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wirena

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Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen «kleine Weltgeschichte der Philosophie» von Hans Joachim Störig


Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts



III. Lebensphilosophie, Vitalismus, Historismus


1. Allgemeines

Den Namen «Lebensphilosophie» hat man schon früher auf die Philosophie Schopenhauers und Nietzsches angewendet. Diese beiden haben wie Georg Simmel, einer der neueren Lebensphilosophen, gesagt hat, die aufklärerische Vernunft im 19. Jahrhundert vom Thron gestossen. Die Lebensphilosophie ist ein Teil der grossen Gegenbewegung gegen Aufklärung und Rationalismus und darin die Fortsetzung der Romantik. Es ist eine Philosophie, die das Leben, das mit den Mitteln des blossen Denkens nicht zu erfassende «lebendige» Leben verstehen will. Der Vernunft weist sie teils eine dienende Rolle zu, teils steht sie ihr mit ausgesprochener Feindschaft gegenüber. Allen neueren Denkern der Lebensphilosophie ist gemeinsam, dass sie mehr oder weniger bewusst und ausdrücklich, auf den Schultern Schopenhauers und Nietzsches stehen. Gemeinsam sind ihnen ferner durch die gemeinsame Grundauffassung eine Reihe von Wesenszügen, die man wie folgt kennzeichnen kann:

- Diese Denker sind «Aktualisten». Bewegung, Werden, Entwicklung gilt ihnen mehr als starres Sein.

- Sie sehen die Wirklichkeit als organische. Die Wissenschaft, von der die meisten von ihnen ausgehen, ist die Biologie.

- Ihre Philosophie ist irrational. Begriffe, logische Gesetze, apriorische Formen gelten ihnen als nur sehr begrenzt taugliches methodisches Mittel. Intuition, gefühlsmässiges Erfassen, unmittelbare Anschauung, «Verstehen» und Erleben werden bevorzugt.

- In der Erkenntnistheorie sind sie nicht Subjektivisten. Die Welt besteht für sie nicht nur in unseren Köpfen. Es gibt eine von unserem Denken unabhängige objektive Wirklichkeit.

- Die meisten sind Pluralisten. Sie nehmen nicht ein einziges grundlegendes Prinzip an, sondern zwei, nämlich das «Leben» und ein diesem gegenüberstehendes, oder mehrere. Zitatende


2. Henri Bergson, 1859-1941
Der einflussreichste aller neueren Lebensphilosophen ist der Franzose Henri Bergson. Seine vier wichtigsten Werke sind:

- Versuch über die unmittelbaren Gegebenheiten des Bewusstseins (deutsch: «Zeit und Freiheit)
- Materie und Gedächtnis
- Schöpferische Entwicklung
- Die beiden Quellen der Moral und der Religion


Zitat: Was alle Bücher Bergsons auszeichnet, ist eine Sprache von seltener Schönheit, ausserordentlicher Klarheit und ein verschwenderischer Reichtum an Bildern, Vergleiche, Beispielen; im Inhaltlichen eine solide Grundlage von Wissen in allen Zweigen der Naturwissenschaft. Dies ist einer der Gründe für Bergsons ausserordentlichen Erfolg. Bergson hatte, abgesehen von Schopenhauer, dessen Doppelansicht der Welt als Wille und Vorstellung der seinen sehr nahekommt, auch in Frankreich selbst Vorgänger, die er aber an Bedeutung weit übertrifft. Anfänglich ging Bergson von Spencer aus. Der Versuch, die Grundlagen des Spencerschen Systems zu vertiefen, führte ihn aber schliesslich zu einer gänzlichen Abwendung von diesem. In Frankreich ist Julien Benda als Kritiker und Gegenspieler Bergsons hervorgetreten.

a) Raum und Zeit, Verstand und Intuition.
Bergson geht aus von dem Verhältnis von Raum und Zeit. Kant hatte beide als im Wesentlichen gleichberechtigte Formen unserer Anschauung behandelt. Bergson zeigt ihren tiefen Wesensunterschied.

Der Raum ist in sich homogen. Er ist ein Inbegriff gleichartiger Punkte. Man kann beliebig von einem zum andern übergehen. Die Naturwissenschaft betrachtet in Wirklichkeit immer nur diesen Raum. Was sie Bewegung nennt, ist nur die Aufeinanderfolge der räumlichen Lage der Körper in ihm. Auch wo sie vorgibt, die Zeit zu messen, misst sie in Wahrheit nur Veränderungen im Raume.

Die Zeit ist nicht homogen. Sie ist eine nicht umkehrbare Reihe. Ich kann in ihr keineswegs beliebig von einem Punkt zum andern übergehen. Jeder Moment ist etwas Neues, Einmaliges, Unwiederholbares. Die Zeit ist ein einziges unteilbares Fliessen, ein Werden, das von der sogenannten Zeit der Naturwissenschaft durchaus verschieden ist. Der Raum ist. Die Zeit ist nicht, sondern wird immerzu.

Dem Raum und der Zeit entsprechen im Menschen zwei ebenso verschiedenartige Erkenntnisvermögen. Dem Raum zugeordnet ist der Verstand
. Sein Gegenstand ist das Fest, Räumliche, die Materie. In diesem Bereich ist der Verstand zu wahrer und richtiger Erkenntnis befähigt, denn er ist der Materie wesensverbunden (hier liegt ein Gegensatz zu Kant). Der Verstand ist das Organ des handelnden Menschen, des homo faber, des Werkzeuge verfertigenden, auf die Natur tätig einwirkenden Lebewesens.

Die wirkliche Zeit, die reine Dauer, kann der Verstand nicht begreifen.
Wenn er sich der Zeit zuwendet, überträgt er seine der räumlichen Materie entsprechenden Formen auf die Zeit. Er zerstückelt sie, verschneidet sie in zähl- und messbare Einheiten und geht damit an ihrem wahren Leben vorbei….Die reine Dauer vermögen wir nur durch Intuition zu erfassen…. Diese Intuition dient im Gegensatz zum Verstande nicht dem praktischen Handeln. Sie ist das Organ des homo sapiens, des anschauenden, erkennenden Menschen.

Da der Verstand auf die Praxis eingerichtet ist, kann die Philosophie nur mit der Intuition etwas anfangen. Das bringt notwendig einen gewissen Mangel an zwingenden logischen Beweisen mit sich. Der Philosoph vermag nicht mehr als durch anschauliche, bildhafte Darstellung des von ihm intuitiv Erkannten anderen zur gleichen Intuition verhelfen.


b) Elan vital. Wenn der Philosoph sich in das Meer des Lebens versenkt, das uns umgibt, so erkennt er, dass alle Wirklichkeit Werden ist. Es gibt im Grunde nur Werden, Handlung, Aktion. Es gibt allerdings zweierlei Bewegung, die steigende des Lebens und die fallende der Materie. Das sind zwei ganz verschiedene Welten. Es ist unsinnig, das Wesen des Lebens mit dem Verstande, sei es mechanisch oder teleologisch, erklären zu wollen. Soll tatsächlich zum Beispiel ein so kompliziertes Organ wie das Auge durch eine Reihe zufälliger Variationen, die sich erhielten und fortpflanzten, entstanden sein? Vor allem: wie soll man es erklären, dass in der Entwicklung des Lebens in ganz verschiedenen voneinander unabhängigen Zweigen gleichartige organische Schöpfungen hervorgebracht werden, und zwar mit ganz verschiedenen Mitteln?... Die Entfaltung des Lebens kommt nicht aus der Materie und ihren mechanischen Gesetzen, sie geht vielmehr gegen diese, gegen Trägheit und Zerfall, zu immer höheren, gewagteren, freieren Formen. Die Lebensvorgänge berühren sich mit den physikalischen und chemischen Kräften gerade nur so weit, wie man die kleinsten Teile eines Kreises als Teile einer geraden Linie betrachten kann. In Wirklichkeit ist das Leben von ihnen so verschieden wie die Kurve von der Geraden. Auch das Bewusstsein ist nicht vom Körper abhängig. Dies zu behaupten wäre dasselbe, als wenn man aus der Tatsache, dass ein aufgehängtes Kleidungsstück nach Abnahme des Hakens herunterfällt, auf die Identität von Kleidung und Haken schliessen wollte. Bewusstsein ist überall wo Leben ist. Nur der Mensch aber hat Intuition, die Form, in der das Leben sich selbst erkennen, über sich selbst nachdenken kann. Es kommt darauf an, «die Tiefen des Lebens abzuhorchen und den Puls seines Geistes mit Hilfe einer Art intellektueller Auskultation abzulesen».


Anmerkung von mir: das erinnert mich an Panpsychismus – an ein Interview/ YouTube-Video, das ich gesehen habe.


c) Moral und Religion.
Eine ähnliche Entgegensetzung zweier verschiedener Elemente findet sich in Bergson Moral- und Religionsphilosophie. Es gibt zweierlei Moral.

Die geschlossene Moral beruht auf einem von der Gesellschaft ausgeübten Druck. Sie ist unpersönlich. Die ihr entsprechenden Handlungen werden fast automatisch, instinktiv ausgeführt. Sie bezweckt die Erhaltung der sozialen Gewohnheiten und bezieht sich deshalb immer auf eine begrenzte Gruppe von Menschen.

Die offene Moral ist persönlich, von der Gesellschaft unabhängig, schöpferisch. Sie erscheint verkörpert nur in hervorragenden Einzelpersönlichkeiten, den Heiligen und den Helden. Sie geht hervor aus dem unmittelbaren Erfassen des Lebensgrundes und umfasst in Liebe das ganze Leben.

Es gibt auch zweierlei Religion
. Da dem Menschen der Instinkt fehlt, der bei den sozialen Tieren den gesellschaftlichen Zusammenhang verbürgt, da bei ihm an dessen Stelle der Verstand steht, der auf den sozialen Zusammenhang eher auflösend wirkt, so hilft sich die Natur mit der «fabulierenden Funktion» des Verstandes. Sie schafft Phantasien, Fabeln, die den Menschen mit dem Leben und die Individuen untereinander verbinden. Der Mensch weiss durch den Verstand, dass er sterben muss. Er sieht durch den Verstand, dass dem Erreichen seiner Ziele unberechenbare Hindernisse im Wege stehen. Die Natur hilft ihm, diese bitteren Erkenntnisse zu ertragen, indem sie mittels der Phantasie gütige Götter verfertigt. Die Funktion dieser «statischen» Religion ist also im Menschenleben eine ähnliche wie die des Instinkts bei den Tieren, eine bindende, erhaltende, versöhnende.

Ganz verschieden hiervon ist die dynamische Religion, die Mystik, welche bei den Griechen in Ansätzen, bei den Indern in spekulativer Form, bei den christlichen Mystikern in Vollendung ausgebildet ist. Die dynamische Religion geht hervor aus dem ahnenden Erfassen des Unerreichbaren, aus dem Zurückgehen in der Richtung, aus der der Lebensstrom kommt. Sie ist nur bei einzelnen aussergewöhnlichen Menschen vorhanden. Wenn die Mystiker aus ihren für andere unzugänglichen Erfahrung heraus behaupten, dass der Ursprung des Lebensstroms in Gott liege, dass dieser Gott ein Gott der Liebe, dass die Welt die Erscheinung der göttlichen Liebe und dass im Menschen ein unsterblicher göttlicher Funke sei – so kann die Philosophie solche Sätze zwar nicht beweisen, aber dankbar hinnehmen als Hinweise darauf, wo das nur der mystischen Versenkung zugängliche Wesen alles Seienden liegt. Zitatende
 

wirena

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Die Philosophie im 19. Und 20. Jahrhundert
Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts



III. Lebensphilosophie, Vitalismus, Historismus

3. Vitalismus: Driesch, Gestalttheorie, Friedmann
Hans Driesch (1867-1941), den führenden Philosophen des Neu-Vitalismus in Deutschland
, in den Zusammenhang der Lebensphilosophie zu stellen, ist nur bedingt richtig, insofern auch Drieschs Philosophie vom Leben ausgeht (Driesch war zwanzig Jahre Zoologe), insofern sie eine Philosophie des Organischen ist. Die Richtung jedoch welche Drieschs Denken von diesem Ausgangspunkt aus nimmt, bringt ihn eher in die Nähe der zeitgenössischen Metaphysik, der Philosophie des objektiven Seins.

Der Gegensatz zwischen mechanistischer und «vitalistischer» Betrachtung der Lebensvorgänge findet sich bei den Griechen. Bei diesen wollte Demokrit das Weltganze aus dem mechanischen Zusammenspiel seiner Atome erklären, während Aristoteles zur Erklärung des Lebendigen eine besondere formende Lebenskraft, die Entelechie, heranzog. In der neueren Philosophie wurde zunächst von Descartes bis zu Lametries «Maschinenmensch» die mechanistische Erklärung vorherrschend. Kant versuchte eine Abgrenzung beider Betrachtungsweisen und erkannte die Unentbehrlichkeit der teleologischen Betrachtung. Die Romantik war vitalistisch. Sie dachte lebendig, organisch. Die Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts neigte mit Darwins Entwicklungslehre, mit den ausserordentlichen Erfolgen der organischen Chemie - welche organische Stoffe, zuerst den Harnstoff, synthetisch herstellen lernte – zunächst wieder zu einer mechanistischen Auffassung. Ein neuer Umschwung trat um die Wende zum 20. Jahrhundert ein. Bergson ist der philosophische Exponent dieses Umschwungs in Frankreich. In Deutschland ist es neben anderen Hans Dreisch

- Philosophie des Organischen
- Ordnungslehre
- Wirklichkeitslehre
- Metaphysik
- Parapsychologie

Den wichtigsten Anstoss zu Drieschs Überlegungen bildeten von ihm selbst durchgeführte zoologische Experimente an Seeigeleiern. Sie erbrachten den Nachweis, dass aus halbierten oder anders geteilten Keimen nicht Teilorganismen, sondern Ganze – wenn auch kleinere – Lebewesen entstanden. Eine solche Fähigkeit des Organismus zur Regeneration des Ganzen aus Teilen war auf mechanistischem Wege nicht zu erklären. Dem Leben ist eine Ganzheitskausalität eigen, Bestimmung des Teils vom Ganzen her. Die unsichtbare, nicht als solche fassbare Kraft, die hier wirkt, nennt Driesch mit Aristoteles «Entelechie». Driesch blieb nicht hierbei stehen. Er schuf zur philosophischen Deutung und Rechtfertigung der biologischen Erkenntnisse ein gedankliches System, das von der Logik bis zur Ethik und Metaphysik reicht. Driesch ist undogmatisch. Sein Ausgangsunkt ist das «cogito ergo sum» des Augustinus und Descartes. Es heisst bei ihm: «Ich habe bewusst Etwas». Dieses Etwas zu ordnen ist die Aufgabe des ersten Teils der Philosophie, der Ordnungslehre. Die Ordnung der Gegenstände findet ihren Ausdruck in den Einteilungen der Wissenschaften. Der zweite Teil der Philosophie ist Wirklichkeitslehre oder Metaphysik. Die Ordnungslehre hatte die Gegenstände nur als blosse Erscheinungen genommen und geordnet. Die Wirklichkeitslehre stellt in den Mittelpunkt die Frage nach einer vom Ich unabhängigen objektiven Wirklichkeit und nach der Einheit dieser Wirklichkeit hinter der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen.

Die erste Voraussetzung in Drieschs Ethik ist Bejahung des Lebens, als organisches und als Mittel für das geistige Leben
. Daraus ergeben sich notwendig gewisse Folgerungen für das Verhalten zu anderen Wesen, das Verbot der Tötung und Schädigung, das Gebot der Anlagenförderung und Wahrhaftigkeit. Im Staat, in der Entwicklung der Menschheit, in der Tatsache des sittlichen Bewusstseins finden sich ähnliche ganzheitliche Züge wie im organischen Leben. Das legt den Schluss nahe, wenn er auch nicht gewiss ist, dass auch hier hinter dem Erscheinenden eine «Entelechie», eine Seele des Weltganzen, steht.

Der Zug zur Ganzheitsbetrachtung, die Erkenntnis, dass es gestalthafte Ganze gibt, welche mehr sind als die blosse Summe ihrer Teile, findet sich überall in der Wissenschaft und Philosophie der Gegenwart. Auf psychologischem Gebiet ist dieser Gedanke namentlich durch die sogenannte Gestaltpsychologie und allgemeine Gestalttheorie verfochten worden. Schöpfer des allgemeinen Gestaltbegriffes ist Christian Freiherr von Ehrenfels (1859-1932) mit seiner 1890 erschienen Arbeit

- Über Gestaltqualitäten

Die Begründer der Gestaltpsychologie sind Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Koffka.

Als philosophischer Denker, der das Form- und Gestaltproblem behandelt
und von ihm aus auch der Biologie neue fruchtbare Anregungen gegeben hat, ist Hermann Friedmann (1873-1957) zu nennen

- Die Welt der Formen
- Wissenschaft und Symbol

Von Friedmann stammt die Idee einer «Gestaltmathematik», in der Formbegriffe an Stelle der bisherigen mathematischen «Grössen»-Begriffe in den Vordergrund treten. Sie würde ermöglichen, eine Brücke zwischen Physik und Biologie zu schlagen, ja die Physik zu einem Sonderkapitel einer umfassenden Biologie zu machen. Der Gedanke ist inzwischen von anderen Forschern wie Joseph Henry Woodger und Ludwig von Bertalanffy aufgenommen worden. Was für Driesch gesagt wurde, gilt ähnlich auch für Friedmann: Ihn in die Linie der Lebensphilosophie einzuordnen, ist nur bei sehr weiter Fassung dieses Begriffs zulässig. Seine Bedeutung erschöpft sich auch nicht mit seinen Beiträgen zum Gestaltproblem.


4. Deutsche Lebensphilosophie und Historismus
Die eigentliche deutsche Lebensphilosophie ist mit der Mehrzahl ihrer Vertreter nicht so sehr an der Biologie orientiert als vielmehr an der Geschichte. Sie steht damit in enger Beziehung mit dem sogenannten Historismus. Diese Bewegung hat ihren Ausgangspunkt in dem mächtigen Aufschwung, den die Geschichtswissenschaft in Deutschland seit Hegel und der Romantik genommen hatten. Die Geschichte steht im Zentrum des Philosophierens. Man sieht «in dem geschichtlichen Charakter des Menschtums eine Wesensbestimmung von metaphysischer Bedeutung» (Theodor Litt). Aus der geschichtlichen Betrachtung des Lebens erwächst leicht ein Relativismus in Bezug auf Werte.

Der Geschichte am fernsten stehen Ludwig Klages und Hermann Graf Keyserling; näher stehen ihr Georg Simmel und Oswald Spengler; die Denker des eigentlichen Historismus sind Dilthey und seine Schüler.

Ludwig Klages (1872-1956) ist ursprünglich aus dem Kreis des Dichters Stefan George hervorgegangen.
Seine ersten grossen Leistungen, die vielleicht dauernder sein werden als seine Philosophie, liegen in der wissenschaftlichen Graphologie und Charakterkunde. Klages Lehre vom Ausdruck betrachtet den Leib als Erscheinung der Seele, die Seele als Sinn des Leibes, und damit Leib und Seele als einen engen Sinn- und Ausdruckzusammenhang. Klages verdankt wichtige Anregungen seinem Lehrer Melchior Palagyi (1859-1924). Palagyi war ein vielseitiger Denker, der u.a. bereits 1901, also mehrere Jahre vor der Veröffentlichung der speziellen Relativitätstheorie durch Einstein, in seiner Schrift

- Neue Theorie des Raumes und der Zeit


einige Grundgedanken dieser Theorie ausgesprochen hatte. Klages übernahm von ihm u.a. die Lehre vom «intermittierenden Bewusstsein», die besagt, dass die fliessenden, kontinuierlichen Lebensvorgänge von dem diskontinuierlichen menschlichen Bewusstsein nur unvollkommen erfasst werden können. Klages philosophischer Standpunkt kommt treffend zum Ausdruck im Titel seines philosophischen Hauptwerkes

- Der Geist als Widersacher der Seele

Während Leib und Seele zwei untrennbar zusammengehörige Pole der Lebenszelle sind, drängt der Geist von aussen her, einem Keil vergleichbar, sich zwischen beide, mit dem Bestreben sie zu entzweien und so das Leben zu ertöten
. Die vom lebensfeindlichen Geist noch unberührte Seele erlebt die Welt als eine Folge von Bildern, von beseelten Gestalten. Der Geist zerhackt diesen kontinuierlichen Strom und zerlegt das Erleben in eine Anzahl voneinander getrennter «Gegenstände». Die Wissenschaft, besonders die mechanistische Naturwissenschaft, ist die stärkste Ausprägung dieser die Bilder zerstörenden, das Leben abtötenden Funktion des Geistes. Der Geist ist also eine dem Leben fremde, ja ausserraumzeitliche (akosmische) Macht, die in das Leben einbricht. In diesem Widerstreit von Geist und Seele nimmt Klages leidenschaftlich die Partei der Seele, des bewusstlos-bildhaften Lebens gegen seinen Widersacher, den Geist, die Partei des Herzens, des Gefühls, des Instinkts, gegen Kopf, Verstand, Intellekt. Das Ergebnis des Geistes ist die bewusste, den Instinkten widerstreitende Tat, und jede solche Tat ist ein «Mord am Leben». Die Parole ist: Rückkehr zum naturhaftunbewussten Leben. Durch Klages ist das Werk des fast vergessenen Kulturhistorikers Johann Jakob Bachofen (1815-1887) über Mutterrecht und Urreligion wieder zur Geltung gebracht worden.

Graf Hermann Keyserling (1880-1946
) ist ein Abkömmling einer alten deutsch-baltischen Familie; zu seinen Vorfahren gehören die berühmten Barone von Ungarn-Sternberg… er selbst bezeichnet sich als «Condottiere», als «aussergewöhnlich vielfältig, unharmonisch und widerspruchsvoll veranlagt». Er bereiste beinahe die ganze Welt. In seinem

- Reisetagebuch eines Philosophen

einem der lebendigsten philosophischen Bücher unseres Jahrhunderts, schildert er seine Eindrücke aus Indien, China, der Südsee und Amerika. Keyserling wendet sich wie Klages gegen blosse Verstandeskultur. Er ist ein Mann der schöpferischen Intuition. Aber er bekämpft nicht den Geist, sondern will Geist und Seele zu einer neuen Einheit verbinden und so einen Weg zur Vollendung zeigen. In diesem Sinn will er mehr geben als Philosophie, nämlich «Weisheit», «Leben in Form des Wissens».

Eine ausserordentlich vielseitige Persönlichkeit und en geistreicher Schriftsteller wie Keyserling ist auch Georg Simmel (1858-1918). Im Mittelpunkt von Simmels Lebensphilosophie steht die Spannung zwischen dem Leben als solchem und den «objektiven Sachgehalten» der Kultur, also Recht, Sittlichkeit, Wissenschaft, Kunst, Religion. Simmel zeigt, dass diese objektiven Kulturbereiche, obwohl sie ihre eigene Gesetzlichkeit haben und sich dem Leben gegenüberstellen können, doch aus dem Leben selber erwachsen. Denn Leben ist immer zugleich Mehr-als-Leben, oder, wie Simmel sagt: Die Transzendenz ist dem Leben immanent; das heisst, es gehört zum Wesen des Lebens, dass es über seinen vitalen Grund hinausgreift. Das wichtigste Werk in dieser Hinsicht ist Simmels vier

- Metaphysische Kapitel über Lebensanschauung

Simmel war gleichzeitig ein bedeutender Soziologe.

Breiteren Kreisen viel bekannter als Simmel ist der Historiker und Geschichtsphilosoph Oswald Spengler (1880-1936) durch sein aufsehenerregendes Werk

- Der Untergang des Abendlandes

Spengler ist wie Bergson überzeugt von der tiefen Wesensverschiedenheit der Welt des Raumes von der Zeit.
Es gibt eine Logik des Raumes. Ihr Prinzip ist Kausalität, ihr Gebiet die Naturwissenschaft. Daneben gibt es eine Logik der Zeit, eine organische Logik, eine Logik des Schicksals. Sie lehrt die Welt als Geschichte begreifen. Spengler besass einen einzigartigen physiognomischen Blick für die Formen und Zusammenhänge des geschichtlichen Werdens. Er zeigt, dass Weltgeschichte kein fortlaufender Prozess ist, sondern eine Aufeinanderfolge unabhängiger Kulturen. Jede Kultur ist ein Organismus, ein Lebewesen höchsten Ranges und der Ausdruck eines besonderen Seelentums….Kulturen wachsen, blühen und vergehen wie Lebewesen. Eine vergleichende Morphologie (Gestaltenlehre) der Weltgeschichte erkennt den lebensgesetzlichen Ablauf jeder Kultur. Auf unsere, die abendländische «faustische» Kultur angewandt, ermöglicht sie die Prognose, dass wir in das Stadium der Zivilisation der Erstarrung, eingetreten sind und dem Untergang entgegengehen.

Wilhelm Dilthey (1813-1911) gehört einer älteren Generation an. Sein Einfluss reicht aber wie der Spenglers bis in die unmittelbare Gegenwart. Diltheys innerer Entwicklungsgang ging vom Positivismus zu einem irrationalen «Verstehen» des Lebens und der Geschichte und spiegelt damit die Entwicklung des 19. Jahrhunderts. Da die Wirklichkeit Leben ist, ist Verstehen nur als Bewegung von Leben zu Leben möglich, nicht mit dem Verstand allein, sondern mit der Gesamtheit unserer Gemütskräfte. Der Bereich solchen Verstehens sind die Geisteswissenschaften und besonders die Geschichte als Selbstbesinnung des Menschen. « Was der Mensch sei, erfährt er nur durch die Geschichte»….Der Historismus Diltheys führte ihn folgerichtig zum Relativismus. «Die Relativität jeder Art von menschlicher Auffassung ist das letzte Wort der historischen Weltanschauung, alles im Prozess fliessend, nichts bleibend»…. Von ihm sind bei weitem die reichsten und fruchtbarsten Wirkungen ausgegangen… eine grosse Zahl von Denkern der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart ist von ihm beeinflusst, so Ernst Troeltsch (1865-1923), Eduard Spreanger, Erich Rothacker, Hans Freyer, Theodor Litt, auch der spanische Philosoph José Ortega y Casset (1882-1955). Zitatende

 

wirena

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Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts



IV. Phänomenologie


1. Entstehung und Eigenart

Zitat: «Pragmatismus, Neu-Positivismus, Lebensphilosophie sind alle in verschiedenen Formen Absagen an Kant. Noch bedeutsamer für die Abwendung von Kant, die den grössten Teil der Gegenwartsphilosophie auszeichnet, wurde die Phänomenologie. Die Abwendung von Kant fand übrigens auch darin einen Ausdruck, dass die Philosophen zunehmend auf vorkantische Denker, insbesondere die Scholastiker, Spinoza und Leibniz, zurückgriffen. Bezeichnend ist, dass Edmund Gustav Albrecht Husserl als Begründer der Phänomenologie, obwohl er von Kant und dem Neu-Kantianismus nicht ganz unberührt geblieben ist, doch in Franz Brentano (1838-1917) einen ihn entscheiden beeinflussten Lehrer hatte, welcher zunächst katholischer Priester gewesen war und auch nach der Abwendung vom Katholizismus mit der Scholastik und ihrem Lehrer Aristoteles eng verbunden blieb. Brentano, der selbst wenig geschrieben hat, wurde durch die an ihn anknüpfenden Denker nachträglich zu einem der einflussreichsten Philosophen des 19. Jahrhunderts. Von ihm geht nicht nur die Phänomenologie aus, die ihrerseits wieder zum Mutterboden der heute bekannten Gegenwartsphilosophie, des Existenzialismus, wurde, auch die der Phänomenologie in mancher Hinsicht verwandte, aber weniger einflussreiche «Gegenstandstheorie» von Alexius Meinong (1853-1921) hat von ihm ihren Ausgang genommen.

Ein zweiter Denker aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, den Husserl wieder ans Licht gezogen hat, ist Bernhard Bolzano (1781-1848), Philosoph und Mathematiker, ebenfalls Gegner Kants. Schon bei Bolzano findet sich ein Grundgedanke, von dem auch Husserl ausgegangen ist: eine Unabhängigkeit der Logik von der Psychologie. Die Gesetze der Logik sind nicht identisch mit den Vorgängen im denkenden Bewusstsein. Es sind zeit- und raumlose Wahrheiten, Sätze an sich. Auf diese ideellen Wesenheiten richtet die Phänomenologie ihren Blick. Sie ist eine Philosophie des Wesens (was auch der Name Phänomenologie besagt). Und zwar sucht sie, diese Wesenheiten unmittelbar zu erfassen, durch «Wesensschau».


2. Edmund Gustav Albrecht Husserl, 1859-1938
Edmund Husserl ist neben Bergson der bisher einflussreichste Philosoph des 20. Jahrhunderts
. Er wurde als zweiter Sohn einer deutschsprachigen, jüdischen Tuchhändlerfamilie in Prossnitz (Mähren) geboren. Er lehrte in Halle, Göttingen und von 1916 bis zu seiner Emeritierung 1928 in Freiburg im Breisgau, wo er 1938 gestorben ist. Als ausgebildeter Mathematiker und Naturwissenschaftler veröffentlichte er 1891die

- Philosophie der Arithmetik

Zitat: Sie zeigt bereits als Grundzug des Husserlschen Denkens das Streben nach radikal strenger, auf philosophisch und psychologisch «letztgeklärten» (ein Ausdruck Husserls) Grundlagen aufbauender Grundlegung des wissenschaftlichen und philosophischen Erkennens. Ein Jahrzehnt später erschienen die

- Logischen Untersuchungen

…Der Anbruch des 20. Jahrhunderts bezeichnet auf vielen Gebieten des Geisteslebens eine einschneidende Wende (etwa in der Physik mit Planks Quantentheorie, veröffentlicht 1900, in der Psychologie Freuds Traumdeutung), so gilt das für die Philosophie vor allem wegen Husserls Werk, dessen beide Bände 1900 und 1901 erschienen. Das Grundwerk der phänomenologischen Schule erschienen 1913

- Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie


1913 begann Husserl auch das

- Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung


herauszugeben. Genaugenommen erschien von den «Ideen» nur der erste Band des auf drei Bände angelegten Werkes. 1929 folgte als Ertrag der langen Jahre schriftstellerischer Zurückhaltung die

- Formale und transzendentale Logik

Nach dem Tode Husserls erwies sich, dass seine, hier nur unvollständig aufgezählten, publizierten Schriften nur einen kleinen Teil seines denkerischen Gesamtwerkes ausmachen. Seit 1950 wird unter dem Titel «Husserliana» vom Husserl-Archiv in Löwen (Belgien) eine Gesamtausgabe seiner Schriften herausgegeben, von der bis 1960 acht Bände vorlagen.

Husserls Werke sind wie fast alle wichtigen philosophischen Bücher unseres Jahrhunderts äusserst schwierig zu lesen. Doch sind sie für das Denken der Gegenwart so grundlegend, dass jeder, der in die Philosophie der Gegenwart tiefer eindringen will, sie gründlich studieren muss. Hier können wir nur Hinweise geben auf einiges Grundsätzliches. …Die Logik ist nicht empirisch und nicht psychologisch zu begründen. Dies richtet sich insbesondere gegen den sogenannten Psychologismus, eine Denkrichtung, die im wesentliche nur dem Psychischen, den Empfindungen, Realität zusprach und alle philosophischen Fragestellungen in Psychologie aufzulösen drohte. Logik hat überhaupt nichts mit den psychischen Akten des Denkens, Urteilens und so weiter zu tun. Sie ist auch kein Inbegriff von (normativen) Regeln, die vorschreiben, wie man denken solle. Die Sätze der Logik gehen nicht auf ein Sollen, sondern auf ein Sein. Nehmen wir zum Beispiel den Satz des Widerspruchs. A kann nicht zugleich Nicht-A sein. Das bedeutet nicht, dass von einem Subjekt zwei sich widersprechende Prädikate oder, dass überhaupt zwei sich widersprechende Sätze nicht zugleich ausgesagt werden können (das ist nämlich sehr wohl möglich). Es bedeutet auch nicht, dass wir sie nicht aussagen sollen. Sondern es besagt, dass beide nicht zugleich (objektiv) wahr sie können. Das ist ein Satz, der ganz unabhängig von psychischen Erscheinungen ist, der deren Existenz nicht einmal voraussetzt und der nicht auf Denken, Urteilen und so weiter geht, sondern auf etwas Objektives….Es gibt also ein eigenes Reich der Logik: die Bedeutung. Was eine Aussage bedeutet, das, was wir auffassen, wenn wir eine Aussage verstehen, das, was in ihr ausgedrückt, gemeint, «intendiert» ist, ist nicht identisch mit dem Inhalt des jeweiligen individuellen Bewusstseins. Es ist ein jenseits dessen liegendes Allgemeines, Ideelles, ein Gegenstand, eine Wesenheit. Dass ich eine Aussage, die ein anderer macht, verstehen kann, beruht darauf, dass wir beide in unserem Bewusstseinsakt auf etwas identisches gerichtet sind, welches unabhängig von diesem Akt existiert. – Es ist klar, dass die Lehre vom sprachlichen Ausdruck, überhaupt die Sprache und ihre Struktur, in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle spielen muss. Husserl gibt eine philosophische Theorie der Grammatik, die zu seinen wertvollsten Leistungen gehört. Eine erste Eingangstür in das Denken Husserls ist zu finden in seinen

- Cartesianischen Meditationen

eine erweiterte Ausarbeitung zweier Vorträge, die Husserl in Paris gehalten hat. Den Descartesschen Zweifel noch radikalisierend, fordert Husserl als Anfang aller Philosophie das Aufgeben der «natürlichen Einstellung»; diese Einstellung besteht in der unausdrücklich vollzogenen Voraussetzung der Weltexistenz, die wir in allem theoretischen wie praktischen Leben ständig machen. Die Änderung dieser Einstellung besteht in der «Einklammerung» der Weltexistenz und aller mit ihr verbundenen Setzungen von Gegenständern jeder Art. Jeder Gegenstand, jeder Sachverhalt führt ja den «Horizont» der Welt mit sich, hat stillschweigend die Existenz der Welt zur Voraussetzung. Descartes – sagt Husserl – zweifelte an allen Gegenständen, nicht aber am Sein der Welt, und sein «Ich», das er aus dem Zweifel herausrettete, war etwas Innerweltliches, eine «res cogitans». Wir müssen den Descartesschen Zweifel übertrumpfen und mittels der «phänomenologischen Reduktion» den Glauben an das Sein der Welt zunächst ausschalten Was bleibt nach dieser «Einklammerung»? Es bleibt das reine Bewusstsein mit seinem «Weltmeinen». Alles, was wir bewusstseinsmässig vormeinen – sei es anschaulich erfahrend, vorstellen, denken, wertend -, nennt Husserl «Phänomen», und die Wissenschaft von diesem Bewusstsein heisst deshalb «Phänomenologie».

Erst mit der «Reduktion» bekommt das philosophische Denken
– nach Husserl – jenseits dessen, was Psychologie und Soziologie als «Bewusstsein» oder «gesellschaftliches Bewusstsein» erfassen, jenes Bewusstsein in den Griff, in dem der ganze Welthorizont und der Sinn aller gewussten Gegenstände sich aufbaut, sich konstituiert. Dieses Bewusstsein ist der schöpferische Quellgrund alles Seienden, das erscheint.

Nachdem Husserl insbesondere in den «Ideen» den Grund zu dieser neuen Philosophie gelegt hatte, galt sein Interesse vor allem zwei Dingen: einerseits dem Verhältnis der Phänomenologie zu den positiven Wissenschaften, insbesondere der Abgrenzung gegenüber der Psychologie, zum andern einer Fülle von konkreten Einzeluntersuchungen, die zum grossen Teil erst mit der Veröffentlichung seines Nachlasses ans Licht kommen.


3. Max Scheler, 1874-1928

Unter den unmittelbaren Schülern Husserls nimmt Max Scheler eine der stärksten Persönlichkeiten im deutschen Geistesleben dieses Jahrhunderts, die führende Stellung ein. Scheler war nicht nur Philosoph, sondern zugleich ein feinfühliger Psychologe und ein bedeutender Soziologe

- Wesen und Formen der Sympathie, 1923
- Probleme einer Soziologie des Wissens, 1924
und andere.

Philosophen an die Scheler in besonderem Masse anknüpft, sind Augustinus, von den neueren Nietzsche, Bergson, Dilthey, daneben sein Lehrer Rudolf Eucken (1846-1926), ein neu-idealistischer, dabei der Lebensphilosophie nahestehender deutscher Denker; vor allem jedoch Husserl, dessen Werk er weiterführt. Schelers philosophische Grundanschauung haben eine beträchtliche Entwicklung durchgemacht. Ausser einer ersten Periode, in der er noch von Eucken abhängig ist, lassen sich unterscheiden eine mittlere, in der Scheler überzeugter Christ und Theist ist, und eine letzte, in der er Theismus und Christentum verlässt und sich einer pantheistischen Auffassung nähert. Der mittleren Periode entstammen die Werke:

- Der Formalismus in der Ethik und die materiale Werteethik (1913/16)
- Vom Umsturz der Werte (1919)
- Vom Ewigen im Menschen (1921)

Schelers Einstellung in der dritten Periode ist ersichtlich aus dem Buche

- Die Stellung des Menschen im Kosmos (1928)

Sein früher Tod liess Scheler nicht mehr zur vollkommenen Ausführung der Gedanken dieses letzten Abschnitts kommen.

Scheler wendet die phänomenologische Methode der Wesensschau nicht nur auf die Erkenntnislehre an, sondern vor allem auf die Ethik, auf Kultur- und Religionsphilosophie, auf das Reich der Werte. Hier liegt seine eigentliche philosophische Leistung.

Menschliches Streben hat ein – nicht notwendig klar erkanntes – Ziel. In jedem Ziel liegt ein Wert. Der Mensch strebt immer nach Werten. Die Werte sind absolute, für sich bestehende, unveränderliche Wesenheiten. Veränderlich ist nur unsere Erkenntnis von ihnen und unser Verhältnis zu ihnen. Die phänomenologische Methode ermöglicht, die Werte inhaltlich (material) zu erfassen. Nur auf solchen inhaltlich erkannten, erfüllten, konkreten Werten kann man eine Ethik aufbauen. Scheler bekämpft den (Kantischen) Formalismus, welcher in der blossen Form (einer allgemeinen Gesetzgebung) das Prinzip der Ethik finden will. Er bekämpft ebenso jede Art von Relativismus gegenüber den Werten, sei es Subjektivismus, der die Werte auf den Menschen zurückführt, Lebensphilosophie, die die Werte dem Leben unterordnet, Historismus, der vor der Überfülle der in der Geschichte auftretenden Verhaltensweisen den klaren Massstab für die Werte selbst verliert.

Die Werte bilden ein unveränderliches Reich von Wesenszusammenhängen.
Es gibt positive und negative Werte. Es gibt niedere und höhere Werte… Der Begriff der Person hat bei Scheler eine zentrale Stellung. Person ist nicht identisch mit dem denkenden Ich. Zur Person gehören «Vollsinnigkeit, Mündigkeit, Wahlmächtigkeit». Die Person ist wesenhaft geistig. Der Geist ist ein von der Natur völlig verschiedenes und unabhängiges, ja ihr entgegenstehendes Prinzip. Ein Abgrund liegt zwischen beiden. Jeder Versuch, beide zu einer monistischen «Identitätsphilosophie» etwa im Sinne Schelling zusammenzubiegen, wäre ein unehrlicher Kompromiss. Das entspricht der Lehre von Ludwig Klages. Doch Scheler zieht daraus nicht dessen negative Folgerungen. Der Geist erst macht den Menschen frei, macht ihn unabhängig von der Fesselung an das organische Leben. So ist der Mensch einerseits als Lebewesen nicht nur aus dem Tier entstanden, sondern er ist ein Tier. Auf der anderen Seite ist der Mensch «das Wesen, das betet», ist Gottsucher, ist Geist, Person. Hierauf gründet sich Schelers eigentümliche Theorie der Liebe. Liebe ist nicht soziales Gefühl, nicht Mitgefühl, nicht Altruismus. Sie ist überhaupt kein Gefühl. Echte Liebe richtet sich immer auf eine Person. Mag man alle Werte einer geliebten Person zusammenzählen, sie können die Liebe nicht erklären. Es bleibt ein nicht begründbares Mehr, nämlich die konkrete Person des Geliebten, das wahre Objekt der liebe. Die höchst Form der Liebe ist die Gottesliebe, nicht als Liebe zu Gott, sondern als Mitvollzug von Gottes Liebe zu Welt durch den Menschen. Zitatende
 

wirena

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Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen «kleine Weltgeschichte der Philosophie» von Hans Joachim Störig


Die Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert
Hauptrichtungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts

V. Die neue Metaphysik


1. Allgemeines

Zitat: Die populärste Philosophie der Gegenwart ist zweifellos die Existenzphilosophie. Unter den Philosophen selbst scheint die neue Metaphysik des 20. Jahrhunderts sie jedoch bereits an Einfluss und Gewicht überflügelt zu haben; ja es sind Anzeichen dafür vorhanden, dass die Metaphysik beginnt, die Probleme und Gesichtspunkte der Existenzphilosophie in ihren Bau einzubeziehen. Ihre Vertreter kommen an geistigem Rang den Existenzphilosophen mindesten gleich. Dabei ist aber die Metaphysik, unter den Philosophen, eine viel breitere und verzweigtere Bewegung. Zitatende

(1.) Der Begriff Metaphysik im Sinne der Gegenwart darf nicht so verstanden werden, dass sie versucht, in den Bereich «jenseits der Physik» der Natur, der Erfahrung dadurch zu gelangen, dass sie die Erfahrung ausser Acht lässt und sich der Spekulation im luftleeren Raum ergibt. Andererseits will die Metaphysik aber über die Gegebenheiten der Naturwissenschaft hinausgelangen. Die heutigen Metaphysiker sind ausgesprochene Empiristen und lehnen eine apriorische Erkenntnis ab. Allerdings beschränken sie, im Gegensatz zum Neu-Positivismus, Erfahrung nicht auf äussere, sinnliche Erfahrung. Sie kennen neben ihr eine intellektuelle Erfahrung.

(2.) Zitat: «Ihre Methode ist, bei Unterschieden im Einzelnen, nicht intuitiv wie die der Lebensphilosophie und Phänomenologie, sondern rational, verstandesmässig, vernünftig.

(3.) Die heutige Metaphysik richtet ihr Bestreben darauf, das Seiende überhaupt zu erfassen. Nicht auf den blossen Phänomenen, unter Absehen von allem, was dahinter liegen mag (wie beim Neu-Positivismus), liegt das Gewicht; nicht auf dem Werden, dem nur erlebbaren Fluss des Lebens (wie in der Lebensphilosophie); nicht auf dem Wesen, den Wesenheiten (wie in der Phänomenologie). Sie ist Ontologie, Philosophie des Seins. Indem sie dieses Sein unmittelbar zu erfassen strebt, steht sie in der Gesamtrichtung der grossen realistischen und auf das Konkrete gehenden Bewegung im Denken unserer Zeit.

(4.) Die Metaphysik der Gegenwart hat einen synthetischen, allumfassenden, universalen Zug. Das gilt in einem doppelten Sinne: Es gilt einmal historisch im Hinblick auf die Denker und Gedanken, die aus der bisherigen Philosophie einwirken und einbezogen werden. Die Griechen, die Scholastik, die vorkantische Metaphysik und die neuere Philosophie werden herangezogen. Auch der Kritizismus Kants wird nicht einfach umgangen als ein unbequemer Stein, der einem Wiederaufleben der Metaphysik im Wege liegt. Diese Metaphysiker sind durch ihn hindurchgegangen, gehen nun freilich über ihn hinaus. Universal ist die neuzeitliche Metaphysik ferner darin, dass sie das Ganze des Seins und seine letzten Prinzipien zu umfassen sucht. Kein Bereich, keine Stufe des Wirklichen wird ausgelassen oder überbetont. Man sucht die einseitigen Verabsolutierungen früherer Epochen zu vermeiden.

Die Metaphysik der Gegenwart ist überreich an bedeutenden Köpfen. Wenigstens genannt seien unter den Deutschen der schon als Vitalist eingeordnete Hans Dreisch und Günther Jacoby (1881-1969), unter den Amerikanern George Santayana (1863-1946), Spanier von Geburt; unter den Franzosen, ausser den noch zu nennenden Thomisten, Louis Lavelle (1882-1951). Er gehört zu denjenigen, die die Existenzphilosophie in die Metaphysik einzubeziehen suchen. Endlich nennen wir Paul Häberlin (1878-1960), der von einem anthropologischen Ansatz ausgeht. Wenigstens mit ihren Werken und Grundgedanken vorgestellt werden sollen zwei Denker aus der angelsächsischen Welt und ein deutscher.


2. Samuel Alexander, 1859-1938
Samuel Alexander ist in Australien geboren, lebte und lehrte in England. 1920 erschien sein Hauptwerk

- Raum, Zeit und Gottheit

Zitat: Alexander hat in seiner Philosophie eine Reihe ganz verschiedene Einflüsse verarbeitet. Sein Werk ist nicht nur im Grundsätzlichen, sondern vielleicht noch mehr in Einzelheiten bedeuten. Kurze Stichworte können deshalb kein gerechtes Bild geben. Zwei Gedanken zu Alexanders neuen Metaphysik: Zitat:

Raum-Zeit. – Das Grundelement der Welt ist Raum-Zeit. Dies ist auch der Grundbegriff von Alexanders Metaphysik. Raum und Zeit sind ein einheitliches Ganzes. Jedes für sich genommen ist eine Abstraktion. Die Wirklichkeit setzt sich zusammen aus Raum-Zeit-Punkten. Raum-Zeit ist auch der Stoff, aus dem alles andere geformt ist. Das berührt sich, wie man sieht, eng mit der Relativitätstheorie, welche Raum und Zeit als ein «vierdimensionales Kontinuum» zusammengreift und die Materie und die Gravitation in Beziehung zur «Krümmung» des Raumes setzt. Alexander ist jedoch zu seiner Auffassung unabhängig von der Physik gelangt. Das zeigt einmal mehr, dass die Relativitätstheorie nicht unvermittelt dem Kope ihres Begründers entsprungen ist, sondern im Zuge der wissenschaftlichen und philosophischen Entwicklung lag.

Die Stufen des Seienden.Es gibt vier verschiedene Stufen des Wirklichen.

- Es gibt «Kategorien» die sich auf alle Stufen beziehen. Dazu gehört zum Beispiel nach Alexander die Raumzeitlichkeit.

- Es gibt «Qualitäten», die je einer bestimmten Stufe oder mehreren eigen sind. Die Qualitäten der untersten Stufen finden sich auch in den höheren wieder. Nicht aber umgekehrt: die höheren Stufen des Seins weisen Qualitäten auf, die gegenüber der vorhergehenden Stufe neu, nicht voraussehbar sind. Allerdings sind die Übergänge fliessen, kontinuierlich. Wie sich das «Auftauchen» (emergence) der höheren Stufen auf den niederen vollzieht, wissen wir nicht. Die unterste Stufe ist nach Alexander reine, qualitätslose Bewegung, noch ohne Materie. Die Materie erscheint erst auf der zweiten Stufe. Die Materie hat in sich wieder mehrere verschiedene Stufen.

- Die dritte Stufe ist das Leben. Das Leben ist Materie; alle Gesetze der Materie gelten hier, aber es ist ausserdem noch etwas mehr, das nicht aus der Materie zu erklären ist.

- Die vorläufig letzte und höchste Stufe ist das Bewusstsein, wiederum selbst in verschiedenen Stufen, am höchsten beim Menschen, ausgebildet. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die weitere Entwicklung Götter oder Engel hervorbringt, die ebenso hoch über uns Menschen stehen wie wir über den Tieren». Zitatende



3. Alfred North Whitehead, 1861-1947
Alfred North Whitehead war bis zu seinem 63. Lebensjahr Professor der Mathematik. Mit Russell zusammen veröffentlichte er die berühmten

- Principia mathematica.


Für die Philosophie, die er im Alter schuf, war diese Vorbereitung von grösstem Wert. Sein Werk ist die vollständigste philosophische Verarbeitung der Ergebnisse der Naturwissenschaften, die wir besitzen. Für seine Metaphysik sind grundlegen die beiden Werke

- Wissenschaft und moderne Welt (1926)
- Prozess und Wirklichkeit (1929)


Bei aller Vertrautheit mit Mathematik und Naturwissenschaft ist Whitehead kein «Szientist», für den es ausserhalb der Naturwissenschaft nichts Beachtenswertes gibt. Die Philosophie erfasst einen viel grösseren Bereich von Wirklichkeit als die Naturwissenschaften. Sie verwertet auch die Intuition des Künstlers, das religiöse Gefühl und ihre eigene Intuition. Es ist gerade Aufgabe des Philosophen, gegenüber der dogmatischen Verengung und Intoleranz der Wissenschaften auf Wirklichkeitsphänomene zu verweisen, die diese vernachlässigen. Eine Hauptaufgabe der Philosophie ist die Kritik der Abstraktionen. Eine Abstraktion liegt auch der modernen Naturwissenschaft zugrunde. Sie ruht auf einer Abblendung des unmittelbar Wirklichen. Indem sie etwas scharf sehen will, muss sie vieles andere übersehen. Das ist die «Täuschung des verstellten (verdeckten) Konkreten», welche die Philosophie aufzudecken und aufzuheben hat.

Wie muss die Philosophie vorgehen, um das Ganze der Wirklichkeit zu fassen? Die bisherigen philosophischen Systeme haben in erster Linie vorgemacht, wie sie nicht vorgehen darf.
Sie stellen durchweg verfehlte Versuche dar, die Wirklichkeit mit allgemeinen Kategorien wie Subjekt und Objekt, Substanz und Qualität und anderem zu erklären. Verfehlt ist das aus zwei Gründen: Man trennt das Subjekt vom Objekt, das Bewusstsein von den Gegenständen, die es erfasst; man komplimentiert das Bewusstsein aus der «Welt» hinaus, in die es aber hineingehört. Zweitens, bei einem solchen Versuch «kommt es immer zu einer Vergewaltigung unseres unmittelbaren Erlebens, wie es in unseren Handlunge, unseren Hoffnungen, unseren Sympathien und unseren Zielsetzungen zum Ausdruck gelangt. Der Versuch, die Welt mit allgemeinen Kategorien beschreibend zu erklären, vernachlässigt den Erlebnischarakter der Welt, die Tatsache, dass wir in unseren Hoffnungen, Plänen und so weiter handgreiflicher an die Realität geraten als bei blosser Beschreibung. Lässt sich ein Begriff von Wirklichkeit finden, dem diese Schwächen nicht anhaften? Er müsste die Zweiheit von Subjekt und Objekt und auch die von «objektiver Tatsache» und Gefühl vermeiden. Es müsste ein Begriff des Seins sein, der Subjekt und Objekt, Vergängliches und Dauerndes, Privates und Öffentliches, Punktuelles und Allgegenwärtiges vereint. Eine solche Wirklichkeit könnte offenbar kein totes Ding sein, sondern nur etwas Dynamische, ein Ereignis. Ereignis (event) nennt Whitehead auch tatsächlich die einzelnen Elemente des Seins. Er nennt sie auch «real seiende Wesenheit» oder «real seiender Moment».

…Jede real seiende Wesenheit fasst in sich das ganze Universum zusammen.
Seine Vergangenheit ist in ihm enthalten, seine Zukunft ist in ihm angekündigt und vorgebildet. Ferne ist gleichsam die ganze gegenwärtige Welt der anderen Ereignisse in ihr mit gegenwärtig, in ihr durch ihre Wirkung vertreten. Diese Tatsache der Wechselwirkung aller Ereignisse untereinander nennt Whitehead, auf den ersten Blick etwas befremdlich, «Gefühl». Die Ereignisse haben eine «Vektor-Qualität». Das heisst, sie deuten über sich hinaus, sie dringen in andere Wesenheiten ein. Die einzelne Wesenheit erfühlt alle anderen. Das braucht nicht bewusst zu sein, kann aber bewusst sein. Bewusstsein ist also die Tatsache, dass eine Wesenheit in einer anderen gegenwärtig ist. Das ist auch das Wesen der Erkenntnis. Erkenntnis ist also eine unmittelbare Beziehung zwischen Erkennendem und Erkanntem.

Anmerkung von mir: das erinnert mich an den in der Physik beschriebenen Beobachtereffekt - z.B. im Doppelspaltexperiment -


Das ist der schärfste denkbare Gegensatz zum Standpunkt Kants. Bedeutsam ist ferner, dass Erkenntnis hiernach die Beziehung einer einzelnen Wesenheit zu anderen individuellen Wesenheiten ist. Erkenntnis durch allgemeine Begriffe, durch Universalien, gibt es zwar auch, aber sie ist zweitrangig. Diese Verlegung des Akzents auf das Einzelne, Konkrete ist ein ebenso entschiedener Bruch mit der Tradition der früheren Philosophie. Sie liegt offenbar im Zuge der geistigen Entwicklung der Gegenwart. Bis hierher könnte man Whiteheads «Ereignis» in etwa mit de Leibnizschen Monade vergleichen. Auch in den Monaden wird ja das ganze unendliche Universum gespiegelt. Aber Whiteheads Ereignis ist nichts Dauerndes. Es ist nur ein «Pulsschlag» des Seienden, eben ein «Moment». Das Ereignis ist sterblich. Sein Dasein endet schnell. Es wird im gleichen Zuge unsterblich, indem es sich «Vererbt», das heisst in anderen, nachfolgenden Ereignissen weiterwirkt.

Anmerkung von mir: für mein Erleben ist das eine Beschreibung der Evolution


Alle Dinge, Lebewesen und so weiter sind in bestimmter Ordnung aus einzelnen real seienden Momenten zusammengesetzt. Diese Seite des Whiteheadschen Begriffs erinnert uns an das Dharma der Buddhisten. Man könnte also, um eine schlagwortartige Formel zu gebrauchen, sagen, der Whiteheadsche «real seiende Moment» sei eine Kreuzung zwischen der Leibnizschen Monade und dem buddhistischen Dharma.

Ein zweiter Gedankengang Whiteheads muss noch herangezogen werden, damit nicht ein ganz falsches Bild entsteht. Wir können auch dabei zum Vergleich an die buddhistische Lehre vom Dharma denken. Ist auch das Sein ein Strom der Vergänglichkeit, in welchem Dharmas wie Wellen im Meer momentan auftauchen und wieder vergehen, so ist es doch von einer strengen Gesetzmässigkeit beherrscht, die sogar für das moralische Gebiet gilt (und ihren Ausdruck in der Wiedergeburt findet). Auch für Whitehead ist die Welt keineswegs ein willkürliches Konglomerat von einzelnen Ereignissen. Sie ist beherrscht von logischen Gesetzen und ästhetischer Harmonie. Das lässt sich zwar nicht wissenschaftlich beweisen, ist vielmehr ein «Glaube», der aller Wissenschaft schon zugrunde liegt und sie erst ermöglicht. Es ist aber kein blinder Glaube. Die Gesetzmässigkeit der Welt ist unmittelbar evident. Ist die Tatsache, dass dieses oder jenes «Ereignis» hier oder dort auftritt, nicht zufällig, sondern begründet, so muss sie erklärt werden können. Dazu sind drei Annahmen nötig.

Erstens muss das, was wirklich wird, möglich sein
. Es muss eine reine objektive Möglichkeit geben, ewige Gegenstände (eternal objects). Dies sind die Ideen im Sinne Platons. Sie sind zeitlos und als reine Möglichkeiten nicht wirklich. Eine solche Idee ist zum Beispiel die Eigenschaft «blau». «Blau» als ewiges Objekt betrachtet ist nichts Wirkliches. Wenn wir die Eigenschaft «blau» hier und jetzt an einem Gegenstand bemerken, so ist das nur ein «Fall von Bläue». Es ist eine «Ingression», ein Eindringen der ewigen Möglichkeit in ein reales Ereignis.

Zweitens muss es einen blinden schöpferischen Drang geben (creativity
), vergleichbar dem «Lebensschwung» Bergsons, als allgemeine Treibkraft des Werdens.

Drittens aber muss es, damit das an sich uferlose, unbestimmte, fliessende Werden hier und jetzt in einem konkreten Ereignis Gestalt gewinnen kann, ein Prinzip der Begrenzung (Limitation) geben, welches bestimmt, was und in welcher Form es erscheinen soll. Dieses Prinzip ist Gott.

So ist jedes Ereignis in einem noch höheren Sinne als vorhin beschrieben eine Synthese des ganzen Universums. In ihm sind die ewigen Objekte im konkreten Fall verwirklicht; in ihm ist der schöpferische Drang des Werdens wirksam; und in ihm ist Gott wirksam als die Kraft, die es begrenzt und seine konkrete Bestimmtheit ermöglicht. Zitatende
 



 
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