Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen «kleine Weltgeschichte der Philosophie» von Hans Joachim Störig
Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts
III. Lebensphilosophie, Vitalismus, Historismus
1. Allgemeines
Den Namen «Lebensphilosophie» hat man schon früher auf die Philosophie Schopenhauers und Nietzsches angewendet. Diese beiden haben wie Georg Simmel, einer der neueren Lebensphilosophen, gesagt hat, die aufklärerische Vernunft im 19. Jahrhundert vom Thron gestossen. Die Lebensphilosophie ist ein Teil der grossen Gegenbewegung gegen Aufklärung und Rationalismus und darin die Fortsetzung der Romantik. Es ist eine Philosophie, die das Leben, das mit den Mitteln des blossen Denkens nicht zu erfassende «lebendige» Leben verstehen will. Der Vernunft weist sie teils eine dienende Rolle zu, teils steht sie ihr mit ausgesprochener Feindschaft gegenüber. Allen neueren Denkern der Lebensphilosophie ist gemeinsam, dass sie mehr oder weniger bewusst und ausdrücklich, auf den Schultern Schopenhauers und Nietzsches stehen. Gemeinsam sind ihnen ferner durch die gemeinsame Grundauffassung eine Reihe von Wesenszügen, die man wie folgt kennzeichnen kann:
- Diese Denker sind «Aktualisten». Bewegung, Werden, Entwicklung gilt ihnen mehr als starres Sein.
- Sie sehen die Wirklichkeit als organische. Die Wissenschaft, von der die meisten von ihnen ausgehen, ist die Biologie.
- Ihre Philosophie ist irrational. Begriffe, logische Gesetze, apriorische Formen gelten ihnen als nur sehr begrenzt taugliches methodisches Mittel. Intuition, gefühlsmässiges Erfassen, unmittelbare Anschauung, «Verstehen» und Erleben werden bevorzugt.
- In der Erkenntnistheorie sind sie nicht Subjektivisten. Die Welt besteht für sie nicht nur in unseren Köpfen. Es gibt eine von unserem Denken unabhängige objektive Wirklichkeit.
- Die meisten sind Pluralisten. Sie nehmen nicht ein einziges grundlegendes Prinzip an, sondern zwei, nämlich das «Leben» und ein diesem gegenüberstehendes, oder mehrere. Zitatende
2. Henri Bergson, 1859-1941
Der einflussreichste aller neueren Lebensphilosophen ist der Franzose Henri Bergson. Seine vier wichtigsten Werke sind:
- Versuch über die unmittelbaren Gegebenheiten des Bewusstseins (deutsch: «Zeit und Freiheit)
- Materie und Gedächtnis
- Schöpferische Entwicklung
- Die beiden Quellen der Moral und der Religion
Zitat: Was alle Bücher Bergsons auszeichnet, ist eine Sprache von seltener Schönheit, ausserordentlicher Klarheit und ein verschwenderischer Reichtum an Bildern, Vergleiche, Beispielen; im Inhaltlichen eine solide Grundlage von Wissen in allen Zweigen der Naturwissenschaft. Dies ist einer der Gründe für Bergsons ausserordentlichen Erfolg. Bergson hatte, abgesehen von Schopenhauer, dessen Doppelansicht der Welt als Wille und Vorstellung der seinen sehr nahekommt, auch in Frankreich selbst Vorgänger, die er aber an Bedeutung weit übertrifft. Anfänglich ging Bergson von Spencer aus. Der Versuch, die Grundlagen des Spencerschen Systems zu vertiefen, führte ihn aber schliesslich zu einer gänzlichen Abwendung von diesem. In Frankreich ist Julien Benda als Kritiker und Gegenspieler Bergsons hervorgetreten.
a) Raum und Zeit, Verstand und Intuition. Bergson geht aus von dem Verhältnis von Raum und Zeit. Kant hatte beide als im Wesentlichen gleichberechtigte Formen unserer Anschauung behandelt. Bergson zeigt ihren tiefen Wesensunterschied.
Der Raum ist in sich homogen. Er ist ein Inbegriff gleichartiger Punkte. Man kann beliebig von einem zum andern übergehen. Die Naturwissenschaft betrachtet in Wirklichkeit immer nur diesen Raum. Was sie Bewegung nennt, ist nur die Aufeinanderfolge der räumlichen Lage der Körper in ihm. Auch wo sie vorgibt, die Zeit zu messen, misst sie in Wahrheit nur Veränderungen im Raume.
Die Zeit ist nicht homogen. Sie ist eine nicht umkehrbare Reihe. Ich kann in ihr keineswegs beliebig von einem Punkt zum andern übergehen. Jeder Moment ist etwas Neues, Einmaliges, Unwiederholbares. Die Zeit ist ein einziges unteilbares Fliessen, ein Werden, das von der sogenannten Zeit der Naturwissenschaft durchaus verschieden ist. Der Raum ist. Die Zeit ist nicht, sondern wird immerzu.
Dem Raum und der Zeit entsprechen im Menschen zwei ebenso verschiedenartige Erkenntnisvermögen. Dem Raum zugeordnet ist der Verstand. Sein Gegenstand ist das Fest, Räumliche, die Materie. In diesem Bereich ist der Verstand zu wahrer und richtiger Erkenntnis befähigt, denn er ist der Materie wesensverbunden (hier liegt ein Gegensatz zu Kant). Der Verstand ist das Organ des handelnden Menschen, des homo faber, des Werkzeuge verfertigenden, auf die Natur tätig einwirkenden Lebewesens.
Die wirkliche Zeit, die reine Dauer, kann der Verstand nicht begreifen. Wenn er sich der Zeit zuwendet, überträgt er seine der räumlichen Materie entsprechenden Formen auf die Zeit. Er zerstückelt sie, verschneidet sie in zähl- und messbare Einheiten und geht damit an ihrem wahren Leben vorbei….Die reine Dauer vermögen wir nur durch Intuition zu erfassen…. Diese Intuition dient im Gegensatz zum Verstande nicht dem praktischen Handeln. Sie ist das Organ des homo sapiens, des anschauenden, erkennenden Menschen.
Da der Verstand auf die Praxis eingerichtet ist, kann die Philosophie nur mit der Intuition etwas anfangen. Das bringt notwendig einen gewissen Mangel an zwingenden logischen Beweisen mit sich. Der Philosoph vermag nicht mehr als durch anschauliche, bildhafte Darstellung des von ihm intuitiv Erkannten anderen zur gleichen Intuition verhelfen.
b) Elan vital. Wenn der Philosoph sich in das Meer des Lebens versenkt, das uns umgibt, so erkennt er, dass alle Wirklichkeit Werden ist. Es gibt im Grunde nur Werden, Handlung, Aktion. Es gibt allerdings zweierlei Bewegung, die steigende des Lebens und die fallende der Materie. Das sind zwei ganz verschiedene Welten. Es ist unsinnig, das Wesen des Lebens mit dem Verstande, sei es mechanisch oder teleologisch, erklären zu wollen. Soll tatsächlich zum Beispiel ein so kompliziertes Organ wie das Auge durch eine Reihe zufälliger Variationen, die sich erhielten und fortpflanzten, entstanden sein? Vor allem: wie soll man es erklären, dass in der Entwicklung des Lebens in ganz verschiedenen voneinander unabhängigen Zweigen gleichartige organische Schöpfungen hervorgebracht werden, und zwar mit ganz verschiedenen Mitteln?... Die Entfaltung des Lebens kommt nicht aus der Materie und ihren mechanischen Gesetzen, sie geht vielmehr gegen diese, gegen Trägheit und Zerfall, zu immer höheren, gewagteren, freieren Formen. Die Lebensvorgänge berühren sich mit den physikalischen und chemischen Kräften gerade nur so weit, wie man die kleinsten Teile eines Kreises als Teile einer geraden Linie betrachten kann. In Wirklichkeit ist das Leben von ihnen so verschieden wie die Kurve von der Geraden. Auch das Bewusstsein ist nicht vom Körper abhängig. Dies zu behaupten wäre dasselbe, als wenn man aus der Tatsache, dass ein aufgehängtes Kleidungsstück nach Abnahme des Hakens herunterfällt, auf die Identität von Kleidung und Haken schliessen wollte. Bewusstsein ist überall wo Leben ist. Nur der Mensch aber hat Intuition, die Form, in der das Leben sich selbst erkennen, über sich selbst nachdenken kann. Es kommt darauf an, «die Tiefen des Lebens abzuhorchen und den Puls seines Geistes mit Hilfe einer Art intellektueller Auskultation abzulesen».
Anmerkung von mir: das erinnert mich an Panpsychismus – an ein Interview/ YouTube-Video, das ich gesehen habe.
c) Moral und Religion. Eine ähnliche Entgegensetzung zweier verschiedener Elemente findet sich in Bergson Moral- und Religionsphilosophie. Es gibt zweierlei Moral.
Die geschlossene Moral beruht auf einem von der Gesellschaft ausgeübten Druck. Sie ist unpersönlich. Die ihr entsprechenden Handlungen werden fast automatisch, instinktiv ausgeführt. Sie bezweckt die Erhaltung der sozialen Gewohnheiten und bezieht sich deshalb immer auf eine begrenzte Gruppe von Menschen.
Die offene Moral ist persönlich, von der Gesellschaft unabhängig, schöpferisch. Sie erscheint verkörpert nur in hervorragenden Einzelpersönlichkeiten, den Heiligen und den Helden. Sie geht hervor aus dem unmittelbaren Erfassen des Lebensgrundes und umfasst in Liebe das ganze Leben.
Es gibt auch zweierlei Religion. Da dem Menschen der Instinkt fehlt, der bei den sozialen Tieren den gesellschaftlichen Zusammenhang verbürgt, da bei ihm an dessen Stelle der Verstand steht, der auf den sozialen Zusammenhang eher auflösend wirkt, so hilft sich die Natur mit der «fabulierenden Funktion» des Verstandes. Sie schafft Phantasien, Fabeln, die den Menschen mit dem Leben und die Individuen untereinander verbinden. Der Mensch weiss durch den Verstand, dass er sterben muss. Er sieht durch den Verstand, dass dem Erreichen seiner Ziele unberechenbare Hindernisse im Wege stehen. Die Natur hilft ihm, diese bitteren Erkenntnisse zu ertragen, indem sie mittels der Phantasie gütige Götter verfertigt. Die Funktion dieser «statischen» Religion ist also im Menschenleben eine ähnliche wie die des Instinkts bei den Tieren, eine bindende, erhaltende, versöhnende.
Ganz verschieden hiervon ist die dynamische Religion, die Mystik, welche bei den Griechen in Ansätzen, bei den Indern in spekulativer Form, bei den christlichen Mystikern in Vollendung ausgebildet ist. Die dynamische Religion geht hervor aus dem ahnenden Erfassen des Unerreichbaren, aus dem Zurückgehen in der Richtung, aus der der Lebensstrom kommt. Sie ist nur bei einzelnen aussergewöhnlichen Menschen vorhanden. Wenn die Mystiker aus ihren für andere unzugänglichen Erfahrung heraus behaupten, dass der Ursprung des Lebensstroms in Gott liege, dass dieser Gott ein Gott der Liebe, dass die Welt die Erscheinung der göttlichen Liebe und dass im Menschen ein unsterblicher göttlicher Funke sei – so kann die Philosophie solche Sätze zwar nicht beweisen, aber dankbar hinnehmen als Hinweise darauf, wo das nur der mystischen Versenkung zugängliche Wesen alles Seienden liegt. Zitatende
Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts
III. Lebensphilosophie, Vitalismus, Historismus
1. Allgemeines
Den Namen «Lebensphilosophie» hat man schon früher auf die Philosophie Schopenhauers und Nietzsches angewendet. Diese beiden haben wie Georg Simmel, einer der neueren Lebensphilosophen, gesagt hat, die aufklärerische Vernunft im 19. Jahrhundert vom Thron gestossen. Die Lebensphilosophie ist ein Teil der grossen Gegenbewegung gegen Aufklärung und Rationalismus und darin die Fortsetzung der Romantik. Es ist eine Philosophie, die das Leben, das mit den Mitteln des blossen Denkens nicht zu erfassende «lebendige» Leben verstehen will. Der Vernunft weist sie teils eine dienende Rolle zu, teils steht sie ihr mit ausgesprochener Feindschaft gegenüber. Allen neueren Denkern der Lebensphilosophie ist gemeinsam, dass sie mehr oder weniger bewusst und ausdrücklich, auf den Schultern Schopenhauers und Nietzsches stehen. Gemeinsam sind ihnen ferner durch die gemeinsame Grundauffassung eine Reihe von Wesenszügen, die man wie folgt kennzeichnen kann:
- Diese Denker sind «Aktualisten». Bewegung, Werden, Entwicklung gilt ihnen mehr als starres Sein.
- Sie sehen die Wirklichkeit als organische. Die Wissenschaft, von der die meisten von ihnen ausgehen, ist die Biologie.
- Ihre Philosophie ist irrational. Begriffe, logische Gesetze, apriorische Formen gelten ihnen als nur sehr begrenzt taugliches methodisches Mittel. Intuition, gefühlsmässiges Erfassen, unmittelbare Anschauung, «Verstehen» und Erleben werden bevorzugt.
- In der Erkenntnistheorie sind sie nicht Subjektivisten. Die Welt besteht für sie nicht nur in unseren Köpfen. Es gibt eine von unserem Denken unabhängige objektive Wirklichkeit.
- Die meisten sind Pluralisten. Sie nehmen nicht ein einziges grundlegendes Prinzip an, sondern zwei, nämlich das «Leben» und ein diesem gegenüberstehendes, oder mehrere. Zitatende
2. Henri Bergson, 1859-1941
Der einflussreichste aller neueren Lebensphilosophen ist der Franzose Henri Bergson. Seine vier wichtigsten Werke sind:
- Versuch über die unmittelbaren Gegebenheiten des Bewusstseins (deutsch: «Zeit und Freiheit)
- Materie und Gedächtnis
- Schöpferische Entwicklung
- Die beiden Quellen der Moral und der Religion
Zitat: Was alle Bücher Bergsons auszeichnet, ist eine Sprache von seltener Schönheit, ausserordentlicher Klarheit und ein verschwenderischer Reichtum an Bildern, Vergleiche, Beispielen; im Inhaltlichen eine solide Grundlage von Wissen in allen Zweigen der Naturwissenschaft. Dies ist einer der Gründe für Bergsons ausserordentlichen Erfolg. Bergson hatte, abgesehen von Schopenhauer, dessen Doppelansicht der Welt als Wille und Vorstellung der seinen sehr nahekommt, auch in Frankreich selbst Vorgänger, die er aber an Bedeutung weit übertrifft. Anfänglich ging Bergson von Spencer aus. Der Versuch, die Grundlagen des Spencerschen Systems zu vertiefen, führte ihn aber schliesslich zu einer gänzlichen Abwendung von diesem. In Frankreich ist Julien Benda als Kritiker und Gegenspieler Bergsons hervorgetreten.
a) Raum und Zeit, Verstand und Intuition. Bergson geht aus von dem Verhältnis von Raum und Zeit. Kant hatte beide als im Wesentlichen gleichberechtigte Formen unserer Anschauung behandelt. Bergson zeigt ihren tiefen Wesensunterschied.
Der Raum ist in sich homogen. Er ist ein Inbegriff gleichartiger Punkte. Man kann beliebig von einem zum andern übergehen. Die Naturwissenschaft betrachtet in Wirklichkeit immer nur diesen Raum. Was sie Bewegung nennt, ist nur die Aufeinanderfolge der räumlichen Lage der Körper in ihm. Auch wo sie vorgibt, die Zeit zu messen, misst sie in Wahrheit nur Veränderungen im Raume.
Die Zeit ist nicht homogen. Sie ist eine nicht umkehrbare Reihe. Ich kann in ihr keineswegs beliebig von einem Punkt zum andern übergehen. Jeder Moment ist etwas Neues, Einmaliges, Unwiederholbares. Die Zeit ist ein einziges unteilbares Fliessen, ein Werden, das von der sogenannten Zeit der Naturwissenschaft durchaus verschieden ist. Der Raum ist. Die Zeit ist nicht, sondern wird immerzu.
Dem Raum und der Zeit entsprechen im Menschen zwei ebenso verschiedenartige Erkenntnisvermögen. Dem Raum zugeordnet ist der Verstand. Sein Gegenstand ist das Fest, Räumliche, die Materie. In diesem Bereich ist der Verstand zu wahrer und richtiger Erkenntnis befähigt, denn er ist der Materie wesensverbunden (hier liegt ein Gegensatz zu Kant). Der Verstand ist das Organ des handelnden Menschen, des homo faber, des Werkzeuge verfertigenden, auf die Natur tätig einwirkenden Lebewesens.
Die wirkliche Zeit, die reine Dauer, kann der Verstand nicht begreifen. Wenn er sich der Zeit zuwendet, überträgt er seine der räumlichen Materie entsprechenden Formen auf die Zeit. Er zerstückelt sie, verschneidet sie in zähl- und messbare Einheiten und geht damit an ihrem wahren Leben vorbei….Die reine Dauer vermögen wir nur durch Intuition zu erfassen…. Diese Intuition dient im Gegensatz zum Verstande nicht dem praktischen Handeln. Sie ist das Organ des homo sapiens, des anschauenden, erkennenden Menschen.
Da der Verstand auf die Praxis eingerichtet ist, kann die Philosophie nur mit der Intuition etwas anfangen. Das bringt notwendig einen gewissen Mangel an zwingenden logischen Beweisen mit sich. Der Philosoph vermag nicht mehr als durch anschauliche, bildhafte Darstellung des von ihm intuitiv Erkannten anderen zur gleichen Intuition verhelfen.
b) Elan vital. Wenn der Philosoph sich in das Meer des Lebens versenkt, das uns umgibt, so erkennt er, dass alle Wirklichkeit Werden ist. Es gibt im Grunde nur Werden, Handlung, Aktion. Es gibt allerdings zweierlei Bewegung, die steigende des Lebens und die fallende der Materie. Das sind zwei ganz verschiedene Welten. Es ist unsinnig, das Wesen des Lebens mit dem Verstande, sei es mechanisch oder teleologisch, erklären zu wollen. Soll tatsächlich zum Beispiel ein so kompliziertes Organ wie das Auge durch eine Reihe zufälliger Variationen, die sich erhielten und fortpflanzten, entstanden sein? Vor allem: wie soll man es erklären, dass in der Entwicklung des Lebens in ganz verschiedenen voneinander unabhängigen Zweigen gleichartige organische Schöpfungen hervorgebracht werden, und zwar mit ganz verschiedenen Mitteln?... Die Entfaltung des Lebens kommt nicht aus der Materie und ihren mechanischen Gesetzen, sie geht vielmehr gegen diese, gegen Trägheit und Zerfall, zu immer höheren, gewagteren, freieren Formen. Die Lebensvorgänge berühren sich mit den physikalischen und chemischen Kräften gerade nur so weit, wie man die kleinsten Teile eines Kreises als Teile einer geraden Linie betrachten kann. In Wirklichkeit ist das Leben von ihnen so verschieden wie die Kurve von der Geraden. Auch das Bewusstsein ist nicht vom Körper abhängig. Dies zu behaupten wäre dasselbe, als wenn man aus der Tatsache, dass ein aufgehängtes Kleidungsstück nach Abnahme des Hakens herunterfällt, auf die Identität von Kleidung und Haken schliessen wollte. Bewusstsein ist überall wo Leben ist. Nur der Mensch aber hat Intuition, die Form, in der das Leben sich selbst erkennen, über sich selbst nachdenken kann. Es kommt darauf an, «die Tiefen des Lebens abzuhorchen und den Puls seines Geistes mit Hilfe einer Art intellektueller Auskultation abzulesen».
Anmerkung von mir: das erinnert mich an Panpsychismus – an ein Interview/ YouTube-Video, das ich gesehen habe.
c) Moral und Religion. Eine ähnliche Entgegensetzung zweier verschiedener Elemente findet sich in Bergson Moral- und Religionsphilosophie. Es gibt zweierlei Moral.
Die geschlossene Moral beruht auf einem von der Gesellschaft ausgeübten Druck. Sie ist unpersönlich. Die ihr entsprechenden Handlungen werden fast automatisch, instinktiv ausgeführt. Sie bezweckt die Erhaltung der sozialen Gewohnheiten und bezieht sich deshalb immer auf eine begrenzte Gruppe von Menschen.
Die offene Moral ist persönlich, von der Gesellschaft unabhängig, schöpferisch. Sie erscheint verkörpert nur in hervorragenden Einzelpersönlichkeiten, den Heiligen und den Helden. Sie geht hervor aus dem unmittelbaren Erfassen des Lebensgrundes und umfasst in Liebe das ganze Leben.
Es gibt auch zweierlei Religion. Da dem Menschen der Instinkt fehlt, der bei den sozialen Tieren den gesellschaftlichen Zusammenhang verbürgt, da bei ihm an dessen Stelle der Verstand steht, der auf den sozialen Zusammenhang eher auflösend wirkt, so hilft sich die Natur mit der «fabulierenden Funktion» des Verstandes. Sie schafft Phantasien, Fabeln, die den Menschen mit dem Leben und die Individuen untereinander verbinden. Der Mensch weiss durch den Verstand, dass er sterben muss. Er sieht durch den Verstand, dass dem Erreichen seiner Ziele unberechenbare Hindernisse im Wege stehen. Die Natur hilft ihm, diese bitteren Erkenntnisse zu ertragen, indem sie mittels der Phantasie gütige Götter verfertigt. Die Funktion dieser «statischen» Religion ist also im Menschenleben eine ähnliche wie die des Instinkts bei den Tieren, eine bindende, erhaltende, versöhnende.
Ganz verschieden hiervon ist die dynamische Religion, die Mystik, welche bei den Griechen in Ansätzen, bei den Indern in spekulativer Form, bei den christlichen Mystikern in Vollendung ausgebildet ist. Die dynamische Religion geht hervor aus dem ahnenden Erfassen des Unerreichbaren, aus dem Zurückgehen in der Richtung, aus der der Lebensstrom kommt. Sie ist nur bei einzelnen aussergewöhnlichen Menschen vorhanden. Wenn die Mystiker aus ihren für andere unzugänglichen Erfahrung heraus behaupten, dass der Ursprung des Lebensstroms in Gott liege, dass dieser Gott ein Gott der Liebe, dass die Welt die Erscheinung der göttlichen Liebe und dass im Menschen ein unsterblicher göttlicher Funke sei – so kann die Philosophie solche Sätze zwar nicht beweisen, aber dankbar hinnehmen als Hinweise darauf, wo das nur der mystischen Versenkung zugängliche Wesen alles Seienden liegt. Zitatende