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wirena

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Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen «kleine Weltgeschichte der Philosophie» von Hans Joachim Störig


Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts



III. Lebensphilosophie, Vitalismus, Historismus


1. Allgemeines

Den Namen «Lebensphilosophie» hat man schon früher auf die Philosophie Schopenhauers und Nietzsches angewendet. Diese beiden haben wie Georg Simmel, einer der neueren Lebensphilosophen, gesagt hat, die aufklärerische Vernunft im 19. Jahrhundert vom Thron gestossen. Die Lebensphilosophie ist ein Teil der grossen Gegenbewegung gegen Aufklärung und Rationalismus und darin die Fortsetzung der Romantik. Es ist eine Philosophie, die das Leben, das mit den Mitteln des blossen Denkens nicht zu erfassende «lebendige» Leben verstehen will. Der Vernunft weist sie teils eine dienende Rolle zu, teils steht sie ihr mit ausgesprochener Feindschaft gegenüber. Allen neueren Denkern der Lebensphilosophie ist gemeinsam, dass sie mehr oder weniger bewusst und ausdrücklich, auf den Schultern Schopenhauers und Nietzsches stehen. Gemeinsam sind ihnen ferner durch die gemeinsame Grundauffassung eine Reihe von Wesenszügen, die man wie folgt kennzeichnen kann:

- Diese Denker sind «Aktualisten». Bewegung, Werden, Entwicklung gilt ihnen mehr als starres Sein.

- Sie sehen die Wirklichkeit als organische. Die Wissenschaft, von der die meisten von ihnen ausgehen, ist die Biologie.

- Ihre Philosophie ist irrational. Begriffe, logische Gesetze, apriorische Formen gelten ihnen als nur sehr begrenzt taugliches methodisches Mittel. Intuition, gefühlsmässiges Erfassen, unmittelbare Anschauung, «Verstehen» und Erleben werden bevorzugt.

- In der Erkenntnistheorie sind sie nicht Subjektivisten. Die Welt besteht für sie nicht nur in unseren Köpfen. Es gibt eine von unserem Denken unabhängige objektive Wirklichkeit.

- Die meisten sind Pluralisten. Sie nehmen nicht ein einziges grundlegendes Prinzip an, sondern zwei, nämlich das «Leben» und ein diesem gegenüberstehendes, oder mehrere. Zitatende


2. Henri Bergson, 1859-1941
Der einflussreichste aller neueren Lebensphilosophen ist der Franzose Henri Bergson. Seine vier wichtigsten Werke sind:

- Versuch über die unmittelbaren Gegebenheiten des Bewusstseins (deutsch: «Zeit und Freiheit)
- Materie und Gedächtnis
- Schöpferische Entwicklung
- Die beiden Quellen der Moral und der Religion


Zitat: Was alle Bücher Bergsons auszeichnet, ist eine Sprache von seltener Schönheit, ausserordentlicher Klarheit und ein verschwenderischer Reichtum an Bildern, Vergleiche, Beispielen; im Inhaltlichen eine solide Grundlage von Wissen in allen Zweigen der Naturwissenschaft. Dies ist einer der Gründe für Bergsons ausserordentlichen Erfolg. Bergson hatte, abgesehen von Schopenhauer, dessen Doppelansicht der Welt als Wille und Vorstellung der seinen sehr nahekommt, auch in Frankreich selbst Vorgänger, die er aber an Bedeutung weit übertrifft. Anfänglich ging Bergson von Spencer aus. Der Versuch, die Grundlagen des Spencerschen Systems zu vertiefen, führte ihn aber schliesslich zu einer gänzlichen Abwendung von diesem. In Frankreich ist Julien Benda als Kritiker und Gegenspieler Bergsons hervorgetreten.

a) Raum und Zeit, Verstand und Intuition.
Bergson geht aus von dem Verhältnis von Raum und Zeit. Kant hatte beide als im Wesentlichen gleichberechtigte Formen unserer Anschauung behandelt. Bergson zeigt ihren tiefen Wesensunterschied.

Der Raum ist in sich homogen. Er ist ein Inbegriff gleichartiger Punkte. Man kann beliebig von einem zum andern übergehen. Die Naturwissenschaft betrachtet in Wirklichkeit immer nur diesen Raum. Was sie Bewegung nennt, ist nur die Aufeinanderfolge der räumlichen Lage der Körper in ihm. Auch wo sie vorgibt, die Zeit zu messen, misst sie in Wahrheit nur Veränderungen im Raume.

Die Zeit ist nicht homogen. Sie ist eine nicht umkehrbare Reihe. Ich kann in ihr keineswegs beliebig von einem Punkt zum andern übergehen. Jeder Moment ist etwas Neues, Einmaliges, Unwiederholbares. Die Zeit ist ein einziges unteilbares Fliessen, ein Werden, das von der sogenannten Zeit der Naturwissenschaft durchaus verschieden ist. Der Raum ist. Die Zeit ist nicht, sondern wird immerzu.

Dem Raum und der Zeit entsprechen im Menschen zwei ebenso verschiedenartige Erkenntnisvermögen. Dem Raum zugeordnet ist der Verstand
. Sein Gegenstand ist das Fest, Räumliche, die Materie. In diesem Bereich ist der Verstand zu wahrer und richtiger Erkenntnis befähigt, denn er ist der Materie wesensverbunden (hier liegt ein Gegensatz zu Kant). Der Verstand ist das Organ des handelnden Menschen, des homo faber, des Werkzeuge verfertigenden, auf die Natur tätig einwirkenden Lebewesens.

Die wirkliche Zeit, die reine Dauer, kann der Verstand nicht begreifen.
Wenn er sich der Zeit zuwendet, überträgt er seine der räumlichen Materie entsprechenden Formen auf die Zeit. Er zerstückelt sie, verschneidet sie in zähl- und messbare Einheiten und geht damit an ihrem wahren Leben vorbei….Die reine Dauer vermögen wir nur durch Intuition zu erfassen…. Diese Intuition dient im Gegensatz zum Verstande nicht dem praktischen Handeln. Sie ist das Organ des homo sapiens, des anschauenden, erkennenden Menschen.

Da der Verstand auf die Praxis eingerichtet ist, kann die Philosophie nur mit der Intuition etwas anfangen. Das bringt notwendig einen gewissen Mangel an zwingenden logischen Beweisen mit sich. Der Philosoph vermag nicht mehr als durch anschauliche, bildhafte Darstellung des von ihm intuitiv Erkannten anderen zur gleichen Intuition verhelfen.


b) Elan vital. Wenn der Philosoph sich in das Meer des Lebens versenkt, das uns umgibt, so erkennt er, dass alle Wirklichkeit Werden ist. Es gibt im Grunde nur Werden, Handlung, Aktion. Es gibt allerdings zweierlei Bewegung, die steigende des Lebens und die fallende der Materie. Das sind zwei ganz verschiedene Welten. Es ist unsinnig, das Wesen des Lebens mit dem Verstande, sei es mechanisch oder teleologisch, erklären zu wollen. Soll tatsächlich zum Beispiel ein so kompliziertes Organ wie das Auge durch eine Reihe zufälliger Variationen, die sich erhielten und fortpflanzten, entstanden sein? Vor allem: wie soll man es erklären, dass in der Entwicklung des Lebens in ganz verschiedenen voneinander unabhängigen Zweigen gleichartige organische Schöpfungen hervorgebracht werden, und zwar mit ganz verschiedenen Mitteln?... Die Entfaltung des Lebens kommt nicht aus der Materie und ihren mechanischen Gesetzen, sie geht vielmehr gegen diese, gegen Trägheit und Zerfall, zu immer höheren, gewagteren, freieren Formen. Die Lebensvorgänge berühren sich mit den physikalischen und chemischen Kräften gerade nur so weit, wie man die kleinsten Teile eines Kreises als Teile einer geraden Linie betrachten kann. In Wirklichkeit ist das Leben von ihnen so verschieden wie die Kurve von der Geraden. Auch das Bewusstsein ist nicht vom Körper abhängig. Dies zu behaupten wäre dasselbe, als wenn man aus der Tatsache, dass ein aufgehängtes Kleidungsstück nach Abnahme des Hakens herunterfällt, auf die Identität von Kleidung und Haken schliessen wollte. Bewusstsein ist überall wo Leben ist. Nur der Mensch aber hat Intuition, die Form, in der das Leben sich selbst erkennen, über sich selbst nachdenken kann. Es kommt darauf an, «die Tiefen des Lebens abzuhorchen und den Puls seines Geistes mit Hilfe einer Art intellektueller Auskultation abzulesen».


Anmerkung von mir: das erinnert mich an Panpsychismus – an ein Interview/ YouTube-Video, das ich gesehen habe.


c) Moral und Religion.
Eine ähnliche Entgegensetzung zweier verschiedener Elemente findet sich in Bergson Moral- und Religionsphilosophie. Es gibt zweierlei Moral.

Die geschlossene Moral beruht auf einem von der Gesellschaft ausgeübten Druck. Sie ist unpersönlich. Die ihr entsprechenden Handlungen werden fast automatisch, instinktiv ausgeführt. Sie bezweckt die Erhaltung der sozialen Gewohnheiten und bezieht sich deshalb immer auf eine begrenzte Gruppe von Menschen.

Die offene Moral ist persönlich, von der Gesellschaft unabhängig, schöpferisch. Sie erscheint verkörpert nur in hervorragenden Einzelpersönlichkeiten, den Heiligen und den Helden. Sie geht hervor aus dem unmittelbaren Erfassen des Lebensgrundes und umfasst in Liebe das ganze Leben.

Es gibt auch zweierlei Religion
. Da dem Menschen der Instinkt fehlt, der bei den sozialen Tieren den gesellschaftlichen Zusammenhang verbürgt, da bei ihm an dessen Stelle der Verstand steht, der auf den sozialen Zusammenhang eher auflösend wirkt, so hilft sich die Natur mit der «fabulierenden Funktion» des Verstandes. Sie schafft Phantasien, Fabeln, die den Menschen mit dem Leben und die Individuen untereinander verbinden. Der Mensch weiss durch den Verstand, dass er sterben muss. Er sieht durch den Verstand, dass dem Erreichen seiner Ziele unberechenbare Hindernisse im Wege stehen. Die Natur hilft ihm, diese bitteren Erkenntnisse zu ertragen, indem sie mittels der Phantasie gütige Götter verfertigt. Die Funktion dieser «statischen» Religion ist also im Menschenleben eine ähnliche wie die des Instinkts bei den Tieren, eine bindende, erhaltende, versöhnende.

Ganz verschieden hiervon ist die dynamische Religion, die Mystik, welche bei den Griechen in Ansätzen, bei den Indern in spekulativer Form, bei den christlichen Mystikern in Vollendung ausgebildet ist. Die dynamische Religion geht hervor aus dem ahnenden Erfassen des Unerreichbaren, aus dem Zurückgehen in der Richtung, aus der der Lebensstrom kommt. Sie ist nur bei einzelnen aussergewöhnlichen Menschen vorhanden. Wenn die Mystiker aus ihren für andere unzugänglichen Erfahrung heraus behaupten, dass der Ursprung des Lebensstroms in Gott liege, dass dieser Gott ein Gott der Liebe, dass die Welt die Erscheinung der göttlichen Liebe und dass im Menschen ein unsterblicher göttlicher Funke sei – so kann die Philosophie solche Sätze zwar nicht beweisen, aber dankbar hinnehmen als Hinweise darauf, wo das nur der mystischen Versenkung zugängliche Wesen alles Seienden liegt. Zitatende
 

wirena

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Die Philosophie im 19. Und 20. Jahrhundert
Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts



III. Lebensphilosophie, Vitalismus, Historismus

3. Vitalismus: Driesch, Gestalttheorie, Friedmann
Hans Driesch (1867-1941), den führenden Philosophen des Neu-Vitalismus in Deutschland
, in den Zusammenhang der Lebensphilosophie zu stellen, ist nur bedingt richtig, insofern auch Drieschs Philosophie vom Leben ausgeht (Driesch war zwanzig Jahre Zoologe), insofern sie eine Philosophie des Organischen ist. Die Richtung jedoch welche Drieschs Denken von diesem Ausgangspunkt aus nimmt, bringt ihn eher in die Nähe der zeitgenössischen Metaphysik, der Philosophie des objektiven Seins.

Der Gegensatz zwischen mechanistischer und «vitalistischer» Betrachtung der Lebensvorgänge findet sich bei den Griechen. Bei diesen wollte Demokrit das Weltganze aus dem mechanischen Zusammenspiel seiner Atome erklären, während Aristoteles zur Erklärung des Lebendigen eine besondere formende Lebenskraft, die Entelechie, heranzog. In der neueren Philosophie wurde zunächst von Descartes bis zu Lametries «Maschinenmensch» die mechanistische Erklärung vorherrschend. Kant versuchte eine Abgrenzung beider Betrachtungsweisen und erkannte die Unentbehrlichkeit der teleologischen Betrachtung. Die Romantik war vitalistisch. Sie dachte lebendig, organisch. Die Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts neigte mit Darwins Entwicklungslehre, mit den ausserordentlichen Erfolgen der organischen Chemie - welche organische Stoffe, zuerst den Harnstoff, synthetisch herstellen lernte – zunächst wieder zu einer mechanistischen Auffassung. Ein neuer Umschwung trat um die Wende zum 20. Jahrhundert ein. Bergson ist der philosophische Exponent dieses Umschwungs in Frankreich. In Deutschland ist es neben anderen Hans Dreisch

- Philosophie des Organischen
- Ordnungslehre
- Wirklichkeitslehre
- Metaphysik
- Parapsychologie

Den wichtigsten Anstoss zu Drieschs Überlegungen bildeten von ihm selbst durchgeführte zoologische Experimente an Seeigeleiern. Sie erbrachten den Nachweis, dass aus halbierten oder anders geteilten Keimen nicht Teilorganismen, sondern Ganze – wenn auch kleinere – Lebewesen entstanden. Eine solche Fähigkeit des Organismus zur Regeneration des Ganzen aus Teilen war auf mechanistischem Wege nicht zu erklären. Dem Leben ist eine Ganzheitskausalität eigen, Bestimmung des Teils vom Ganzen her. Die unsichtbare, nicht als solche fassbare Kraft, die hier wirkt, nennt Driesch mit Aristoteles «Entelechie». Driesch blieb nicht hierbei stehen. Er schuf zur philosophischen Deutung und Rechtfertigung der biologischen Erkenntnisse ein gedankliches System, das von der Logik bis zur Ethik und Metaphysik reicht. Driesch ist undogmatisch. Sein Ausgangsunkt ist das «cogito ergo sum» des Augustinus und Descartes. Es heisst bei ihm: «Ich habe bewusst Etwas». Dieses Etwas zu ordnen ist die Aufgabe des ersten Teils der Philosophie, der Ordnungslehre. Die Ordnung der Gegenstände findet ihren Ausdruck in den Einteilungen der Wissenschaften. Der zweite Teil der Philosophie ist Wirklichkeitslehre oder Metaphysik. Die Ordnungslehre hatte die Gegenstände nur als blosse Erscheinungen genommen und geordnet. Die Wirklichkeitslehre stellt in den Mittelpunkt die Frage nach einer vom Ich unabhängigen objektiven Wirklichkeit und nach der Einheit dieser Wirklichkeit hinter der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen.

Die erste Voraussetzung in Drieschs Ethik ist Bejahung des Lebens, als organisches und als Mittel für das geistige Leben
. Daraus ergeben sich notwendig gewisse Folgerungen für das Verhalten zu anderen Wesen, das Verbot der Tötung und Schädigung, das Gebot der Anlagenförderung und Wahrhaftigkeit. Im Staat, in der Entwicklung der Menschheit, in der Tatsache des sittlichen Bewusstseins finden sich ähnliche ganzheitliche Züge wie im organischen Leben. Das legt den Schluss nahe, wenn er auch nicht gewiss ist, dass auch hier hinter dem Erscheinenden eine «Entelechie», eine Seele des Weltganzen, steht.

Der Zug zur Ganzheitsbetrachtung, die Erkenntnis, dass es gestalthafte Ganze gibt, welche mehr sind als die blosse Summe ihrer Teile, findet sich überall in der Wissenschaft und Philosophie der Gegenwart. Auf psychologischem Gebiet ist dieser Gedanke namentlich durch die sogenannte Gestaltpsychologie und allgemeine Gestalttheorie verfochten worden. Schöpfer des allgemeinen Gestaltbegriffes ist Christian Freiherr von Ehrenfels (1859-1932) mit seiner 1890 erschienen Arbeit

- Über Gestaltqualitäten

Die Begründer der Gestaltpsychologie sind Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Koffka.

Als philosophischer Denker, der das Form- und Gestaltproblem behandelt
und von ihm aus auch der Biologie neue fruchtbare Anregungen gegeben hat, ist Hermann Friedmann (1873-1957) zu nennen

- Die Welt der Formen
- Wissenschaft und Symbol

Von Friedmann stammt die Idee einer «Gestaltmathematik», in der Formbegriffe an Stelle der bisherigen mathematischen «Grössen»-Begriffe in den Vordergrund treten. Sie würde ermöglichen, eine Brücke zwischen Physik und Biologie zu schlagen, ja die Physik zu einem Sonderkapitel einer umfassenden Biologie zu machen. Der Gedanke ist inzwischen von anderen Forschern wie Joseph Henry Woodger und Ludwig von Bertalanffy aufgenommen worden. Was für Driesch gesagt wurde, gilt ähnlich auch für Friedmann: Ihn in die Linie der Lebensphilosophie einzuordnen, ist nur bei sehr weiter Fassung dieses Begriffs zulässig. Seine Bedeutung erschöpft sich auch nicht mit seinen Beiträgen zum Gestaltproblem.


4. Deutsche Lebensphilosophie und Historismus
Die eigentliche deutsche Lebensphilosophie ist mit der Mehrzahl ihrer Vertreter nicht so sehr an der Biologie orientiert als vielmehr an der Geschichte. Sie steht damit in enger Beziehung mit dem sogenannten Historismus. Diese Bewegung hat ihren Ausgangspunkt in dem mächtigen Aufschwung, den die Geschichtswissenschaft in Deutschland seit Hegel und der Romantik genommen hatten. Die Geschichte steht im Zentrum des Philosophierens. Man sieht «in dem geschichtlichen Charakter des Menschtums eine Wesensbestimmung von metaphysischer Bedeutung» (Theodor Litt). Aus der geschichtlichen Betrachtung des Lebens erwächst leicht ein Relativismus in Bezug auf Werte.

Der Geschichte am fernsten stehen Ludwig Klages und Hermann Graf Keyserling; näher stehen ihr Georg Simmel und Oswald Spengler; die Denker des eigentlichen Historismus sind Dilthey und seine Schüler.

Ludwig Klages (1872-1956) ist ursprünglich aus dem Kreis des Dichters Stefan George hervorgegangen.
Seine ersten grossen Leistungen, die vielleicht dauernder sein werden als seine Philosophie, liegen in der wissenschaftlichen Graphologie und Charakterkunde. Klages Lehre vom Ausdruck betrachtet den Leib als Erscheinung der Seele, die Seele als Sinn des Leibes, und damit Leib und Seele als einen engen Sinn- und Ausdruckzusammenhang. Klages verdankt wichtige Anregungen seinem Lehrer Melchior Palagyi (1859-1924). Palagyi war ein vielseitiger Denker, der u.a. bereits 1901, also mehrere Jahre vor der Veröffentlichung der speziellen Relativitätstheorie durch Einstein, in seiner Schrift

- Neue Theorie des Raumes und der Zeit


einige Grundgedanken dieser Theorie ausgesprochen hatte. Klages übernahm von ihm u.a. die Lehre vom «intermittierenden Bewusstsein», die besagt, dass die fliessenden, kontinuierlichen Lebensvorgänge von dem diskontinuierlichen menschlichen Bewusstsein nur unvollkommen erfasst werden können. Klages philosophischer Standpunkt kommt treffend zum Ausdruck im Titel seines philosophischen Hauptwerkes

- Der Geist als Widersacher der Seele

Während Leib und Seele zwei untrennbar zusammengehörige Pole der Lebenszelle sind, drängt der Geist von aussen her, einem Keil vergleichbar, sich zwischen beide, mit dem Bestreben sie zu entzweien und so das Leben zu ertöten
. Die vom lebensfeindlichen Geist noch unberührte Seele erlebt die Welt als eine Folge von Bildern, von beseelten Gestalten. Der Geist zerhackt diesen kontinuierlichen Strom und zerlegt das Erleben in eine Anzahl voneinander getrennter «Gegenstände». Die Wissenschaft, besonders die mechanistische Naturwissenschaft, ist die stärkste Ausprägung dieser die Bilder zerstörenden, das Leben abtötenden Funktion des Geistes. Der Geist ist also eine dem Leben fremde, ja ausserraumzeitliche (akosmische) Macht, die in das Leben einbricht. In diesem Widerstreit von Geist und Seele nimmt Klages leidenschaftlich die Partei der Seele, des bewusstlos-bildhaften Lebens gegen seinen Widersacher, den Geist, die Partei des Herzens, des Gefühls, des Instinkts, gegen Kopf, Verstand, Intellekt. Das Ergebnis des Geistes ist die bewusste, den Instinkten widerstreitende Tat, und jede solche Tat ist ein «Mord am Leben». Die Parole ist: Rückkehr zum naturhaftunbewussten Leben. Durch Klages ist das Werk des fast vergessenen Kulturhistorikers Johann Jakob Bachofen (1815-1887) über Mutterrecht und Urreligion wieder zur Geltung gebracht worden.

Graf Hermann Keyserling (1880-1946
) ist ein Abkömmling einer alten deutsch-baltischen Familie; zu seinen Vorfahren gehören die berühmten Barone von Ungarn-Sternberg… er selbst bezeichnet sich als «Condottiere», als «aussergewöhnlich vielfältig, unharmonisch und widerspruchsvoll veranlagt». Er bereiste beinahe die ganze Welt. In seinem

- Reisetagebuch eines Philosophen

einem der lebendigsten philosophischen Bücher unseres Jahrhunderts, schildert er seine Eindrücke aus Indien, China, der Südsee und Amerika. Keyserling wendet sich wie Klages gegen blosse Verstandeskultur. Er ist ein Mann der schöpferischen Intuition. Aber er bekämpft nicht den Geist, sondern will Geist und Seele zu einer neuen Einheit verbinden und so einen Weg zur Vollendung zeigen. In diesem Sinn will er mehr geben als Philosophie, nämlich «Weisheit», «Leben in Form des Wissens».

Eine ausserordentlich vielseitige Persönlichkeit und en geistreicher Schriftsteller wie Keyserling ist auch Georg Simmel (1858-1918). Im Mittelpunkt von Simmels Lebensphilosophie steht die Spannung zwischen dem Leben als solchem und den «objektiven Sachgehalten» der Kultur, also Recht, Sittlichkeit, Wissenschaft, Kunst, Religion. Simmel zeigt, dass diese objektiven Kulturbereiche, obwohl sie ihre eigene Gesetzlichkeit haben und sich dem Leben gegenüberstellen können, doch aus dem Leben selber erwachsen. Denn Leben ist immer zugleich Mehr-als-Leben, oder, wie Simmel sagt: Die Transzendenz ist dem Leben immanent; das heisst, es gehört zum Wesen des Lebens, dass es über seinen vitalen Grund hinausgreift. Das wichtigste Werk in dieser Hinsicht ist Simmels vier

- Metaphysische Kapitel über Lebensanschauung

Simmel war gleichzeitig ein bedeutender Soziologe.

Breiteren Kreisen viel bekannter als Simmel ist der Historiker und Geschichtsphilosoph Oswald Spengler (1880-1936) durch sein aufsehenerregendes Werk

- Der Untergang des Abendlandes

Spengler ist wie Bergson überzeugt von der tiefen Wesensverschiedenheit der Welt des Raumes von der Zeit.
Es gibt eine Logik des Raumes. Ihr Prinzip ist Kausalität, ihr Gebiet die Naturwissenschaft. Daneben gibt es eine Logik der Zeit, eine organische Logik, eine Logik des Schicksals. Sie lehrt die Welt als Geschichte begreifen. Spengler besass einen einzigartigen physiognomischen Blick für die Formen und Zusammenhänge des geschichtlichen Werdens. Er zeigt, dass Weltgeschichte kein fortlaufender Prozess ist, sondern eine Aufeinanderfolge unabhängiger Kulturen. Jede Kultur ist ein Organismus, ein Lebewesen höchsten Ranges und der Ausdruck eines besonderen Seelentums….Kulturen wachsen, blühen und vergehen wie Lebewesen. Eine vergleichende Morphologie (Gestaltenlehre) der Weltgeschichte erkennt den lebensgesetzlichen Ablauf jeder Kultur. Auf unsere, die abendländische «faustische» Kultur angewandt, ermöglicht sie die Prognose, dass wir in das Stadium der Zivilisation der Erstarrung, eingetreten sind und dem Untergang entgegengehen.

Wilhelm Dilthey (1813-1911) gehört einer älteren Generation an. Sein Einfluss reicht aber wie der Spenglers bis in die unmittelbare Gegenwart. Diltheys innerer Entwicklungsgang ging vom Positivismus zu einem irrationalen «Verstehen» des Lebens und der Geschichte und spiegelt damit die Entwicklung des 19. Jahrhunderts. Da die Wirklichkeit Leben ist, ist Verstehen nur als Bewegung von Leben zu Leben möglich, nicht mit dem Verstand allein, sondern mit der Gesamtheit unserer Gemütskräfte. Der Bereich solchen Verstehens sind die Geisteswissenschaften und besonders die Geschichte als Selbstbesinnung des Menschen. « Was der Mensch sei, erfährt er nur durch die Geschichte»….Der Historismus Diltheys führte ihn folgerichtig zum Relativismus. «Die Relativität jeder Art von menschlicher Auffassung ist das letzte Wort der historischen Weltanschauung, alles im Prozess fliessend, nichts bleibend»…. Von ihm sind bei weitem die reichsten und fruchtbarsten Wirkungen ausgegangen… eine grosse Zahl von Denkern der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart ist von ihm beeinflusst, so Ernst Troeltsch (1865-1923), Eduard Spreanger, Erich Rothacker, Hans Freyer, Theodor Litt, auch der spanische Philosoph José Ortega y Casset (1882-1955). Zitatende

 

wirena

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts



IV. Phänomenologie


1. Entstehung und Eigenart

Zitat: «Pragmatismus, Neu-Positivismus, Lebensphilosophie sind alle in verschiedenen Formen Absagen an Kant. Noch bedeutsamer für die Abwendung von Kant, die den grössten Teil der Gegenwartsphilosophie auszeichnet, wurde die Phänomenologie. Die Abwendung von Kant fand übrigens auch darin einen Ausdruck, dass die Philosophen zunehmend auf vorkantische Denker, insbesondere die Scholastiker, Spinoza und Leibniz, zurückgriffen. Bezeichnend ist, dass Edmund Gustav Albrecht Husserl als Begründer der Phänomenologie, obwohl er von Kant und dem Neu-Kantianismus nicht ganz unberührt geblieben ist, doch in Franz Brentano (1838-1917) einen ihn entscheiden beeinflussten Lehrer hatte, welcher zunächst katholischer Priester gewesen war und auch nach der Abwendung vom Katholizismus mit der Scholastik und ihrem Lehrer Aristoteles eng verbunden blieb. Brentano, der selbst wenig geschrieben hat, wurde durch die an ihn anknüpfenden Denker nachträglich zu einem der einflussreichsten Philosophen des 19. Jahrhunderts. Von ihm geht nicht nur die Phänomenologie aus, die ihrerseits wieder zum Mutterboden der heute bekannten Gegenwartsphilosophie, des Existenzialismus, wurde, auch die der Phänomenologie in mancher Hinsicht verwandte, aber weniger einflussreiche «Gegenstandstheorie» von Alexius Meinong (1853-1921) hat von ihm ihren Ausgang genommen.

Ein zweiter Denker aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, den Husserl wieder ans Licht gezogen hat, ist Bernhard Bolzano (1781-1848), Philosoph und Mathematiker, ebenfalls Gegner Kants. Schon bei Bolzano findet sich ein Grundgedanke, von dem auch Husserl ausgegangen ist: eine Unabhängigkeit der Logik von der Psychologie. Die Gesetze der Logik sind nicht identisch mit den Vorgängen im denkenden Bewusstsein. Es sind zeit- und raumlose Wahrheiten, Sätze an sich. Auf diese ideellen Wesenheiten richtet die Phänomenologie ihren Blick. Sie ist eine Philosophie des Wesens (was auch der Name Phänomenologie besagt). Und zwar sucht sie, diese Wesenheiten unmittelbar zu erfassen, durch «Wesensschau».


2. Edmund Gustav Albrecht Husserl, 1859-1938
Edmund Husserl ist neben Bergson der bisher einflussreichste Philosoph des 20. Jahrhunderts
. Er wurde als zweiter Sohn einer deutschsprachigen, jüdischen Tuchhändlerfamilie in Prossnitz (Mähren) geboren. Er lehrte in Halle, Göttingen und von 1916 bis zu seiner Emeritierung 1928 in Freiburg im Breisgau, wo er 1938 gestorben ist. Als ausgebildeter Mathematiker und Naturwissenschaftler veröffentlichte er 1891die

- Philosophie der Arithmetik

Zitat: Sie zeigt bereits als Grundzug des Husserlschen Denkens das Streben nach radikal strenger, auf philosophisch und psychologisch «letztgeklärten» (ein Ausdruck Husserls) Grundlagen aufbauender Grundlegung des wissenschaftlichen und philosophischen Erkennens. Ein Jahrzehnt später erschienen die

- Logischen Untersuchungen

…Der Anbruch des 20. Jahrhunderts bezeichnet auf vielen Gebieten des Geisteslebens eine einschneidende Wende (etwa in der Physik mit Planks Quantentheorie, veröffentlicht 1900, in der Psychologie Freuds Traumdeutung), so gilt das für die Philosophie vor allem wegen Husserls Werk, dessen beide Bände 1900 und 1901 erschienen. Das Grundwerk der phänomenologischen Schule erschienen 1913

- Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie


1913 begann Husserl auch das

- Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung


herauszugeben. Genaugenommen erschien von den «Ideen» nur der erste Band des auf drei Bände angelegten Werkes. 1929 folgte als Ertrag der langen Jahre schriftstellerischer Zurückhaltung die

- Formale und transzendentale Logik

Nach dem Tode Husserls erwies sich, dass seine, hier nur unvollständig aufgezählten, publizierten Schriften nur einen kleinen Teil seines denkerischen Gesamtwerkes ausmachen. Seit 1950 wird unter dem Titel «Husserliana» vom Husserl-Archiv in Löwen (Belgien) eine Gesamtausgabe seiner Schriften herausgegeben, von der bis 1960 acht Bände vorlagen.

Husserls Werke sind wie fast alle wichtigen philosophischen Bücher unseres Jahrhunderts äusserst schwierig zu lesen. Doch sind sie für das Denken der Gegenwart so grundlegend, dass jeder, der in die Philosophie der Gegenwart tiefer eindringen will, sie gründlich studieren muss. Hier können wir nur Hinweise geben auf einiges Grundsätzliches. …Die Logik ist nicht empirisch und nicht psychologisch zu begründen. Dies richtet sich insbesondere gegen den sogenannten Psychologismus, eine Denkrichtung, die im wesentliche nur dem Psychischen, den Empfindungen, Realität zusprach und alle philosophischen Fragestellungen in Psychologie aufzulösen drohte. Logik hat überhaupt nichts mit den psychischen Akten des Denkens, Urteilens und so weiter zu tun. Sie ist auch kein Inbegriff von (normativen) Regeln, die vorschreiben, wie man denken solle. Die Sätze der Logik gehen nicht auf ein Sollen, sondern auf ein Sein. Nehmen wir zum Beispiel den Satz des Widerspruchs. A kann nicht zugleich Nicht-A sein. Das bedeutet nicht, dass von einem Subjekt zwei sich widersprechende Prädikate oder, dass überhaupt zwei sich widersprechende Sätze nicht zugleich ausgesagt werden können (das ist nämlich sehr wohl möglich). Es bedeutet auch nicht, dass wir sie nicht aussagen sollen. Sondern es besagt, dass beide nicht zugleich (objektiv) wahr sie können. Das ist ein Satz, der ganz unabhängig von psychischen Erscheinungen ist, der deren Existenz nicht einmal voraussetzt und der nicht auf Denken, Urteilen und so weiter geht, sondern auf etwas Objektives….Es gibt also ein eigenes Reich der Logik: die Bedeutung. Was eine Aussage bedeutet, das, was wir auffassen, wenn wir eine Aussage verstehen, das, was in ihr ausgedrückt, gemeint, «intendiert» ist, ist nicht identisch mit dem Inhalt des jeweiligen individuellen Bewusstseins. Es ist ein jenseits dessen liegendes Allgemeines, Ideelles, ein Gegenstand, eine Wesenheit. Dass ich eine Aussage, die ein anderer macht, verstehen kann, beruht darauf, dass wir beide in unserem Bewusstseinsakt auf etwas identisches gerichtet sind, welches unabhängig von diesem Akt existiert. – Es ist klar, dass die Lehre vom sprachlichen Ausdruck, überhaupt die Sprache und ihre Struktur, in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle spielen muss. Husserl gibt eine philosophische Theorie der Grammatik, die zu seinen wertvollsten Leistungen gehört. Eine erste Eingangstür in das Denken Husserls ist zu finden in seinen

- Cartesianischen Meditationen

eine erweiterte Ausarbeitung zweier Vorträge, die Husserl in Paris gehalten hat. Den Descartesschen Zweifel noch radikalisierend, fordert Husserl als Anfang aller Philosophie das Aufgeben der «natürlichen Einstellung»; diese Einstellung besteht in der unausdrücklich vollzogenen Voraussetzung der Weltexistenz, die wir in allem theoretischen wie praktischen Leben ständig machen. Die Änderung dieser Einstellung besteht in der «Einklammerung» der Weltexistenz und aller mit ihr verbundenen Setzungen von Gegenständern jeder Art. Jeder Gegenstand, jeder Sachverhalt führt ja den «Horizont» der Welt mit sich, hat stillschweigend die Existenz der Welt zur Voraussetzung. Descartes – sagt Husserl – zweifelte an allen Gegenständen, nicht aber am Sein der Welt, und sein «Ich», das er aus dem Zweifel herausrettete, war etwas Innerweltliches, eine «res cogitans». Wir müssen den Descartesschen Zweifel übertrumpfen und mittels der «phänomenologischen Reduktion» den Glauben an das Sein der Welt zunächst ausschalten Was bleibt nach dieser «Einklammerung»? Es bleibt das reine Bewusstsein mit seinem «Weltmeinen». Alles, was wir bewusstseinsmässig vormeinen – sei es anschaulich erfahrend, vorstellen, denken, wertend -, nennt Husserl «Phänomen», und die Wissenschaft von diesem Bewusstsein heisst deshalb «Phänomenologie».

Erst mit der «Reduktion» bekommt das philosophische Denken
– nach Husserl – jenseits dessen, was Psychologie und Soziologie als «Bewusstsein» oder «gesellschaftliches Bewusstsein» erfassen, jenes Bewusstsein in den Griff, in dem der ganze Welthorizont und der Sinn aller gewussten Gegenstände sich aufbaut, sich konstituiert. Dieses Bewusstsein ist der schöpferische Quellgrund alles Seienden, das erscheint.

Nachdem Husserl insbesondere in den «Ideen» den Grund zu dieser neuen Philosophie gelegt hatte, galt sein Interesse vor allem zwei Dingen: einerseits dem Verhältnis der Phänomenologie zu den positiven Wissenschaften, insbesondere der Abgrenzung gegenüber der Psychologie, zum andern einer Fülle von konkreten Einzeluntersuchungen, die zum grossen Teil erst mit der Veröffentlichung seines Nachlasses ans Licht kommen.


3. Max Scheler, 1874-1928

Unter den unmittelbaren Schülern Husserls nimmt Max Scheler eine der stärksten Persönlichkeiten im deutschen Geistesleben dieses Jahrhunderts, die führende Stellung ein. Scheler war nicht nur Philosoph, sondern zugleich ein feinfühliger Psychologe und ein bedeutender Soziologe

- Wesen und Formen der Sympathie, 1923
- Probleme einer Soziologie des Wissens, 1924
und andere.

Philosophen an die Scheler in besonderem Masse anknüpft, sind Augustinus, von den neueren Nietzsche, Bergson, Dilthey, daneben sein Lehrer Rudolf Eucken (1846-1926), ein neu-idealistischer, dabei der Lebensphilosophie nahestehender deutscher Denker; vor allem jedoch Husserl, dessen Werk er weiterführt. Schelers philosophische Grundanschauung haben eine beträchtliche Entwicklung durchgemacht. Ausser einer ersten Periode, in der er noch von Eucken abhängig ist, lassen sich unterscheiden eine mittlere, in der Scheler überzeugter Christ und Theist ist, und eine letzte, in der er Theismus und Christentum verlässt und sich einer pantheistischen Auffassung nähert. Der mittleren Periode entstammen die Werke:

- Der Formalismus in der Ethik und die materiale Werteethik (1913/16)
- Vom Umsturz der Werte (1919)
- Vom Ewigen im Menschen (1921)

Schelers Einstellung in der dritten Periode ist ersichtlich aus dem Buche

- Die Stellung des Menschen im Kosmos (1928)

Sein früher Tod liess Scheler nicht mehr zur vollkommenen Ausführung der Gedanken dieses letzten Abschnitts kommen.

Scheler wendet die phänomenologische Methode der Wesensschau nicht nur auf die Erkenntnislehre an, sondern vor allem auf die Ethik, auf Kultur- und Religionsphilosophie, auf das Reich der Werte. Hier liegt seine eigentliche philosophische Leistung.

Menschliches Streben hat ein – nicht notwendig klar erkanntes – Ziel. In jedem Ziel liegt ein Wert. Der Mensch strebt immer nach Werten. Die Werte sind absolute, für sich bestehende, unveränderliche Wesenheiten. Veränderlich ist nur unsere Erkenntnis von ihnen und unser Verhältnis zu ihnen. Die phänomenologische Methode ermöglicht, die Werte inhaltlich (material) zu erfassen. Nur auf solchen inhaltlich erkannten, erfüllten, konkreten Werten kann man eine Ethik aufbauen. Scheler bekämpft den (Kantischen) Formalismus, welcher in der blossen Form (einer allgemeinen Gesetzgebung) das Prinzip der Ethik finden will. Er bekämpft ebenso jede Art von Relativismus gegenüber den Werten, sei es Subjektivismus, der die Werte auf den Menschen zurückführt, Lebensphilosophie, die die Werte dem Leben unterordnet, Historismus, der vor der Überfülle der in der Geschichte auftretenden Verhaltensweisen den klaren Massstab für die Werte selbst verliert.

Die Werte bilden ein unveränderliches Reich von Wesenszusammenhängen.
Es gibt positive und negative Werte. Es gibt niedere und höhere Werte… Der Begriff der Person hat bei Scheler eine zentrale Stellung. Person ist nicht identisch mit dem denkenden Ich. Zur Person gehören «Vollsinnigkeit, Mündigkeit, Wahlmächtigkeit». Die Person ist wesenhaft geistig. Der Geist ist ein von der Natur völlig verschiedenes und unabhängiges, ja ihr entgegenstehendes Prinzip. Ein Abgrund liegt zwischen beiden. Jeder Versuch, beide zu einer monistischen «Identitätsphilosophie» etwa im Sinne Schelling zusammenzubiegen, wäre ein unehrlicher Kompromiss. Das entspricht der Lehre von Ludwig Klages. Doch Scheler zieht daraus nicht dessen negative Folgerungen. Der Geist erst macht den Menschen frei, macht ihn unabhängig von der Fesselung an das organische Leben. So ist der Mensch einerseits als Lebewesen nicht nur aus dem Tier entstanden, sondern er ist ein Tier. Auf der anderen Seite ist der Mensch «das Wesen, das betet», ist Gottsucher, ist Geist, Person. Hierauf gründet sich Schelers eigentümliche Theorie der Liebe. Liebe ist nicht soziales Gefühl, nicht Mitgefühl, nicht Altruismus. Sie ist überhaupt kein Gefühl. Echte Liebe richtet sich immer auf eine Person. Mag man alle Werte einer geliebten Person zusammenzählen, sie können die Liebe nicht erklären. Es bleibt ein nicht begründbares Mehr, nämlich die konkrete Person des Geliebten, das wahre Objekt der liebe. Die höchst Form der Liebe ist die Gottesliebe, nicht als Liebe zu Gott, sondern als Mitvollzug von Gottes Liebe zu Welt durch den Menschen. Zitatende
 

wirena

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts

V. Die neue Metaphysik


1. Allgemeines

Zitat: Die populärste Philosophie der Gegenwart ist zweifellos die Existenzphilosophie. Unter den Philosophen selbst scheint die neue Metaphysik des 20. Jahrhunderts sie jedoch bereits an Einfluss und Gewicht überflügelt zu haben; ja es sind Anzeichen dafür vorhanden, dass die Metaphysik beginnt, die Probleme und Gesichtspunkte der Existenzphilosophie in ihren Bau einzubeziehen. Ihre Vertreter kommen an geistigem Rang den Existenzphilosophen mindesten gleich. Dabei ist aber die Metaphysik, unter den Philosophen, eine viel breitere und verzweigtere Bewegung. Zitatende

(1.) Der Begriff Metaphysik im Sinne der Gegenwart darf nicht so verstanden werden, dass sie versucht, in den Bereich «jenseits der Physik» der Natur, der Erfahrung dadurch zu gelangen, dass sie die Erfahrung ausser Acht lässt und sich der Spekulation im luftleeren Raum ergibt. Andererseits will die Metaphysik aber über die Gegebenheiten der Naturwissenschaft hinausgelangen. Die heutigen Metaphysiker sind ausgesprochene Empiristen und lehnen eine apriorische Erkenntnis ab. Allerdings beschränken sie, im Gegensatz zum Neu-Positivismus, Erfahrung nicht auf äussere, sinnliche Erfahrung. Sie kennen neben ihr eine intellektuelle Erfahrung.

(2.) Zitat: «Ihre Methode ist, bei Unterschieden im Einzelnen, nicht intuitiv wie die der Lebensphilosophie und Phänomenologie, sondern rational, verstandesmässig, vernünftig.

(3.) Die heutige Metaphysik richtet ihr Bestreben darauf, das Seiende überhaupt zu erfassen. Nicht auf den blossen Phänomenen, unter Absehen von allem, was dahinter liegen mag (wie beim Neu-Positivismus), liegt das Gewicht; nicht auf dem Werden, dem nur erlebbaren Fluss des Lebens (wie in der Lebensphilosophie); nicht auf dem Wesen, den Wesenheiten (wie in der Phänomenologie). Sie ist Ontologie, Philosophie des Seins. Indem sie dieses Sein unmittelbar zu erfassen strebt, steht sie in der Gesamtrichtung der grossen realistischen und auf das Konkrete gehenden Bewegung im Denken unserer Zeit.

(4.) Die Metaphysik der Gegenwart hat einen synthetischen, allumfassenden, universalen Zug. Das gilt in einem doppelten Sinne: Es gilt einmal historisch im Hinblick auf die Denker und Gedanken, die aus der bisherigen Philosophie einwirken und einbezogen werden. Die Griechen, die Scholastik, die vorkantische Metaphysik und die neuere Philosophie werden herangezogen. Auch der Kritizismus Kants wird nicht einfach umgangen als ein unbequemer Stein, der einem Wiederaufleben der Metaphysik im Wege liegt. Diese Metaphysiker sind durch ihn hindurchgegangen, gehen nun freilich über ihn hinaus. Universal ist die neuzeitliche Metaphysik ferner darin, dass sie das Ganze des Seins und seine letzten Prinzipien zu umfassen sucht. Kein Bereich, keine Stufe des Wirklichen wird ausgelassen oder überbetont. Man sucht die einseitigen Verabsolutierungen früherer Epochen zu vermeiden.

Die Metaphysik der Gegenwart ist überreich an bedeutenden Köpfen. Wenigstens genannt seien unter den Deutschen der schon als Vitalist eingeordnete Hans Dreisch und Günther Jacoby (1881-1969), unter den Amerikanern George Santayana (1863-1946), Spanier von Geburt; unter den Franzosen, ausser den noch zu nennenden Thomisten, Louis Lavelle (1882-1951). Er gehört zu denjenigen, die die Existenzphilosophie in die Metaphysik einzubeziehen suchen. Endlich nennen wir Paul Häberlin (1878-1960), der von einem anthropologischen Ansatz ausgeht. Wenigstens mit ihren Werken und Grundgedanken vorgestellt werden sollen zwei Denker aus der angelsächsischen Welt und ein deutscher.


2. Samuel Alexander, 1859-1938
Samuel Alexander ist in Australien geboren, lebte und lehrte in England. 1920 erschien sein Hauptwerk

- Raum, Zeit und Gottheit

Zitat: Alexander hat in seiner Philosophie eine Reihe ganz verschiedene Einflüsse verarbeitet. Sein Werk ist nicht nur im Grundsätzlichen, sondern vielleicht noch mehr in Einzelheiten bedeuten. Kurze Stichworte können deshalb kein gerechtes Bild geben. Zwei Gedanken zu Alexanders neuen Metaphysik: Zitat:

Raum-Zeit. – Das Grundelement der Welt ist Raum-Zeit. Dies ist auch der Grundbegriff von Alexanders Metaphysik. Raum und Zeit sind ein einheitliches Ganzes. Jedes für sich genommen ist eine Abstraktion. Die Wirklichkeit setzt sich zusammen aus Raum-Zeit-Punkten. Raum-Zeit ist auch der Stoff, aus dem alles andere geformt ist. Das berührt sich, wie man sieht, eng mit der Relativitätstheorie, welche Raum und Zeit als ein «vierdimensionales Kontinuum» zusammengreift und die Materie und die Gravitation in Beziehung zur «Krümmung» des Raumes setzt. Alexander ist jedoch zu seiner Auffassung unabhängig von der Physik gelangt. Das zeigt einmal mehr, dass die Relativitätstheorie nicht unvermittelt dem Kope ihres Begründers entsprungen ist, sondern im Zuge der wissenschaftlichen und philosophischen Entwicklung lag.

Die Stufen des Seienden.Es gibt vier verschiedene Stufen des Wirklichen.

- Es gibt «Kategorien» die sich auf alle Stufen beziehen. Dazu gehört zum Beispiel nach Alexander die Raumzeitlichkeit.

- Es gibt «Qualitäten», die je einer bestimmten Stufe oder mehreren eigen sind. Die Qualitäten der untersten Stufen finden sich auch in den höheren wieder. Nicht aber umgekehrt: die höheren Stufen des Seins weisen Qualitäten auf, die gegenüber der vorhergehenden Stufe neu, nicht voraussehbar sind. Allerdings sind die Übergänge fliessen, kontinuierlich. Wie sich das «Auftauchen» (emergence) der höheren Stufen auf den niederen vollzieht, wissen wir nicht. Die unterste Stufe ist nach Alexander reine, qualitätslose Bewegung, noch ohne Materie. Die Materie erscheint erst auf der zweiten Stufe. Die Materie hat in sich wieder mehrere verschiedene Stufen.

- Die dritte Stufe ist das Leben. Das Leben ist Materie; alle Gesetze der Materie gelten hier, aber es ist ausserdem noch etwas mehr, das nicht aus der Materie zu erklären ist.

- Die vorläufig letzte und höchste Stufe ist das Bewusstsein, wiederum selbst in verschiedenen Stufen, am höchsten beim Menschen, ausgebildet. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die weitere Entwicklung Götter oder Engel hervorbringt, die ebenso hoch über uns Menschen stehen wie wir über den Tieren». Zitatende



3. Alfred North Whitehead, 1861-1947
Alfred North Whitehead war bis zu seinem 63. Lebensjahr Professor der Mathematik. Mit Russell zusammen veröffentlichte er die berühmten

- Principia mathematica.


Für die Philosophie, die er im Alter schuf, war diese Vorbereitung von grösstem Wert. Sein Werk ist die vollständigste philosophische Verarbeitung der Ergebnisse der Naturwissenschaften, die wir besitzen. Für seine Metaphysik sind grundlegen die beiden Werke

- Wissenschaft und moderne Welt (1926)
- Prozess und Wirklichkeit (1929)


Bei aller Vertrautheit mit Mathematik und Naturwissenschaft ist Whitehead kein «Szientist», für den es ausserhalb der Naturwissenschaft nichts Beachtenswertes gibt. Die Philosophie erfasst einen viel grösseren Bereich von Wirklichkeit als die Naturwissenschaften. Sie verwertet auch die Intuition des Künstlers, das religiöse Gefühl und ihre eigene Intuition. Es ist gerade Aufgabe des Philosophen, gegenüber der dogmatischen Verengung und Intoleranz der Wissenschaften auf Wirklichkeitsphänomene zu verweisen, die diese vernachlässigen. Eine Hauptaufgabe der Philosophie ist die Kritik der Abstraktionen. Eine Abstraktion liegt auch der modernen Naturwissenschaft zugrunde. Sie ruht auf einer Abblendung des unmittelbar Wirklichen. Indem sie etwas scharf sehen will, muss sie vieles andere übersehen. Das ist die «Täuschung des verstellten (verdeckten) Konkreten», welche die Philosophie aufzudecken und aufzuheben hat.

Wie muss die Philosophie vorgehen, um das Ganze der Wirklichkeit zu fassen? Die bisherigen philosophischen Systeme haben in erster Linie vorgemacht, wie sie nicht vorgehen darf.
Sie stellen durchweg verfehlte Versuche dar, die Wirklichkeit mit allgemeinen Kategorien wie Subjekt und Objekt, Substanz und Qualität und anderem zu erklären. Verfehlt ist das aus zwei Gründen: Man trennt das Subjekt vom Objekt, das Bewusstsein von den Gegenständen, die es erfasst; man komplimentiert das Bewusstsein aus der «Welt» hinaus, in die es aber hineingehört. Zweitens, bei einem solchen Versuch «kommt es immer zu einer Vergewaltigung unseres unmittelbaren Erlebens, wie es in unseren Handlunge, unseren Hoffnungen, unseren Sympathien und unseren Zielsetzungen zum Ausdruck gelangt. Der Versuch, die Welt mit allgemeinen Kategorien beschreibend zu erklären, vernachlässigt den Erlebnischarakter der Welt, die Tatsache, dass wir in unseren Hoffnungen, Plänen und so weiter handgreiflicher an die Realität geraten als bei blosser Beschreibung. Lässt sich ein Begriff von Wirklichkeit finden, dem diese Schwächen nicht anhaften? Er müsste die Zweiheit von Subjekt und Objekt und auch die von «objektiver Tatsache» und Gefühl vermeiden. Es müsste ein Begriff des Seins sein, der Subjekt und Objekt, Vergängliches und Dauerndes, Privates und Öffentliches, Punktuelles und Allgegenwärtiges vereint. Eine solche Wirklichkeit könnte offenbar kein totes Ding sein, sondern nur etwas Dynamische, ein Ereignis. Ereignis (event) nennt Whitehead auch tatsächlich die einzelnen Elemente des Seins. Er nennt sie auch «real seiende Wesenheit» oder «real seiender Moment».

…Jede real seiende Wesenheit fasst in sich das ganze Universum zusammen.
Seine Vergangenheit ist in ihm enthalten, seine Zukunft ist in ihm angekündigt und vorgebildet. Ferne ist gleichsam die ganze gegenwärtige Welt der anderen Ereignisse in ihr mit gegenwärtig, in ihr durch ihre Wirkung vertreten. Diese Tatsache der Wechselwirkung aller Ereignisse untereinander nennt Whitehead, auf den ersten Blick etwas befremdlich, «Gefühl». Die Ereignisse haben eine «Vektor-Qualität». Das heisst, sie deuten über sich hinaus, sie dringen in andere Wesenheiten ein. Die einzelne Wesenheit erfühlt alle anderen. Das braucht nicht bewusst zu sein, kann aber bewusst sein. Bewusstsein ist also die Tatsache, dass eine Wesenheit in einer anderen gegenwärtig ist. Das ist auch das Wesen der Erkenntnis. Erkenntnis ist also eine unmittelbare Beziehung zwischen Erkennendem und Erkanntem.

Anmerkung von mir: das erinnert mich an den in der Physik beschriebenen Beobachtereffekt - z.B. im Doppelspaltexperiment -


Das ist der schärfste denkbare Gegensatz zum Standpunkt Kants. Bedeutsam ist ferner, dass Erkenntnis hiernach die Beziehung einer einzelnen Wesenheit zu anderen individuellen Wesenheiten ist. Erkenntnis durch allgemeine Begriffe, durch Universalien, gibt es zwar auch, aber sie ist zweitrangig. Diese Verlegung des Akzents auf das Einzelne, Konkrete ist ein ebenso entschiedener Bruch mit der Tradition der früheren Philosophie. Sie liegt offenbar im Zuge der geistigen Entwicklung der Gegenwart. Bis hierher könnte man Whiteheads «Ereignis» in etwa mit de Leibnizschen Monade vergleichen. Auch in den Monaden wird ja das ganze unendliche Universum gespiegelt. Aber Whiteheads Ereignis ist nichts Dauerndes. Es ist nur ein «Pulsschlag» des Seienden, eben ein «Moment». Das Ereignis ist sterblich. Sein Dasein endet schnell. Es wird im gleichen Zuge unsterblich, indem es sich «Vererbt», das heisst in anderen, nachfolgenden Ereignissen weiterwirkt.

Anmerkung von mir: für mein Erleben ist das eine Beschreibung der Evolution


Alle Dinge, Lebewesen und so weiter sind in bestimmter Ordnung aus einzelnen real seienden Momenten zusammengesetzt. Diese Seite des Whiteheadschen Begriffs erinnert uns an das Dharma der Buddhisten. Man könnte also, um eine schlagwortartige Formel zu gebrauchen, sagen, der Whiteheadsche «real seiende Moment» sei eine Kreuzung zwischen der Leibnizschen Monade und dem buddhistischen Dharma.

Ein zweiter Gedankengang Whiteheads muss noch herangezogen werden, damit nicht ein ganz falsches Bild entsteht. Wir können auch dabei zum Vergleich an die buddhistische Lehre vom Dharma denken. Ist auch das Sein ein Strom der Vergänglichkeit, in welchem Dharmas wie Wellen im Meer momentan auftauchen und wieder vergehen, so ist es doch von einer strengen Gesetzmässigkeit beherrscht, die sogar für das moralische Gebiet gilt (und ihren Ausdruck in der Wiedergeburt findet). Auch für Whitehead ist die Welt keineswegs ein willkürliches Konglomerat von einzelnen Ereignissen. Sie ist beherrscht von logischen Gesetzen und ästhetischer Harmonie. Das lässt sich zwar nicht wissenschaftlich beweisen, ist vielmehr ein «Glaube», der aller Wissenschaft schon zugrunde liegt und sie erst ermöglicht. Es ist aber kein blinder Glaube. Die Gesetzmässigkeit der Welt ist unmittelbar evident. Ist die Tatsache, dass dieses oder jenes «Ereignis» hier oder dort auftritt, nicht zufällig, sondern begründet, so muss sie erklärt werden können. Dazu sind drei Annahmen nötig.

Erstens muss das, was wirklich wird, möglich sein
. Es muss eine reine objektive Möglichkeit geben, ewige Gegenstände (eternal objects). Dies sind die Ideen im Sinne Platons. Sie sind zeitlos und als reine Möglichkeiten nicht wirklich. Eine solche Idee ist zum Beispiel die Eigenschaft «blau». «Blau» als ewiges Objekt betrachtet ist nichts Wirkliches. Wenn wir die Eigenschaft «blau» hier und jetzt an einem Gegenstand bemerken, so ist das nur ein «Fall von Bläue». Es ist eine «Ingression», ein Eindringen der ewigen Möglichkeit in ein reales Ereignis.

Zweitens muss es einen blinden schöpferischen Drang geben (creativity
), vergleichbar dem «Lebensschwung» Bergsons, als allgemeine Treibkraft des Werdens.

Drittens aber muss es, damit das an sich uferlose, unbestimmte, fliessende Werden hier und jetzt in einem konkreten Ereignis Gestalt gewinnen kann, ein Prinzip der Begrenzung (Limitation) geben, welches bestimmt, was und in welcher Form es erscheinen soll. Dieses Prinzip ist Gott.

So ist jedes Ereignis in einem noch höheren Sinne als vorhin beschrieben eine Synthese des ganzen Universums. In ihm sind die ewigen Objekte im konkreten Fall verwirklicht; in ihm ist der schöpferische Drang des Werdens wirksam; und in ihm ist Gott wirksam als die Kraft, die es begrenzt und seine konkrete Bestimmtheit ermöglicht. Zitatende
 

wirena

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts

V. Die neue Metaphysik

4. Nicolai Hartmann, 1882-1950)

Nicolai Hartmann ist vom Neu-Kantianismus ausgegangen, hat aber bald eine ganz selbständige Stellung errungen. Will man andere Denker aufsuchen, die auf ihn eingewirkt haben, so könnte man Aristoteles, den deutschen Idealismus, die Phänomenologie nennen, muss aber wie für Whitehead sagen, dass nahezu alle vorangegangene Philosophie von ihm verarbeitet wird. Hartmanns wichtigste Werke sind:

- Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis (1921)
- Ethik (1926)
- Das Problem des geistigen Seins (1933)
- Zur Grundlegung der Ontologie (1935)
- Möglichkeit und Wirklichkeit (1938)
- Der Aufbau der realen Welt (1940)


Die letzten drei Werke bilden das vollständige System der Hartmannschen Ontologie. Eine Einführung in diese gibt Hartmanns Arbeit

- Neue Wege der Ontologie (1942)

Hauptsächlich diese letzte Schrift liegt unserer Einführung zugrunde. Sie beschränkt sich also auf die Ontologie.

a) Alte und neue Ontologie: Die alte Ontologie, die von Aristoteles bis zur Scholstik herrschte, beruhte auf dem Satz, dass ein Allgemeines das bestimmende und gestaltgebende Innere der Dinge sei. Man kann sie als Universalien-Realismus bezeichnen. Sie glaubte, aus den höchsten Universalien alles Einzelne ableiten zu können. Damit suchte sie die empirische Wirklichkeit zu überspringen. Die kritische Erkenntnistheorie mit Kant als ihrem Höhepunkt hat die Voraussetzung solcher Ontologie endgültig zerstört. Die Ergebnisse dieser Kritik können nicht wieder beiseitegeschoben werden. Eine neue Ontologie muss kritische Ontologie sein. Das heisst vor allem, sie kann nicht von apriorischen Begriffen und Methoden ausgehen. Die Kategorien des Seins können nicht a priori erkannt werden. Die Frage ist, ob Seinskategorien, soweit sie sich mit den Kategorien unserer Erkenntnis decken – und das schein zunächst in gewissem Ausmass der Fall zu sein -, aus diesen hergeleitet werden können. Das ist nicht möglich. Denn gerade das wissen wir nicht, wie weit diese Deckung reicht. Es fehlt uns übrigens auch jedes unmittelbare Wissen um unsere Erkenntniskategorien. Die natürliche Erkenntnisrichtung geht immer auf den Gegenstand. Die Rückwendung der Erkenntnis auf sich selbst ist eine geschichtlich späte Entwicklungsstufe. Die Erkenntniskategorien liegen zwar unserer Erkenntnis zugrunde, aber sie sind nicht das erste, sondern das «letzte» Erkannte. Dagegen ist die Ontologie eine Fortsetzung der natürlichen Erkenntnisrichtung. Schliesslich hat auch Kant seine Tafeln der Kategorien keineswegs in Wahrheit aus der Tafel der Urteilsformen entnommen, sondern seinem umfassenden Wissen von den Gegenständen, wie und soweit es sich in den Wissenschaften seiner Zeit erschlossen hatte. Es gibt also kein apriorisches Erfassen von Kategorien. Wir müssen einen anderen Weg einschlagen, ein inhaltlich rückschliessendes Verfahren, das von der ganzen Breite der in den Wissenschaften und anderswo gesammelten Erfahrungen ausgeht und aus ihr die Kategorein des Seienden auf analytischem Wege herausschält. Dieses Verfahren heisst Kategorial-Analyse. Einige grundsätzliche Fehler in Bezug auf den Realitätsbegriff müssen dabei von vorneherein vermieden werden.

  • Zunächst darf man Realität nicht verwechseln mit Materialität. Menschliche Schicksale, geschichtliche Ereignisse und vieles andere sind nicht materiell, aber gleichwohl höchst real, ja sie haben im Leben das stärkste Realitätsgewicht.

  • Zweitens darf man Realität nicht gleichsetzen mit starrem Sein. Im Gegenteil, alles Reale ist im Fluss. Das Seiende zu bestimmen, heisst gerade, die Seinsart des Werdens zu bestimmen.

  • Drittens muss man sich darüber klar sein, dass ein gewisser Einschlag des Irrationalen in jeder Lehre von den Kategorein verbleiben wird. Selbst ein so wohlbekanntes Prinzip wie Kausalität ist in seinem innersten Wesen nicht restlos erkennbar.

  • Schliesslich darf man die Kategorien nicht mit den Gebilden und ihrer Mannigfaltigkeit verwechseln. Materielles Ding, Pflanze, Tier, Mensch, Gemeinschaft bilden wohl eine aufsteigende Rangordnung des Seienden, aber in jedem dieser Gebilde sind schon verschiedene Seinsstufen eingeschlossen, die es zunächst herauszuschälen gilt.

b) Der Aufbau der realen Welt. Vier Hauptschichten umspannen den ganzen Umkreis des Seins in der realen Welt. Die beiden unteren Schichten, die der Dinge und physischen Prozesse einerseits, die des Lebendigen andererseits, bilden zusammen den Bereich der räumlichen Aussenwelt. Darüber liegt ein Reich der Unräumlichkeit. Es ist wiederum geteilt in zwei Schichten, die der seelischen Erscheinung und die des Geistes.

Diese vier Schichten gilt es nun ontologisch näher zu bestimmen, zunächst ihre eigentümlichen Kategorien, dann ihr Verhältnis zueinander. Kategorien, von denen sich herausstellt, dass sie allen Schichten gemeinsam sind, heissen Fundamentalkategorein. Bei solcher Analyse muss kritisch und behutsam vorgegangen werden. Man darf nicht die Kategorien einer Schicht unbesehen auf andere übertragen. Was man an der untersten Schicht (der Materie) als richtig erkennt, kann nicht ausreichen, das Leben und den Geist zu erfassen. Dies ist der Fehler des Materialismus. Die Kategorien des Geistes wiederum sind nicht geeignet, die unteren Schichten zu erfassen. Das war der Fehler Hegels. Auch die mittleren Schichten, wie die des Lebensdigen, lassen keine willkürliche Übertragung ihrer Kategorein auf andere Schichten zu. Solche Grenzüberschreitungen machen es zwar leicht, die Welt aus einem Prinzip zu erklären, geben aber kein Bild der wirklichen Welt.

….Das alles sind freilich erst vorbereitende Erörterungen. Die Analyse der Kategorien selbst ist eine ganze Wissenschaft für sich und lässt sich im Rahmen einer kurzen Zusammenfassung nicht geben. Einige der wichtigsten Ergebnisse sind: Es gibt Fundamentalkategorien. Sie gehen durch alle Schichten des Seienden hindurch. An ihnen hängt die Verbundenheit der Seinsschichten untereinander. Mit ihnen wird etwas vom Einheitscharakter der Welt greifbar. Solche Kategorien sind: Einheit und Mannigfaltigkeit, Einstimmigkeit und Widerstreit, Gegensatz und Dimension. Element und Gefüge, Form und Materie, Determination und Dependenz (Abhängigkeit), und andere. Jede dieser Fundamentalkategorien wandelt sich von Schicht zu Schicht ab…. Die genaue Untersuchung des Verhältnisses zwischen den Fundamentalkategorien und der Besonderheit der einzelnen Schichten hat Hartmann zu folgenden fünf «Schichtungsgesetzen geführt:

1. In aller Überlagerung von Seinsschichten gibt es stets solche Kategorien der niederen Schicht, die in der höheren wiederkehren; niemals aber gibt es Kategorien der höheren Schicht, die in der niederen wiederkehren. Das Übergreifen von Kategorein … geht nur aufwärts, nicht abwärts.

2. Die Wiederkehr der Kategorien ist stets eine beschränkte. Sie gilt nicht von allen Kategorien der niederen Schicht und erstreckt sich auch nicht ohne weiteres auf alle höheren Schichten. Es gibt auch ein Abbrechen der Wiederkehr auf bestimmter Schichthöhe.

3. Bei ihrem Übergreifen auf höhere Schichten wandeln sich die wiederkehrenden Kategorien ab. Sie werden vom Charakter der höheren Schicht überformt


4. Die Wiederkehr niederer Kategorien macht niemals die Eigenart der höheren Schicht aus. Diese beruht stets auf dem Hinzutreten eines kategorialen Novums, welches… im Auftauchen neuartiger Kategorien besteht…


5. Die aufsteigende Reihe der Seinsformen bildet kein Kontinuum (hat keine Stetigkeit). Indem an bestimmten Einschnitten der Reihe das kategoriale Novum an vielen Kategorien zugleich einsetzt, heben sich die Seinsschichten eindeutig voneinander ab…


In ähnlicher Form stellt Hartmann eine Reihe von «Dependenz-(Abhängigkeits-)Gesetzen unter den einzelnen Schichten auf. Schliesslich gibt es Gesetze, die den Zusammenhang unter den Kategorien eines und derselben Schicht betreffen. Eine ganze Reihe von Vorurteilen der alten Metaphysik wird mit solcher Schichtenanalyse erledigt. Zum Beispiel ist der Streit der Extreme: ob die Welt von der Materie oder vom Geiste her bestimmt sei – schon in der Fragestellung falsch. Der schichtenartige Aufbau des Seienden fügt sich einem solchen verallgemeinernden Gegensatz nicht.


c) Der Mensch, Determination und Freiheit. Das alte Schema des Denkens in zugespitzten Gegensätzen ist auch für die Betrachtung des Menschen hinfällig. Der Mensch vereinigt in sich das ganze Schichtengefüge. Sein Wesen ist nur zu fassen, wenn man das erkennt und wenn man ausserdem erkennt, dass dieses selbe Schichtengefüge auch ausserhalb des Menschen im Aufbau der realen Welt besteht. Man kann den Menschen nicht verstehen, ohne die Welt zu verstehen, und die Welt nicht ohne den Menschen.

Auch das Problem der Freiheit erscheint im Lichte der Schichtenanalyse in ganz veränderter Beleuchtung. Determination und Freiheit bedeuten nämlich in jeder Schicht etwas anderes. Alle alten Lösungsversuche dieses Problem gingen von der falschen Alternative – Determinismus oder Indeterminismus – aus. Determinismus war aber nicht mit der Freiheit, Indeterminismus nicht mit der Naturgesetzlichkeit zu vereinigen. So kam man immer auf unauflösliche Widersprüche. Kant tat den genialen Griff, die Freiheit ohne Indeterminismus zu fassen. Die Möglichkeit, Determinismus und Freiheit zu vereinigen, sah Kant darin, dass er oberhalb und jenseits der kausal bestimmten Welt noch eine andere Welt der Freiheit annahm. Dieser Ansatz Kants lässt sich auf Grund der Schichtenlehre in strenge Gesetzlichkeit bringen….


5. Neuscholastik (Neuthomismus)
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sah sich die katholische Glaubenslehre zunehmend bedroht von den sich rasch entfaltenden sogenannten positiven Wissenschaften, besonders der Naturwissenschaft – genauer gesagt weniger von deren Ergebnissen als solchen, als vielmehr durch eine von diesen Ergebnissen ausgehende (und sie nicht immer richtig deutende), der Kirchenlehre fremde oder feindliche Philosophie. Innerhalb der Kirche versuchten die sogenannten Modernisten zwischen Kirchenlehre und Philosophie zu vermitteln; weite Kreise aber lehnten solche Bestrebungen ab aus der Befürchtung, die Fundamente des Glaubens könnten dabei verwischt oder verwässert werden.
Die Kirchenleitung reagierte in doppelter Weise. Auf der einen Seite wies sie die Modernisten schroff ab; 1910 bestimmte Papst Pius X., dass alle Geistlichen vor Empfang der höheren Weihe den sogenannten Antimodernisten-Eid zu leisten haben, dessen Formel eine Reihe von Grundlehren der Kirche bekräftigt und widerstreitende Lehrmeinungen scharf verwirft. Auf der anderen Seite rief das Haupt der Kirche die geistigen Kräfte des Katholizismus auf, die christliche Philosophie auf den Grundlagen des mittelalterlichen Denkens, der Scholastik und insbesondere dem Werk des Thomas von Aquin, neu zu errichten. Ein Markstein dieser Entwicklung ist die Enzyklika Aeterni Patris des Papstes Leo XIII. von 1879. Zuerst in Italien, bald in anderen Ländern der katholischen Welt folgte man diesem Ruf. Man beschloss, Thomas Werke neu herauszugeben, man begründete eine Thomas-Akademie, in Rom und anderswo bildeten sich Studienzentren, die geistigen Kräfte der Orden wandten sich auf dieses Ziel, überall erwachte ein neues Interesse an der überlieferten christlichen Philosophie…. Von den Männern, die diese Arbeit geleistet haben, verschrieben sich manche mehr der geschichtlichen Forschung; andere haben, selbstverständlich eng angelehnt an die historischen Ergebnisse, mehr systematisch gearbeitet.

Zu den ersten zählen der deutsche Jesuit Franz Ehrle (1845-1934), Clemens Baeumker (1853-1924), Martin Grabmann (1875-1949), einer der führenden Thomas-Forscher, und der Franzose Etienne Gilson (1884-1978).

Zu den systematischen Denkern gehören Konstantin Gutberlet (1837-1928), Joseph Mausbach (1861-1931), der französische Dominikaner Gontran Réginald Garrigou-Lagrange (1877-1964), der deutsche Jesuit Erich Przywara (1889-1972). Am bekanntesten dürfte gegenwärtig der Franzose Jacques Maritain (1882-1973) sein, der im Alter von vierundzwanzig Jahren zum Katholizismus übertrat und dann zu einem der einflussreichsten Vertreter des Neuthomismus wurde.

Neuthomismus nennt man die hauptsächlich an Thomas von Aquin anknüpfende Richtung innerhalb dieser geistigen Bewegung. Wie Thomas unter den Philosophen des christlichen Mittelalters der bedeutendste ist, so ist der Neuthomismus unter den Richtungen der neuzeitlichen katholischen Philosophie die bedeutendste und am weitesten verbreitete. Deshalb werden die Bezeichnungen «Neuthomismus» und «Neuscholastik» manchmal als gleichbedeutend behandelt. Beides ist aber nicht identisch. Es gibt auch Denker, die sich statt an Thomas mehr an Augustinus anschliessen, andere gehen von Duns Sxotus aus oder von dem «Neuscholastiker» Suarez. Neuscholastik ist also der weitere Begriff.

Wiederum gibt es auch innerhalb des Thomismus verschiedene Strömungen. Im Ganzen aber zeigt die Schule eine bemerkenswerte Geschlossenheit. Sie gehört zu den stärksten und literarisch fruchtbarsten Bewegungen innerhalb der heutigen Philosophie, mit eigenen Instituten, Zeitschriften, Kongressen. Wie bei Geistesbewegungen nicht selten, die eine alte Tradition bewahren, hat sich die Arbeit der thomistischen Denker ausser in Monographien und grossen Sammelwerken in Kommentaren niedergeschlagen. Der grösste Thomas-Kommentar, lateinisch und französisch, umfasst schon mehrere Dutzend Bände. Die Schule hat Zentren in Paris, Löwen, Freiburg in der Schweiz, Mailand, in Deutschland und auch in angelsächsischen Ländern. Die Geschlossenheit beruht zunächst darauf, dass alle Denker der Schule als die beiden wichtigsten Erkenntnisquellen die christliche Offenbarung und die thomistische Philosophie, die auf Aristoteles zurückgeht, anerkennen. Was aber die Schule für unsere Zeit bedeutsam macht, ist weniger das erneute Herausarbeiten der geschichtlichen Grundlagen, als der von ihr unternommene Versuch, von diesen Grundlagen aus, die ganze moderne wissenschaftliche und philosophische Entwicklung zu durchdringen. Sie hat sich also mit allem auseinanderzusetzen, was die Wissenschaften von der Natur, von Kultur und Geschichte seit den Tagen des Thomas zutage gefördert haben. Da ist nicht wenig. Ihre schwierigste Aufgabe liegt darin, die Tatsachen unvoreingenommen zu akzeptieren und dabei die Einheit des Systems zu wahren. In der Erkenntnistheorie hat sie sich auseinanderzusetzen vor allem mit den Gedanken Kants und mit idealistischen Lehrmeinungen. Im Allgemeinen neigt sie auf diesem Gebiet zu einem kritischen Realismus. Allerdings steht nicht die Erkenntnislehre im Zentrum des neuthomistischen Denkens, obwohl sie, ebenso wie etwa auch die Ethik, Natur- und Gesellschaftsphilosophie, intensiv gepflegt wird. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Metaphysik als Lehre vom Seienden. Ihre zentralen Begriffe sind «Potenz» und «Akt» - Möglichkeit und Wirklichkeit, wie man in ungefährer Annäherung sagen kann. Es findet sich die grundlegende aristotelische Unterscheidung von Stoff und Form. Es findet sich die Lehre von Stufenbau des Seienden aus einander überlagernden und übergreifenden Schichten, deren oberste der Geist bildet – der Geist, immateriell und nicht gebunden an die Ordnung der Dinge in Raum und Zeit.


6. Ergänzende Bemerkung zur heutigen Bewertung Kants
Die in diesem Kapitel behandelten Hauptrichtungen der Gegenwart (20.Jahrhunder) zeigen alle eine Bewegungsrichtung «von Kant hinweg» oder «über Kant hinaus
»….drei andere Gesichtspunkte, die im zwanzigsten Jahrhundert hervorgetreten sind und die anscheinen ebenfalls, wenn nicht eine Verwerfung, so doch eine Revision und Umgestaltung mancher Kantscher Gedanken erfordern.

(1) Die ersten Gegner Kants hatten als Ergänzung der Kritik der Vernunft eine Kritik der Sprache gefordert.

Fritz Mauthner (1849-1923)
hat sein ganzes Leben dieser Aufgabe gewidmet. Die Ergebnisse sind hauptsächlich niedergelegt in seinem zweibändigen

- Wörterbuch der Philosophie

Ausgangspunkt ist der unlösbare Zusammenhang vom Denken und Sprechen. Kritik der Vernunft muss daher Kritik der Sprache werden
. In den Begriffen unserer Sprache ist aber nichts, was nicht durch die Sinne hineingekommen wäre. Nur durch die Sinne haben wir Zugang zu «Wirklichkeit». Diese Sinne sind jedoch «Zufallssinne»; sie zeigen uns nur einen – objektiv betrachtet – zufälligen, willkürlichen Ausschnitt der Gesamtwirklichkeit. Für die praktischen Bedürfnisse des Lebewesens Mensch mag das ausreichend und zweckdienlich sein. Für den Versuch, «Wahrheit» zu erkennen, kann es nur völlige Resignation lehren. Wir können nämlich keinen anderen Standpunkt gewinnen als den beschränkt menschlichen. Wir besitzen keine sprachlichen Mittel, zu erkennen und zu bezeichnen, was die Dinge «an sich» sein mögen. Solche Resignation ist nicht Verzweiflung. Denn die Kritik der Sprache lehrt zugleich erkennen, dass die Widersprüche der Welt auch nur in unserer Sprache sind. «Sprachloses», unmittelbares Leben und Fühlen lässt uns die Einheit und Einheitlichkeit der Natur erahnen. Das kann man Mystik nennen. Es ist jedoch gottlose Mystik, denn Mauthner ist Atheist. Die sprachliche Analyse und Kritik des Gottesbegriffes sind eines seiner Hauptanliegen. Mauthner hat den sprachkritischen Gedanken auf Sprachwissenschaft, Logik, Grammatik, Metaphysik und Ethik angewendet.

(2) Mauthners Hinweis auf die «Zufallsinne» legt den Gedanken nahe, systematisch zu untersuchen, welchen Ausschnitt der Welt uns unsere menschlichen Sinne darbieten.
Dazu gibt es zwei Wege. Der eine ist der der Sinnesphysiologie und Sinnespsycholooie. Auf diesem Weg ist, nach den bahnbrechenden Untersuchungen des 19. Jahrhunderts, besonders interessant die von Jacob von Uexküll (1864-1942) begründete Umweltforschung und Umweltlehre. Sie fragt etwa; Wie stellt sich der Inbegriff von Gegenständen, den wir in einem Zimmer wahrnehmen, einem Lebewesen dar, dessen Sinneswerkzeuge ganz verschieden von den menschlichen sind, das zum Beispiel einen anderen Bau des Auges hat, oder bei dem der Gesichtssinn im Gegensatz zum Menschen eine untergeordnete oder gar keine Rolle spielt, oder das vielleicht Sinneswerkzeuge besitzt für Vorgänge, die der Mensch überhaupt nicht (unmittelbar) wahrnehmen kann, wie zum Beispiel Töne oberhalb des Hörbereichs des menschlichen Ohres? Indem so die «Umwelt» verschiedener Arten von Lebewesen untersucht wird, können wir viel schärfer als vorher die Bedingtheit unserer menschlichen Vorstellungen durch die Eigenart unseres Organismus erkennen. So ergeben sich Möglichkeiten für eine «Kritik der Sinne» als notwendige Voraussetzung und Ergänzung einer Kritik der Vernunft und der Erkenntnis.

(3) Noch auf einen zweiten Weg ist der Mensch über die Begrenzungen seiner Sinne hinausgeschritten und sich damit über die Begrenztheit klargeworden; mittels des Instruments, und zwar in einem Masse, wie Kant das nicht voraussehen konnte.
Zwar war die Naturforschung zu Kants Zeit bereits darangegangen, die Reichweite und Schärfe der menschlichen Sinne durch vom Menschen erdachte künstliche Organe zu vervielfältigen. Es gab schon das Fernrohr, es gab das Mikroskop – um die wichtigsten zu nennen. Schon erblickte der Mensch Dinge – etwa von der Zeit Galileis ab -, die den unbewehrten Sinnen ewig verschlossen geblieben wären. Aber erst nach Kants Tod sind die Instrumente so weit verfeinert und verstärkt worden, dass wir heute hineinblicken in die unermessliche Tiefe des Weltraums – und damit gleichsam auch Millionen Jahre in der Zeit zurückblicken – und nach der anderen Seite in die atomare Welt der Mikrophysik, wenn auch das einzelne Atom nicht mittels Lichtwellen erfasst und damit sichtbar gemacht werden kann. Die Beobachtungsergebnisse, die dabei zutage traten, liessen sich befriedigend nur erklären und zu einer Theorie verbinden, wenn man auch in der Theorie den Bereich der Anschaulichkeit ganz hinter sich liess. Das hat die neue Naturwissenschaft mit Quantentheorie, Relativitätstheorie und anderen Theorien getan, unter dem logischen Zwang von einwandfrei beobachteten Naturtatsachen also, nicht aus theoretischen Erwägungen. Die Welt der mathematischen Formeln und Begriffe, mit denen diese Theorien die physikalische Wirklichkeit beschreiben, ist schlechthin unanschaulich. Dass das Denken in dem Augenblick, da die Beobachtung über die Grenzen der sinnlich möglichen Erfahrung hinaus vorstiess, ebenfalls zu Formen übergehen musste, die jenseits aller anschaulichen Vorstellungen liegen ist eigentlich nicht erstaunlich, sondern naheliegend. Höchst bemerkenswert ist aber, dass dies dem Denken möglich war. Denn die neue naturwissenschaftliche Theorie ist in sich geordnet, vom Menschen erdacht und für Menschen verständlich, Das deutete darauf hin, dass dem menschlichen Denken offenbar ein weiterer Spielraum gegeben ist als der unmittelbaren menschlichen Anschauung. Zitatende
 

wirena

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts



VI. Existenzphilosophie

1. Allgemeines, Sören Kierkegaard, Gabriel Marcel

Existenzphilosophie ist heute in verschiedenen Ausprägungen so bekannt, dass sie vielen als die Philosophie unseres Zeitalters gilt… Um aber ihren Ursprung zu erfassen und damit das, was die Existenzphilosophie von allen anderen Philosophien unterscheidet, müssen wir ein beträchtliches Stück zeitlich zurückgehen zu einem Denker, dessen Leben dem 19. Jahrhundert, sogar dessen erster Hälfte angehört, dessen eigentliche Wirkung aber erst fünfzig Jahre nach seinem Tod begann, in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen mächtig wurde und gegenwärtig unvermindert anhält. Wir behandeln ihn deshalb hier im Rahmen der Gegenwartsphilosophie. Es ist der Däne

Sören Kierkegaard, 1813-1855
Schlägt man eine Schrift Kierkegaards auf, so mag man zunächst zweifeln, ob man ein philosophisches Werk in der Hand hält. Kierkegaard behandelt nicht allgemeine, zum Beispiel ethische Probleme. Er spricht, wie ein Dichter, vielmehr von konkreten Problemen, vom bestimmten, einzelnen Fall. Damit sind wir schon bei dem Gedanken Kierkegaards, der für die Philosophie eine Revolution bedeutete. Kierkegaard misstraut allem Abstrakten und Allgemeinen. Er verwirft zum Beispiel Hegels Lehre von der Synthese, in der Gegensätze zum Ausgleich kommen sollen. Die Aufhebung erfolgt immer nur in der Abstraktion, in der Idee; in der Wirklichkeit besteht der Gegensatz mit unverminderter Schärfe fort. Praktisch hat fast die gesamte Philosophie vor Kierkegaard dies gemeinsam, dass man grossen allgemeinen Fragen nachging. Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Wahrheit, nach allgemeinen gültigen Prinzipien des Handelns usw. Es galt als selbstverständlich, dass solchen allgemeinen Fragen und ihrer Beantwortung ein höherer Rang zukam als den praktischen Problemen, denen der einzelne im Leben jeweils gegenübersteht. Man war überzeugt, dass die richtige Lösung dieser Einzelfragen sich aus den richtigen allgemeinen Grundsätzen sozusagen von selbst ergäbe; dass man es dem Einzelnen überlassen könne, aus der allgemeinen Wahrheit die für seinen Einzelfall geltenden Folgerungen zu ziehen.

Kierkegaard entdeckte, dass die wirklichen Probleme im Leben jedoch immer von der Art der sogenannten «praktischen Einzelfragen» sind. Der einzelne Mensch steht nicht vor der Frage «Soll man dies oder jenes tun?», sondern «Soll ich, dieser ganz bestimmte Mensch, in dieser ganz bestimmten Lage, dies oder jenes tun?» Solche Probleme nennt Kierkegaard «existentielle» Probleme. Wenn Philosophie Sinn haben soll, muss sie ihren Blick auf diese richten. «Abstraktion» ist interesselos; das Existieren ist des Existierenden höchstes Interesse… Der Philosoph muss ein «subjektiver Denker» werden.

Diese Richtung auf den einzelnen Menschen und seine jeweilige konkrete Situation ist allen Existenzphilosophen gemeinsam. Gemeinsam ist auch fast allen die Kierkegaardsche Lehre von der Angst als Grundtatbestand des Daseins, von der Einsamkeit des Menschen und von der unaufhebbaren Tragik des Menschseins.

Nicht gemeinsam ist ihnen dagegen das religiöse Erlebnis, aus dem heraus diese Gedanken bei Kierkegaard selbst allein zu verstehen sind. Dieses Grunderlebnis ist logisch nicht fassbar. Es ist ein «Sprung», durch den der Einzelne zum Glauben kommt und «ein Christ wird». Es ist ein Sprung in einen Bereich jenseits aller Vernunft, ins Absurde und Paradoxe. Aber dieses Absurde und Paradoxe ist eben das, was existentiell allein von Belang ist.


Unter den heutigen Existenzphilosophen steht in diesem Punkt Kierkegaard am nächsten der Franzose

Gabriel Marcel, 1889-1973
Marcel ist übrigens nach seinem eigenen Zeugnis zu den Grundgedanken seiner Philosophie gekommen, bevor er das Werk Kierkegaard kannte – ein Anzeichen dafür, dass die Wirkung Kierkegaard im zwanzigsten Jahrhundert auf ein tiefes Bedürfnis unserer Zeit zurückgeht. Marcel steht Kierkegaard auch in der ganz persönlichen und unsystematischen Art seines Philosophierens am nächsten. Er hat seine Gedanken niedergelegt in den

- Metaphysischen Tagebüchern (1927 und 1935)

Im Übrigen gibt es unter den heutigen Existenzphilosophen gläubige Christen und Atheisten. Ausserdem schliesst sich auch die «dialektische Theologie» der Gegenwart, etwa eines Karl Barth (1886-1968) eng an Kierkegaard an. Kierkegaard ist der erste, aber nicht der einzige geistige Ahnherr der Existenzphilosophie. Verwandte Gedanken finden sich u.a. bei dem spanischen Denker Miguel de Unamuno (1864-1937), bei dem Philosophen der russischen Emigration, Nicolai Alexandrowitsch Berdjajew (1874-1948), bei Dichtern wie F.M. Dostjewskij (1821-1888), Rainer Maria Rilke (1875-1926) und Franz Kafka (1883-1924)…..

(1) Existenz ist immer Existenz des Menschen. Es ist die dem Menschen eigentümliche Seinsweise. Insofern ist alle Existenzphilosophie «humanistisch». Der Mensch steht im Mittelpunkt.

(2) Existenz ist immer individuelle Existenz. Es ist die dem einzelnen Menschen eigentümliche Seinsweise. Insofern ist alle Existenzphilosophie «subjektiv». Individuelle Existenz ist nicht weiter ableitbar. Das Dasein des Einzelnen ist zum Beispiel nicht, wie etwas für Bergson, Glied eines überindividuellen «Lebensstromes». Hier liegt ein Hauptunterschied zur Lebensphilosophie.

(3) Die Existenzphilosophie misst den Menschen nicht mehr am Modell des Dinges: Das Ding, verstanden als Substanz mit Eigenschaften, hat ein festgelegtes Wesen. Der Mensch hat das nicht; er muss sich zuallererst zu dem machen, was er ist. Der Mensch kann darum nicht mit dinglichen Kategorien begriffen und angemessen interpretiert werden.

(4) Der Methode nach sind die Existenzphilosophen mehr oder weniger stark Phänomenologen. Auch ihnen geht es um ein unmittelbares Erfassen des Seienden. Trotzdem stehen sie nach Ausgangspunkt und Ziel denkbar weit von Husserl entfernt. Was dieser als «Wesen» erschauen wollte, waren allgemeine, ewige, objektive Wesenheiten und Wesensgesetze. Von der konkreten Existenz wollte Husserl gerade durch «Einklammerung» absehen.

(5) Existenzphilosophie ist dynamisch. Existenz ist kein unveränderliches Sein, sondern ihrem Wesen nach an Zeit und Zeitlichkeit gebunden. Sie ist In-der-Zeit-Sein. Zeit und Zeitprobleme nehmen daher in der Existenzphilosophie einen hervorragenden Platz ein.

(6) Existenzphilosophie richtet zwar ihre Blicke auf den einzelnen Menschen. Gleichwohl ist sie nicht «individualistisch» in dem Sinne, dass sie den Einzelnen isoliert. Im Gegenteil; da sie den Menschen immer in der konkreten Situation aufsucht, und er in dieser stets mit der Welt und mit anderen Menschen verbunden ist, erscheint ihr der Mensch niemals isoliert. Menschliches Dasein ist immer ein In-der-Welt-Sein, und es ist immer ein Mit-anderen-Sein.

(7) Angesichts der Nähe des existenzphilosophischen Denkens zum konkreten Erleben nimmt es nicht wunder, dass bei den einzelnen Existenzphilosophen anscheinend jeweils ein besonderes, einmaliges, «existentielles Erlebnis» den Anstoss zu ihrem Philosophieren gegeben hat: bei Jaspers das letzte, ausweglose Scheitern des Menschen in den «Grenzsituationen» von Tod, Leiden, Kampf und Schuld; bei Sartre ein allgemeines Angewidertsein – ein besonders aufschlussreicher Roman von Sartre heisst «Der Ekel» (La mausée); bei Marcel vielleicht ein dem Kierkegaardschen verwandtes religiöses Grunderlebnis. Das Denken dieser Männer hat damit eine sehr persönliche, erlebnisbestimmte Prägung. Aber immer ist es ein Äusserstes, ein Gewahrwerden oder Überspringen einer Grenze, eine Grenzsituation, ein letztes In-Frage-Stellen. Damit wird deutlich, wie sehr diese Art Philosophie unserem Zeitalter der äussersten buchstäblich existentiellen Bedrohung des Menschen entstammt und entspricht und warum sie die Menschen unserer Zeit so tief anzusprechen vermag.

Übrigens ist der Name Existenzphilosophie nur mit einem gewissen Vorbehalt zu gebrauchen. Sartre nennt sich selbst Existentialist. Jaspers verwendet die Bezeichnung Existenzphilosophie. Heidegger dagegen lehnt sie als Benennung seiner Philosophie ab. Für ihn ist, was er als «Existenzanalyse» gibt, nur der erste Teil zum Aufbau einer umfassenden Ontologie als ausdrücklicher Entfaltung der Seinsfrage.


2. Karl Jaspers, 1883-1969
Unter den Existenzphilosophen hat Karl Jaspers das breiteste und dabei geschlossenste System geschaffen. Jaspers war zunächst Psychologe. Seine 1919 erschienene

- Psychologie der Weltanschauungen

bildete den Übergang zur Philosophie. Für die Kenntnis des Systems ist am bedeutsamsten das 1932 erschienene dreibändige Hauptwerk

- Philosophie

Einen guten Einblick in Jaspers Eigenart gibt auch die 1931 veröffentlichte Schrift

- Die geistige Situation der Zeit

In den letzten Jahren hat Jaspers mit der Niederschrift einer «Philosophischen Logik» begonnen. Der erste gewichtige Band ist 1947 unter dem Titel

- Von der Wahrheit

erschienen. Geplant sind drei weitere Bände: Kategorienlehre, Methodenlehre, Wissenschaftslehre. In dem Jahrzehnt zwischen 1950 und 1960 hat sich Jaspers in seinem Werk

- Die grossen Philosophen

sehr eingehend mit der philosophischen Tradition auseinandergesetzt; andererseits hat er in Reden und Aufsätzen sowie in seinem weitverbreiteten Buch

- Die Atombombe und die Zukunft des Menschen

zu Lebensfragen der Gegenwart Stellung genommen. Wie die übrige Existenzphilosophie wurzelt auch das Denken Jaspers vor allem in Kierkegaard; Ansätze zu existenzphilosophischem Denken findet Jaspers auch im Spätwerk Schellings. Bedeutsam für sein Werk sind weiter Plotinos, Giordano Bruno, Spinoza, Nietzsche; der Philosoph aber ist für ihn Kant.

a) Das Umgreifende. - Was ist Sein? Wie kann ich es denkend erfassen? Ich denke es zunächst als Gegenstand. Gegenstand ist ein bestimmtes Sein. Aber bestimmt ist es nur durch Bezug auf anderes und auf mich selbst, der ich ihm gegenüberstehe. Bestimmtes Sein ist begrenztes Sein. Es ist nicht das Ganze des Seins. Es steht immer noch in einem umfassenden Sein. Alle Versuche, das Sein mittels einer bestimmten Kategorie zu fassen – als Materie, als Energie, als Leben, als Geist -, erheben eine bestimmte Art des vorkommenden Seins zum Sein schlechthin. Das sind Verabsolutierungen. Das Sein selbst ist aber ungreifbar. Alles Sein, das ich wissen kann, ist nicht das Sein.


Anmerkung von mir: das erinnert mich sehr an die altchinesische Philosophie. Das Tao und die Welt – Tao als Prinzip:
Zitat: Lao Tse:
«das ewige Tao hat keinen Namen; Tao ist verborgen namenlos; Ich weiss seinen Namen nicht, nenne es aber Tao.»



Die Gegenstände schliessen sich für uns zusammen zu einer relativ geschlossenen Welt. Diese umschliesst uns, aber sie umschliesst uns wie ein Horizont
. Jeder Horizont schliesst uns ein. Und wie weit wir auch über jeden Horizont hinausdrängen, Der Horizont geht gleichsam mit, er steht immer wieder vor uns als neue Grenze. Niemals gewinnen wir einen Standpunkt, von dem wir das Sein als geschlossenes Ganzes überblicken können. Es bleibt ungeschlossen. Das Sein, das gleichsam immer wieder vor uns zurückweicht und nie als Ganzes zu fassen ist, nennt Jaspers «Das Umgreifende». Es kann uns nie selber gegenständlich werden oder als Horizont erscheinen. Es kann nur bewusst werden als Grenze, Über alles bestimmte Sein hinauszudrängen zum Umgreifenden, ist der Sinn des Philosophierens. Im Philosophieren möchten wir hinausdrängen über alle Horizonte, auch über unser eigenes begrenzendes Dasein, um zu erfahren, was das Sein ist und was wir selbst eigentlich sind. Dieses Überschreiten des Seienden zum Umgreifenden hin ist die philosophische Grundoperation. Sie kann nicht vollzogen werden, indem wir etwa einfach das gegenständliche Denken und alle Horizonte verlassen. Dann fallen wir ins Leere. Wir müssen im Darüberhinausdrängen doch immer zugleich im gegenständlichen Wissen bleiben. Alles Philosophieren ist also ein Transzendieren. Man kann es in dreifacher Weise vollziehen.

(1) Wir können einerseits ausgehen von dem Sein, das wir selbst sind. Wir sind erstens Dasein in der Zeit. Wir sind zweitens Träger eines allgemeinen Bewusstseins, welches Jaspers «Bewusstsein überhaupt» nennt. Wir sind drittens Geist. Im Philosophieren drängen wir jedoch über alle diese Seinsweisen hinaus und stossen auf die Existenz.

(2) Wir können andererseits ausgehen von dem Sein, in dem und durch das wir sind, von der Welt.
Das Darüber-hinaus-Schreiten, das Transzendieren, führt uns hier zur Transzendenz, zur Gottheit.

(3) Wir können drittens fragen nach dem Band, das alle diese «Weisen des Umgreifenden» verbindet. Dieses Band ist Vernunft:

Dies ist der Grundriss der Jaspersschen Seinslehre, wie sie, in manchem gegenüber früherem weitergebildet, in seinem neuesten Werk erscheint…


b) Existenz. - Man kann versuchen, das Menschsein zu erfassen mit Hilfe der verschiedenen Wissenschaften vom Menschen. In neuerer Zeit sind drei solcher Wissenschaften in den Vordergrund getreten: Soziologie, Psychologie, Anthropologie. Alle diese Wissenschaften erkennen etwas am Menschen, aber nicht den Menschen selbst. Sie sehen nur je einen begrenzten Teilausschnitt des Menschen. Aber der Mensch ist immer mehr, als er von sich wissen kann. Der Mensch «als Möglichkeit seiner Spontaneität» wendet sich dagegen, blosses Resultat erkennbarer Kräfte und Zusammenhänge zu sein. Sachkunde in diesen Wissenschaften reicht nicht aus. Sie ist sinnvoll erst durch den, der sie hat, erst durch das, was man mit ihr anfängt. Existenzphilosophie bringt dem Menschen zum Bewusstsein, dass er mehr ist als alles, was objektiv gewusst werden kann. Sie appelliert an den Menschen als Existenz, als Selbstsein. Existenz kann nicht beschrieben werden mit Begriffen in einem abgeschlossenen System Sie kann aber erhellt werden, und zwar mittels eigener Kategorien. Diese sind vor allem Freiheit, Kommunikation und Geschichtlichkeit.

Freiheit. –
Existenz ist ein Sein, das dem ganzen Weltsein gegenübersteht, von ihm an der Wurzel verschieden ist. Sie ist der dunkle Grund unserer selbst, «das Innerste des Inneren». Existenz ist etwa in philosophischer Sprache das, was in mythologischer Sprache «Seele» heisst. Sie ist eigentlich kein Sein, sondern ein Sein-Können. Sie ist ständig in der Wahl, ständig zur Entscheidung aufgerufen. Sie kann sich in jedem Augenblick bewahren oder verlieren. Sie ist frei. Sie kann auch nicht gedacht werden, sondern verwirklicht sich nur im Tun. Existentielle Freiheit liegt auf einer ganz anderen Ebene als die Fragestellung Determinismus oder Indeterminismus. Sie ist schlechthin unbegreiflich, «Selbstschöpfung aus dem Ursprung im Augenblick der Wahl»

Kommunikation. –
«Niemand kann allein selig werden». – «Keine Wahrheit ist, mit der ich allein für mich das Ziel erreichen könnte» - Existenz kann sich nur verwirklichen in existentieller Verbundenheit mit anderem Selbstsein. Solche Verbundenheit heisst Kommunikation. Sie ist nicht zu verwechseln mit Gespräch. Diskussion, geselligem Umgang, sozialer Verbundenheit. Dies ist alles blosse Daseinskommunikation. Auch Liebe ist noch nicht Kommunikation. Es gibt Liebe ohne echte Kommunikation. Sie ist fragwürdig. Aber Liebe ist die Quelle der Kommunikation, Kommunikation ist «liebender Kampf», existentielles Geöffnet sein für den anderen Menschen. Man sieht, dass Jaspers den einzelnen Menschen nicht so weitgehend isoliert wie Heidegger. Gerade inmitten der Auflockerung aller gehaltvollen objektiven Fertigkeit des Gemeinschaftslebens, in der Veräusserlichung und Vermassung unserer Tage ist der Mensch zurückgeworfen auf die Tiefe der Kommunikation, auf die Treue und Unvertretbarkeit persönlicher Bindung.

Geschichtlichkeit. – Existenz ist immer in «Situation», Existenz ist Geschichtlichkeit. Was aus dem einzelnen Menschen wird, ist situationsbedingt durch die Menschen, die ihm begegnen, und durch die Glaubensmöglichkeiten, die an ihn appellieren. Ich kann aber nie die Situation als Ganzes fassen. Denn mein Wissen von ihr ist immer schon etwas, was die Situation verändert. Ich muss meine Welt kennen, darf mich ihr auch nicht versagen, muss in «geschichtlicher Einsenkung» die Notwendigkeiten der geschichtlichen Stunde begreifen. Aber Geschichtlichkeit ist doch nicht gleich Zeitlichkeit. Sie ist ein Doppeltes: Ich erkenne, dass ich in der Zeit bin, und weiss doch, dass ich selbst nicht zeitlich bin. Geschichtlichkeit ist Einheit von Zeit und Ewigkeit. Sie ist nicht Zeitlosigkeit und nicht Zeitlichkeit, sondern eines im anderen. «Im Handeln aus ursprünglicher Freiheit, in jeder Gestalt absoluten Bewusstseins, in jedem Akt der Liebe wird die darin nicht vergessene, vielmehr akzentuierte Zeitlichkeit, als Entscheidung und Wahl, zugleich durchbrochen zur Ewigkeit; die existentielle Zeit wird als Erscheinung eigentlichen Seins in einem die unerbittliche Zeit schlechthin und die Transzendente dieser Zeit in der Ewigkeit.» Im Augenblick sind Zeit und Ewigkeit zur Identität gebracht. – Dieser Gedanke findet sich auch schon bei Kierkegaard.


c) Transzendenz. – Das Ganze der Welt kann so wenig im Wissen erfasst werden wie das menschliche Sein
. Alles Welterkennen hat eine Grenze. Das Ganze ist unfasslich. Überall stossen wir auf letzte Unbegreiflichkeiten, Antinomien im Sinne Kants. Es gibt keinen endgültigen Rahmen des Wissens. Es gibt nur radikale Offenheit, Bereitschaft zu immer neuer Erfahrung. Die Welt und alles, was in ihr ist, werden umgriffen von einem letzten, absoluten Umgreifenden. Dieses nennt Jaspers Transzendenz im eigentlichen Sinne. Transzendenz ist «das Umgreifende schlechthin, das Umgreifende aller Umgreifenden». Die Gegenstände des Weltseins sind transparent. Sie sind durchsichtig, sind «Chiffern», Symbole, in denen die Transzendenz aufleuchtet. Es entsprechen sich: Das Sein des Menschen als Dasein und das Ganze des Seins als blosses «Weltsein»; und es entsprechen sich Existenz und Transzendenz. Denn die Transzendenz zeigt sich nur der Existenz. Selbstsein ist überhaupt nur in Bezug auf Transzendenz. Transzendenz ist ungegenständlich. Sie ist schlechthin das Verborgene. Sie ist nicht zu denken, nur in Symbolen zu erfassen. (Man denkt an die «negative Theologie» und «Gott, den Ganzanderen» der Mystiker). Alles kann Chiffer, Symbol der Transzendenz sein. Die Chiffersprache auszulegen bleibt immer vieldeutig. Nur der selbstseiende Mensch vermag sie zu lesen.


d) Grenzsituationen und letztes Scheitern. – Es gibt Situationen, in denen Existenz sich unmittelbar verwirklicht. Das sind letzte Situationen, die nicht verändert oder umgangen werden können, Grenzsituationen: Tod, Leiden, Kampf, Schuld. Nur in ihnen kann sich das Ganze der Existenz verwirklichen
. Indem wir in eine solche Situation mit offenen Augen eintreten, werden wir ganz wir selbst. Es gibt Chiffern, in denen die Transzendenz besonders deutlich und unmittelbar zu uns spricht. Die entscheidende Chiffer ist das Sein im Scheitern. Das Scheitern ist Letzte, was für uns bereitgehalten wird. Echtes Scheitern vollzieht sich im Aufbau einer Welt mit dem Willen zur Dauer, aber mit Wissen und Wagnis des Untergangs. Aber erst im echten Scheitern wird das Sein voll erfahren. Echtes Scheitern kann Chiffer echten Seins werden….Der Mensch ist eine Möglichkeit. Philosophie kann durch Aufweisen der Grenzen des Wissbaren an die Freiheit des Selbstseins appellieren. Das Selbstsein kann in der Sprache der Symbole die Transzendenz erahnen. Aber wie viele Menschen werden diesem Appell folgen? Jaspers schrieb 1932: «Wäre die Möglichkeit, auf technischem Wege die Grundlagen allen Menschendaseins zu vernichten, so ist kaum zu zweifeln, dass sie auch eines Tages verwirklicht würde… Nach aller Erfahrung von Menschen in der Geschichte wird auch das Furchtbarst, da möglichst, irgendwann und irgendwie, von jemandem vollbracht. Zitatende
 

wirena

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts

VI. Existenzphilosophie



3. Der französiche Existenzialismus

Zu einer eigenen Schule innerhalb der Existenzphilosophie hat sich der französische Existenzialismus entwickelt. Als sein Hauptvertreter gilt

Jean-Paul Sartre, 1905-1980
Diese französische Denkrichtung muss deutlich unterschieden werden von der deutschen Existenzphilosophie
– sowohl von Jaspers, der den Existenzialismus als «Entartung» des ursprünglichen existenzphilosophischen Ansatzes ablehnt, wie auch von Heidegger, denn der französische Existenzialismus ist zwar durch Heidegger angeregt, dann aber seinen eigenen Weg gegangen. Auch abgesehen von der besonderen schriftstellerischen Begabung Sartres ist es bezeichnend, dass eine Philosophie in der Form von Romanen und Bühnenstücken dargeboten werden kann. Philosophie der Existenz geht eben, wie keine andere, immer auf das konkrete Dasein. Sartre hat aber auch theoretische Werke geschrieben. Eines der wichtigsten ist

- Das Sein und das Nichts


Es erschien 1943, also während der deutschen Besetzung Frankreichs. Das ist für das Verständnis nicht ohne Bedeutung. Der äussere Zusammenbruch von 1940 war zugleich ein Zusammenbruch von Idealen und Ideologien. Misstrauen, Bitterkeit, Zweifel gegen eine Ordnung, die so schnell dem Ansturm eines Feindes unterlegen war, waren die vorherrschende Stimmung. Auf der anderen Seite einigte die Franzosen den Wunsch, den Feind zu vertreiben. Zweifel an allem Grundsätzlichen verband sich mit absoluter Gewissheit über die nächstliegende praktische Aufgabe: den Widerstand. Man brauchte, wie Albert Casmus gesagt hat, eine Philosophie, die «den negativen Gedanken mit der Möglichkeit positiven Handelns vereinbaren kann». Diese Philosophie schuf Sartre. Sartre kann in manchem als Schüler Heideggers angesehen werden. Er kennt ihn sehr genau. Viele Heideggersche Begriffe kehren in treffender französischer Übertragung bei Sartre wieder. Doch weicht er, auch im Grundsätzlichen, trotzdem erheblich von ihm ab. Das gilt vor allem schon für den grundlegenden Begriff der Existenz. Existenz im Sinne Sartres ist einfaches, pures, nacktes Sein, Sein an sich, etwas, «das nicht einmal ist, was es ist, sondern einfach ist». Was Sartre unter Existenz versteht, mögen folgende Stellen aus «La nausée» vielleicht am besten verdeutlichen:

«Das war atemberaubend. Nie vor diesen Tagen hatte ich geahnt, was das heisst, existieren. Ich war wie die anderen, wie die, welche am Meerufer in ihren Frühjahrskleidern Spazierengehen. Ich sagte wie sie: das Meer ist grün; dieser weisse Punkt da ober ist eine Möwe, aber ich fühlte nicht, dass das existierte, dass die Möwe eine existierende Möwe war; für gewöhnlich verbirgt sich die Existenz… Und jetzt auf einmal: mit einem Schlag war es da, war es klar wie die Sonne: die Existenz hatte sich plötzlich enthüllt. Sie hatte ihr inoffensives Aussehen einer abstrakten Kategorie verloren: Sie war der Stoff der Dinge selbst, diese Wurzel war aus der Existenz gemacht…»

«Existieren ist nicht einfach Dasein, das Existierende erscheint, kann angetroffen werden, aber man kann es niemals ableiten
».

«Die Existenz ist nichts, was man aus der Entfernung denken kann: das muss dich plötzlich überfluten, das bleibt über dir, das lastet schwer auf deinem Herzen wie ein grosses unbewegtes Tier – sonst ist da gar nichts».

Blicken wir jetzt auf den Menschen. Festzuhalten ist, dass Sartre mit Jaspers und auch mit Heidegger eines gemeinsam hat: Im Gegensatz zur philosophischen Tradition seit Platon betrachtet er den Menschen nicht als ein Wesen, dessen Seinsmöglichkeiten im Vorhinein festgelegt sind. Der Mensch «ist» nicht etwas in dem Sinne, in dem Dinge etwas sind. Er ist vielmehr zunächst «Nichts». Und er muss sich erst, gleichsam in beständiger Schöpfung aus dem Nichts, zu dem machen, was er ist. Er ist «zur Freiheit verurteilt». Diese These hat Sartre den Vorwurf des Nihilismus eingetragen – wie man sieht, nicht ganz zu Unrecht. Der Mensch ist frei. Hier liegt der Übergang zu der zweiten Aufgabe, die Sartres Philosophie – nach der Forderung Albert Camus – erfüllen sollte: «positives Handeln» zu ermöglichen. Der Mensch kann sich in der Welt «engagieren». Im Handeln kann er Werte setzen. «In dieser Welt, in der ich mich engagiere, scheuchen meine Handlungen Werte wie Rebhühner auf.». Die Selbstverwirklichung des Menschen geschieht im freien Entwurf (projet fondamental), Das Nichts, aus dem der Mensch sich so erhebt, umlauert ihn freilich ohne Unterlass; seine Freiheit schwebt jeden Augenblick in der Gefahr, in die Verhärtung zurück, dem bloss Seienden anheimzufallen. «Das Nichts nichtet» - Sartre hat für diesen Heideggerschen Begriff das neue Zeitwort – «néantiser» geschaffen. – Es ist klar, dass die Werte für Sartre kein eigenes Sein haben, nicht etwa zeitlos gültig sein können – unabhängig davon, ob wir nach ihnen streben oder nicht. «Meine Freiheit allein ist die Begründung der Werte». Die von Sartre ins Leben gerufene «existentielle Psychoanalyse» ist ein Werkzeug, den freien Grund-Entwurf sichtbar und einen Menschen verstehbar zu machen. Sartres Lehre legt dem Menschen eine ausserordentliche Verantwortung auf. Der Mensch kann sich nur in eigenem Aufschwung, gleichsam am eigenen Schopfe, aus dem Nichts ziehen und sich dessen fortwährender Drohung erwehren. Er ist allein verantwortlich – niemand sonst, insbesondere keinem Gott. Sartre ist Atheist. Und der Mensch ist nicht nur sich und für sich verantwortlich, sondern immer zugleich dem Ich mit allen anderen, in der Intersubjektivität wurzelt, wie besonders auch seine Dramen zeigen, Sartres Ethik. So ist es folgerichtig, dass sich Sartre von Anfang an um Erkenntnis und Gestaltung des gesellschaftlichen, des politischen Lebens bemüht hat.

Kritisch ist gegen Sartre vor allem vorgebracht worden: Sein radikaler Freiheitsbegriff übersehe, dass der Mensch nicht ohne jedes Vorweg, ohne Voraussetzung absolut frei ist, sondern gebunden an Bedingungen, die seiner Wahl nicht unterworden sind, wie das Hineingeborensein in ein bestimmtes Volk, in ein bestimmtes Geschlecht, eine bestimmte Zeit usw. – ein Umstand, den Heidegger «Geworfenheit» nennt.

Andere Vertreter des Existenzialismus in Frankreich sind vor allem der schon erwähnte

Albert Camus (1913-1960), der wie Sartre neben theoretischen Arbeiten auch Romane und Theaterstücke geschrieben hat – er erhielt 1957 den Literatur-Nobelpreis – sowie

Maurice Merleau-Ponty (1908-1961). Merleau-Pontys Denken ist Hegel, Husserl, Heidegger verpflichtet; mit Sartre verband ihn ursprünglich Freundschaft, dann haben sich die beiden entzweit.

Camus sieht den Menschen in einer absurden Welt, die ihm fremd, unverständlich, unerkennbar gegenübersteht. Als Gleichnis dieser menschlichen Situation tritt Sisyphos auf («Der Mythos von Sisyphos – Ein Versuch über das Absurde», 1942, deutsch 1950). Merleau-Pontys Zentralbegriff der «ambiguité» (wörtlich: Zweideutigkeit, Ungewissheit) bezeichnet ebenfalls den paradoxen, anti-logischen Charakter des Daseins. Beide Denker haben sich wie Sartre um Durchdringung und Gestaltung des politischen Daseins bemüht und sich eingehend mit dem Kommunismus auseinandergesetzt.


4. Andere Vertreter der Existenzphilosophie

Wenigstens nennen wollen wir noch drei Denker – zwei Deutsche und einen Italiener -, die der Existenzphilosophie zugerechnet werden und ihr eine je eigene Prägung verliehen haben.

Hans Lipps, 1889-1941 ist vor allem mit Untersuchungen zur Logik und zur Sprache hervorgetreten. Er rückt beide in einen konkreten Bewandtniszusammenhang, in die existentielle Situation des denkenden und redenden Menschen.

Ernst Bloch, 1885-1977, hat sein Hauptwerk

- Das Prinzip Hoffnung

von 1938-1947 als Emigrant in den Vereinigten Staaten geschrieben, jedoch erst 1959 veröffentlicht. Bloch ist Marxist und lehrte nach seiner Rückkehr nach Deutschland in Leipzig. Sein eben genanntes Werk sucht das «Noch-Nicht», wie es sich in Wunschtraum, Erwartung, in Zukunftsentwürfen, religiösen Erweckungsvorstellungen, sozialen Utopien manifestiert, als existentielles Prinzip zu fassen.

In Italien ist Nicola Abbagnano (1901-1990) der führende Vertreter des Existenzialismus. Einige seiner Schriften, die in seinen «positiven» oder «substantiellen» Existenzialismus einführen können, sind durch Übersetzung auch dem deutschen Leser zugänglich geworden. Zitatende
 
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VII. Die Entfaltung der Seinsfrage: Martin Heidegger

In der ganzen westlichen Welt, nicht nur in Westeuropa, ist Martin Heidegger einer der einflussreichsten und zugleich umstrittensten Denker. Die Gegner werfen ihm vor, «sie könnten seinem Getöne seiner Sätze keinen vernünftigen Sinn abgewinnen. Heidegger entziehe sich jeder ernsthaften Diskussion, weil er ins Dunkle entweichen und andere ihm zubilligen, er sei kein Philosoph, aber vielleicht ein Dichter und ein Philologe». Seine Anhänger hingegen sehen in Heideggers Werk einen Markstein, der eine mehr denn zweitausendjährige, grossenteils Fehlentwicklung der Philosophie abschliesst und einen gänzlich neuen Anfang setzt. Zitat: «Nächst Kierkegaard, mit dessen Auslegung der menschlichen Existenz Heidegger in seinen Anfangsschritten vieles Gemeinsame hat (Angst als Grundtatbestand), ist vor allem der Einfluss seines Lehrers Edmund Husserl für Heidegger bedeutsam. In dem von Husserl herausgegebenen Jahrbuch erschien 1927 die erste Hälfte von Heideggers «Durchbruchswerk»:

- Sein und Zeit

Die zweite Hälfte ist nie veröffentlicht worden, doch ist, was Heidegger dort zu sagen vor hatte, inzwischen in seinen zahlreichen neueren Arbeiten zu Sprache gekommen. Von diesen nennen wir Heideggers Freiburger Antrittsvorlesung

- Was ist Metaphysik? (erstmals 1929, später durch Einleitung und Nachwort ergänzt)
- Vom Wesen der Wahrheit (1930 gehaltener Vortrag, erst 1943 gedruckt)
- Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung (944)


Nach dem Kriege sind wichtige sind wichtige Arbeiten Heideggers in den beiden Sammelbänden

- Holzwege (1950, darin «Der Ursprung des Kunstwerks»)
- Vorträge und Aufsätze (1954, darin u.a. «Die Frage nach der Technik», «Was heisst Denken?», «Bauen, Wohnen, Denken», «Das Ding»)
- was ist das – die Philosophie (1956)
- 1961 ein umfangreiches Werk über Friedrich Nietzsche

Lange Zeit ist Heidegger der Existenzphilosophie zugerechnet worden. Das konnte begründet werden, solange man hauptsächlich von «Sein und Zeit» ausging
. Nachdem inzwischen die Fortentwicklung von Heideggers Denken vor aller Augen liegt, nachdem er selbst rückblickend das genannte Werk mehrfach interpretiert hat, nachdem Heidegger schliesslich den Existenzialismus Sartres ausdrücklich als Missverständnis gekennzeichnet hat (offenbar ein fruchtbares Missverständnis), kann diese Auffassung nicht mehr aufrechterhalten werden. Sie hätte allerdings gar nicht erst aufkommen können, wenn man von Anfang an Heideggers eigene Erklärungen in voller Tragweite ernst genommen hätte. Das Vorwort von «Sein und Zeit» schliesst nämlich mit den Sätzen: «Die konkrete Ausarbeitung der Frage nach dem Sinn von «Sein» ist die Absicht der folgenden Abhandlung. Die Interpretation der Zeit als des möglichen Horizontes eines jeden Seinsverständnisses überhaupt ist ihr vorläufiges Ziel». Aus dem ersten Satz ist zu entnehmen, dass es Heidegger von Anfang an um das ging, was er bis heute verfolgt und was bis heute allen seinen Auslegern das stärkste Kopfzerbrechen verursacht hat: das «Sein».

Bevor wir einen genaueren Blick auf Heideggers Gedanken werden, ein Wort über seine Sprache.

«Das Spiegel-Spiel der weltenden Welt entringt als das Gering des Ringes die einigen Vier in das eigene Fügsame, das Ringe ihres Wesens. Aus dem Spiegel-Spiel des Geringes des Ringen ereignet sich das Dingen des Dinges».

Ein solcher Satz (entnommen dem Vortrag «Das Ding»), aus dem Zusammenhang gerissen, klingt, obwohl er kein einziges «Fremdwort» enthält, doch in hohem Masse fremd und befremdend. Ist das blosse Manier? Zu allen Zeiten haben Denker, die Neues zu sagen hatten, auch eine neue Sprache gesprochen. Heideggers eigenwillige Wortprägungen sind nicht sowohl Neubildungen als häufig Wiederentdeckungen: einem alten, blass gewordenen Wort verleiht er einen nur aus seinem Denkzusammenhang fassbaren, dann aber plötzlich aufleuchtenden Sinn. Wer sich in Heideggers Art, zu sprechen und zu lehren, einfühlen und an sie gewöhnen will, lese zuerst einen Vortrag wie «…dichterisch wohnet der Mensch» (abgedruckt in «Vorträge und Aufsätze»); Heidegger deutet hier das Wort Hölderlins, das über dem Vortrag steht.

Um Heideggers Ausgangspunkt zu fassen, können wir anknüpfen an etwas, das wir weiter oben als Kennzeichen der Existenzphilosophie schon berührt haben: Heidegger wirft der antiken (jedenfalls seit Platon) wie der abendländisch-christlichen Philosophie vor, sie habe das Dasen des Menschen nach der Seinsart der Dinge zu bestimmen gesucht, das Sein des Menschen verstanden nach Art des Vorkommens und Vorhandenseins von Dingen. Nun haben allerdings auch schon Heideggers Lehrer Husserl und, an Husserl anknüpfend, Max Scheler gelehrt, dass das Wesen des Menschen nicht verstanden werden kann als Gegenstand, als Substanz, als Seiendes, sondern dass der Mensch nur ist als «Vollzug» intentionaler Akt (Schelers Begriff der «Person»). Aber diese Denker haben – für Heidegger – den Unterschied weder radikal genug herausgearbeitet noch ontologisch begründet. Und weiter: Die bisherige Philosophie hat immer gefragt nach dem Seienden im Ganzen und nach dem höchsten Seienden, nämlich Gott, aber sie hat nicht gefragt nach dem, wodurch alles Seiende erst ein Seiendes ist: nach dem Sein. Dieses Sein ist selber kein Ding, kein Seiendes, es ist als Quellgrund alles Seienden überhaupt nicht wie ein «Gegen-Stand» uns gegenüberzustellen. Die Frage nach dem Sein ist von der Philosophie, weil das Sein nicht zu objektivieren ist, weil es für das Leerste, Allgemeinste und Selbstverständlichste genommen wurde, übersehen worden, «vergessen» (Heideggers Vorwurf der «Seinsvergessenheit»); übersehen worden ist der grundlegende Unterschied zwischen allem Seienden einerseits und dem Sein andererseits. Diesen Unterschied nennt Heidegger die «ontologische Differenz». Um uns dem Sein zu nähern, bietet sich ein Weg an: das Sein des Menschen, von Heidegger Dasein genannt, zu untersuchen, zu befragen; denn der Mensch ist unter allem Seienden dasjenige, das das «Sein» immer schon, wenn auch undeutlich, versteht. Um also eine Lehre vom Sein zu begründen, untersucht Heidegger die Grundstrukturen des menschlichen Daseins. Diese «Fundamentalontologie», bildet den Hauptinhalt von «Sein und Zeit». Um zu betonen, dass solche Untersuchung nicht mit den Bestimmungen arbeiten kann, deren sich die Philosophie bei der Untersuchung der Seinsstrukturen von Dingen bedient, nennt Heidegger seine Grundbestimmungen nicht (wie Aristoteles und Kant) «Kategorien»; er nennt sie «Existenzialien». Dieser Teil des Heideggerschen Gebäudes ist am bekanntesten und – bisher – auch derjenige, der am weitesten ins allgemeine Bewusstsein hineingewirkt hat. Einiges aus diesen Analysen und phänomenologischen Beschreibungen lässt sich mit Stichworten andeuten.
  • Dasein ist wesenhaft «In-der-Welt-Sein». Das ist nicht zu verstehen im Sinne eines räumlichen Nebeneinanders zweier Objekte, auch nicht als Verhältnis von «Subjekt» und «Objekt»; sondern In-der-Welt-Sein ist eine Grundstruktur des Daseins. Das menschliche Dasein findet sich immer schon an einem bestimmten, unverwechselbaren, seinem Wollen entzogenen Ort vor, es ist «geworfen in sein Da». Geworfenheit ist deshalb eine weitere Grundstruktur, ein Existenzial.

  • Das Dasein in der Welt hat die Seinsart der Bekümmerung, wie Heidegger sagt, der Sorge. Es hat die Seinsart des Besorgt-Seins, des Besorgens. Diese Sorge des Menschen geht (zwar auch) auf anderes, ihn umgebendes Seiendes, auf die Dinge (das «Vorhandene») und auf das «Zeug» oder «Zuhandene», im Kern aber immer auf die eigene Seinsweise. Der Mensch hat erst «zu sein», es ist ihm aufgegeben zu sein. Er ist Dasein, das nicht nur ist, sondern dem es immer auch um dieses sein Dasein geht. Als Sein, das sich er zu verwirklichen hat, ist das Dasein «Entwurf» - daher die Formel: Dasein als geworfener Entwurf.

  • Die menschliche Grunderfahrung ist Angst. Die Angst ängstet sich nicht so sehr vor anderen Seienden, sondern um das In-der-Welt-Sein als solches, schärfer gefasst: um die Möglichkeit des eigenen Nicht-Seins. Die Angst ist die radikale Erfahrung, in der dem Menschen das Seiende im Ganzen entgleitet: Er begegnet seinem eigenen Tode. Der Tod begegnet aber dem Dasein nicht von aussen her. Er gehört ihm zu: Dasein ist nur als Sein-zum Tode. Aus dieser Begegnung mit dem eigenen Tod als der absoluten Grenze entspringt die eigentliche Bedeutsamkeit und Dringlichkeit des Daseins. Verfügten wir über eine unendlich lange Zeit, so wäre nichts dringlich, nichts wichtig, nichts «wirklich». Für gewöhnlich schliessen wir die Augen vor diesem Sachverhalt. Wir vergessen, dass wir angesichts des Todes unser je eigenes, unverwechselbares Leben zu verwirklichen haben. Wir gleiten ab ins Uneigentliche, ins Unverbindliche, ins «man». Besinnung aber lehrt uns erkennen, dass der Tod uns zur Übernahme der eigenen Existenz aufruft, er offenbart die Unwiderruflichkeit unserer Entscheidungen, ruft uns auf zum eigentliche und eigenen («je meinen») Leben in Freiheit und Selbstverantwortung. Diese Betrachtung des Todes ist für Heidegger der Schlüssel, um die Zeit, die Zeitlichkeit als Grund und Grenze, als Horizont des menschlichen Seins festzulegen. Zeitlichkeit ist der Sinn der eigentlichen Sorge. Zeitlichkeit ist das Grundgeschehen des Daseins. Dasein «hat nicht ein Ende in der Zeit, sondern existiert endlich» (Sein und Zeit).

…Bis an diesen Punkt sind ihm viele gefolgt. In der Angst begegnet der Mensch, da ihm alles Seiende und sein eigenes Dasein entgleiten, dem Nichts. Das Nichts selbst steht vor ihm. Menschliche Existenz – Heidegger sagt schon in der Antrittsvorlesung von 1929 «Ek-sistenz», das heisst «Hinaus-Stehen» - ist Hinausstehen, Hineingehaltensein in das Nichts. (Von hier der unbegründete Vorwurf, Heidegger predige Nihilismus). Wenn Transzendenz ein Hinaus-Gehen, ein Hinaus-Fragen über alles Seiende hinaus ist, so ist das Wesen des Daseins «die Transzendenz in das Nichts».

Transzendenz im Sinne des Hinaus-Gehens, des Hinaus-Fragens, Hinaus-Reichens über alles Seiende hinaus kennt auch die überkommene, insbesondere die christliche Philosophie.
Transzendenz in diesem Sinne führt den gläubigen Denker zu Gott. Für Heidegger gehört auch Gott zum Seienden, über das er hinaus-fragt. Die Frage «Ist Heidegger Atheist?» lässt sich deshalb so beantworten, dass er A-theist ist in dem Sinne, als sein Fragen nach der Existenz Gottes als auch über Gott hinausführt. Die Frage nach der Existenz Gottes als Frage nach dem höchsten Seienden ist für ihn geeignet, die Frage nach dem eigentlichen Sein zu ver-stellen. Es sei aber angefügt, dass im Spätwerk Heideggers der Begriff des «Heiligen» eine zentrale Rolle spielt: «Der Denker sagt das Sein, der Dichter nennt das Heilige»; und weiter, dass in späteren Arbeiten, besonders in der Deutung Hölderlins, «Götter» als Gegenbegriff zu dem sterblichen Menschen eingeführt werden; Welt erscheint dort als «Vierung», als vierfältige Einheit von Himmel und Erde, Sterblichen und Göttliche.

….Hegel hat einmal gesagt: «Das reine Sein und das reine Nichts ist dasselbe». Dazu Heidegger: «Dieser Satz Hegels besteht zu Recht». Hier kündigt sich an, was von vielen als Wende oder Bruch empfunden, von Heidegger selbst oft als «Kehre» bezeichnet wird und was doch ein Weiterschreiten auf dem mit «Sein und Zeit» beschrittenen Wege bedeutet. Mit dieser Kehre wird der Mensch aus dem «Platzhalter des Nichts» zum Hüter und Hirten des Seins. Im Nichts nämlich, durch das Nichts hindurch, erfährt der Mensch das Sein. Das Nichts ist «das Nicht zum Seienden», das beisst das radikal-andere gegenüber allem Seienden. Das Nichts ist der Schleier des Seins.»

Mit diesem Sein, das sich durch das Nichts hindurch teils offenbart, teils verbirgt (das ist der Sinn des Wortes «Schleier des Seins»), stehen wir vor dem Grundbegriff Heideggers.
Der vielfach gebrauchte Vergleich von der sich in sich selbst verschliessenden Quelle deutet am ehesten an, was hier gemeint ist, denn begrifflich fassen und sagen lässt es sich nicht. Das Sein ist der tragende Grund, der alles durchwaltende Seins-Sinn. Da dieses Sein nicht gegenständlich, nicht durch vorstellendes, das Seiende zwingendes Denken erkannt werden kann, so ist klar, dass Philosophie für Heidegger, an diesem Punkt angelangt, niemals eine Wissenschaft sein kann (die es immer mit dem einzelnen Seienden zu tun hat). Philosophie ist vielmehr «Andenken» dieses Seins. Sie ist ein Denken, das im Geheiss und Gehorsam des Seins steht. Die Frage «Was heisst Denken?» verwandelt sich daher unter Heideggers Händen in die Frage «Was heisst (uns) denken?» - im Sinne des Geheisses. Und wenn Philosophie nach «Wahrheit» sucht, so kann dies nicht Wahrheit sein im Sinne von «Richtigkeit» oder Übereinstimmung mit Seiendem. Wahrheit ist vielmehr «Unverborgenheit». Sie ist das sich verbergende und entbergende Sein. Vernunft ist damit zurückgeführt auf «Vernehmen». «Das Denken, schlicht gesagt, ist das Denken des Seins. Der Genitiv sagt ein Zweifaches. Das Denken ist des Seins, insofern das Denken, vom Sein ereignet, dem Sein gehört. Das Denken ist zugleich Denken des Seins, insofern das Denken, dem Sein gehörend, auf das Sein hört» («Brief über den Humanismus», 1947).

….Heidegger hat sich von der gewonnenen Position aus – das zeigt schon die Fülle seiner überwiegend kurzen, äusserst gedrängten, «dichten» Arbeiten und die Vielfalt der Themen – einer ganzen Reihe von Fragenkreisen zugewandt. Vor allem der Sprache, die für Heidegger niemals ein blosses Verständigungs-, ein Kommunikationsmittel ist (Welten trennen ihn vom logischen Positivismus und seiner Sprachphilosophie). Sprache ist für Heidegger das Medium, «in dem das Sein, sich lichtend, zur Sprache kommt» (Brief über den Humanismus). Die Sprache ist, wie es an anderer Stelle der gleichen Schrift heisst, «das Haus des Seins» (Sein im Sinne Heideggers verstanden) «und die Behausung des Menschenwesens»).

Wenn Denken ein dem Sein verdanktes, dankendes Denken ist, das «in seinem Sagen das ausgesprochene Wort des Seins zur Sprache bringt», so rückt es damit wie von selber in die Nähe des Dichtens. Denker und Dichter, die «nahe wohnen auf getrenntesten Bergen», stehen nebeneinander. Von hier aus ist Heideggers langjährige Beschäftigung mit Hölderlin (u.a. auch mit Rilke), sind seine vielfältigen Interpretationen Hölderlinscher Dichtung zu verstehen. Hölderlin ist für ihn der «Dichter des Dichters»: unter den grossen Dichtern derjenige der am reinsten und klarsten verkörpert und verwirklicht, was Heidegger unter Dichtung versteht.

Andere bedeutsame Denk-Versuche Heideggers richten sich auf die Entwicklung der modernen Wissenschaft («Wissenschaft und Besinnung», «Die Zeit des Weltbildes»); aus dem engeren Bereich der Philosophie sind vor allem noch Heideggers tief bohrende, ausführlich erläuterte Übersetzungen von einzelnen Fragmenten vorsokratischer Philosophen (Heraklit, Parmenides) zu nennen. Bei den Vorsokratikern – um dies schnell noch nachzutragen -, in der Morgendämmerung der Philosophie findet Heidegger nämlich jenes Seinsverständnis, das alle spätere Metaphysik verloren und verschüttet hat – verloren freilich nicht durch vermeidbaren Irrtum, sondern durch Fügung, Schickung, «vom Sein beirrt». Indem die Seinsfrage wieder aufbricht, und indem damit allmählich die gewaltigen Fragmente der frühgriechischen Denker unserem Denken wieder zugänglich werden, setzt die Philosophie – eben im Werk Heideggers – dazu an, die zweitausendjährige Geschichte der abendländischen Metaphysik zu überwinden. Zitatende
 
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