Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen „kleine Weltgeschichte der Philosophie“ von Hans Joachim Störig
Immanuel Kant: Die Kritik der reinen Vernunft
4. Die transzendentale Dialektik
Wie ist Metaphysik (als Wissenschaft vom Übersinnlichen) möglich? Der Bereich der Wissenschaft, als geordneter Erkenntnis von Notwendigkeit und Allgemeinheit, reicht genauso weit wie der Bereich möglicher Erfahrung. Wir sind auf die Welt der Erscheinungen beschränkt. Aber «Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal…, dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft». Im Menschen liegt nun einmal ein unwiderstehlicher Drang, über die Welt der Erscheinungen in Raum und Zeit hinauszugelangen. Was ist Seele? Was ist die Welt? Was ist Gott? Das sind Fragen, die wir nicht einfach beiseite schieben können, wenn wir zu einer vollbefriedigenden Lebensanschauung gelangen wollen. Wie verhält sich dazu unsere Vernunft? Hat die Natur hier einen Trieb in uns hineingelegt, der auf ewig Unerfüllbares hinausstrebt? Dieser Frage tritt Kant in der transzendentalen Dialektik näher. (Er tritt ihr wirklich nur näher, er beantwortet sie nicht erschöpfend - denn das ging über den Bereich der theoretischen Vernunft hinaus). Wenn wir in den einleitenden Bemerkungen gesagt haben, dass dieser Teil die «Vernunft» im Unterschied vom Verstand behandle, so müssen wir hier anfügen, dass «Vernunft» dabei selbstverständlich in einem anderen – engeren – Sinne als etwa im Titel des Werkes gebraucht ist. Dort bedeutet Vernunft soviel wie den Inbegriff aller unserer Geistes- oder Gemütskräfte. Hier ist Vernunft «das Vermögen der Ideen» - abgegrenzt gegen Sinnlichkeit als Vermögen der Anschauung und Verstand als Vermögen der Begriffe….Die Vernunft bildet über Sinnlichkeit und Verstand gewissermassen ein weiteres, noch höheres Stockwerk. Die Vernunft ist ihrem logischen Gebrauch nach – von den Ideen zunächst noch abgesehen – das «Vermögen zu schliessen». Der Verstand bildet Begriffe und verknüpft sie zu Urteilen. Die Vernunft verbindet die Urteile zu Schlüssen. Sie ist in der Lage, aus einem oder mehreren Sätzen einen neuen abzuleiten. Was ist das Ergebnis dieser verbindenden Tätigkeit der Vernunft? So wie der Verstand das Mannigfaltige der Anschauung in Begriffe ordnet, so verbindet die Vernunft das Mannigfaltige der Begriffe und Urteile wiederum zu einem höheren Zusammenhang. Die Vernunft stellt also eine noch weitergehende Einheit in unseren Erkenntnissen her. Aus dieser vereinheitlichenden Tätigkeit der Vernunft erwächst ganz natürlich das Bestreben, die Mannigfaltigkeit nicht nur relativ – in höhere Teileinheiten – zu vereinheitlichen, sondern eine vollkommene Einheit herzustellen. Die Vernunft wird nach einem Unbedingten hinstreben. Dieses Streben der Vernunft wird geleitet von gewissen «leitenden Vernunftbegriffen»: den Ideen. Kant nennt die Ideen auch «regulative Prinzipien». Das heisst: die Vernunft leitet den Verstand auf eine ähnliche Weise, wie dieser die Sinnlichkeit erleuchtet (ihre Anschauungen in Begriffen verständlich macht). Aber ein entscheidender Unterschied besteht: Die Vernunft gibt dem Verstand nur Regeln, wie er verfahren soll. Daher «regulative Prinzipien».
Was für Ideen gibt es nun, wie kommen sie im Einzelnen zustande und wie wirken sie? Wie die Tafel der Urteilsformen zeigt, gibt es drei mögliche Arten der Beziehung, in denen Sätze verknüpft werden können. Diesen entsprechend entwickelt die Vernunft drei Ideen.
- Der kategorischen, unbedingten Art der Verknüpfung entspringt die Idee einer unbedingten, allen unseren Vorstellungen zugrunde liegenden Einheit des denkenden Subjekts, die psychologische Idee oder Idee der Seele.
- Der hypothetischen, bedingten Art der Verknüpfung entspringt das Bestreben, aus der endlosen Reihe von bedingten Erscheinungen zu einer unbedingten Einheit aller dieser Erscheinungen zu kommen, zur kosmologischen Idee, zur Idee der Welt.
- Der disjunktiven, ausschliessenden Art der Verknüpfung entspringt die Idee einer unbedingten Einheit aller Gegenstände des Denkens überhaupt, die Idee eines höchsten Wesens, die theologische Idee, die Idee Gottes.
Entscheiden ist, dass die Ideen nur Sollvorschriften sind. Sie sind gleichsam auf ein im Unendlichen liegendes Ziel hinzeigende Richtungsweiser in unserem Innern.
- Die Idee der Seele sagt mir: Du sollst alle psychischen Erscheinungen so verknüpfen, als ob ihnen eine Einheit, die Seele, zugrunde läge.
- Die Idee der Welt: Du sollst die Reihe der bedingten Erscheinungen so verbinden, als ob ihnen eine unbedingte Einheit, die Welt, zugrunde läge.
- Die Idee Gottes: Du sollst so denken, als ob es zu allem, was existiert, eine erste notwendige Ursache, den göttlichen Schöpfer, gäbe.
Auf diesen drei Wegen sollst du suchen, eine systematische Einheit in das Ganze deiner Erkenntnis zu bringen. Mehr kann die Kritik der reinen Vernunft auf diesem Gebiet nicht tun. Sie zeigt, dass die genannten Ideen denkmöglich sind, also keinen inneren Widerspruch in sich enthalten, ja sich beim Gebrauch der Vernunft sozusagen zwangsläufig ergeben. Aber wir dürfen auf keinen Fall hier Denken und Erkennen verwechseln und annehmen, dass ihnen eine mögliche Erfahrung entsprechen könne. Die Versuchung dazu liegt nahe. Erliegt man ihr, so gerät die Vernunft auf unauslösliche Widersprüche (Antinomien). Die Vernunft wird «sophistisch», «dialektisch». Kant wendet grosse Mühe daran, im Einzelnen zu zeigen, dass die sich so ergebenden Widersprüche unauflöslich sind, insbesondere auch im Hinblick auf die theologische Idee und die von der Theologie stets von neuem versuchten vernünftigen Gottesbeweise. Gott kann aber mit der Vernunft weder bewiesen noch widerlegt werden.
Was ist nun mit alledem für die Metaphysik gewonnen? Kant selbst sagt: «Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen!» Das heisst: Kant hat gezeigt, wo die Grenzen unserer (theoretischen) Vernunft liegen. Sie liegen genau da, wo der Bereich möglichen Erfahrungswissens aufhört. Was darüber hinaus liegt, darüber kann die Vernunft nichts ausmachen. Das bedeutet aber zweierlei. Die Vernunft kann allgemeine metaphysische Ideen wie Gott, Freiheit und Unsterblichkeit – und das sind für Kant die alleinigen Zwecke ihrer Nachforschung, alles andere ist blosses Mittel dazu – nicht beweisen. Sie kann sie aber auch nicht widerlegen. Insofern ist Platz geschaffen, sie zu glauben." Zitatende
Immanuel Kant: Die Kritik der reinen Vernunft
4. Die transzendentale Dialektik
Wie ist Metaphysik (als Wissenschaft vom Übersinnlichen) möglich? Der Bereich der Wissenschaft, als geordneter Erkenntnis von Notwendigkeit und Allgemeinheit, reicht genauso weit wie der Bereich möglicher Erfahrung. Wir sind auf die Welt der Erscheinungen beschränkt. Aber «Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal…, dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft». Im Menschen liegt nun einmal ein unwiderstehlicher Drang, über die Welt der Erscheinungen in Raum und Zeit hinauszugelangen. Was ist Seele? Was ist die Welt? Was ist Gott? Das sind Fragen, die wir nicht einfach beiseite schieben können, wenn wir zu einer vollbefriedigenden Lebensanschauung gelangen wollen. Wie verhält sich dazu unsere Vernunft? Hat die Natur hier einen Trieb in uns hineingelegt, der auf ewig Unerfüllbares hinausstrebt? Dieser Frage tritt Kant in der transzendentalen Dialektik näher. (Er tritt ihr wirklich nur näher, er beantwortet sie nicht erschöpfend - denn das ging über den Bereich der theoretischen Vernunft hinaus). Wenn wir in den einleitenden Bemerkungen gesagt haben, dass dieser Teil die «Vernunft» im Unterschied vom Verstand behandle, so müssen wir hier anfügen, dass «Vernunft» dabei selbstverständlich in einem anderen – engeren – Sinne als etwa im Titel des Werkes gebraucht ist. Dort bedeutet Vernunft soviel wie den Inbegriff aller unserer Geistes- oder Gemütskräfte. Hier ist Vernunft «das Vermögen der Ideen» - abgegrenzt gegen Sinnlichkeit als Vermögen der Anschauung und Verstand als Vermögen der Begriffe….Die Vernunft bildet über Sinnlichkeit und Verstand gewissermassen ein weiteres, noch höheres Stockwerk. Die Vernunft ist ihrem logischen Gebrauch nach – von den Ideen zunächst noch abgesehen – das «Vermögen zu schliessen». Der Verstand bildet Begriffe und verknüpft sie zu Urteilen. Die Vernunft verbindet die Urteile zu Schlüssen. Sie ist in der Lage, aus einem oder mehreren Sätzen einen neuen abzuleiten. Was ist das Ergebnis dieser verbindenden Tätigkeit der Vernunft? So wie der Verstand das Mannigfaltige der Anschauung in Begriffe ordnet, so verbindet die Vernunft das Mannigfaltige der Begriffe und Urteile wiederum zu einem höheren Zusammenhang. Die Vernunft stellt also eine noch weitergehende Einheit in unseren Erkenntnissen her. Aus dieser vereinheitlichenden Tätigkeit der Vernunft erwächst ganz natürlich das Bestreben, die Mannigfaltigkeit nicht nur relativ – in höhere Teileinheiten – zu vereinheitlichen, sondern eine vollkommene Einheit herzustellen. Die Vernunft wird nach einem Unbedingten hinstreben. Dieses Streben der Vernunft wird geleitet von gewissen «leitenden Vernunftbegriffen»: den Ideen. Kant nennt die Ideen auch «regulative Prinzipien». Das heisst: die Vernunft leitet den Verstand auf eine ähnliche Weise, wie dieser die Sinnlichkeit erleuchtet (ihre Anschauungen in Begriffen verständlich macht). Aber ein entscheidender Unterschied besteht: Die Vernunft gibt dem Verstand nur Regeln, wie er verfahren soll. Daher «regulative Prinzipien».
Was für Ideen gibt es nun, wie kommen sie im Einzelnen zustande und wie wirken sie? Wie die Tafel der Urteilsformen zeigt, gibt es drei mögliche Arten der Beziehung, in denen Sätze verknüpft werden können. Diesen entsprechend entwickelt die Vernunft drei Ideen.
- Der kategorischen, unbedingten Art der Verknüpfung entspringt die Idee einer unbedingten, allen unseren Vorstellungen zugrunde liegenden Einheit des denkenden Subjekts, die psychologische Idee oder Idee der Seele.
- Der hypothetischen, bedingten Art der Verknüpfung entspringt das Bestreben, aus der endlosen Reihe von bedingten Erscheinungen zu einer unbedingten Einheit aller dieser Erscheinungen zu kommen, zur kosmologischen Idee, zur Idee der Welt.
- Der disjunktiven, ausschliessenden Art der Verknüpfung entspringt die Idee einer unbedingten Einheit aller Gegenstände des Denkens überhaupt, die Idee eines höchsten Wesens, die theologische Idee, die Idee Gottes.
Entscheiden ist, dass die Ideen nur Sollvorschriften sind. Sie sind gleichsam auf ein im Unendlichen liegendes Ziel hinzeigende Richtungsweiser in unserem Innern.
- Die Idee der Seele sagt mir: Du sollst alle psychischen Erscheinungen so verknüpfen, als ob ihnen eine Einheit, die Seele, zugrunde läge.
- Die Idee der Welt: Du sollst die Reihe der bedingten Erscheinungen so verbinden, als ob ihnen eine unbedingte Einheit, die Welt, zugrunde läge.
- Die Idee Gottes: Du sollst so denken, als ob es zu allem, was existiert, eine erste notwendige Ursache, den göttlichen Schöpfer, gäbe.
Auf diesen drei Wegen sollst du suchen, eine systematische Einheit in das Ganze deiner Erkenntnis zu bringen. Mehr kann die Kritik der reinen Vernunft auf diesem Gebiet nicht tun. Sie zeigt, dass die genannten Ideen denkmöglich sind, also keinen inneren Widerspruch in sich enthalten, ja sich beim Gebrauch der Vernunft sozusagen zwangsläufig ergeben. Aber wir dürfen auf keinen Fall hier Denken und Erkennen verwechseln und annehmen, dass ihnen eine mögliche Erfahrung entsprechen könne. Die Versuchung dazu liegt nahe. Erliegt man ihr, so gerät die Vernunft auf unauslösliche Widersprüche (Antinomien). Die Vernunft wird «sophistisch», «dialektisch». Kant wendet grosse Mühe daran, im Einzelnen zu zeigen, dass die sich so ergebenden Widersprüche unauflöslich sind, insbesondere auch im Hinblick auf die theologische Idee und die von der Theologie stets von neuem versuchten vernünftigen Gottesbeweise. Gott kann aber mit der Vernunft weder bewiesen noch widerlegt werden.
Was ist nun mit alledem für die Metaphysik gewonnen? Kant selbst sagt: «Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen!» Das heisst: Kant hat gezeigt, wo die Grenzen unserer (theoretischen) Vernunft liegen. Sie liegen genau da, wo der Bereich möglichen Erfahrungswissens aufhört. Was darüber hinaus liegt, darüber kann die Vernunft nichts ausmachen. Das bedeutet aber zweierlei. Die Vernunft kann allgemeine metaphysische Ideen wie Gott, Freiheit und Unsterblichkeit – und das sind für Kant die alleinigen Zwecke ihrer Nachforschung, alles andere ist blosses Mittel dazu – nicht beweisen. Sie kann sie aber auch nicht widerlegen. Insofern ist Platz geschaffen, sie zu glauben." Zitatende