Durst
Auvillar – Lectoure, Donnerstag, 11. Juni 2009
Ich öffne die Läden. Vom Licht geblendet und Morgenfrische durchrieselt rinnt neues Leben in die Gefäße, ein starkes Gefühl, das sich von der tiefstehenden Morgensonne und der taufrischen Luft speist! Ich wische die Schläfrigkeit aus den Augen. Heute steht ein langer Tag vor uns. 36 Kilometer nach Lectoure auf 9 Stunden gedehnt sind ein langer Weg und kein Pappenstiel, und ich ahne noch nicht, mit welchen Gedanken, Schmerzen oder Glücksmomenten man am Abend ankommen wird.
Vom Frühstück reichlich gestärkt und mit schönen Gedanken im Gepäck verlassen wir Auvillar. Ein Strauß von heiteren Düften erfüllt die klare, durchsonnte Atmosphäre. Die Gascogne riecht nach Sonnenblumen, Mais, Getreide, Melonen, Knoblauch und Wein. Letzteren verfeinern man hier ins Hochprozentige, in das Gold des Armagnacs. Vor allem aber sind es die Rosen, diese dunkelroten herabstürzenden Kaskaden über den Mauern, die ihr Aroma verschwenderisch im Strauß der Düfte einstreuen. Doch der Tag ist noch jung. Am Nachmittag wird er nach Staub, Schweiß, und Salz schmecken.
Hinter St. Antoine verliert sich die Gascogne in sanften Wellen über Hügel und Täler hinweg ohne nennenswerte Höhenzüge. Wir gehen lange Zeit auf heißem Asphalt. Tief im Nirgendwo steckt ein zitronengelber Renault hilflos in einem ausgetrockneten Straßengraben. Hermes, der hiesige Postbote, hat sich verschätzt und die Kurve nicht ganz erwischt. Die Räder greifen ins Leere, während der Motor sein klagendes Lied in die sommerliche Stille jault. Es ist ein Bild des Jammers in der sonnendurchglühten Einsamkeit der Gascogne. Luc heißt der Pechvogel am Steuer. Ratlos steht er neben seinem Fahrzeug. Sein Blick verrät die Hoffnung, dass die drei herannahenden Pilger mehr zu bieten haben als gute Ratschläge.
„Bonjour“, ruft er und deutet resigniert auf den Renault.
„Das sieht nicht gut aus“, stellt Wolfgang mit jener überflüssigen Präzision fest, die in solchen Augenblicken besonders hilfreich ist.
Luc versteht die Worte vermutlich nicht, wohl aber ihren Sinn.
Mit vereinten Kräften stellen wir uns hinter den Wagen. Ein kurzer Zuruf, ein kräftiger Schubs, dann noch einer. Die Räder greifen, Erde spritzt auf, der Renault macht einen Satz nach vorn und klettert zurück auf festen Grund.
Luc strahlt. Seine Erleichterung ist größer als unser Verdienst. Händeschütteln, Schulterklopfen, ein paar französische und deutsche Worte, die niemand vollständig versteht, und doch verstehen alle alles. Für einen Augenblick herrscht jene unkomplizierte Völkerfreundschaft, die entsteht, wenn Menschen einander aus kleinen Notlagen helfen.
Der Postbote fährt davon, wir schultern unsere Rucksäcke und setzen den Weg fort. Zurück bleibt nur eine Reifenspur im Staub und das gute Gefühl, heute ausnahmsweise einmal nicht selbst die Hilfsbedürftigen gewesen zu sein.
Wir erreichen Miradoux, einen Ort, dessen Name so klingt, wie der Refrain einer alten französischen Melodie. Die Häuser ducken sich friedlich in die Nachmittagssonne, und über den Gärten liegt jene behäbige Ruhe, die kleinen Landstädtchen eigen ist. Am Ortsrand tritt uns ein alter Herr entgegen. Eine Baskenmütze beschirmt sein wettergegerbtes Gesicht. Vor sich hält er einen Korb voller Kirschen, dunkelrot, glänzend und verführerisch wie kleine Edelsteine. Wortlos reicht er uns die Früchte unter die Nase. Der Duft allein genügt.
„Da haben wir keine Chance“, stellt Wolfgang fest.
„Wogegen?“, fragt Erika.
„Gegen die Vernunft.“
Natürlich kann man nicht widerstehen. Für ein paar Münzen wandern die süßen Früchte in unsere Taschen und von dort fast unmittelbar in unsere Münder. Der alte Herr lächelt zufrieden. Wir ziehen weiter, kauend, spuckend und Kirschkerne über die Landstraße verteilend wie eine kleine Pilgerkarawane, die ihre Spur nicht mit Brotkrumen, sondern mit Obst hinterlässt.
Es ist Mittagszeit. Das Blau des Himmels ist ausgeblichen und flimmert über der schattenlosen Flur. Die Sonne steht hoch und schwer über dem Land. Jeder Schritt wirbelt Staub auf. Hinter mir nähert sich mit erstaunlichem Tempo ein Hüne. Sein Rucksack wirkt wie ein halber Hausstand und wiegt gewiss dreißig Kilo, wenn nicht mehr. Der schwarzgelockte Kerl hinkt ein wenig, und dennoch würde er mühelos an mir vorbeiziehen. Ich nutze die Gelegenheit und verwickle ihn in ein Gespräch.
„Where are you from?“
„Christchurch. South Island.“
Er spricht die Worte mit hörbarem Stolz aus, als gäbe es keinen schöneren Ort auf der Welt. Vielleicht gibt es den auch nicht.
„New Zealand?“
Er nickt.
„Long way from home.“
„Very long way“, lacht er.
Sein Name ist Gordon. In seinen Gesichtszügen und seiner ruhigen Freundlichkeit schimmert Maoriblut. Er erzählt von einem Tagesziel weit hinter Lectoure. Sein Rückflug von Santiago sei in vier Wochen und da müsste er sich sputen. Ich blicke auf seinen Rucksack.
„And you carry all this? “
„Everything I need. “
Er grinst. „And some things I probably don't need. “
Da sind wir uns sofort einig. Ein paar Minuten gehen wir gemeinsam. Dann wird sein Schritt länger. Der große Neuseeländer zieht davon, als hätte er die Hitze mit einem Privatabkommen ausgesöhnt.
„Good camino! “
„Buen camino, Gordon! “
Wenig später ist er nur noch eine Gestalt auf der weißen Straße. Wir werden ihn vermutlich nicht wiedersehen.
Gerade auch das gehört zum Zauber des Jakobswegs: Menschen tauchen für einen Augenblick aus allen Winkeln der Welt auf, begleiten einen ein paar hundert Meter oder ein paar Stunden und verschwinden dann wieder hinter dem nächsten Hügel.
Nach einer kurzen Rast in Castet-Arrouy folgen wir einem von Buschwerk gesäumten Bachlauf. Bis Lectoure sind es noch immer zehn Kilometer, rund zweieinhalb Stunden auf der Uhr. Doch schon von weitem grüßt uns oben auf der Kammlinie die Silhouette der Stadt. Allein ihr Anblick verleiht den müden Beinen neuen Schwung.
Es ist heiß geworden. Schatten gibt es nur noch spärlich. Rechts und links des Weges erstrecken sich Knoblauchfelder. In endlosen Reihen stehen die Pflanzen auf den Äckern, und hoch über allem thront eine gnadenlose Sonne. Erika schwächelt. Wir brauchen unbedingt Wasser, und unsere Trinkflaschen sind leer. Da, mitten im Knoblauchland, entdecken wir einen einsamen Hof. Frohgemut steuern wir ihn an. Wasser! Allein das Wort besitzt inzwischen eine beinahe religiöse Bedeutung. Das Anwesen wirkt verlassen. Kein Mensch ist zu sehen. Bis auf ihn, den Wächter. Ein schwarzer Labrador liegt ausgestreckt vor dem Hauseingang. Der Kopf ruht flach auf den Vorderpfoten. Auf den ersten Blick könnte man ihn für eine ausgestopfte Dekoration halten. Nur die Augen verraten, dass Leben in ihm steckt. Und was für eines! Diese beiden schwarzen Spiegel verfolgen jede unserer Bewegungen.
„Der beobachtet uns“, sagt Erika.
„Das ist sein Beruf“, erwidert Wolfgang.
Wir machen uns bemerkbar, rufen. Keine Antwort. Wir winken. Nichts, da ist niemand zuhaus. Der Hund rührt sich nicht einen Zentimeter.
„Vielleicht ist er alt“, vermute ich.
„Oder sehr schnell“, meint Wolfgang.
Wolf, der über deutlich mehr Hundeerfahrung verfügt als ich, fasst sich schließlich ein Herz. Ruhig redet er sogar französisch auf das Tier ein und schiebt sich Schritt für Schritt näher. Der Labrador bleibt liegen. Nicht einmal ein Knurren. Nur dieser Blick.
Wolf erreicht die Haustür und drückt die Klingel. Nichts. Noch einmal. Nichts. Kein Laut aus dem Haus. Kein Fenster öffnet sich. Kein Mensch erscheint. Selbst der Hund hält es offenbar nicht für notwendig, sich einzumischen und beobachtet uns lediglich mit jener stoischen Gelassenheit eines Wesens weiter, das genau weiß, dass es Lage vollständig unter Kontrolle hat. Schließlich ziehen wir uns zurück. Durstig. Enttäuscht. Aber unverletzt.
„Immerhin hat er uns nicht gefressen“, bemerkt Erika.
„Vielleicht hatte er ja gerade keinen Hunger“, meine Vermutung.
Zwischen den Knoblauchfeldern schleichen wir zurück auf den Weg. Wasser haben wir keines bekommen. Eine gute Geschichte dafür schon. Und oben am nächsten Anwesen an der Straße schließlich auch das, wonach wir eigentlich gesucht hatten.
Wir erreichen Lectoure, unser Tagesziel, gegen 17 Uhr. 36 Kilometer in den Beinen, mein persönlicher Weitenweltrekord. Das altertümliche Städtchen zählt zu den ältesten Städten der Gascogne. Bereits die Römer verliehen ihm Stadtrecht. Im Mittelalter war es Bischofssitz und Residenz der Herzöge des Armagnacs. Hinter den Mauern fanden sich einst neun Hospize, Unterkünfte für die Jakobspilger. Die Kathedrale Saint-Gervais-et-Saint-Protais neben dem ehemaligen Bischofspalais zeugt noch heute von jener Zeit. Ihr Glockenturm gehört zu den höchsten Frankreichs.
Das ehrwürdige „Hôtel de Bastard“ bietet von seiner Terrasse einen berückenden Blick über die weite Landschaft der Gascogne. Sanft gewellte Wiesen und Felder verlieren sich am Horizont im Dunst der Weite. Die milde Abendluft hat sich aller sommerlicher Schwere entledigt. Wir speisen französisch aufs Angenehmste.
„Auf die ersten fünf Etappen“, sagt Wolfgang und hebt sein Glas.
„Und auf funktionierende Wasserhähne“, ergänzt Erika.
„Vor allem auf volle Trinkflaschen“, füge ich hinzu.
Nach dem Tag im Knoblauchland findet dieser Trinkspruch allgemeine Zustimmung.
Der tiefblaue Himmel im Osten zieht zögerlich einen matten Stern nach dem anderen hervor, während im Westen die untergegangene Sonne ein goldenes Vlies über das Firmament breitet. Die Gespräche verebben. Gläser klirren nur noch vereinzelt.
Meine Füße fühlen sich wohl, die Beine wiegen schwer. Mattigkeit übermannt die Sinne und ich gleite hinein in ein süßes Müde-Sein mit einer behaglichen, heilsamen Schwere. Nach und nach lösen sich die Gedanken von den Dingen des Tages und verlieren sich in einer großen Weite des Unbekannten.
Mir schwant ich träume.
Alles in Fluss