Haute cuisine
Moissac – Auvillar, Donnerstag, 10. Juni 2009
Die Müdigkeit der gestrigen Etappe ist weitgehend verflogen. Was man des Nachts geträumt hat, ist meistens rasch vergessen. Entscheidend ist allein, dass der Schlaf seine Arbeit getan hat.
Ein wenig grau und missmutig blickt der Morgen durch die Girlanden des Wilden Weins in meine Kammer. Ich öffne die Flügel. Es ist weder kalt noch nass, eigentlich ist es ein ganz passables Wanderwetter. Frohgestimmt verlassen wir Moissac und marschieren hinaus in den neuen Tag. Das Ziel liegt auf einer Anhöhe über dem südlichen Ufer der Garonne: Auvillar, oder eingedeutscht Auweiler.
Zunächst geht es leichtfüßig dahin. Der Weg folgt dem Canal des Deux Mers, jenem ehrgeizigen Wasserband zwischen Mittelmeer und Atlantik. Rechts begleitet uns der Wasserlauf mit seinen still dahingleitenden Booten, links zieht gemächlich der Tarn seinen Weg. Dazwischen verläuft das schmale Band des Weges. Es gibt keine Steigungen, keine Stolperfallen, keinen morastigen Untergrund, nur Asphalt. Doch was heißt hier nur? Es ist kein Freund der Füße. Er schlägt nicht zurück wie ein steiniger Pfad, aber er vergisst auch nichts. Schritt für Schritt reicht er die Belastung an Knie, Hüften und Fußsohlen weiter. Ich mache ein paar Fotos in dieser Flusslandschaft, meine Begleiter ziehen dahin.
„Bonjour, cher monsieur!“ Die Stimme kommt von der Seite.
Gérard lehnt entspannt auf seinem Drahtesel und hat offensichtlich Zeit. Viel Zeit! Sein Gesicht besitzt die gesunde Röte eines Menschen, dessen Blutdruck ein Eigenleben führt.
„Le chemin!“, beginnt er und deutet energisch voraus. Als hätte es auf diesem schnurgeraden Uferweg ernsthafte Möglichkeiten gegeben, sich zu verlaufen. Ich nicke höflich.
Gérard erklärt weiter.
Und weiter.
Und weiter.
Mein Französisch reicht vom Bestellen eines Kaffees und endet kurz vor komplexeren Verkehrs- und Lebensweisheiten. Er bemerkt meine Ratlosigkeit und wechselt ins französisch-deutsche Kauderwelsch. Ich bin perplex.
„Moi ... longtemps en Doitschland! Armée! Rastatt! Une affaire à Rastatt!“
"Rastatt?" Ich werde hellhörig.
„Ja, ja“, fährt er begeistert fort. „Le Forêt Noir! Très, très jolie!“
Der Schwarzwald. Die Siebzigerjahre. Meine Zeit in Baden.
Für einen Augenblick kreuzen sich hier zwei Lebensläufe irgendwo zwischen Karlsruhe, Rastatt und den Erinnerungen eines ehemaligen Soldaten. Gern würde ich noch ein wenig palavern, doch mein Sprachschatz reicht dafür beim besten Willen nicht aus. So beschränke ich mich auf zustimmendes Lächeln und verständnisvolles Nicken, jene internationale Sprache der Reisenden. Schließlich hebt Gérard die Hand.
„Au revoir, cher monsieur! Bonne journée!“
Er nickt zufrieden, als hätte ich soeben eine große sprachliche Hürde überwunden. Dann tritt er in die Pedale.
„Au revoir, Gérard. Ça m'a fait plaisir.“
Der Kanal verläuft über viele Kilometer schnurgerade. Das smaragdgrüne Band wird von einer prächtigen Allee hochgewachsener Platanen gesäumt, deren Kronen ein schattiges Gewölbe über Wasser und Weg bilden. Die geschäftige Zeit der Frachtschiffer scheint hier irgendwann im vergangenen Jahrhundert eingefroren worden zu sein. Heute tuckern gemütlich die Freizeitkapitäne über das Wasser, während die Geschäfte der Welt auf den Schienen im TGV dahinter vorbeirauschen. Im Fluchtpunkt der langen Baumreihen markieren die Kühltürme von Valence ein neues Zeitalter. Frankreich setzt auf Kernkraft.
Dank Gérard habe ich meine Begleiter aus den Augen verloren, und schon bald wird mir klar, dass ich sie ohne größere Anstrengung nicht mehr einholen werde. Also entscheide ich mich für gemütliches Schlendern. Spätestens in Auvillar werden wir uns wiedersehen.
Stundenlang geradeaus zu gehen kann unerquicklich sein. Doch hier, am Kanal, beschirmt vom Blätterdach der Platanen und begleitet vom frischen Geruch des Wassers, gibt es erstaunlich viel zu entdecken, besonders dann, wenn niemand antreibt. Links, am gestauten Lauf der Garonne, breitet sich ein grüner Dschungel voller Leben aus. Wasservögel kümmern sich im Röhricht um das junge Familienglück, Finken und Ammern huschen im ersten Geschoss durch dichtes Gebüsch und von irgendwo bläst eine Rohrdommel die Tuba im Orchester der Natur. Ganz oben, im dritten Stock, ziehen Greifvögel ihre Kreise und schrauben sich in das grau gemischte Gewölk des Himmels hinein.
Es ist die Mittagstunde. Der Weg über führt den neuen Kanal, dessen Wasser den Kühltürmen des Kraftwerks von Valence zur Kühlung dient. Der eigentliche Fluss hat sich längst für den schöneren Weg entschieden und zieht in einer weiten Schleife an den steilen Hängen im Süden entlang. Auf dem fruchtbaren Schwemmland reift das Getreide. Langsam bricht die Sonne durch, und im Gegenlicht erkenne ich auf der bewaldeten Hügelkette schemenhaft die Türme von Auvillar. Wie ein stiller Gruß, herüber vom Ziel, geben sie meinen müden Beinen neuen Schwung. Doch bis zur Brücke über die Garonne zieht sich Weg noch eine gute Stunde. Von oben verabschiede ich mich vom Fluss auf meine ganz eigene Art, nicht poetisch, aber feucht.
Auvillar, Alta Villa, die „hohe Stadt“. Knapp tausend Einwohner zählt das Dorf, das in der Nachmittagssonne wie aus einer anderen Zeit gefallen scheint. Rund um den Place de la Halle vermitteln Fachwerkhäuser, Arkaden und mächtige Kolonnaden jenes mittelalterliche Flair, das den Besucher gefangen nimmt. Im Zentrum des Platzes steht die kreisrunde Markthalle, ein steinernes Karussell. Einst wurden hier Pferde und Ochsen im Kreis geführt, um das Getreide zu dreschen.
Durch das Portal des Tour de l'Horloge, Uhrturm und Stadttor zugleich, gelangt man auf die Ringstraße. Daneben liegt unser Quartier für die Nacht, das Hôtel de l'Horloge, es hat einen von Platanen beschirmten, schattig schönen Biergarten. Meine Begleiter sind längst da. Ich lasse mich in einen Sessel fallen. Vor dem Abendessen gönnt man sich die Blaue Stunde. Meine Französischkenntnisse reichen durchaus für die lebenswichtigen Dinge:
„Madame, un pressión, s'il vous plaît.“
In der Gascogne gehört „Le canard“ beinahe zur Grundversorgung. Vielleicht ist die Ente aller Dinge aber auch nur die hiesige Alternative zum Steak. Bei Halbpension, lernt man die vielfältigen Zubereitungsarten recht ausreichend kennen: Gestern als Confit, heute als Grillade, morgen vermutlich als gefüllte Brust. Immerhin ist Abwechslung im Angebot. Die höchste Stufe kulinarischen Genusses ist in der cuisine française: „blutig“. Medium bestellt, trieft trotzdem der Lebenssaft auf meinem Teller und versickert zwischen Bohnen und Kräutern.
„Der Vogel lebt ja noch“, bemerke ich.
Wolfgang schaut auf seinen Teller.
„Das soll so!“
„Bei uns würde man damit noch zum Tierarzt fahren.“
Erika lacht.
„Du hast einfach keinen Sinn für die feinen Unterschiede der französischen Küche.“
„Doch“, erwidere ich. „Der Unterschied besteht darin, dass die Ente bei uns tot wäre.“
Wolf hebt sein Glas.
„Das nennt man hier saftig.“
„Das nennt man bei uns Fluchtgefahr.“
Allgemeine Heiterkeit.
Ich mutiere zum Vegetarier und widme mich dem schmückenden Veilchen auf dem Fleisch und dem Kunstwerk mit „asperges grillées, prunes, abricots et amandes“.
„Er isst die Dekoration“, schreit Wolf.
„Irgendeiner muss sie ja würdigen.“
„Der Koch wird begeistert sein.“
„Dann richte ihm aus, dass das Veilchen ausgezeichnet war.“
Zum Schluss spüle ich alles großzügig mit dem kräftigen Roten hinunter. Der versteht sein Handwerk und versöhnt mich mit den Eigenheiten französischer Kochkunst.
Auf der Terrasse unter meiner Kammer speist, lacht und trinkt ausgelassenes Jungvolk in die laue Sommernacht, eine Szene, die man aus vielen französischen Filmen kennt: Gläserklirren, Gesprächsfetzen, Gelächter und das leise Scharren von Stühlen auf Steinplatten.
Ich drücke das Wachs in die Gehörgänge und schließe schwungvoll und mit klapperndem Geräusch die Läden.
Gedämpft klingt es von unten:
„Bonne soirée!“
Dann übernimmt die Nacht.
Alles in Fluss