Nachtrag zu Julian Barnes
Ich lese gerade das letzte Buch von Julian Barnes – so nennt er es selbst - „Abschiede“.*)
Als ich das las, musste ich schon schlucken. So ein Autor, an dem man sich auch gerne reibt, dessen Gedankenwelt in die eigene eindringen durfte, und den man als Zeitgenossen wertschätzte, hat eine Entscheidung getroffen.
Julian Barnes ist in diesem Jahr achtzig geworden und er hat im ersten Coronajahr die Diagnose einer seltenen Blutkrebserkrankung erhalten, auch, wenn ihm die Ärzte sagten, dass er wohl eher nicht an dieser Krankheit sterben würde, sondern voraussichtlich ‚mit‘ ihr. Das ist eine dieser feinen Unterscheidungen, die wir vor Corona gar nicht zu machen auf die Idee gekommen wären.
Es geht mir aber an dieser Stelle des Nachtrags nicht um das Buch oder den Autor, sondern um eine Überlegung, die er angestellt hat, die mich sehr zum Nachdenken gebracht hat, weil es auch für mich ein Thema ist und mit den Gedanken zu tun hat, was eine Zeitenwende ausmacht und ob es sich heute um eine handelt, wie sich das Zeitalter der Aufklärung weiter entwickeln wird und ob wir ihr Ende erleben. Was ich seinen Überlegungen, die ich unten zitieren werde, entnehme, ist eine Art Rückbesinnung auf unsere Sterblichkeit und die Beschränktheit, der wir aufgrund dessen unterliegen, wenn wir uns zukünftige Entwicklungen vorzustellen versuchen. Ich fühle mich bei diesen Gedanken klein und das fühlt sich richtig an.
Wir können es nicht wirklich ermessen, was das für Menschen sein werden, die in jungen Jahren von einer Internetblase gemobbt werden und kein Vertrauen ins analoge Leben fassen können. Was es mit dem Rechtsempfinden machen wird, wenn junge Verkäufer an einer durch einen Algorithmus gesteuerten Kasse sagen, die Kasse hat immer Recht, wenn sie einen höheren Preis ausweist als am Regal steht. Die Digitalisierung treibt diese Ungleichgewichte zwischen den Parteien zugunsten des Stärkeren an. Der mündige Verbraucher sieht sich auf die Grundlage zurückgestutzt, dass er nur noch entscheiden kann, ob er eine Dienstleistung nutzen will, nicht mehr, wie die Rechte zwischen den Parteien ausbalanciert sind. Und keiner ist schuld, das sind die Sachzwänge, die die Optimierung von Vertrieb und automatisierter Kommunikation mit sich bringen. Das leuchtet jedem ein und hinterlässt ein Gefühl des Ausgeliefertseins. Es ist eine Kette des Lebensgefühls ersichtlich, die am Ende eine wenig belastbare Generation ausweist. Die Pflegeversicherung gerät auch durch zunehmend junge Menschen in die Schieflage. Aber wer kann sagen, welche Gegenbewegungen entstehen werden, welche Politiker nachwachsen werden, die sich vom Kapitalismus in seiner jetzigen Form vielleicht emanzipieren werden. Horrorszenarien fallen leicht – da muss man nur das Schlimmste annehmen, aber das sagt mehr über uns Beobachter aus als über die Zukunft. Drücken wir ihnen die Däumchen, den Nachgeborenen.
Barnes‘ Ausgangspunkt für seine Erkenntnis ist die Aussage Gautiers, allein die Kunst bleibe bestehen, auch wenn Götter untergingen. Daran habe er in jungen Jahren geglaubt, aber heute nicht mehr: „Entweder jagen wir den Planeten in die Luft und alle Kunst mit dazu, oder wir leben weiter, werden aber zu etwas, was unsere Vorstellungskraft derzeit übersteigt, jedoch keine Ähnlichkeit hat mit dem, was wir jetzt sind mit unserem schlichten Verlangen nach Gott, Liebe, Glück, Kunst. Wir entwickeln uns zu einer Lebensform, die uns so fern ist wie wir den Amöben.“***)
*) Julian Barnes, Abschied(e), engl. Departure(s), Kiepenheuer & Witsch 2026
**) Théophile Gautier, 1811-1872, französischer Schriftsteller, zitiert nach Barnes, S. 189
***) Barnes, ebd.