» Zusammentreffen zweier Veränderungen. Beobachte ich allerdings das gleiche Verhältnis zweier Veränderungen immer wieder in zeitlichem und räumlichem Zusammenhang, so drängt sich mir die Vorstellung auf, dass beide in einem inneren, notwendigen Wirkungszusammenhang stehen. Diese innere Nötigung, eine psychologische Notwendigkeit also, keine objektive, eine blosse Gewöhnung, ist es allein – ähnlich wie beim Substanzbegriff -, welche in mir die Vorstellung des Kausalzusammenhangs entstehen lässt- indem ich sie als solche in mir wahrnehme, also als (innere) Impression habe.

Unser Wissen über Naturvorgänge, über den Zusammenhang zwischen wahrgenommenen Tatsachen – das den Inhalt der Wissenschaften ausmacht-, ist demnach im strengen Sinne kein Wissen. Unsere Erwartung, dass auf den Vorgang A der Vorgang B folgen werde, beruht auf der Erfahrung, dass bisher immer B auf A gefolgt ist. Wir wissen nicht, aber wir glauben, dass es in Zukunft so sein werde. Dieses «Glauben» ist freilich durch Vielzahl der bisher beobachten Fälle durchaus gerechtfertigt. Für den praktischen Gebraucht behalten überhaupt – auch nach Hume – die kritischen Begriffe ihre Gültigkeit und Berechtigung. Hume ist weit entfernt von der Einbildung, dass es seiner kritischen Philosophie gelingen könne oder auch solle, jene tief eingewurzelten und – wie Hume ja selbst zeigt – im Mechanismus unseres Denkens begründeten Vorstellungen umzustossen…. Den Wissenschaften lässt Hume durchaus ihr Recht, der Mathematik als analytischer Lehre von der Quantitätsverhältnissen unserer Vorstellung sogar absolute Gewissheit, den Tatsachenwissenschaften – soweit sie sich auf Tatsachen, das heisst Impressionen und das von diesen Abzuleitende beschränken – zwar nicht die Gewissheit der Mathematik, aber einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit ihrer Aussagen. Zitatende
 
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Englische Religionsphilosophie und Ethik der Aufklärungszeit

Zitat:»
  • Es wird der Versuch gemacht, nicht nur die Religion in Übereinstimmung mit der menschlichen Vernunft zu bringen (das hat schliesslich auch die Scholastik erstrebt), sondern die Religion selbst aus der Vernunft zu begründen, eine Vernunftreligion zu schaffen, welche die natürliche Krönung des ganzen Gebäudes menschlicher Erkenntnis bilden soll. Diese Strömung steht in England in engstem Zusammenhang mit der religiösen Bewegung des sogenannten Deismus. Mit diesem Wort wird die Auffassung bezeichnet, die zwar einen Gott als letzten Urgrund der Welt anerkennt, aber die Möglichkeit eines göttlichen Eingreifens in den Lauf der einmal bestehenden Welt verwirft. Es gibt daher für den Deisten keine Wunder und ebenso wenig eine Offenbarung. Die Vernunft, nicht die Offenbarung, ist die eigentliche Quelle religiöser Wahrheit. Diese Auffassung, die im England der Aufklärungszeit eine weite Verbreitung fand, geht schon zurück auf en Zeitgenossen Herbert Hobbes von Cherbury (1582-1642).
Die Stellungnahme zur überkommenen christlichen Religion ist damit nicht ohne weiteres festgelegt. Viele Denker, unter ihnen auch John Locke in seiner diesen Fragen gewidmeten Schrift «Die Vernunftgemässheit des Christentums», fordern zwar die Begründung der Religion aus der Vernunft und unterwerfen auch die Offenbarung deren Urteil, sind aber der Meinung, dass das (richtig verstandene) Christentum unter allen Religionen am besten mit der Vernunft übereinstimme. Ihnen gegenüber stehen die «Freidenker» (der Ausdruck stammt aus dieser Zeit). Sie sehen das Christentum als nicht vernunftgemäss an und bekämpfen es. Zwischen beiden Extremen stehen Denker, die eine vermittelnde Haltung einnehmen.

  • Die hergebrachte Religion wird als Ganzes oder in Teilen - je nachdem, wie weit man sie als mit den Forderungen der Vernunft in Widerspruch stehend ansieht – vom Vernunftstandpunkt aus kritisiert. Im Zusammenhang damit geht man daran, die überlieferte Religion, ihre Entstehung und allmähliche Entwicklung, einer möglichst unvoreingenommenen historischen Betrachtung zu unterzeihen. Der Mann, der in beiden Richtungen einen kühnen Vorstoss unternahm, war David Hume mit seiner «Naturgeschichte der Religion» und den «Gesprächen über die natürliche Religion». Die letzteren wurden erst nach seinem Tode veröffentlicht. Hume hat von den hergebrachten Volksreligionen, nicht nur der christlichen, eine geringe Meinung. Sein wesentlicher Gedankengang ist etwa folgender: Der selbständig denkende Mensch bedarf, um sittlich richtig zu handeln, keiner besonderen religiösen Motive. Der Antrieb dazu ergibt sich für ihn aus der Vernunft. Die Menge der nicht selbständig Denkenden bedürfte allerdings wohl einer Verstärkung der Antriebe zum sittlichen Handeln durch die Religion. Leider aber sind diese Menschen nun wiederum für die reinen religiösen Gedanken ebenso unempfindlich wie für Vernunftsgründe. Also: entweder es herrscht reine Vernunftreligion, dann bedarf es keines weiteren, da die praktisch-ethische Seite der Religion (die nämlich für Hume allein ins Gewicht fällt) mit der vernunftsbegründeten Sittlichkeit zusammenfällt. Oder die Religion vermischt sich, was bei der Menge unausbleiblich ist, mit Fanatismus und Aberglauben. Dann sind die ethischen Wirkungen fraglich genug. Das Streben nach kleinlichen Verdiensten, scheinheiliger Frömmigkeit und äussere Werkheiligkeit, Verfolgung Andersgläubiger im Namen der Religion und allerlei andere Verkehrtheiten treten in den Vordergrund und führen zu Ergebnissen, die schlimmer sind, als wenn es überhaupt keine Religion gäbe. Die furchtbaren Zerrüttungen der Religionskriege, die England hinter sich hatte, spiegeln sich in diesen Gedanken Humes.

  • Aus der veränderten Einschätzung der Religion ergibt sich die Forderung nach religiöser Toleranz. Sie erklingt zum ersten Mal in John Lockes berühmten «Briefen über die Toleranz» aus dem Jahre 1689. Man hat diese als den eigentlichen Auftakt der aufklärerischen Bewegung angesehen. -
Entsprechend dem durchaus praktischen Charakter des englischen Denkens spielen ethische und moralphilosophische Erörterungen im Denken der englischen Aufklärung eine ausserordentlich grosse Rolle. Es entstand auf diesem Gebiet eine reichhaltige Literatur.

Antony Ashley Cooper, Graf von Shaftesbury (1671-1713, aus der Familie von Lockes Gönner) ist an erster Stelle zu nennen. Er hat vor allem folgerichtig einen Gedanken durchgeführt, der schon aus Humes oben angedeuteten Erörterungen über den sittlichen Wert der Religion zu erkennen ist, und zwar zeitlich vor Hume. Es ist der Gedanke, die ethischen Prinzipien ohne Berufung auf die Religion aus sich selbst heraus zu begründen. Ebenso entschieden wie die Herleitung der Ethik aus der Religion lehnt Shaftesbury aber den – von anderen englischen Moralphilosophen gemachten – Versuch ab, das Sittliche von ausserhalb des Einzelmenschen her, aus äusserem Gesetz, gesellschaftlichem Zusammenleben, Mode oder öffentlicher Meinung oder auch aus der blossen Vernunft abzuleiten. Shaftesbury findet die Wurzel des Sittlichen in der unzerstörbaren Menschennatur, zu der er ein tiefes und unerschütterliches, an antike Denker gemahnendes Vertrauen hat. Das Sittliche ist nichts anderes als die harmonische Ausgestaltung dessen, was als natürliche Anlage in jedem Menschen liegt. Daraus hat es seine Sicherheit und Selbstgewissheit, die grösser ist als jede Gewissheit, welche die Religion ihm verleihen könnte. Was sittlich gut ist, das fühlen wir unmittelbar; was Gott ist und wie seine Gebote sind, das ist durchaus nicht so gewiss. Ja das angeborene sittliche Empfinden muss den Massstab abgeben, über Wert und Unwert religiöser Vorstellungen zu entschieden – je nachdem, ob diese das sittliche Gefühl stärken oder schwächen. Das ist eine völlige Umkehrung der kirchlichen Anschauung, welche das, was gut ist, aus dem geoffenbarten Gebot Gottes ableiten.

Auch David Hume hat auf den praktischen, ethischen Teil seiner Philosophie ein viel grösseres Gewicht gelegt als auf seine Erkenntnislehre. In Bezug auf das Verhältnis von Sittlichkeit und Religion schliesset er sich im wesentlichen Shaftesbury an. Auch die Begründung der Sittlichkeit aus der theoretischen Vernunft lehnt er wie Shaftesbury ab. Er muss es schon deshalb, weil nach seiner Ansicht die Leidenschaften die alleinigen Springfedern unseres Handelns sind und es ein Wahn wäre, anzunehmen, dass die (theoretische) Vernunft unser Wollen und Handeln bestimmen könne. Hume sieht also die Quelle des Sittlichen wie Shaftesbury in einem besonderen moralischen Sinn des Menschen. Er weicht aber darin von seinem Vorgänger ab, dass er den Sitz des moralischen Urteils aus dem handelnden Menschen in den Mitmenschen, den Zuschauer, verlegt. Wie man, wäre man allein, nicht wissen könnte, ob man schön ist, so auch nicht, ob man gut handelt. Alles sittliche Handeln ist auf den Mitmenschen bezogen, und jedes moralische Urteil geht daraus hervor, dass wir, vermöge der dem Menschen eigentümlichen Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen, der Sympathie, uns in den urteilenden Nebenmenschen versetzen.

Dieser Gedanke Humes ist weitergeführt worden durch Adam Smith (1723-1790). Dessen «Theorie der moralischen Gefühle» macht die Sympathie, das Gemeinschaftsgefühl, zur Grundlage der ganzen Ethik. Smith spricht entschieden aus, dass die Stimme des Gewissens nur der Nachhall dessen ist, wie andere über uns urteilen. – Bekannter als durch seine moralphilosophischen Untersuchungen ist Smith als Verfasser der berühmten «Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Reichtums der Völker» (1766). Sie ist das Hauptwerk der sogenannten klassischen Nationalökonomie. Zitatende
 

wirena

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Die Aufklärung in Frankreich

Das Hinübergreifen der englischen Aufklärungsideen nach Frankreich

Während der ganzen zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert regierte Ludwig der XIV. Seine Macht- und Prachtdemonstration war einer der wichtigsten Ursachen für die spätere Französische Revolution. Die französische Literatur wurde geprägt durch Corneille, Racin, Molière und La Fontaine. Auf philosophischem Gebiet gab es nichts Vergleichbares. Descartes war 1650 verstorben. Die französische Sprache war im 17. Und 18. Jahrhundert die Sprache der Höfe und der gebildeten Schichten in ganz Europa. Dies war die Vorbereitung auf die führende Rolle Frankreichs in der gesellschaftlichen und geistigen Entwicklung Europas im 18. Jahrhundert. Nach dem Tode Ludwigs XIV: 1715 interessierte alles was von England kam. Englische Staats- und Gesellschaftsverfassungen, englische Naturwissenschaft und Philosophie wurden studiert. Die Aufklärung wurde eine europäische Bewegung. Die Entdeckung Englands durch die Franzosen war ein entscheidendes Ereignis in der europäischen Geistesgeschichte des beginnenden 18. Jahrhunderts. Die Aufklärung in Frankreich unterscheidet sich von der englischen vor allem durch ihre grössere Radikalität. Zitat: «Das englische Denken, auch der Aufklärungszeit, blieb immer in gewissem Umfang traditionsgebunden. Trotz aller an der historischen Religion geübten Kritik hatte die Mehrzahl der Denker ein positives – sei es gefühlsmässig oder aus der Vernunft begründet – Verhältnis zur Religion als solcher behalten. In Frankreich, wo die Kirche als der sichtbare Repräsentant der Religion mit den alten gesellschaftlichen Mächten eng verbunden war, wurde der Bruch mit der Tradition in viel schrofferer Form und bis zur letzten Konsequenz vollzogen. Zitatende.

Die Aufklärung in Frankreich hatte auch ihre Vorläufer und Wegbereiter. Zu ihnen gehörte der Anhänger Descartes Pierre Bayle. Der Skeptiker und Kritiker. Er vertrat nachdrücklich den Gedanken, dass die sittlichen Ideen unabhängig von der Religion sind.

Charles de Sécondat, Baron de la Brède et de Montesquieu, 1689-1755
Montesquieu war ein gefährlicher Gesellschaftskritiker, 1721 erschien in Paris «die Persischen Briefe». In diesen verbarg sich hinter Scherz und Spott ein ernster und radikaler Angriff auf die Grundlagen der französischen Gesellschaftsordnung. Nach einem Aufenthalt in England und jahrelangen geschichtlichen Vorstudien schrieb er seine beiden Hauptwerke, die «Betrachtungen über die Ursachen der Grösse und des Niederganges der Römer» und «Der Geist der Gesetze». «Der Geist der Gesetzt» umfasst 31 Bücher. Zitat: «Beide Werke führen an Hand eines reichhaltigen historischen Materials im wesentlichen die gleichen Grundgedanken durch: Das entscheidende Moment in der Geschichte, von dem Wohl und Wehe der Völker abhängt, ist nicht etwa Wille und Willkür einzelner herrschenden Persönlichkeiten, sondern das Wesen der gesellschaftlichen und staatlichen Zustände im ganzen Staat und Gesetze sind nicht willkürlich Gemachtes und nichts willkürlich Veränderliches; sie erwachsen vielmehr aus den natürlichen und geschichtlichen Bedingungen, wie Boden, Klima, Sitte, Bildung, Religion. Das richtige Gesetz ist dasjenige, welches dem Charakter und dem geschichtlichen Entwicklungszustand des betreffenden Volkes am besten angepasst ist. Es gibt daher kein abstraktes und überall passendes Ideal oder Schema des besten Staates.

Diese allgemeine Überzeugung hindert Montesquieu jedoch nicht, sobald er auf die politische Freiheit in ihrer Beziehung zur Verfassung zu sprechen kommt, seine Vorliebe für bestimmte Staatseinrichtungen deutlich auszusprechen, und zwar unter den alten Völkern für die römische, unter den neueren für Staatstheorie und Verfassungspraxis der Engländer. Und hier ist es vor allem die der politischen Freiheit günstige, in England mehr als anderswo verwirklichte Teilung der Gewalten, die Montesquieu in den Mittelpunkt stellt. Die theoretische Konzeption der Gewaltenteilung hat Montesquieu nicht geschaffen, sondern im Wesentlichen aus John Lockes Staatstheorie entnommen, sie allerdings modifiziert. Locke hatte die strikte Trennung der exekutiven (ausführenden) und der legislativen (gesetzgebenden) Gewalt im Staate gefordert. Der Fürst als Inhaber der Exekutive sollte nicht über dem Gesetz stehen, sondern an die vom Parlament beschlossenen Gesetze gebunden sein, damit Freiheit und Eigentum des einzelnen vor willkürlichen Eingriffen der Staatsgewalt geschützt seien. Montesquieu stellt als dritte Gewalt neben diese beiden die richterliche. Das Hauptgewicht legt er nicht sowohl darauf, dass Exekutive und Legislative nicht in einer Hand vereint sein dürfen, sondern dass die richterliche Unabhängigkeit gegenüber jenen beiden Gewalten gewahrt werde. Geschieht das nicht, so ist Despotie und Vernichtung der Freiheit die unausbleibliche Folge.» Zitatende
 

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Voltaire – François Marie Arouet, 1694-1778 geboren in Paris
Der wirkliche Name von Voltaire ist François Marie Arouet, Er ist der Sohn eines wohlhabenden Notars. Bereits als einundzwanzig Jähriger hatte er den Ruf ein leichtsinniger Spötter zu sein. Als nach dem Tode Ludwigs XIV. in Frankreich aus Spargründen die Hälfte der Pferde aus den königlichen Stallungen verkauft wurden, schrieb Voltaire «es wäre besser gewesen, stattdessen die Hälfte der Esel wegzuschicken, die den königlichen Hof bevölkerten.» Dies und verschieden Anderes führte dazu, dass er für kurze Zeit in die Bastille gesperrt wurde.

Voltaire verkehrte als gefeierter Schöngeist und Schriftsteller in den vornehmen Salons von Paris und kam wiederum in Konflikt, dieses Mal mit einem Adeligen
. Er wurde in dessen Auftrag eines Nachts überfallen und verprügelt. Voltaire forderte den Chevalier zum Duell. Doch dieser war mit dem Polizeiminister verwandt, und so wurde Voltaire erneut in die Bastille gesperrt und erst freigelassen, unter der Bedingung, dass er Frankreich verlassen und nach England geht. Innerhalb eines Jahres beherrschte Voltaire die englische Sprache und kannte die führende englische Literatur dieser Zeit. Er war beeindruckt, wie die englischen Schriftstellen in geistiger Freiheit und Selbstverständlichkeit schrieben und öffentlich vertraten, was sie für richtig hielten. Zitat: «In seinen «Briefen über die Engländer», die zunächst nur ungedruckt kursierten, stellte Voltaire diese Freiheit in aller Schärfe der korrupten Herrschaft des Adels und der mit diesem verbundenen Geistlichkeit in seinem Heimatland gegenüber. Es ist zu bedenken, dass England zu dieser Zeit seine «bürgerliche Revolution» schon hinter sich hatte. Der dritte Stand, das Bürgertum, hatte sich dort bereits die Stellung im Staate erkämpft, die ihm nach seiner tatsächlichen gesellschaftlichen Bedeutung zukam. Frankreich war von seiner Revolution noch mehr als ein halbes Jahrhundert entfernt. Die Gegenüberstellung musste daher in Frankreich wie ein revolutionärer Sprengstoff wirken – selbst wenn das Voltaire selber nicht ganz bewusst war. – Auch das Werk Newtons hat erst Voltaire mit seinen 1738 erschienen «Elementen der Philosophie Newtons» den Franzosen bekanntgemacht.

Die Briefe über die Engländer
wurden der Anlass, dass Voltaire, nachdem er wieder einige Jahre in Paris verbracht hatte, erneut die Flucht ergreifen musste. Jemand hatte sie ohne sein Wissen drucken und verbreiten lassen. Die Bastille drohte von neuem und Voltaire begab sich auf das Schloss Cirey. Es gehörte einer von ihm geliebten Marquise, einer überaus gelehrten Dame. Voltaires Anwesenheit machte das Schloss zu einem geistigen und gesellschaftlichen Mittelpunkt. Hier begann er, neben der Reihe seiner Dramen, die er mit «Zaire», «Mahomet», «Semiramis» und anderen fortführte, seine erfolgreichen Romane zu schreiben. Es sind keine gewöhnlichen Romane. Sie dienen, in höchst unterhaltsamer Form allerdings, dem Kampf, den Voltaire mit seinen Dramen begonnen hatte, den er aber erst viel später mit seinem ganzen leidenschaftlichen Ernst aufnehmen sollte: dem Kampf gegen religiösen Fanatismus und Aberglauben – wobei Voltaire allerdings unter «Aberglauben» einen grossen Teil dessen mitversteht, was seinen Zeitgenossen Religion bedeutete.» Zitatende

Seit über zehn Jahre lang stand Voltaire durch einen Briefwechsel mit dem preussischen König Friedrich II. in Kontakt. Als die Marquise gestorben war nahm er die wiederholte Einladung von Friedrich II. an und war für zwei Jahre (1750 bis 1751) bei ihm Gast. Friedrich II. und Voltaire bewunderten sich gegenseitig und dennoch kam es zu einem Zerwürfnis, da sich Voltaire in nicht ganz einwandfreie Geldgeschäfte eingelassen hatte. Von Berlin überstürzt abgereist und von Frankreich verbannt, reiste er in die Schweiz, wo der in Ferney zur Ruhe kam. Der Grund der erneuten Verbannung aus Frankreich war das von Voltaire in Berlin veröffentlichte Werk «Versuch über die Sitten und den Geist der Nationen». Damit hat er bereits in Cirey für die Marquise zu schreiben begonnen. Mit diesem Werk wollte Voltaire die Geschichte neu schreiben. Nicht eine erneut mehr oder weniger belanglose Einzeltatsachen auflisten, sondern das Grosse Ganze betrachten. Er suchte nach einem einheitlichen Prinzip, das dem Ganzen erst Sinn verleiht. Zitat: «Er fand es darin, dass er an Stelle von Königen, Kriegen und Schlachten die gesellschaftlichen Bewegungen und Kräfte, die Kultur und den Fortschritt des Geistes in den Mittelpunkt stellte. «Ich will eine Geschichte … schreiben, die darüber Gewissheit schaffen soll, wie die Menschen im Kreis ihrer Familie lebten und welche Künste sie gemeinsam pflegten… Mein Gegenstand ist die Geschichte des menschlichen Geistes und nicht die ausführliche Aufzählung unbedeutender Tatsachen; auch mit der Geschichte grosser Herren will ich nicht zu tun haben …; aber ich will wissen über welche Stufen die Menschen vom Zustand der Barbarei zur Zivilisation übergingen». Das Werk Voltaires zeichnet sich aus durch eine bis dahin nicht gekannte Weite des Gesichtskreises, durch Grosszügigkeit in der Behandlung fremder Kulturen und Religionen. Voltaire war einer der ersten, die Grösse und Reichtum der fernen Welten, Persiens, Indiens und Chinas erfassten. Europa erscheint nicht mehr als die Welt, sondern als eine geistige Welt neben ebenbürtigen anderen, Judentum und Christentum als Religionen unter anderen – womit sie natürlich ihre absolute Geltung verlieren. Gerade damit erregte das Werk Anstoss. Voltaire hat mit ihm – ähnlich wie Montesquieu – den Blick von äusseren Daten auf die eigentlichen inneren Triebkräfte der Geschichte gelenkt und eine erste, im Geiste moderner Wissenschaft geschriebenen Philosophie der Geschichte gegeben.

Voltaires Exil in Ferney wurde zu einer Art geistiger Hauptstadt Europas. Fürsten und Gelehrte aus allen Ländern machten persönlich oder brieflich ihre Aufwartung. Die Könige von Dänemark und Schweden, die russische Zarin Katharina II. huldigten ihm, und auch Friedrich der Grosse nahm durch einen versöhnlichen Brief die Verbindung wieder auf. Aber auch zahllose Menschen aller Stände wandten sich an Voltaire. Kaum einen liess er ohne Rat und Hilfe.» Zitatende

Trotz allem Erfolg und Bewunderung, und unter dem Eindruck der Erdbebenkatastrophe von Lissabon im Jahre 1755, das 30'000 Todesopfer forderte, wurde Voltaire pessimistisch. Sein Pessimismus kommt in Gedichtform wie auch in der Novelle «Candide» zum Ausdruck, die ein einzig grimmiger Spott auf die Leibnizsche Idee von der «besten aller Welten» ist. Ein wesentlicher Beitrag leistete Voltaire auch mit seinen Beiträgen für die «Encyclopédie». Er gehörte während einer längeren Zeit zu den Hauptmitarbeitern. Im Anschluss daran, begann er sein eigenes Werk, sein «Philosophisches Wörterbuch». Voltaire war nun 65 Jahre alt. Aber sein grösster Kampf stand ihm noch bevor. Zitat: «Gegen einen protestantischen Bürger der streng katholischen Stadt Toulouse wurde die ungerechtfertigte Beschuldigung erhoben, er habe seinen Sohn getötet, um dessen bevorstehenden Übertritt zum Katholizismus zu verhindern. Der Vater wurde verhaftet, gefoltert und starb bald darauf. Die verfolgte Familie wandte sich an Voltaire. Mehrere ähnlich gelagerte Fälle, alle in den Jahren zwischen 1761 und 1765 spielend, wurden Voltaire bekannt. Die Ungerechtigkeiten erschütterten Voltaire so tief, dass er fortan von dem weltmännischen Skeptizismus und gemässigten Spott, wie sie aus seinen Artikeln in der Enzyklopädie und im Wörterbuch sprechen, zu einem jahrelang mit grösster Erbitterung und allen propagandistischen Mitteln geführten Krieg gegen die christliche Religion und die Kirche überging. «Ecrasez l’Infâme! – «Zerschlagt die Infame!» (die Kirche aller Konfessionen ist gemeint) – wurde sein ständig wiederholter Wahlspruch. In der Abhandlung über die Toleranz, die in dieser Zeit verfasst ist, heisst es: «Subtilitäten, von denen in den Evangelien keine Spur zu finden ist, sind die Quellen blutiger Streitigkeiten in der Geschichte des Christentums geworden» - «Durch welches Recht könnte ein zur Selbstbestimmung geschaffenes Geschöpf ein anderes Wesen zwingen, so zu denken wie es selbst?» Auf diese Abhandlung folgte eine wahre Flut von Flug- und Kampfschriften aller Art, alle mit der gleichen propagandistischen Meisterschaft geschrieben und zu Zehntausenden verbreitet. Alle zeugen von «jener fürchterlichsten aller geistigen Waffen, die jemals von einem Menschen geführt wurde: dem Spott Voltaires.» Zitatende

Trotz allem, Voltaire war kein Atheist. Genauso wie er die Religion angreift, so bekämpfte er den Atheismus. Voltaire ist von einer Vernunftsreligion überzeugt. »Wenn Gott nicht existierte, müsste man ihn erfinden; aber die ganze Natur ruft uns zu, dass er existiert». Voltaire unterscheidet klar zwischen Aberglauben und Religion. Zitat: «Er preist Jesus und die Lehren der Bergpredigt in Worten höchster Begeisterung. Darauf schildert er Jesus, weinend über die Verbrechen, die in seinem Namen begangen worden sind. Voltaire errichtete eine Kirche mit der Aufschrift «Deo erexit Voltaire» - Gott errichtet von Voltaire. Sein Glaubensbekenntnis hat er im Artikel «Théist» des Philosophischen Wörterbuchs mit folgenden Worten festgelegt: «Der Theist (der Ausdruck entspricht unserem heutigen «Deist») ist ein Mensch, der fest von der Existenz eines ebenso guten wie mächtigen höheren Wesens, das alle Dinge gestaltet hat, überzeugt ist… Durch diese Überzeugung von neuem mit der Welt vereint, schliesst er sich keiner der Sekten an, die alle einander widersprechen. Seine Religion ist die älteste und verbreitetste, denn die schlichte Verehrung Gottes ist allen Lehrgebäuden der Welt vorangegangen. Er redet die Sprache, die alle Menschen verstehen können, während sie sich gegenseitig nicht verstehen… Er glaubt, dass Religion weder in den Anschauungen einer unverständlichen Metaphysik noch in eitlen Schaustellungen besteht, sondern in Gottesverehrung und in Gerechtigkeit. Tue das Gute, das ist seine Religionsübung; sich Gott ergeben, seine Lehre…»

Auf politischem Gebiet hat sich Voltaire in seinen letzten Jahren aufgezehrt durch den Kirchenkampf und skeptisch geworden gegen theoretische Weltverbesserungsrezepte, zurückgehalten. Wohl erhoffte er seine allmähliche Besserung der Menschen durch die Vernunft und für Frankreich die Gewinnung der Freiheit, wie sie die Engländer bereits besassen. Einen so radikalen Umsturz, wie er tatsächlich in Frankreich, und nicht zuletzt dank Voltaires Kampf, seinem Wirken folgte, hat er kaum gewünscht. … Eine friedliche allmähliche Reformation scheint er eher im Auge gehabt zu haben, als er schrieb: Alles was ich sehe, scheint den Samen der Revolution, die eines Tages unausweichlich kommen muss, auszustreuen, ich werde aber nicht mehr das Vergnügen haben, ihr Zeuge zu sein. Kurz vor seinem Tode, er starb am Vorabend der Revolution, übergab er seinem Sekretär die schriftliche Erklärung: «Ich sterbe in der Anbetung Gottes, meine Freunde liebend, ohne Hass gegen meine Feinde und in Verachtung des Aberglaubens. Voltaire". Zitatende
 
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