Tagebuch

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Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Zu Hause kam wieder die aktuelle Realität. Meine mutter hatte heute früh vergessen, ihren Pullover anzuziehen, ehe sie zur Tagespflege ging. Die riefen meine Schwester an, die sich darüber sehr aufregte und persönlich beschuldigt fühlte. Sie knallte natürlich den Hörer auf und will den Pflegedienst wechseln.
Statt sich mit den Leuten dort zu verständigen, gibt es Krach.

Meine Mutter wird stärker dement. Wenn sie es nicht mehr selbst schafft, müssen wir eben den Pflegedienst mit mehr Aufgaben betrauen. Dauernt wechseln bringt nichts.
Ich hatte noch nie irgendwelche Probleme mit den Leuten vom Pflegedienst. Meine Schwester hat dauernd welche. Und wenn sie mit mir länger als ein paar Minuten zusammen ist, regt sie sich eben dann über mich auf. Mit meiner Frau hat sie sich so böse verkracht und sie beleidigt, so dass ich nun Versuche, Treffen der beiden auf ein Minimum zu reduzieren. Auf der positiven Seite steht, dass sie sich sehr um unsere Mutter kümmert ...

Schwer ist es immer zu enträtseln, was sie meint. Es ist schwierig. Mit niemand anderem habe ich solche Probleme.

Sie verträgt nichtmal Lob. Und versucht ständig, sich zu bestrafen.

Ich kann ihr nicht helfen.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Seit einer Woche ist meine Mutter krank. Es war eine schwere Bronchitis und meine Schwester und ich haben uns wahrscheinlich angesteckt.
Ich bin seit Sonnabend bei meiner Mutter (Ausnahme gestern Abend bis heute Nachmittag) und bleibe bis Sonnabend dort.
Sie hatte sehr schlimmen Husten und sagte immer: Bernd, ich sterbe ...
Ich sagte: Du bist noch nicht dran. Ich rieb ihr den Rücken mit Franzbranntwein ein und die Brust mit Hustenbalsam. Dann rief ich den Notarzt an. Ich hatte den Verdacht; Lungenentzündung. Das war es aber nicht. Der Notarzt meinte, ich habe alles richtig gemacht. Und es würden sich nicht mehr viele um ihre Eltern kümmern. (Das glaube ich aber nicht. Ich denke, fast alle würden es tun.)
Dann übernahm mein Bruder für einen Tag und meine Schwester bis zum Wochenende. Mein Bruder fuhr mit seiner Frau in Urlaub.
Ich hustete mit meiner Mutter um die Wette. Anstecken würde ich sie ja nicht, denke ich.
Langsam besserte es sich.
Heute war meine Schwester mit ihr beim Arzt,
Meine Mutter hat Metastasen. Es geht also dem Ende zu, wie lange das ist, kann kein Mensch sagen.
Wir werden versuchen, ihr das restliche Leben so schön wie möglich zu machen. Sie braucht nur noch zu machen, was sie möchte. Sie kann alles essen, was sie möchte. (Wenn es nur nicht immer nichts wäre.)

Jetzt ist die Zeit der Palliativmedizin. (Vor zwei Jahren war das auch schon mal, da kam sie aber wieder heraus.)

Wir können jetzt nur das Beste aus der Situation machen.

In einer Richtung ist es gut, dass ich krankgeschrieben bin. Wenn ich auch lieber gesund wäre.
Auf Arbeit gehen und die anderen anstecken ist nicht meine Sache.

Viele Grüße von Bernd
PS: Ich bin noch in der Leselupe aktiv, nur im Moment nicht so oft, wie gewohnt.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Meiner Mutter geht es sehr schlecht. Die Bronchitis ist praktisch vorbei, aber sie hat sie sehr geschwächt. Der Arzt meinte, es könne sehr schnell gehen, aber auch noch einige Zeit dauern.

Sie isst und trinkt fast nicht mehr.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Es geht meiner Mutter wieder ein kleines bisschen besser. Heute war ihr Urenkel aus Leipzig zu Besuch, zusammen mit seiner Mutter, meiner Nichte.
Mein Bruder war auch da. Sie hat Harmonika gespielt und dabei gestrahlt. Das ist eine sehr gute Sache. Unter anderem Nacht am Laganer See, Stenka Rasin, einige Volkslieder. Am Anfang war sie sehr schwach, aber irgendwie gab ihr die Musik Kraft.

Ich bin immer noch krank, bei mir hat es sich jetzt etwas verstärkt. Ich fühle mich schlapp, huste herum und habe Kopfschmerzen.

Meine Schwester hat morgen und übermorgen ihre freien Tage gestrichen bekommen und hat Frühschicht.

Vielleicht löst mich mein Bruder mal über das Wochenende ab und kommt morgen bis übermorgen. Er ist heute aus dem Urlaub zurückgekommen und war auch mit zu Besuch.

Eigentlich will er morgen nach Leipzig fahren und auf einer Baustelle helfen.

Meine Frau unterstütz mich sehr. Sie war auch krank, hat es aber auskuriert, als sie Urlaub hatte. Ich war kaum dort, das ist auch nicht so leicht.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Es ist die Zeit, in der man sich freut, den Stoma-Beutel leeren zu können.
Es ist die Zeit, in der man sich freut, wenn man nachts vier bis sechsmal geweckt wird.
Bernd, was muss ich denn jetzt machen?
Du kannst noch schlafen. Bis morgen früh.
Es ist die Zeit, in der man sich freut, dass das Laufen noch geht.
Fernsehserien, in Youtube. Rosenheimcops.
Fünfmal Schneeweißchen und Rosenrot (die Neuverfilmung).
Die Schmerzen rührten vom Dekubituspflaster, das falsch aufgeklebt war uns sich zusammengerollt hatte. Erleichterung. Das Schmerzmittel braucht nicht verstärkt zu werden.
Jogurth - eine wunderbare Erfindung.
 

Haremsdame

Mitglied
Hallo Bernd,
auch wenn ich hier kaum noch aktiv bin, schaue ich ab und zu noch rein. Dein Beitrag berührt mich, weil meine Mutter ähnliches durchmacht ... Ich wünsche Dir viel Kraft und Durchhaltevermögen.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Vielen Dank.
Ich wünsche Haremsdame auch viel Kraft.
Meine Schwester löst mich regelmäßig ab, mein Bruder jetzt auch. Nur hat meine Schwester die folgende Woche Frühschicht. Da muss ich dann dableiben. Ihr Dienst beginnt 6 Uhr. Mein Bruder will abe nächste Woche freinehmen. Und meine Schwester wird auch mehr frei haben.
Mein Bruder hat den Ernst erst letzte Woche begriffen.

Bis vor vier Wochen hat es noch ganz gut geklappt, meine Mutter war 3 Tage in der Woche in der Tagespflege.

Jetzt ist rund-um-die-Uhr nötig.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Es gibt einen leichten Aufschwung. Meine Mutter hat sich etwas stabilisiert, ist aber sehr schwach.
Sie hat ein kg zugenommen.

Meine Arbeitssituation ist weiterhin prekär. Ich bin seit einer Woche wieder dort, ignoriere den anhaltenden Husten. Gestern bekam ich eine Einladung vom Arbeitsamt, weil die Arbeit Ende März ausläuft, wenn kein Wunder geschieht.

Na ja, dann werde ich halt mehr Zeit haben. Jedenfalls ist die Masse an prekären Arbeitsverhältnissen ein Ergebnis der "Reform"-Politik von Schröder mit seiner Hobby-Agenta. Keine festen sondern nur noch "verlängerte" Arbeitsverhältnisse für viele. Angst selbst bei fester Arbeit ...
Wert der Arbeit auf ein Euro/Stunde gesunken, wenn man erstmal arbeitslos ist. Schluss mit 63 - dabei soll es ja angeblich bis 67 gehen.
Ich werde mal fragen, ob ich eine Ausbildung machen kann.


Warten wir erstmal ab. Es ist ja noch nicht April. Ich blicke zwar in den Abgrund, bin aber noch nicht drin.
Am schlimmsten für mich ist der Hohn, der aus der Agenta spricht, die Entwürdigung.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich habe im Radio einen Bericht gehört, das war gestern, dass viele über viele Jahre nur jeweils vierteljährliche Verlängerungen bekommen. Was das aus den Menschen macht, wurde auch gesagt. Es führt zu Burnout und zu Dauerstress und Unsicherheit. Im Alter, wenn Familien gegründet werden, entfällt eine Generation an Kindern.
Geändert werden wird aber an dieser Errungenschaft von Schröder nichts werden.
 
A

aligaga

Gast
Geändert werden wird aber an dieser Errungenschaft von Schröder nichts werden.
Falls du Hartzvier meinen solltest, o @Bernd: Schröder kann daran nichts mehr ändern, der ist mit Putin beim Gazprommen.

Vielleicht meintest du ja Herrn Schulz? Und gleich dreimal "werden" in einem einzigen Hauptsatz, ist das nicht ein bisschen arg viel?

Rimbalzante

aligaga
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Arg viel ist es hier nie nicht gewesen.

Arg viel ist die Hilflosigkeit, mit der ich der Krankheit meiner Mutter zusehe.
 
A

aligaga

Gast
Oh, Entschuldigung!

@Ali dachte, du wolltest uns mit
Ich habe im Radio einen Bericht gehört, das war gestern, dass viele über viele Jahre nur jeweils vierteljährliche Verlängerungen bekommen. Was das aus den Menschen macht, wurde auch gesagt. Es führt zu Burnout und zu Dauerstress und Unsicherheit. Im Alter, wenn Familien gegründet werden, entfällt eine Generation an Kindern.
Geändert werden wird aber an dieser Errungenschaft von Schröder nichts werden.
etwas über Hartz4 mitteilen.

Dabei wolltest du nur mitteilen, wie schlecht es deiner Mutti und dir geht. Sorry, dass @ali das nicht sofort erkannt hat und so herzlos kommentierte. Um diesen Fehler in Zukunft zu vermeiden, wird er deine Texte nie mehr kommentieren. Versprochen!

Dir und deiner Mutti alles Gute!

aligaga
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Über das Radio wollte ich auch etwas mitteilen, es geht über Hartz IV weit hinaus, denn es betrifft junge Leute, die Lehre oder Studium abgeschlossen haben.

Meine gegenwärtige persönliche Situation ist für mich verwirrend.
Ich war auch mehrmals befristet tätig, jedes mal Angst.
Jetzt habe ich keine Zeit oder Nerven für Angst.
Das Tagebuch zeigt es vielleicht.

Der Weg zur Toilette wird immer aufregender.
Nachts: Bernd, ich weiß gar nicht, was los ist.
Mutti, Du kannst noch schlafen, es ist erst zwei ...
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Meine Mutter sagte heute früh: "Ich bin tot."
Ich sagte: "Du bist noch nicht tot."
Wir unterhielten uns noch kurz über Tod und Sterben.
Sie schläft sehr viel. Vor Allem am Tag. Nachts wacht sie dann immer auf. "Bernd, ich weiß gar nicht, was los ist." "Es ist zwei Uhr nachts. Du kannst jetzt noch schlafen ..."
"Es ist drei Uhr nachts. Du kannst jetzt noch schlafen ..."
"Es ist halb Vier. Du kannst jetzt noch schlafen ..."
"Es ist fünf Uhr. Du kannst jetzt noch schlafen ..."
...
"Es ist dreiviertel sechs. Du kannst jetzt noch schlafen ...
In einer Stunde kommt der Pflegedienst."
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Sprüche, die mir meine Mutter gelernt hat:

Ich sitze hier und schneide Speck,
und wer mich lieb hat, holt mich weg.

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(2 Lieder)


Scheint die liebe Sonne am Bache so heiß,
kommt ein kleiner Junge zum Bache und ...
scheint die liebe Sonne am Bache so heiß,
kommt ein kleiner Junge zum Bache und ...
scheint die liebe Sonne am Bache so heiß,
kommt ein kleiner Junge zum Bache und ...

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Ich hab ka Glück, ich hab ka Freid,
ich hab an Bandelwurm im Leib.

Und trink ich mal a Glaserl Bier,
dann trinkt mei Bandelwurm mit mir.

Und küss ich mal a hübscha Maid,
dann hat mei Bandelwurm sei Freid.
 

ENachtigall

Mitglied
Ich hatte tatsächlich mal einen Bandwurm. Meine Schwester fand das ganz ekelig und machte ein Mordsgeschrei durchs ganze Haus. Das war mir peinlich. Sonst hatte ich davon nichts mitgekriegt. An sich war er ja ein unauffälliger Untermieter ... Danach musste er natürlich ausziehen.

Die Verse aus Kindertagen wirken ein Leben lang. Sie beruhigen in Krisenzeiten, vermitteln Geborgenheit und sind gute Tröster.
Es tut gut, sich ihrer zu erinnern.

Liebe Grüße von Elke
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Danke Elke. Das ist interessant.

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Seit etwa zwei Wochen kann meine Mutter nicht mehr laufen, seit etwa einer Woche nicht mehr stehen.
Wir pflegen sie, so gut wir können. Wir, das sind meist meine Schwester und ich.
Mein Bruder kommt auch ab und zu, aber es ist immer völlig unplanbar. Ich habe ihn gebeten, mal die Zeit abzustimmen, weil ich zur Physiotherapie muss, da hat er gesagt, er hat schon wieder so einen Hals. Ich habe ihn gefragt, was er damit meine. Da hat er gesagt, er habe gar keine lust mehr, mit mir zu reden. Da habe ich mich dann eben verabschiedet. Er setzt andere Prioritäten, wie Bad ausbauen. Seine Frau ist krank, das hat hohe Priorität, das verstehe ich, meine ist aber auch krank. Das interessiert ihn aber nicht.
Er sagte, eigentlich müsste unsere Mutter in ein Heim, da würde sie besser versorgt. Ich habe da eine andere Meinung, ein Heim kann die Pflege innerhalb der Familie kaum ersetzen.
Vor ein paar Tagen ist er ja gekommen, um zu helfen.
Ich war gerade dabei, Mutti zu füttern, als er kam. Da sagte er: "Der Teppich muss raus" und fing gleich an, zu rücken und zu rammeln und Staub zu saugen. Dass Mutti gerade Mittag aß, interessierte ihn nicht. Ich wollte ihm erzählen, was zur Zeit los ist, das fasste er als Affront auf: Er sei ja auch schon ein paarmal dagewesen. Ich wollte, dass er mit mir zusammen Mutti umdreht, weil das für sie weniger schmerzhaft ist, die Kraft verteilt sich besser. Nein, das machte er allein. Ich verstehe ihn nicht. Er sagt: Wenn Hilfe gebraucht wird, sei er da. Damit meint er aber offensichtlich mechanische Hilfe, wie Fernseher besorgen. Er sagte, wir würden die ganze Zeit nur bei Mutti rumsitzen. Das hätte ich nie von ihm erwartet. Er versteht auch nicht, dass Mutti Nähe braucht. Ich habe ihn gebeten, meine Merkzettel auf dem Tisch liegen zu lassen. Das war ihm aber eine zu große Unordnung und er räumte sie weg. Er versteht einfach auch nicht, dass ich Gedächtnisprobleme habe.
Wenn ich mir etwas merken soll, muss es wiederholt werden. Jedenfalls hat er keine Lust, mit uns Zeiten abzusprechen, ihm sind andere halt egal. Es kann auch nach Absprachen Änderungen geben.
Man kann nicht drumrum reden, Mutti liegt im Sterben. Vielleicht ist das die eigentliche Ursache. Aber als Mutti vor fünf Jahren krank wurde, sagte er: Wir haben ja noch einen Joker für die Pflege, das ist Kerstin. Meine Schwester hat Eigenheiten und ist oft wütend, aber sie hilft Mutti. Am Anfang wollte sie sich auch nichts abnehmen lassen. Seit ein paar Jahren teilen wir uns die Aufgaben aber ganz gut. Nur meine Fra wurde von meiner Schwester vergrault. Jedesmal macht sie Stunk. Anfangs dachte ich, meine Frau übertreibe, aber sie hat das nicht getan.

Ich habe den Pflegedienst gefragt, wie es mit dem Heim stehe. Er sagte, die Pflege zu Hause hat meiner Mutter ein viel besseres Leben ermöglicht. Im Heim wäre sie wahrscheinlich schon lange tot.
Ein Freund von mir hatte seinen blinden Vater in ein Heim gebracht, zwei Wochen später war er gestorben. Der Pfleger sagte, gerade Blinde brauchen gewohnte Umgebung.

Die Psychische Belastung in der "Endpflege" ist extrem. Ich habe jetzt Physiotherapie in der Nähe von Mutti und hoffe, dass es klappt. Ich muss sie dann etwa eine Stunde allein lassen, das kann kurz aber auch sehr lang sein.
Ich habe es etwas aufgeschoben, aber brauche es. Gegen Rückenschmerzen.

Meine Geschwister finden den Pflegedienst sehr schlecht. Ich verstehe es nicht. Ich komme mit allen Pflegern gut aus, und sie helfen, wenn sie können und man sie bittet. Der Pfleger meint, meine Schwester sei durch die Umstände sehr angespannt, deshalb nehme er die Ausbrüche nicht so ernst.

Da dieser Teil sehr privat ist, stelle ich ihn in den internen Bereich.

Glück habe ich mit meiner Frau, die mich echt sehr unterstützt.

Heute Nachmittag übernimmt wieder meine Schwester.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Heute früh, gegen 8:45, ist meine Mutter leider verstorben.
Wahrscheinlich war es eine Erlösung für sie.
Nach langer schwerer Krankheit hat es sich in kurzer Zeit sehr verschlimmert. Am Montag begann dann der Sterbeprozess.
Dann wurden alle Medikamente abgesetzt, sie aß nichts mehr und trank nichts mehr, außer ein paar Tropfen. Meine Geschwister und ich, wir lösten uns in der Pflege ab. Gestern Abend war das letzte Mal, dass ich meine Mutter lebendig gesehen habe. Ich habe Ihre Hand gehalten und Handharmonikamusik über YouTube vorgespielt. Meine Mutter spielte immer sehr gern Handharmonikamusik. Ich merkte sofort, wie sie ruhiger wurde. Von Zeit zu Zeit hob sie ihre Arme und machte eine Art dirigierente Bewegung, sie bekam also etwas mit. Ob sie schlief oder wachte - wer vermag es zu sagen. Gegen 9 Uhr wachte sie jedenfalls nochmal auf und sagte, kaum verständlich "Bernd". Ich gab ihr in ganz kleinen Dosen noch ein wenig zu trinken. Sie sollte sich ja nicht verschlucken. Gegen halb Zehn kam dann meine Schwester und löste mich ab. Heute wäre ich wieder dran gewesen. Im Moment mache ich Totenwache. Ich habe dazu nochmal Handharmonika-Musik eingestellt, damit alles würdig ist.
Morgen wird sie dann abgeholt.
Heute waren ihre Kinder, ihre Schwiegertöchter und einige Enkel da, um sich zu verabschieden.
Morgen müssen wir nochmal ins Bestattungsinstitut, um die restlichen Formalitäten abzuwickeln.

Jetzt ist es nun so.

Vor ein paar Wochen hat sie gesagt: "Bernd, ich bin tot." Ich: "Mutti, du bist noch nicht tot." Sie: "Doch, ich bin tot. Wo ist der Sarg? Ic h muss doch in den Sarg. Und jetzt ist doch der Leichenschmaus." Ich sagte: "Mutti, wir sind hier im Wohnzimmer, und du lebst noch. Da können wir noch keinen Leichenschmaus machen." Sie sagte: Doch, ich bin doch tot." Dann schlief sie wieder ein. Als sie aufwachte, sagte sie: "Bernd, ich war tot, aber jetzt bin ich wieder lebendig." Ich fragte: "Wie war das, als du tot warst?" Sie sagte: "Ganz seltsam." In dieser Zeit konnte sie noch laufen und Harmonika spielen.
Sie brachte mir einige Sprüche bei. Zum Beispiel: "Statt schlechter wird immer schlimmer."
Das ist einer der Sprüche aus ihrer Heimat.

Wenn wir mal strittet, sagte sie "Vertragt euch fei!"

"Fei" ist eins der Wörter, das sie oft verwendete, und mein Neffe hat mich heute daran erinnert.

Eines schwere Aufgabe war heute, den Verwandten und Bekannten Bescheid zu geben.

Es ist immer plötzlich, auch wenn man den Tod erwartet.
 

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